Sonntag, 12. Oktober 2025

Frostreich-Kampagne - Akt 3: Die Gunuthherde

Ich gelangte mit dem Tross nach Laquariel: an die Front des Krieges zwischen der Primarenarmee und den Mystikern. Ich hatte selbst noch Wunden zu lecken, doch ich vermisste die Gesellschaft meiner Freunde des Bundes aus Blut und Feuer. Als ich dort anlangte, war die Schlacht an den Gemmentürmen vorbei. Draugen lagen neben Draken, Alwonai der Primaren und Mystiker in tödlicher Umarmung.

Von Illarion, unserem alwonaischen Übersetzer, erfuhr ich, dass Halorcon, der entkommene Magier, sich als grauer Drache aufgeschwungen hatte und mit dem Bottich, der mit destillierter Feenmagie gefüllt war, in nördliche Richtung davongeflogen war. Er wurde dabei wohl von den Abtrünnigen unterstützt. Die Primarenarmee hatte verlustreich gegen die Mystiker gekämpft, die sich nicht hatten ergeben wollen. Die Primaren hatten am Ende aber doch den Sieg davongetragen.

Unser Bund war nicht vollzählig. Ich traf auf Widun, der jammerte, schon drei Tage keinen Tropfen geistreicher Getränke mehr zu sich genommen zu haben und fürchterlich fror, auf Anneliese und Tarkin, die dank ihres Koboldfells weniger Probleme mit der Eiseskälte hatten sowie Vivana, die sich ihre Kapuze tief uns Gesicht gezogen hatte. Sie erzählten mir, dass sie Saradar unterwegs aus den Augen verloren hatten, sein Gunuth Knut kehrte zurück, doch der Barbar stapfte vermutlich verwirrt irgendwo durch die Eiswüste. Urota und Freya hatten sich eine schwere Erkältung zugezogen und lagen in der Hauptstadt in ihren Betten. Maluna, die Feueralwe lag schockgefroren im Lazarett und musste langsam wieder aufgewärmt werden.

Emtriyon, der General der Primarenarmee, führte uns einen Gefangenen vor. Es war Yermercalon, einer der Mystiker. Emtriyon schlug vor, dass wir in die Hauptstadt zurückkehren sollten, um dort mehr über die Hintergründe in Erfahrung zu bringen, Illarion dagegen drängte zur Eile, wir müssten doch dem Drachen hinterher. In nördlicher Richtung lag das Tal der Eisriesen, die hier auch Eisthursen genannt wurden. Wir zweifelten, ob wir etwas gegen einen Drachen und die Abtrünnigen ausrichten könnten. Wir entschieden uns schließlich, den gefangenen Mystiker zu befragen. Doch dieser hatte nichts als Verachtung für uns übrig – Illarion weigerte sich, seine Beschimpfungen zu übersetzen. Selbst mein Charme konnte nichts bei ihm ausrichten. Er spuckte mich an, doch sein Speichel gefror bereits in der Luft. Emtriyon konnte dieses Verhalten nicht dulden und schlug ihm solange in den Bauch, bis der Mystiker gesprächiger wurde. Er lachte uns aus, dass wir ja nicht wüssten, womit wir es zu tun hätten. Ein Tropfen der destillierten Feenmagie hatte bereits einen Turm zerstört und ein Erdbeben ausgelöst, was würde da ein ganzer Bottich bewirken! Er könnte den gesamten Eiskontinent auseinanderreißen!

Wir wollten natürlich wissen, wie wir die gefährliche Substanz neutralisieren könnten – doch auch hier verweigerte Yermercalon jegliche Auskunft, erst nach weiteren Schlägen von Emtriyon deutete er an, dass die Substanz in Gemmen gegossen werden müsste, um einen sicheren Transport zu gewährleisten. Er wisse, dass die Krone des legendären Frostkönigs aus Udunith bestand, ein Mineral, das das Feendestillat aufnehmen könnte. Wir fragten Illarion, der von der Legende wusste, dass der Träger der Krone alle Drachen Korilions kontrollieren könnte. Doch die Vorväter hätten vorgesorgt: kein lebender Alwe kann die Hallen des Frostkönigs betreten.

Wir baten Emtriyon, einen Brief in die Hauptstadt zu schicken, mit der Bitte um Verstärkung und weitere Informationen zu Mineralien, die die Feensubstanz unschädlich machen könnten. Er schickte eine Eule los. Er teilte uns für die gefährliche Mission zwei Begleiter zu: Illarion und eine Schlittenlenkerin namens Solvariel, die auch eine hervorragende Bogenschützin sei. Mit sechs vor den Schlitten gespannten Frostwölfen machten wir uns auf den Weg in den Norden. Tarkin und Vivana zogen es vor, auf dem Gunuth zu reiten – was bei der bitteren Kälte einen herzerwärmenden Anblick bot.

Je weiter wir nach Nordwesten kamen, desto kälter wurde es. Dann begann es auch noch zu schneien! Wir hatten mit Erfrierungen zu kämpfen und unsere Sicht wurde durch den Schnee stark beeinträchtigt, überall bildeten sich Schneewehen. Vor uns tauchten plötzlich drei schemenhafte Gestalten auf, die in gebücktem gingen und Waffen hinter sich herzogen. Das mussten diese untoten Draugen sein! Tarkin zückte sein neues Schwert Draugentod, doch es musste nicht zum Einsatz kommen: Solvariel lenkte den großen Schlitten geschickt um die traurigen Gestalten herum. Ich unterließ es, aufgrund der Kälte, ihnen Grimassen zu schneiden - und die Untoten verschwanden im Schneegestöber hinter uns.

Dann eine Bodenwelle, unser Schlitten kippte – und wir purzelten in den Schnee. Die Schneedecke riss auf und was sich da aus dem Schnee erhob, sollte mir noch lange im Gedächtnis bleiben: ein schwarzes Ungetüm, das aussah wie ein gewöhnliches Walross, aber gigantische Ausmaße besaß. Es war um die 25 Schritt lang und vielleicht 7 Schritt hoch – unglaublich! Zwei riesige weiße Zähne ragten aus seinem Maul, das uns locker in einem Haps verschlucken könnte. Mit der Unterstützung des Gunuths gelang es uns, den Schlitten wieder aufzurichten. Das Riesenwalross beobachtete uns dabei aufmerksam. Wir hatten es aufgeweckt, doch anscheinend zögerte es noch, uns anzugreifen. Wir kletterten auf den Schlitten und beeilten zu, möglichst viel Schnee zwischen uns und das Ungetüm zu bringen. Ich sah noch, wie es sich davon schleppte und in einem riesigen Wasserloch verschwand.

Der Schneefall ließ endlich nach und wir suchten einen Lagerplatz für die Nacht. Anneliese hatte die glorreiche Idee, getrocknete Gunuthkacke als Brennmaterial zu verwenden. Es stank fürchterlich, spendete uns aber bitter nötige Wärme. Das ganze kam aber zu einem Preis. Ein Alwe mit gelb leuchtenden Augen näherte sich dem Lager. Er hatte eine Glatze und sein Oberkörper war entblößt – doch die Kälte schien ihm nicht das Geringste auszumachen.

Illarion erkannte ihn: „Das ist Ferylion Frostwandler, der Eremit, der einsam durch die Eiswüste wandert.“

Wir boten ihm Brot an, das er gerne entgegennahm. Wir fragten den Schweigsamen, ob er etwas Ungewöhnliches gesehen hätte. Er nickte: „Ja, etwas ist nach Norden geflogen.“

Widun blickte ihm tief in die Augen. „Auch ich bin auch ein Priester, ein Wanderprediger des Schratenherrn. Sagt, ihr steht doch ihn enger Verbindung zur Frosthirtin, habt ihr eine Unruhe gespürt?“

Widun hatte das Eis gebrochen und der Frostwandler wurde gesprächiger. „So ist es, etwas hat sie aufgewühlt! Ich habe seltsame Geschöpfe gesehen, von denen ich dachte, sie seien schon lange ausgestorben: Eisthursen, das sind Frostriesen mit mehreren Köpfen – doch sie hatten untote Augen!“

„Wisst Ihr etwas über den Frostkönig?“, fragte Widun weiter.

Die Augen des Frostwandlers blitzen auf. „Sein Grabmal liegt im Norden, gar nicht weit von hier. Er brachte damals Unheil und Tod über ganz Korilion. Er erschuf die Draugen, diese Plage, die uns bis zum heutigen Tage heimsucht!“

Der Frostwandler stand auf. „Ich muss weiterziehen, Nivie ist in Aufruhr, sie ruft nach mir!“ Doch bevor er ging, faltete er die Hände und segnete uns. „Nivie möge euch auf eurer gefährlichen Reise vor Frostschäden schützen!“

Am Morgen rissen die Wolken auf und Alun schenkte uns ein Lächeln. Widun tat Buße, er fiel auf die Knie und betete an Mnamn: „Ich habe mehrere Tage keinen Tropfen Geistreiches zu mir genommen – und ich bereue dies zutiefst. Schenke mir weiter deine Gunst, auf dass ich deinen Auftrag erfüllen kann!“ Er trat daraufhin zu mir. „Finn, ich sehe, dass du immer noch unter deinen Verletzungen leidest.“ Er legte mir die Hand auf, und ich spürte, wie mich göttliche Macht durchströmte.

Ich dankte ihm und folgte seinem Beispiel: „Ianna, in dieser Eiswüste habe ich schon lange nichts mehr Grünes und Wachsendes gesehen. Ich werde vereiste Samen aus dieser Ödnis in wärmere Gefilde bringen, sie dort einpflanzen und zum Erblühen bringen.“ Ianna akzeptierte meine Buße und ich, spürte, dass sie mir auch hier – fernab grüner Wälder – beistehen würde.

Ich trat zu Tarkin, der zwar nicht fror, aber immer noch unter alten Verletzungen litt. Ich legte ihm die Hand auf und Iannas Gunst heilte ihn.

Die Sonne schien auf uns herab, als wir mit dem Schlitten über die schimmernde Schneekruste glitten. Alles schien wunderbar zu flutschen, doch da: ein Krachen und der Schlitten musste Halt machen. Solvariel stieg ab und musterte die Kufen. Eine davon war durchgebrochen. Sie schaute uns fragend an, wo sollten wir hier Ersatzteile herbekommen? Wir durchsuchten unsere Taschen und Rucksäcke, doch wir hatten nichts Passendes dabei. Irgendwann musste es hier doch auch einmal Pflanzen oder Bäume gegeben haben. Ich folgte meinem Instinkt und Ianna führte mich zu einer Stelle, wo ich ein ganz schwaches Signal pflanzlichen Lebens verspürte. Ich grub im weichen Schnee – und tatsächlich: hier lagen Zweige! Wir gruben weiter und fanden schließlich einen Ast, der dick genug war, die gebrochene Kufe zu verstärken. Solvariel befestigte ihn mit Sehnen und Birkenpech, das sie kurz über einem Feuer erwärmen musste. „Das hält hoffentlich eine Weile!“, übersetzte Illarion ihren von einem Seufzer begleiteten Kommentar.

Tatsächlich kamen wir ein gutes Stück weiter nach Norden, bis es dämmerte und wir uns einen Rastplatz suchen mussten. Wir hofften auf die Eule und wichtige Informationen zu unserer Mission, doch sie ließ auf sich warten.

Am nächsten Tag kamen wir durch ein Tal mit spitzen Bergen, die wohl auch die Eisnadelspitzen genannt wurden, so zumindest übersetzte uns Illarion den Namen. Hier gab es viele dunkelschattige Bereiche, ich hatte immer das Gefühl, dass dort etwas oder jemand aufs uns lauerte. Und ja, es gab hier Abscheulichkeiten, Kreuzungen von Alwonai und Norgar, auf deren Herkunft und Geschichte Illarion aber nicht weiter eingehen wollte. Ich sah nur Schatten und Schemen, einmal meinte ich, ich hätte ein haariges Wesen mit spitzen Ohren zwischen zwei Eisnadeln gesehen – doch vielleicht war es nur eine Einbildung, hervorgerufen von der klirrenden Kälte, die unser dauerhafter Begleiter und eisiger Prüfer war.

Wir gelangten an den Fuß eines breiten Berges und vernahmen ein Flattern und schließlich die Rufe einer Eule. Sie hatte uns tatsächlich gefunden und sie trug eine Nachricht bei sich. Illarion übersetzte: „Sie bestätigen, dass Halorcon mit den Geächteten zusammenarbeitet, er hat wohl die Absicht den Frostkönig wiederzuerwecken! Sie wissen auch nur, dass die Feenenergie in Gemmen gebunden werden kann. Noch die Information, dass sich Halorcon hervorragend mit Nekromantie auskenne. Sie schicken Verstärkung los, jedoch keine große Armee sondern kleine Gruppen, um die Abtrünnigen zu verwirren. Auch Berdaw Dunn, der valoreanische Thronfolger, sowie Lorik und Hasabi sind unterwegs mit einem Schlitten.“

Hier wechselte das Wetter schnell: erste Flocken fielen, der Schneefall wurde immer dichter und verstärkte sich schließlich zu einem richtigen Schneesturm. Wir beeilten uns, einen Unterschlupf zu finden. Tatsächlich fanden wir eine Berghöhle, von einem Bewohner keine Spur. Vivana traute sich etwas tiefer in die Höhle hinein und fand einen Fellhandschuh. Ein alter Alwenhelm lag hier auch herum, sie schenkten ihn mir.

Am nächsten Morgen mussten wir uns aus der Höhle ausgraben. Es schneite immer noch und es würde schwierig werden, voranzukommen. Wir gelangten an unser Ziel: das Tal der Eisriesen. Hier waren mehrere Stellen vom Schnee befreit worden und zeigten sich aus der Ferne als braune Flecken. Weiße Krähen kreisten krächzend darüber. Als wir näherkamen, entdeckten wir in der Umgebung Fußspuren, einige davon waren riesig. Aus der Nähe konnten wir sehen, dass jemand an den schneebefreiten Stellen tiefe Erdlöcher ausgehoben hatte. Vivana konnte nicht anders: sie schlang sich ein Seil um die Taille, band es am Gunuth fest und ließ sich hinab. Am Boden glitzerte ein Anhänger im Sonnenlicht, der aber eine so negative und unheilvolle Energie ausstrahlte, dass selbst Vivana ihre Finger davon ließ. Sie hatte aber ein paar Getreidesamen mit an die Oberfläche gebracht, die ich gerne an mich nahm – ich würde die gefrorenen Samen irgendwo im Süden einpflanzen und sie zu neuem Leben gedeihen lassen.

Vivana wischte sich die erdigen Hände am Gunuth ab. „Diese Medaillons waren aus Messing, also nicht wirklich wertvoll, aber da waren Riesen mit vielen Köpfen eingraviert“, berichtete sie.

Illarion erschauderte und wirkte noch blasser als sonst. „Thursen! Das müssen ihre Gräber gewesen sein - und jemand hat sie aufgeweckt!“

Wir überlegten, wie wir weiter vorgehen sollten. Es gab jetzt also auch noch riesige Zombies, die Halorcon unterstützten. Der Magier war geschwächt und verwundet, konnte außerdem auf einem Fuß nicht richtig laufen. Wahrscheinlich schleppten jetzt diese Thursenzombies den gefährlichen Bottich mit Feendestillat! Es blieb uns nichts anderes übrig, wir mussten hinterher. Der Schneesturm hatte leider weitere Spuren verweht, doch Illarion ließ den Leitwolf die Fährte aufnehmen. Die Krähen begleiteten uns krächzend. Tarkin sabberte bei ihrem Anblick, doch sein Speichel gefror, sobald er aus seinem Mund trat. Jetzt sah er selber aus wie ein Walross. Vivana und ich schossen nach ihnen – erfolglos. Aber zumindest schienen sie begriffen zu haben, dass sie unerwünscht waren.

„Aber wir haben kaum noch etwas zu essen!“, jammerte Tarkin – und er hatte Recht. Bei der Begegnung mit dem Riesenwalross hatten wir wohl unbemerkt einen großen Sack mit Proviant verloren. Illarion wusste, wo das Grab des Frostkönigs lag und die Fährte führte in diese Richtung. Wir brauchten also noch Verpflegung für mehr als eine Woche.

„Wenn man vom Mammut spricht!“, rief da Anneliese aus. Illarion und Solvariel griffen sich an den Kopf, sie konnten nicht glauben, dass wir unter diesen Umständen jetzt auf Mammut-Jagd gehen wollten. Tarkin ließ einen Schlachtruf erklingen, der unsere Moral stärken sollte, doch das Mammut wurde dadurch auf uns aufmerksam und trabte auf uns zu. Tarkin versteckte sich schnell hinter einem Felsen. Vivana gab Solvariel und mir etwas von ihrem Pfeilspitzengift ab, damit würde das Mammut nur gelähmt werden, das Fleisch würde dadurch aber nicht vergiftet. Anneliese zauberte mehrfach „Dünne Luft“ und nahm dem Mammut damit Schnelligkeit und Kraft, von ein paar vergifteten Pfeilen gespickt, sank es direkt vor uns zu Boden. Wir nahmen uns Stoßzähne, Felle und zehn Rationen Mammutfleisch – das sollte für die weitere Reise mehr als ausreichend sein!

Wir fuhren weiter und wären in der Abenddämmerung beinahe in einen Abgrund gestürzt, hätten Solvariel und die Insassen nicht so vortrefflich reagiert und durch Gewichtsverlagerung den Absturz in die Gletscherspalte im letzten Moment verhindert. Schnee spritzte auf und fiel in die Tiefe, Solvariel hielt den Schlitten an, so dass wir durchatmen konnten. Knut trabte mit unbekümmerten Reitern an uns vorbei. Um nicht doch noch im Dunkeln in eine Spalte zu stürzen, machten wir Halt in der Nähe einiger Hügel. Die Nacht war sternenklar, was aber mit klirrender Eiseskälte einherging. Da wir kein Feuer entfachen wollten, kuschelten wir uns an die friedlichen Gunuths.

Am nächsten Tag stießen wir auf Trampelspuren einer Gunthherde. Es war keine große Herde, doch Knut konnte nicht anders, als in seiner Rüstung den Leitbullen herauszufordern. Nach einem kurzen Ramm- und Kopfstoßduell war Knut der neue Leitbulle und wurde von zehn Gunuths verfolgt, davon vier Kühe und sechs Jungtiere. Wer wusste schon, wofür wir diese noch brauchen konnten – immerhin erwartete uns ein übermächtiger Feind. Wir folgten der Gletscherspalte vom Vorabend, die uns beinahe zum Verhängnis geworden wäre, und kamen an eine Stelle, an der Schmelzwasser in Form eines Wasserfalles in die Tiefe stürzte. Ein Gletscherfluss schnitt uns den direkten Weg zum Grab des Frostkönigs ab, sodass wir einen Umweg machen mussten. Der Fluss erweiterte sich zu einem See, auf Eisschollen trieben Walrosse, diesmal allerdings mit normalen Ausmaßen – eine Überquerung schien hier unmöglich.

Wieder schlug das Wetter um – ein Schneesturm zog auf, diesmal so heftig, dass ich kaum drei Schritt weit sehen konnte. Wir ließen uns in einem Notlager einschneien, doch am nächsten Morgen mussten wir feststellen, dass die Gunuths - einschließlich Knut - weg waren: sie hatten sich wohl irgendwo vor dem Sturm in Sicherheit gebracht.

Die Alwen sahen uns ungläubig dabei zu, wie wir darüber diskutierten, ob wir die Gunthherde wieder einfangen oder doch lieber schnell zum Frostkönig weiterziehen sollten. Wir einigten uns darauf, die Gunuths zu suchen. Die Frostwölfe nahmen deren Fährte auf und wir fuhren nach Nordosten, den Gletscherfluss entlang. Plötzlich rumpelte es hinter mir. Ein großer Schneeball hatte den Schlitten getroffen. Ich schaute mich um: Auf einem Hügel standen haarige Wesen und bewarfen uns weiter mit Schneebällen.

„Schneetrolle!“, erklärte Illarion. „Wir lassen sie besser in Ruhe.“

Die Dämmerung brach herein. Auf einer Anhöhe erstrahlte fahlblaues Licht, das von einer Ruine ausging. Doch wir waren nicht in der Stimmung, irgendeinem blauen Leuchten nachzugehen, wir wollten unsere Herde zurück! Wir fanden sie an einem Berghang weidend, an dem die Schneedecke dünn war und tatsächlich ein paar grüne Halme hervorstanden. Das Nachtlager war schnell aufgeschlagen und die Wachen verteilt. Leider wollte uns jemand um den verdienten Nachtschlaf bringen. Vivanas wachsame Augen hatten sie zum Glück rechtzeitig entdeckt - lästige Schneetrolle, drei von ihnen kamen frontal aufs Lager zu. Ich hörte die Schreie eines Gunuth-Jungtieres, dass sie wohl gerissen hatten. Tarkin schwang sich auf Knut und fegte direkt einen von ihnen über den Haufen. Ich schnappte mir meinen Kurzbogen und spickte einen von ihnen mit einem Pfeil. Die Schneetrolle drängten auf Tarkin ein und verletzten Knut – wir mussten ihnen zu Hilfe kommen! Widun legte seine Hände auf einen Fels und ließ Mnamn durch ihn sprechen – das versetzte die dummen Schneeballwerfer in solche Panik, dass sie sich umgehend trollten. Von Vivana mehrfach motiviert, betete ich an Ianna und heilte den armen Gunuthbullen.

Unausgeschlafen ging es weiter auf Schlitten und Knut mit Gunuthherde im Anhang. Im Norden wölbte sich uns eine unüberwindbare Bergkette entgegen, davor lag ein Tal und darin eine stattliche Festung, die von einem tiefen Graben umgeben war.

„Die Festung und Ruhestätte des Frostkönigs“, erklärte Illarion. Im Tal entdeckten wir Schlittenspuren, die aus südlicher Richtung kamen. Als wir den Graben umrundet und ein Tor im Osten entdeckt hatten, hörten wir Kampfgeräusche. Ich zählte elf Geächtete, die sich durch ihre dunklen, zerfetzten Umhänge leicht von den vier Primarenkriegern unterscheiden ließen. Illarion zückte sein Schwert, Solvariel spannte ihren Bogen - und wir stürzten uns in den Kampf an der Ostpforte. Die Primarenkämpfer waren unterlegen und zogen sich zurück, nachdem wir für sie einen Fluchtkorridor geöffnet hatten. Die Fernkämpfer schossen Pfeile, Widun sprach durch den Stein, und brachte dadurch zumindest einen der Geächteten dazu, zu fliehen. Ich betete an Ianna und konnte einen der Gegner mit einem Dornenstich verletzen. Den größten Anteil an unserem Sieg hatten jedoch Knut und seine Gunuthherde. Die gewaltigen Gunuthkühe trieben die Abtrünnigen zurück. Ich schiebe es auf Kälte und Erschöpfung, dass ich mich nicht an viele Einzelheiten dieses Kampfes erinnern kann – doch die Flamme des Sieges lodert hell.

[Runde vom 11.10.25 mit Anneliese, Finn, Tarkin, Vivana, Widun]

Mittwoch, 26. Februar 2025

Kalte Brise - Kapitel 5: Im Kerker

Das Stadttor öffnete sich und verschluckte einen müden und dreckigen Haufen aus Blut und Feuer. Die Pikeniere hatten sich an den Seiten und hinter uns postiert, senkten ihre Spieße und trieben uns auf diese Weise vorwärts. Während sich wegen des strömenden Regens kaum jemand auf der Straße blicken ließ, drängten sich im Eingangsbereich der Burg zahlreiche Menschen in prachtvollen Gewändern. Die meisten trugen gefütterte Mäntel mit Pelzkragen. An den Burgmauern hingen dicke Wandteppiche: auf vielen prangte das Wappen der vier Schwerter oder sie zeigten Schlachtszenen, meist mit vier Rittern, die gegen Barbaren und pelzige Monster aus der Kälte ankämpften. Große Fackeln erhellten die prächtigen, hohen Bogengänge des dunklen Gemäuers. Wir wurden in die große Halle geführt, in der der Widerhall unserer Schritte das Gemurmel der anwesenden Menschen verstummen ließ. Der Fackelschein spiegelte sich in den polierten Rüstungen der imbrischen Soldaten und tauchte alles in ein fahles Licht. Am anderen Ende der Halle stiegen ein paar Steinstufen hoch zu einer Estrade, auf der sich ein steinerner Thron erhob. Der Paladin ging uns voraus und brachte einen dicken Mann in brauner Robe durch ein Nicken dazu, ihm Platz zu machen – vermutlich der Notor von Firnhall. Der Gottesritter ließ sich vor der untersten Stufe auf die Knie fallen und senkte das Haupt.
"Erhebt Euch, Syr Noreenus!", sprach der Mann auf dem Thron, der die Ehrwürde eines Königs ausstrahlte, auch wenn er keine Krone trug. Der Paladin erhob sich.
"Eure Boten haben mir berichtet, Ihr hättet die Unruhestifter des Bundes aus Blut und Feuer gefangen, die in Medea und auf Regenfels so viel Chaos angerichtet haben."
"Nicht nur Chaos, werter Ened Kelen, viel Schlimmeres: sie haben den wahren Glauben verraten und zahlreiche grausame Morde begangen. Das werden die Anklagepunkte vor dem heiligen Gericht sein. Der Bewahrer des Lichts, Haegus Malefar, wird sich ihrer höchstpersönlich annehmen wollen. Gewähret mir, sie solange in Euren Kerker zu werfen, bis ihnen hier der Prozess gemacht werden möge."
"Selbstverständlich", stimmte der Herr von Firnhall rasch zu, "mein Kerker freut sich auf alle Feinde von Glaube, Recht und Reich."
Er gab seinen Wachen Zeichen, uns umgehend abzuführen.
"Werft sie ins dunkelste Verlies, und vergesst nicht, ihnen vorher ihre Sachen abzunehmen!", rief Syr Kelen seinen Wachen noch nach.
Während wir hinausgeführt wurden, bekam ich noch mit, wie Speis und Trank in die Halle gebracht wurden. Mir knurrte der Magen beim Anblick der Köstlichkeiten – doch statt am Gelage teilzuhaben, wurden wir in die dunklen Eingeweide der Burg hinabgeführt. Der Fackelschein durchdrang kaum die Finsternis, sodass wir aufpassen mussten, wohin wir traten.
"Dieser Troll passt nicht durch die Öffnung!" rief einer der Wächter, der gerade mühsam versuchte, Urota durch einen engen Durchgang zu stopfen.
"Dann lasst ihn hier, auf dieser Ebene sind auch ein paar schöne Zellen!", entschied der Kerkermeister mit dämonischem Grinsen. Der Rest des Bundes aus Blut und Feuer verschwand dagegen im tiefsten Kerkerloch der Burg von Firnhall. Wir wurden nach Geschlechtern in zwei Zellen aufgeteilt – bei den Kobolden waren sich die Wächter unsicher und entschieden mehr nach Bauchgefühl, in welche der beiden gegenüberliegenden Zellen sie geschubst wurden. Bevor sie uns einschlossen, mussten wir unsere Taschen leeren und sie nahmen uns bis auf die Kleidung, die wir am Leib trugen, alle Habseligkeiten ab.
"Hier stinkt's!", rümpfte Anneliese die Nase. "Würde mich nicht wundern, wenn hier im Dunkeln ein paar vermoderte Leichen rumlägen!"
Widun widersprach: "Das liegt eher daran, dass es hier keinen Abort gibt!"
"Ruhe da!", grunzte einer der Wächter, dessen fetter Bauch einen ebensolchen Schatten warf. Sein Topfhelm saß nur halb auf seinem viel zu dicken Kopf, eine Säufernase wie eine Steckrübe ragte aus seinem Gesicht.
"Genau, sonst gibt’s nix zu futtern!", knurrte der zweite Wächter, der zurückgeblieben war. Er war das genaue Gegenteil: spindeldürr, mit einem Kettenhemd, das ihm über die Knie hing und einer Spitznase, aus der lange Haare wie Tropfsteine hingen.
Sie leuchteten mit ihren Laternen in unsere Zellen.
"Du, Pylak, schau dir die mal an: Kobolde, ein Faun, ein Halbschrat, ein Wichtel, eine Alwe und oben ein Troll – so einen bunten Haufen habe ich noch nie gesehen!", quiekte der Dicke verwundert.
Der Dürre hielt die Laterne in Richtung von Maluna und Vivana und flüsterte mit seinem Kumpanen, ich konnte nur "Harun ... die Jujin-Braut ist aber auch nicht schlecht!" verstehen.
Dann verschwanden sie kurz in einem Seitengang und brachten klappernd ein paar Näpfe mit, die mit irgendetwas, das einem Eintopf ähnelte, gefüllt waren. Außerdem wuchteten sie jeweils einen Wassereimer in jede Zelle: "Wasser: zum Trinken, gluck gluck, nicht zum Waschen!", wollte der Dürre Saradar belehren - dafür erhielt er eine feuchte Antwort: "Spucke: kannst selber entscheiden, was du damit machst!"
Pylak hob drohend sein Schwert – das kürzer als seine Nase war. Der dicke Harun hielt ihn zurück und wischte ihm mit seinem dreckigen Ärmel über das Gesicht.
"Der Abschaum erhält noch seine gerechte Strafe, dann kannst du ihm ins Gesicht spucken. Lass uns lieber würfeln, ich muss meine Verluste wieder wettmachen!"
Sie setzten sich an einen klapprigen Tisch vor dem Treppenabsatz, stellten die Laterne drauf und begannen mit ihrem Würfelspiel. Braune und Silberlinge gingen hin und her, begleitet von kleineren und größeren Wutausbrüchen.
Der verkochte Eintopf war wahrlich kein Genuss, aber seit längerem die erste warme Mahlzeit und daher rasch verschlungen.
"Irgendeine Idee, wie wir hier rauskommen könnten?", fragte Tarkin leise in die Runde.
Saradar strich sich gedankenverloren über die Narbe an seiner Brust und sagte: "Die beiden da sind nicht die Hellsten, die haben die Frauen gierig angestarrt, vielleicht ist da was zu machen!"
Leider hatten wir nicht bemerkt, dass der dürre Wächter plötzlich vor dem Gitter stand.
"So, ihr denkt, wir sind dumm! Ihr seid dumm, wenn ihr denkt, ihr kommt hier raus!"
Er spuckte in die Zelle und ging zurück zu seinem Würfelbruder.
"He, Wichtel, bleib stehen, sonst zertrete ich dich wie eine Assel!", rief plötzlich der dicke Wächter, der bemerkt hatte, dass sich Freya zwischen den Gitterstäben durchgedrückt hatte und im Schatten seines Bauches an den beiden vorbeischleichen wollte.
"Verdammt!", entfuhr es der kleinen Priesterin, als sie mit einem Tritt zurück in der Zelle landete.
"Versuch das nicht noch einmal, sonst kommst du in einen Sack!", drohte ihr der Dicke.
Maluna versuchte natürlich, die beiden abzulenken, doch hatten sie im Moment nur Augen für ihr Würfelspiel.
Von oben drang ein Poltern an unsere Ohren, etwas zwängte sich die enge Treppe herunter. Pylak sprang auf und fuchtelte drohend mit seinem Schwert: "Wer da?"
"Ich bin's nur, ihr Dussel!", erwiderte die dralle Magd ängstlich, als sie mit einem Bierfass zwischen den Brüsten in den Zellengang trat. "Das ist für euch, mit Empfehlung von unserem Herrn, ihr sollt nicht dürsten in der Finsternis während oben geschmaust wird!"
"Nett von dem Herrn!", freute sich der Dicke und zog die Magd mitsamt Fass auf seinen Schoß.
"Nur das Bier!", drückte sich die Magd von ihm herunter und knallte das Fässchen auf den Tisch.
"Schade, hätte gerne mit dem Fass den Platz getauscht!", bedauerte der Dürre mit lüsternem Blick.
"Da würdest du ersticken!", lachte die Magd und wackelte wieder den Gang hoch.
Das Fässchen war schnell angestochen und die ersten Krüge gefüllt. Sie stießen an – der Schaum spritzte über den Rand. Wir mussten Widun die Augen zuhalten, dessen heraushängende Zunge beim Anblick des Gerstensaftes immer länger wurde.
"Eine Wohltat für meine trockene Kehle!", seufzte Harun und rülpste – sodass es im Kerker nur so hallte. Ein paar Krüge später grölte der Dicke: "Schlürfen wir lieber nicht zu viel davon, bei der Arbeit muss man immer einen klaren Kopf behalten, hicks!"
"Gut, mein Dickerchen, aber einer geht noch!", stimmte ihm der Dürre zu.
Mit letzter Kraft prosteten sie sich zu und sackten im Trinken beide mit den Köpfen auf den Tisch, wobei sie den Rest des Bieres verschütteten.
"Was für eine Sünde!", grummelte Widun in seinen Bart.
Die beiden schliefen, der Dicke schnarchte so laut, dass ich an Urota denken musste, den sie ein Geschoss über uns eingepfercht hatten, beim Dürren flatterten die langen Haare im Nasenwind.
"Was jetzt?", fragte der Koboldkrieger in die Runde.
"Freya, meinst du, du kommst an die Zellenschlüssel?"
"Ja, das müsste klappen, jetzt wo die beiden so schön ihren Rausch ausschlafen."
Bevor die Wichtelin zur Tat schreiten konnte, hielt Vivana sie zurück.
"Pst, da kommt jemand!"
Wir hörten eindeutig Schritte: ganz leise und gedämpft. Fackelschein füllte den Durchgang und eine dunkle Gestalt trat in den Kerker. Sie trug ein Tuch vor dem Gesicht, ihre Augen funkelten im flackernden Licht. An der Seite trug sie ein Langschwert, das Wappen von Firnhall schmückte dessen lederne Scheide. Mit einer raschen Handbewegung enthüllte sie ein vom Leben gezeichnetes Gesicht mit tiefen Falten: Tux Kelen, der Herr von Firnhall stand vor uns.
Er blickte auf die schlafenden Wächter und musterte dann jeden Einzelnen des Bundes aus Blut und Feuer.
"Ich bin gekommen, um euch ein Angebot zu machen. Wenn ihr es annehmt, seid ihr frei - noch heute Nacht!"
Wir tauschten überraschte Blicke.
"Lasst es uns erstmal hören, bevor wir zustimmen!", forderte Saradar ihn auf.
"Vor einigen Tagen haben meine Männer eine Gruppe Valoreaner aufgegriffen. Sie überraschten sie an der Grenze zum Wilden Land. Der Ened von Firnmark erteilte mir den Befehl, sie auf unbestimmte Zeit hier in Firnhall festzuhalten. Sie wurden als Gäste aufgenommen, stehen aber unter der ständigen Bewachung durch einige Paladine des Eneds. Ich habe mich mit ihnen unterhalten und weiß, dass sie in einer sehr wichtigen Unternehmung unterwegs sind. Ich würde sie gerne ziehen lassen, bin aber durch meinen Schwur zu absoluter Treue gegenüber meinem Ened verpflichtet."
"Ah, ich verstehe: Ihr braucht jemanden, der sich für euch die Hände schmutzig macht und den Zorn des Ened auf sich zieht!", schloss Saradar.
"Alles ist besser als in dieser stinkenden Zelle zu vermodern!", hörte ich von Anneliese.
Er schaute noch einmal nach den Wachen, die weiter fröhlich vor sich hin schnarchten.
"Die Valoreaner sind im hinteren Teil des Hauptgebäudes untergebracht. Ihr findet es, wenn ihr in die Kanalisation hinabsteigt und dem Kanal gegen die Strömungsrichtung folgt. Im Norden liegt dann das Haupthaus, es gibt zwei patrouillierende Paladine, weitere sind in vier Nebengebäuden untergebracht. Wenn ihr ins Haupthaus gelangen könnt, verschwindet mit den Valoreanern nach Norden in die Gassen der Stadt. Verlasst Firnhall am besten auch durch die Kanalisation. Ein mir getreuer Waldläufer erwartet euch vor der Stadt und wird euch zu einer Hütte führen, in der ihr eure Waffen und Habseligkeiten vorfinden werdet."
Sein durchdringender Blick wanderte von einem zum anderen, während er drohte: "Wenn ihr es vorziehen solltet, ohne die Valoreaner zu verschwinden, dann werde ich euch von meinen Bluthunden jagen lassen und nicht eher ruhen, bis ich jeden einzelnen von euch zur Strecke gebracht habe!"
Ich schluckte.
"Nehmt ihr das Angebot an?"
Wir stimmten zu.
Er nahm dem dicken Wächter den Zellenschlüssel ab und warf diesen vor unsere Zellentür. Dann vermummte er sich wieder und verschwand wie ein Geist im Treppenaufgang.
Wir schlossen rasch die Zellentüren auf.
"Endlich draußen!", atmete Anneliese auf.
"Was machen wir mit denen da?", fragte Saradar und deutete auf die Wächter.
"Wir sollten sie sicherheitshalber fesseln und knebeln", empfahl Vivana.
In einer Ecke des Raums fanden wir ein Seil, das wir benutzen, um die beiden auf ihren Stühlen Rücken an Rücken festzubinden. Selbst die Knebel aus irgendwelchen modrigen Stofffetzen, die wir in der Zelle gefunden hatten, störten die beiden nicht - sie schliefen tief und fest.
Da musste wohl auch ein Schlafmittel im Bier gewesen sein: "Mit besten Empfehlungen vom Herrn von Firnhall!"
"Was ist mit Urota?", fragte Freya.
"Ich denke, das ist ein Auftrag für dich", befand Vivana und überreichte ihr den Zellenschlüssel.
"So klein wie du bist, kommst du ungesehen an der Wache vorbei und kannst den Schlüssel zu Urota schmuggeln. Den Rest erledigt dann unser lieber Hügeltroll."
Die kleine Wichtelpriesterin kämpfte sich tapfer mit dem für sie sehr schweren Zellenschlüssel die steile Treppe hinauf. Keuchend hatte sie schließlich das nächste Stockwerk des Kerkers erreicht. Sie ging vorsichtig in einen der Gänge hinein, in dem sie Urota vermutete. Sie lauschte: Schritte, die auf sie zukamen. Sie legte rasch den Schlüssel in eine dunkle Ecke und verkroch sich in einen Spalt der Kerkermauer. So eilig wie es der Wächter hatte, war er wohl auf dem Weg zum Abort.
Freya nutzte ihre Chance, schnappte sich den Schlüssel und rannte den Gang hinunter. In einer der Zellen erkannte sie die riesigen Umrisse des Hügeltrolls. Sie schlüpfte unter der Zellentür hindurch und winkte ihm. Urota drehte gerade den Kopf in ihre Richtung, dann schrie er: "Maus!" und schlug nach ihr. Freya flog gegen die Wand und blieb erstmal regungslos liegen. Nach einer halben Minute öffnete sie wieder die Augen und schüttelte sich.
Urota sah sie besorgt an, mit einem Grunzen versuchte er, sich für seinen Fauxpas zu entschuldigen.
"Wir müssen hier weg!", wisperte ihm Freya zu. Er nahm sie in die Hand und hielt sie vor das Schloss, sodass sie - mit einiger Mühe - die Zellentür aufschließen konnte.
Vivana schlich sich den Treppenabsatz hinauf und fand den von Kelen beschriebenen Weg in die Kanalisation - sie musste eigentlich nur dem Gestank folgen. Weiter den Gang hinunter schien der Abort zu sein, von dort hörte sie ein Stöhnen und plätschernde Geräusche - da hatte wohl jemand mit einem flotten Otto zu kämpfen. Sie grinste in sich hinein: wahrscheinlich "mit bestem Empfehlungen vom Herrn von Firnhall"!
Vivana holte die anderen ab: "Die Luft ist rein - äh, zumindest was die Wache angeht - und ich habe den Zugang zur Kanalisation entdeckt!"
Tarkin nahm sich eine Fackel von der Wand und schritt mutig voraus in die stinkende Unterwelt. Wir wateten durch die eklige Brühe bis wir an ein Stahlgitter stießen. Ein Blick nach oben offenbarte uns eine Leiter. Vivana stieg voraus, alle anderen folgten. Saradar und Anneliese stellten sich etwas ungeschickt an: Saradar jammerte über Schmerzen beim Klettern, Anneliese tat der Zeh weh.
Wir löschten die Fackel und lugten vorsichtig unter dem Kanaldeckel hervor: Zamas Licht beschien ein großes Gebäude, ich konnte spüren, dass dies das Haupthaus mit den Valoreanern sein musste. Von der Patrouille war gerade nichts zu sehen. Ich schlich mich zusammen mit Tarkin hinüber. Urota trug unterdessen den schmerzgeplagten Saradar in einen nahegelegenen Stall, der ein gutes Versteck bot. Der Rest der Gruppe folgte dorthin. Widun und Anneliese waren die letzten, die Koboldin stolperte und stürzte zu Boden. Das Licht in einem der Nebengebäude veränderte sich plötzlich und dann ging die Tür auf. Ein Paladin mit im Mondschein glänzender Rüstung und Riesenschwert am Gürtel trat heraus und kam schnurstracks auf Widun und Anneliese zu: "Heda!"
Widun tat das einzig Richtige: er knutschte Anneliese ab - dann kicherten beide. Der Paladin hob seine Laterne, schüttelte den Kopf, grummelte, "Ihr habt hier nichts zu suchen - trollt euch, ihr Kobolde!" und verschwand dann wieder im Nebengebäude.
Im Stall wieherte es - "Halt die Klappe, Pferd!" - "Nein! Nicht du, Tarquan", entschuldigte sich Vivana sofort.
Vorsichtig schlichen sich Vivana und Maluna zur Tür des Haupthauses. Als sie eintraten wurden sie von einem Dutzend angenockter Pfeile in Empfang genommen. Die in grüne Kapuzenumhänge gehüllten Gestalten wirkten bedrohlich. Maluna fand als erste ihre Stimme wieder: "Syr Kelen schickt uns, wir sollen mit euch zusammen aus der Stadt fliehen!"
Eine der Gestalten streifte daraufhin ihre Kapuze nach hinten.
"Ich bin Lyadan, Druidin der Ianna. Wer seid ihr?" 
"Wir sind der Bund aus Blut und Feuer. Wegen falscher Anschuldigungen wurden wir in den Kerker geworfen. Syr Kelen hat uns unter der Bedingung freigelassen, dass wir euch zur Flucht verhelfen."
Die Druidin hob ihre Hand, woraufhin die Bogenschützen sich entspannten.
"Dann wisst ihr auch, dass wir einen Auftrag haben, der keinen Aufschub duldet?"
"Ja, Syr Kelen sagte etwas von einer wichtigen Unternehmung", antwortete Maluna.
"Seid ihr allein?", fragte die Druidin.
"Nein, unsere Freunde befinden sich nebenan im Stall", erklärte Maluna.
"Wir müssen aufpassen, dass uns die Paladine nicht sehen!", warnte die Valoreanerin.
"Ich gehe voraus und sehe nach, ob die Luft rein ist", schlug Vivana vor.
Sie kam nach ein paar Minuten zurück.
"Die Patrouille ist gerade vorbeigekommen, wir haben ab jetzt zehn Minuten Zeit, unbemerkt zu verschwinden!"
Wir verließen geduckt in einer Reihe das Hauptgebäude in Richtung Stall. Von dort aus schlichen wir alle nach Norden, wie es uns Syr Kelen empfohlen hatte. Im fahlen Mondlicht suchten wir vergebens nach dem Eingang zur Kanalisation. Anneliese musste einen Flammenhandzauber wirken, um uns mehr Licht zu verschaffen. Endlich fanden wir den Zugang. Wir folgten dem Kanal in Richtung nördlicher Stadtmauer und kamen oberhalb des Burggrabens heraus, den wir ohne Probleme überwanden.
Hinter uns: ein Geräusch. Es war zum Glück nur das Miauen einer Katze, unsere Flucht war bis jetzt unbemerkt geblieben.
Wir liefen weiter in Richtung Waldrand, wo uns eine im Schatten verborgene Gestalt bereits erwartete. Es war Medik, der Waldläufer. "Folgt mir!"
Es ging durch die Dunkelheit und die Stille des Waldes, die nur einmal von einer Eule unterbrochen wurde.
Die Waldhütte war kaum von der Umgebung zu unterscheiden, überwuchert von Moosen und verdeckt vom Unterholz. Der Waldläufer öffnete uns die Tür und entzündete eine Fackel.
Der Schein fiel auf graue Haare und in ein freundliches Gesicht. Die Hütte schien leer zu sein, doch dann bückte er sich lockerte eine Bodendiele: "Hier sind eure Sachen und Proviant für drei Tage. Syr Kelen hat euch auch noch ein paar Rüstungsteile und Felle spendiert."
In meiner Größe war nichts dabei, aber Widun fand einen Topfhelm und Edwen nahm sich eine Halsberge.
Die Druidin hatte uns in die Waldhütte begleitet, während ihre Gefährten ausgeschwärmt waren und draußen Wache hielten. Im Fackelschein schlug sie ihre Kapuze zurück und dankte dem Waldläufer.
"Jetzt können wir uns endlich wieder unserem Auftrag widmen!"
Wir blickten uns an. Saradar ergriff das Wort: "Wie sieht denn euer Auftrag aus? Und was ist drin für uns, wenn" - Maluna stieß ihm in die Rippen.
Lyadan betrachtete uns erst nachdenklich, räusperte sich aber dann und begann zu erzählen.

"Unser König ist krank. Sein Sohn, der Nachfolger auf den Ebenholzthron, ist in Gefangenschaft. Er wurde in Korilion von den Alwonai aufgegriffen und verhaftet. Von einem Geheimboten erfuhren wir, dass er zum Tode verurteilt werden soll - was das Ende der Dynastie der Dhuns bedeuten würde, was zu Chaos und möglicherweise zum Untergang Valors führen würde. Das Imperium würde diese Schwäche sicher ausnutzen, um Valor dem Kaiser gefügig zu machen.
Wir hatten ein Pfand, einen gesuchten alwischen Verbrecher, bereits in Händen. Ihn hätten wir gegen unseren Thronfolger eintauschen können. Doch hat es dieser Magier geschafft zu entkommen und ins Wilde Land zu fliehen. Wir wollten ihn dorthin verfolgen, wurden dann aber durch eine imperiale Truppe aufgehalten und nach Firnhall gebracht. Ich kam mit Syr Kelen ins Gespräch und fand in ihm einen Freund der valoreanischen Sache. Er ist enttäuscht vom Imperium. Sein jetzt todkranker, dem Wahnsinn anheim gefallener Vater hat nie Hilfe vom Imperium erhalten, um den Norden des Reiches gegen die anstürmenden Barbaren zu verteidigen. Syr Kelen hat so seine drei Brüder verloren und ist verbittert. Ich danke euch, Bund aus Blut und Feuer. Ihr seid jetzt frei zu gehen."
Sie verließ die Hütte und wir überlegten, wie unser weiterer Weg aussehen sollte.
Nach Süden konnten wir erst einmal nicht zurück als steckbrieflich Gesuchte. Wir beschlossen, uns der Sache der Valoreaner anzuschließen.
Lyadan war erfreut, als sie von unserer Entscheidung erfuhr. Sie war gerade im Gespräch mit Medik, der ihr erklärte: "Der Nordwall wird stark bewacht. Diese blutrünstigen Helrak-Barbaren versuchen immer wieder, in den Norden der Frostmark vorzudringen, um unsere Dörfer zu plündern. Wenn ihr unbemerkt ins Wilde Land gelangen wollt, gibt es nur einen Weg. Ich werde ihn euch zeigen."
Wir folgten ihm durch den Wald bis zu einer steilen Felswand. Er drückte eine paar Büsche beiseite und wir blickten in einen dunklen Höhleneingang.
"Das ist die Passage ins Wilde Land, ein geheimes Tunnelsystem, das nur wenige Waldläufer des Nordens kennen. Syr Kelen hat mir erlaubt, es euch zu zeigen. Es könnte sein, dass ihr in den Tunneln auf ein wenig Widerstand stoßt, was aber gar nichts gegen das ist, was euch im Wilden Land erwartet. Der Tunnel endet direkt in den Helrak-Hügeln. Dort müsst ihr extrem vorsichtig sein. Falls ihr Feuer machen müsst, hebt immer eine Grube aus, sodass die Flammen nicht hoch auflodern können. Stellt immer Wachtposten auf! Wenn ihr in die Hände der Bluttrinker geratet, machen sie euch zu ihrem Festschmaus!"
Nach diesen - zumindest für mich - beängstigenden Worten verabschiedete sich Medik mit einem "Nivie zum Gruße" und verschwand in den Schatten des Waldes.