Posts mit dem Label Der letzte Tanz werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Der letzte Tanz werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Samstag, 16. März 2019

Der letzte Tanz - Epilog

Auf zwei Langbooten schossen wir über den Fluss Regenarm. Die in fahles Licht getauchte Burgenstadt Regenfels lag hinter uns. Dunkle Wolken am Himmel, links und rechts zogen am Ufer Büsche und Sträucher vorbei. Die Ruderer hatten sich in die Riemen gelegt, darunter waren auch Saradar, Widun und Edwen. Anneliese, Freya und ich waren – wegen unserer zu kurzen Arme – vom Ruderdienst befreit. In unserem Boot saß ein mir unbekannter Mann, er war klein, hatte einen buschigen Schnauzbart und ebensolche Augenbrauen. Er gab die Befehle.
Im anderen Boot versuchten Urota und Maluna den Rhythmus zu halten, den Tarkin mit seinen Kommandos vorgab. Dies missfiel offensichtlich dem hünenhaften Kerl, der mit im Boot saß.
»Hier gebe immer noch ich die Kommandos, Kobold!«, maßregelte er ihn mit undeutlicher Stimme, da er ein langes Entermesser zwischen den Zähnen hatte.
Von der Statur her erinnerte er an Saradar. Mir fiel auf, dass er zahlreiche offene Wunden am Körper hatte. Litt er an irgendeiner Krankheit?
Ganz vorne saß doch tatsächlich Myk, der Knappe. Wie kam er denn hierher?
Tarquan hatte Vivana auf seinem Schoss liegen, sie hatte die Augen immer noch geschlossen – aber der Bund aus Blut & Feuer war wieder vollzählig – und – so wie es aussah – auf der Flucht!

Wir kamen an eine Stromschnelle, die die ganze Aufmerksamkeit der Ruderer erforderte. Das Wasser des tosenden Flusses spritzte in die Boote und ließ mich mit einem nassen Fell zurück. Jetzt hatte sich der Fluss wieder beruhigt und die Strömung war so schnell, dass die Ruder eingeholt werden konnten. Das Rauschen des Flusses hatte eine trügerisch friedliche Wirkung.

Ich tippte Edwen auf die Schulter und bat ihn zu erzählen, wie es ihm ergangen war und wie wir in die Boote gekommen waren, da ich ja eine Erinnerungslücke für die Ereignisse nach meinem Sprung in das schwarze Loch hatte. Edwen räusperte sich und begann in gedämpfter Stimme mit seiner Geschichte:

»Wie Du weißt, bin ich zurückgeblieben, um dem kranken Toran zu helfen. Ich half Gulim und der Magd dabei, ihm neue Wickel anzulegen, wenn er wieder einmal ein Delirium hatte. Er sprach dann wirr, ›tausend Augen‹, ›viele Gesichter‹ und ›Spinnen‹ kamen oft in seinen Fieberträumen vor. Es war furchtbar, meinen alten Weggefährten so leiden zu sehen. Aber Gulim gab die Hoffnung nicht auf. Er sei so schwer verwundet gewesen, dass es trotz der besten Heilkräuter noch eine ganze Weile dauern würde, bis er sich vollständig erholt hätte. Unterdessen war sein Bruder, Syr Benesch, erwacht und berichtete mir, was er im Grünen Kessel erlebt hatte. Er bezeichnete Toran als Hitzkopf, weil er das Leben seiner Männer aufs Spiel gesetzt habe, um ihn zu befreien. Er müsse noch viel lernen, bevor er ein richtiger Anführer sei, dankte mir aber, dass ich solange auf ihn aufgepasst hatte. Ich erfuhr auch, dass die Tekk Taraxhall nach der Eroberung besetzt hielten, was für sie sehr untypisch sei. Normalerweise würden sie die Menschen entführen und die Siedlungen niederbrennen. Erwähnenswert ist auch der Vorfall mit den Rittern vom Regenfels und dem Trupp Imbrier, die Syr Madhur festnehmen wollten. Zum Glück kam es zu keinem Blutvergießen und er ist mit einem Trupp Getreuer davongeritten in Richtung Grüner Kessel. Ich erfuhr von den Imbriern, dass Syr Xardrus ermordet wurde und Syr Madhur in Verdacht steht, die Strippen zu ziehen. Syr Benesch erschien auf der Burgmauer. Ihm als Führer der ersten imbrischen Armee und Lichtbringer beugten alle ihr Haupt. Er entkräftete die Auseinandersetzung zwischen den askalonischen und imbrischen Rittern, konnte aber nicht verhindern, dass ein Trupp imbrischer Soldaten Syr Madhur und seinen Mannen hinterherjagte. Ich entschied mich, die Ritter vom Regenfels zu begleiten, um mich euch wieder anzuschließen. Toran wusste ich bei Gulim in guten Händen. Als wir die beeindruckende Burg erreichten – ich hatte sie nur einmal als Kind besucht und fand sie genauso faszinierend wie damals – war ich überrascht, dass sie eine Ausgangssperre verhängt hatten. Wir kamen rein, aber keiner durfte raus. Auf dem Weg zur Inneren Burg traf ich auf Syr Aschantus, der mich nach Madhur befragte. Ich erzählte ihm, was ich mitbekommen hatte. Er schickte mich in ein Gasthaus, das aber mehr wie ein Gefängnis auf mich wirkte. Ich machte es zwei Männern nach, die ebenfalls wieder aus dem bewachten Gasthaus entschlüpft waren und folgte ihnen bis an einen der Wasserkanäle, wo sie Waren in Langboote verluden. Das waren eben jene beiden, die uns jetzt helfen. Sie hatten keine Zeit bis zur Aufhebung der Ausgangssperre zu warten, da sie für einen Händler Waren aus der Stadt bis zu einem Schiff in der Martoss-Bucht bringen müssen. Ich machte mich auf die Suche nach euch und da kam mir dieser Knappe entgegen, der mir alles erzählte. Er war nicht in die Waffenkammer gegangen, wie ihr ihm aufgetragen hattet, sondern hatte heimlich Syr Aschantus belauscht, wie er seinen Leuten den Befehl gab, den ›Bund aus Blut & Feuer‹ zu verhaften. Ich versuchte mit ihm entlang eines Wasserkanals zur Inneren Burg zu gelangen und …. da kamt ihr mir entgegengeschwommen – die meisten zumindest. Während ich dich rausfischen konnte, schaffte es Maluna gerade noch, Urota aus dem Wasser zu ziehen. Trolle können wohl nicht schwimmen.«
Das andere Boot war direkt neben uns – Urota hatte – wie die anderen auch – Edwen aufmerksam zugehört und grunzte, »Ritter in Eisenrüstung auch nicht!«, während er leicht an unserem Boot wackelte und Saradar zu dem Notruf »Rettet unsere Seelen!« veranlasste.
»Auf jeden Fall haben uns Inisch«, der bärtige Mann drehte sich um und nickte mir freundlich zu, »und Haab, der Halbgjölnar da drüben, mitgenommen. Ihr Kapitän sucht ein paar tüchtige Seeleute.«

Wir trieben eine Weile so dahin und nur ab und zu mussten die Ruder eingesetzt werden, um uns von den Felsen am westlichen Ufer weg zu bringen. Die Ostseite wurde von einem dunklen Wald gesäumt, dessen knorrige Äste und Zweige weit über den Fluss ragten. Nur ab und zu wurde er von einer lichten Stelle unterbrochen, an der ein Bach in den Regenarm mündete. Inisch erhob irgendwann seine Stimme: »Wir kommen bald an eine Stelle, an der wir anlanden müssen, weil der Fluss sich plötzlich zu einem kleinen See verbreitert und das Wasser zu seicht wird für die Boote. Macht euch auf nasse Füße gefasst!«

Der Fluss machte einen Bogen und im Scheine Zamas erkannten wir bereits von weitem die angekündigte Furt. Maluna hob die Hand, sie hatte etwas gehört: »Ich höre Hufschlag!«
Tarquan nickte: »Ja, das sind ein halbes Dutzend Pferde – Dreischlag mit Pause – sie reiten im Galopp!«
Inisch trieb uns an: »Erhöht die Schlagzahl. Wer weiß wer das ist, vielleicht eine Räuberbande! Wir müssen versuchen, vor ihnen an der Furt zu sein und schnell übersetzen!«
Die Ruderer gaben ihr bestes, und tatsächlich schafften wir es, weit vor dem Reitertrupp anzukommen. Die Pferde waren in den Trab zurückgefallen und der vorderste Reiter rief nach uns. Es war eine Frauenstimme, wir konnten nicht verstehen, was sie rief, doch wir erkannten, dass es die Stimme von Galinea war. Wir entschlossen, sie herankommen zu lassen. Die Anführerin stieg von ihrem Pferd und ging auf uns zu. Im Mondlicht konnte ich ihren Gesichtsausdruck erkennen, der freundlich wirkte: »Braucht ihr Hilfe?«
Sie nickte ihren Männern zu, die ebenfalls von ihren Pferden abstiegen und uns beim Tragen der Langboote halfen.
»Ihr seid Torans Freunde, also auch meine Freunde. In Regenfels suchen sie nach euch, aber das wisst ihr ja offensichtlich. Ich schicke ein paar Männer los, damit sie eine falsche Fährte für die imperialen Soldaten legen. Ich soll auf euch aufpassen. Euer Freund Lyr wird auch mitkommen.«
Auch zwei weitere ihrer Männer stiegen in die Boote. Die Seeleute waren zunächst etwas überrascht über die Neuankömmlinge, trauten sich aber nicht, weitere Fragen zu stellen.
Hinter der Furt nahmen die Boote wieder an Fahrt auf. Die Seeleute kannten die gefährlichen Stellen des Flusses. Unter ihrem Kommando konnten wir die Stromschnellen gut umschiffen.

Es wurde langsam hell am Horizont, der Morgen graute. Zu beiden Seiten des Flusses zwitscherten die Vögel. Plötzlich ein Leuchtstreifen am Ufer. Schnell wie eine Libelle war ein glitzerndes Etwas kurz über den Fluss geschossen, um dann wieder im Schilf zu verschwinden. Myk fragte erschrocken: »Was war das?«
Anneliese grinste: »Ich weiß es – verrate es euch aber nicht, da ihr es sowieso nicht glauben würdet!«
Die Luft wurde feucht und salzig. Inisch schnupperte und bemerkte vergnügt: »Ah, Seeluft, wie ich sie liebe! Es ist nicht mehr weit!«
Mit salzigem Geschmack auf den Lippen landeten wir am Ostufer der Mündung des Regenarms. Vor einem hölzernen Kai war ein Schiff vertäut. »Eine Kogge«, wie uns Inisch erklärte, »sehr beliebt bei den Händlern, die die Küste von Oxysm bis hinauf in den hohen Norden befahren«. Am Kai herrschte emsiges Treiben. Seeleute rollten über Holzplanken Fässer an Bord oder warfen Säcke an Deck. Aus einer kleinen Hütte trat ein breitschultriger Mann mit einem Walrossbart, der tief die morgendlich frische Seeluft inhalierte. Er trug einen dicken Seemannsmantel mit Goldknöpfen und seine Stiefel waren auf Hochglanz poliert, sodass sich die ersten Sonnenstrahlen darin spiegelten.
»Willkommen! Ich bin Kapitän Haldart und das ist mein Schiff, die ›Sturmkönigin‹!«
Einige der Männer fingen an zu tuscheln, als Inisch vor den Kapitän trat und auf uns zeigte zeigte: »Ich denke, ich hab' ein paar geeignete Matrosen gefunden!«
Edwen flüsterte, sodass es die Seeleute nicht hören konnten: »Ich fürchte, wir können uns für eine Weile in Askalon und Imbrien nicht blicken lassen. Der Bund aus Blut und Feuer wird wegen Mordes am Hochfürsten gesucht! Vielleicht können wir an Bord dem Ganzen erst einmal aus dem Weg gehen.«
Ich erwiderte ihm leise: »Aber der Mörder Deodan ist doch tot!«
Myk zog plötzlich unsere ganze Aufmerksamkeit auf sich.
»Schaut mal her!«
Er hatte den Beutel, den er von Wunnar erhalten hatte, genauer untersucht und zog ein gefaltetes Stück Papier daraus hervor. Er reichte es Edwen, der das Blatt entrollte -
»Ein Brief!« - und uns vorlas.

Hört zum letzten Mal, Ihr Krieger vom Bund aus Blut und Feuer, die Worte eines Toten. Mögen mir die Götter meine Taten vergeben und möge Mortarax mir den gerechten Weg weisen. Ich bin mir sicher, dass Ihr jetzt auf der Flucht seid. Ich hoffe, dass Ihr alle überlebt habt. Ihr wart meine letzte Karte, die ich ausspielen konnte, um auch an Deodan Rache zu üben.Ihr fragt Euch sicher, warum ich all diese Menschen getötet habe. Nun, ich will es Euch erzählen. Alles begann vor etwa drei Jahren, als sich die Schlinge der Ul'Hukk um Chiram, unsere schöne Stadt Chiram, die ja auch für einen Teil von Euch Heimat war, immer enger zuzog. Ich war damals der Hauptmann der Stadtwache und sollte mit den wenigen Männern, die mir zur Verfügung standen, die Stadt verteidigen. Wir konnten zum Glück viele Freiwillige gewinnen und sie notdürftig ausbilden. Auch sollte uns ein großes Heer aus askalonischen und imbrischen Truppen bald erreichen. Als sie eintrafen, wurde ich zum Kriegsrat berufen. Syr Xardrus hatte den Oberbefehl. Er hatte mit Syr Deodan und Syr Zaran sowie dem einfallsreichen Radex einen Plan ersonnen, wie sie die Tekk vernichtend schlagen wollten. Teil des Plans war es, dass nur ein kleiner Teil der Truppen in der Stadt selbst bleiben sollte, während der Großteil der Armee, insbesondere die Reiterei, den Tekk in den Rücken fallen sollte, sobald der Angriff im Gange war. Ich war der einzige, der Zweifel anmeldete. Chiram hatte keine dicken Verteidungswälle, die den Ul'Hukk lange stand halten konnten, ich befürchtete viele Opfer und forderte eine Verstärkung der Truppen vor Ort. Doch die anderen überstimmten mich. Ich erhielt dreißig Männer zur Verstärkung der Garnison – gerade einmal dreißig Männer! Es kam, wie es kommen musste. Während sich die hohen Paladine und Hochwohlgeborenen zurückzogen und in ihrem Feldlager lange Kriegsrat hielten, war die Zeit für eine Räumung von Chiram abgelaufen, die Tekk hatten die Stadt eingekesselt und dann - fielen sie wie die Bestien über uns her. Sie hatten Ogrens dabei, die in wenigen Augenblicken zwei Breschen in unsere Mauern geschlagen hatten. Die grauhäutigen Bestien aus Ultar strömten wie Ameisen in unsere Stadt. Meine Männer der Stadtwache kämpften tapfer – doch sie fielen wie die Fliegen. Es war hoffnungslos. Ich wollte meine Familie in Sicherheit bringen – doch zu spät – unser Haus stand in Flammen. Ich hatte sie zu ihrer Sicherheit im Keller untergebracht, wo sie sich verbarrikadieren sollten – mein geliebtes Weib Ella, meine drei Söhne und meine einzige Tochter! Jetzt wurde der Keller zu ihrer Todesfalle. Ich hörte ihre Schreie und ich konnte nichts mehr für sie tun. In meiner Verzweiflung wollte ich selbst verbrennen, doch die Hilfeschreie des Bäckers und seiner Familie erinnerten mich an meine Pflicht – den Schutz der Bürger! Uns gelang die Flucht und schließlich kam ich zur Bruderschaft der Gekreuzten Schwerter, in der ich wahre Freundschaft fand. Aber wütend und enttäuscht wuchs in mir das Verlangen, mich an denen zu rächen, die für den Tod meiner Familie verantwortlich waren. Während meiner Zeit auf der Wegburg schmiedete ich den Plan, wie ich die Verantwortlichen zur Rechenschaft ziehen könnte.Das Gift, ja das Gift. Ihr wollt sicher wissen, wie ich daran gekommen bin. Gift ist die Waffe einer Frau heißt es immer, und tatsächlich stammte es von meinem Weib Ella. Sie war eine wunderbare Heilerin, die sich auch mit Giften auskannte. Ich trug die Bitteressenz immer bei mir in meiner Feldflasche, für den Fall, dass ich einmal in tekkische Gefangenschaft geraten sollte und mir so ein Ausweg blieb, um nicht lebendig an einem Fleischhaken zu enden. Es war eine besondere Flasche – indem ich am Mundstück drehte, konnte ich zwischen Gift und Schnaps wählen.Auch ich habe den Tod verdient - ich hätte meiner Familie beistehen müssen und habe sie doch durch meinen Rat in eine Todesfalle gebracht.Um den Heiler und den Notor tut es mir aufrichtig leid. Sie waren kurz davor, mich zu überführen, auch Radex hatte die Bitteressenz gerochen. Meine Rache war noch nicht vollendet. Dieser Lorgrim - er musste mich beim Mord an Fjalgur beobachtet haben – er war bloß ein Dieb – bevor er reden konnte, habe ich ihn mit einer Armbrust ausgeschaltet. Der Notor hatte einen Brief aus Medea erhalten, der mir gerade recht kam, da er euch schwer belastete und auch Deodan schließlich gegen Euch aufgebracht hat. Ihr wart das Werkzeug meiner endgültigen Rache!Wohlan denn, Ihr tapferen Helfer und Helden! Mögen Euch Eure Tage noch viel Segen, Ehre und Reichtum bescheren, auf mich wartet nur noch die bittere Finsternis auf dem Boden meiner Flasche.
Syr Wunnar, Hauptmann der Stadtwache von Chiram.

Donnerstag, 7. März 2019

Der letzte Tanz - Kapitel 12: Das Kabinett der Bestien

Wir hatten den hohen Regenturm bereits einmal umrundet und außer dem Treppenaufgang, der zum Haupteingang führte, keinen weiteren Eingang auf der Bodenebene entdeckt. Bei der zweiten Umrundung achteten wir auf die Steine. Tatsächlich, ein Stein sah locker aus. Saradar zögerte nicht lange und drückte drauf, Widun und Urota duckten sich instinktiv. Doch statt eines schwingenden Hammers öffnete sich eine Geheimtür. Fackeln an den Wänden erhellten die dahinterliegende Kammer. Auf dem Boden befanden sich Platten mit seltsamen Symbolen. Auf der gegenüberliegenden Seite des Raums befand sich eine offene Tür.
»Was sind das für Symbole?«, fragte Freya in die Runde. Urota zuckte mit den Schultern, Widun kratzte sich am Kopf - Saradar trat auf die erste Platte – und die gegenüberliegende Tür fiel zu. Er ging zurück auf die Schwelle – und die Tür öffnete sich wieder. Er probierte eine andere Platte aus – die Tür blieb offen. Beim nächsten Schritt schloss sie sich wieder. Widun verfolgte das Muster aufmerksam: »Ein Runenrätsel! Das Geheimnis muss in den Runen selbst liegen! Saradar, tritt noch einmal auf die Platte, bei der die Tür offen geblieben ist!«
Saradar ließ sich dirigieren.
»Und jetzt auf die nächste vor dir!« - Tatsächlich blieb die Tür offen.
Widun strahlte über beide Backen: »Es sind vier verschiedene Runen, jede steht für eine Richtung, und zwar die Richtung, in die der nächste Schritt erfolgen muss.«
Er leitete Saradar entsprechend an und wir folgten, einer nach dem anderen, in den Fußstapfen des Barbaren.

Hinter der Runentür wand sich eine lange, breite Treppe in die Tiefe. Sie endete in einer großen Halle, die durch ein Loch in der Decke nur spärlich ausgeleuchtet wurde. Überall tropfte es von der Decke. Der Boden glänzte feucht, wir mussten aufpassen, nicht auszurutschen. Irgendwo musste ein Loch im Boden sein, da von unten her immer wieder ein starker, kalter Luftzug durch die Halle pfiff. Alle möglichen, nicht-menschlichen Geräusche drangen plötzlich an meine Ohren. Nach kurzer Gewöhnung an die schlechten Lichtverhältnisse erkannte ich rostige Gitterstäbe.
»Ein Gefängnis!«, vermutete Anneliese. »Das sind Zellen, und in den Zellen ...«
In der ersten saß ein kleiner, pelziger Geselle - »Ein Kobold?« - in der zweiten ein Wesen mit glänzender, schuppiger Haut und in der uns gegenüberliegenden erkannte ich die Umrisse eines Ogrens. Es war Gorrym, gegen den Urota gekämpft – und verloren hatte. Als er uns kommen sah, sprang er fauchend auf und hämmerte gegen die Gitterstäbe. Saradar brachte es auf den Punkt: »Das dunkle Geheimnis des Hochfürsten – das Bestienkabinett.«

Ein lautes Rattern übertönte plötzlich die Kakophonie der Bestien. Auf der gegenüberliegenden Seite des Bestienkabinetts wurde ein Fallgitter hochgezogen. Sechs Soldaten strömten hindurch und bauten sich vor uns in zwei Gefechtsreihen auf.
»Ihr seid gekommen, um die Sache zu beenden. Das hätte ich Euch nicht zugetraut. Glaubt nicht, dass wir es Euch leicht machen! Beim Blute Askalons, Angriff!« - Das war Deodans Stimme, die da aus dem Schatten heraus seine getreuen Soldaten in den Kampf schickte.

Saradar brüllte einen Schlachtruf – dessen vom Echo verstärkte Wirkung die Bestien für einen Augenblick verstummen ließ und trommelte sich mit den Fäusten auf die Barbarenbrust.
Vivana und Tarquan versuchten, sich im Schatten hinter die Angreifer zu schleichen – doch da geschah das Unglück. Ich hörte wie Pferd erschrocken aufschrie und bekam gerade noch mit, wie Vivana ihren Geliebten reflexartig am Arm erwischte, bevor dieser in ein Loch im Abgrund gestürzt wäre. Sie versuchte ihn heraufzuziehen, rutschte dabei aber auf dem glatten Boden aus und schlug mit dem Hinterkopf gegen den Treppenabsatz. Vivanas Hilfe reichte dem Söldner jedoch, um sich am Rand des Lochs hochzuziehen. Er beugte sich sofort über die besinnungslose Jujin-Diebin und kümmerte sich besorgt um sie, was für uns den Verlust zweier Kämpfer auf einen Schlag bedeutete.

Drei der askalonischen Soldaten waren mit Langbögen ausgerüstet und hatten durch die Lücken der ersten Reihe auf uns angelegt. Wir suchten Deckung – so gut das in der Halle möglich war – und die Pfeile zischten an uns vorüber. Freya versuchte die Gegner mit »Okului privo« zu blenden, wurde aber von Alun nicht erhört. Während Widun einen Trinkspruch an den Schratenherrn richtete, warf ich die Wunderbohne zu Boden. Wie erhofft erwuchs aus ihr der »Bohnenmann«. Ich betete um Unterstützung durch einen Waldgeist und wurde von Ianna erhört. Der Waldgeist verschmolz sogleich mit dem Bohnenkörper.
Auch Widuns Gebet wurde schließlich erhört. Aus den Ritzen der Bodenplatten trat ein Nebel, der sich zu einem geisterhaften Gebilde formte, das entfernt an einen Schraten mit geweihartigen Hörnern erinnerte.
»Das ist mein Schraten-Ururururgroßvater Waruin, und er wird für uns kämpfen!«, rief uns Widun zu.
Der »Schratenahn« wurde sogleich von zwei askalonischen Soldaten beharkt und wehrte sich mit einer Schlagwaffe, die man – so wurde mir später erklärt - »Bengel« nennt.
Die Bogenschützen hatten sich Urota als Zielscheibe ausgesucht und schossen auf ihn – vorbei. Maluna hingegen war treffsicherer und erwischte einen der Bogenschützen.
Mein Bohnenmann war zum Leben erwacht, richtete sich zu voller Größe auf und schritt trotzig Deodans Getreuen entgegen. Urota und Saradar nutzten die Deckung, die ihnen Iannas Geschöpf vor den Bogenschützen bot und reihten sich hinter ihm ein. Anneliese fuchtelte wild mit ihren Armen durch die Luft und schoss einen doppelten Flammenstrahl auf einen der Soldaten, der sich jedoch in Deckung werfen konnte und so mit leichten Verbrennungen davonkam.

Der Schratenahn hatte sich unterdessen mit einem Kampfschrei mitten ins Getümmel gestürzt und schlug wie wild um sich. Wenn er mit seinem Bengel zuschlug, schien er fast real zu sein, um dann sofort wieder in einen durchsichtig-leuchtenden Zustand zu wechseln. Die Hiebe der askalonischen Ritter konnten ihm aber wohl doch etwas anhaben - obwohl man ihm das bis auf ein Schwächerwerden seines Leuchtens nicht anmerkte - er war ja immerhin schon eine Weile tot.

Anneliese schoss erneut einen Flammenstrahl ab und auch Maluna traf mit einem Pfeil.
Deodan wägte sich hinter seinen Soldaten in Sicherheit. Ob sie ihm weiter so treu ergeben wären, wenn wir ihnen verraten hätten, wofür ihr Anführer verantwortlich war? Doch für Gespräche war die Zeit abgelaufen. Ich betete an Ianna, ein großer Dorn schoss hinter der Schlachtreihe aus dem Boden und traf den mutmaßlichen Mörder.

Tarkin hatte es auf die Weichteile seines Gegners abgesehen. Er versuchte ihm in den Unterleib zu schlagen – sein Hieb glitt jedoch an der eisernen Schamkapsel ab. Der Koboldritter musste sich unter dem Gegenschlag wegducken.

Tarquan hatte Vivana in Sicherheit gezogen und war gezwungen, selbst in den Kampf einzugreifen. Er versuchte, hinter die Gegner zu kommen. Saradar traf einen der askalonischen Soldaten mit einem Doppelschlag. Der Bohnenmann duckte sich unter dem Schwerthieb eines Angreifers weg, dafür wurde der hinter ihm stehende Urota getroffen. Schwarzes Trollblut quoll ihm aus einer Wunde an der Brust – Widun scheiterte beim Versuch, ihn zu heilen. Auch seine Bitte an Mnamn, die Feinde in einen Lachanfall zu versetzen, schlug fehl.
»Irgendetwas stimmt hier nicht, warum erhören uns die Götter nicht?«, fragte er verzweifelt. Mir fiel auf, dass alle Soldaten seltsame Amulette trugen, ob es damit etwas zu tun hatte? Auch Ianna gewährte mir keinen weiteren Dornenstich, der Schratenahn schlug vorbei und »Puff!« war er weg.
»Bis bald mal wieder, Uropa!«, rief ihm Widun noch hinterher.

Tarquan und der Bohnenmann wurden von den Soldaten schwer verletzt. Saradar hingegen schaffte es, einen der Soldaten zu Boden zu ringen. Der Rest der Soldaten einschließlich Deodan rückte enger zusammen, um die Verteidigung zu stärken. Saradar sprang mitten hinein und köpfte einen der Gegner mit seinem vorpalen Bastardschwert. Der stark lädierte Bohnenmann verwandelte sich wieder zur Bohne zurück und sprang in meine Hand. Der verdutzte Waldgeist verschwand mal wieder ohne Abschiedsgruß.

Syr Deodan hatte es auf Anneliese abgesehen, doch sie streckte ihre Arme aus - als wollte sie sagen»Nicht mit mir!« und schickte ihm einen Flammenstrahl entgegen, der ihn in einen Feuerball verwandelte. Er sprang vor Schmerzen kreischend durch die Halle und sank schließlich als Häufchen äschernen Elends zu Boden.

In der Hitze des Gefechts hatten wir ganz aus den Augen verloren, was um uns herum im Bestienkabinett vor sich ging. Der Hochfürst war durch das Falltor getreten und machte sich an einem Hebel an der Wand zu schaffen. Quietschend öffneten sich alle Zellentüren – die Bestien waren frei!
Er versuchte, zu seiner Tochter zurück zu humpeln - sie war gerade im Torbogen aufgetaucht - rutschte in der Eile aber aus und schlug unsanft mit dem Kopf auf den Boden.
Der freigelassene Ogrens ging mit großen Schritten auf den eingetrübten Hochfürst zu und schleuderte ihn - unter dem entsetzten Blick der Fürstentochter - mehrfach gegen die Steinwände. Er ließ ihn leblos liegen und ging dann auf Firnja los. Zum Glück hatte jemand das Fallgitter heruntergelassen, sodass sie vor ihm in Sicherheit war.

Unterdessen hallten Rufe und laute Schritte von der Turmtreppe herab. Syr Aschantus stürmte einer Gruppe imbrischer Soldaten voran. Sie stellten keine Fragen, als sie den toten Hochfürsten und den freien Ogrens sahen, sondern fingen sofort an auf alles zu schießen, was sich noch im Bestienkabinett befand.

Ich betete an Ianna, als der Ogrens auf mich zugetrabt kam. Und tatsächlich gelang es mir mit Hilfe der Erdgöttin, Kontrolle über ihn zu erhalten. Ich besänftigte ihn soweit, dass er von uns abließ. Einer der Freigelassenen, ein Schattentroll, war sofort auf Urota losgegangen. Dieser empfing ihn mit seiner Langaxt und machte kurzen Prozess.

Aus der Klemme zwischen Askaloniern, Monstern und dem Pfeilregen der imbrischen Soldaten mussten wir einen Ausweg finden. Der befreite Kobold winkte uns: »Hier lang, da unten ist ein Kanal!«
Er sprang in das schwarze Loch und beschwor dabei die Paladine der Ängstlichkeit »Beim Hasenfuß!« - wohl um sich Mut zu machen.
Ein Pfeil zischte knapp an mir vorüber – mit einem mulmigen Gefühl im Magen sprang ich dem Kobold hinterher - »Bei Anxiaaaaaa!«

Ich musste mir beim Fallen in den Wasserkanälen irgendwo den Kopf angestoßen und das Bewusstsein verloren haben. Als ich wieder zu Sinnen kam, saß ich hinter Edwen in einem Langboot.
»Wo kommst du denn her?«, fragte ich ihn verwundert.
»Das muss ich dich fragen, ich habe dich nasses Eichhörnchen gerade aus dem Kanal gezogen!«, lachte er.

Sonntag, 3. März 2019

Der letzte Tanz - Kapitel 11: Die Litanei des Todes

Wir folgten dem Gang in die Richtung, aus der wir den Schrei vernommen zu haben glaubten. Es war das hohe und schrille Kreischen einer Frau gewesen. Drei Steintreppen später standen wir im Obergeschoss des Gebäudes. Am Ende des Ganges war der Übergang zum Vermählungsturm. Zahlreiche Soldaten hatten sich dort versammelt. Der Waffenmeister war darunter – er wurde von einem Soldaten gestützt, hielt sich den Hals und hustete. Beim Näherkommen bemerkte ich, dass er einen ganz roten Kopf hatte. Aus der Turmtür drang ein schluchzendes Weinen und Jammern. Zwei Soldaten mussten die hysterische Firnja festhalten, der es in ihrer weinerlichen Verzweiflung gleich war, ob ihre Blöße bedeckt war. Neben dem großen Himmelbett lag ihr Bräutigam – nackt und rot. »Gift!«, folgerte Vivana sogleich.
»Weg, weg! Geht mir aus den Augen, alle!«, der Hochfürst kam herangestürmt und drängte uns zur Seite. »Schafft mir diese Gaffer – und diesen Wolf – was hat hier ein Wolf zu suchen? Schafft sie weg, sofort!« Damit waren wir gemeint. Ein Soldat trat nach mir – als ich ihn anknurrte, richtete er seine Hellebarde auf mich: »Ihr habt den Hochfürsten gehört, verschwindet!«
Der schockierte Notor rief uns nach, uns in einer Stunde in der Gaststätte zu treffen.

»Die arme Firnja, schluchzend und kaum verständlich brachte sie heraus, dass sich Zaran plötzlich an den Hals gefasst habe und nur noch sagen konnte, dass er keine Luft mehr kriege. Dann sei er hingefallen und nicht mehr aufgestanden. Wie bei Xardrus war seine Haut rot gefärbt und die Zunge hing ihm aus dem Hals. Radex hatte auf einem Stuhl vor dem Schlafgemach Wache gesessen und kam direkt hineingestürmt. Es habe nach Bitterknollen gerochen und er habe Firnja gerade noch von ihrem Bräutigam wegreißen können, bevor auch sie dem Gift zum Opfer gefallen wäre. Er selbst hat aber so viel eingeatmet, dass er mittlerweile in seiner Kammer liegt und immer noch um Luft ringt, ich weiß nicht, ob er die Nacht überleben wird!«, berichtete uns Fjalgur.
»Das alles beweist doch, dass der Alchimist Lyr unschuldig ist, oder? Vielleicht kann er Radex helfen und ein Gegenmittel herstellen!«, stellte Vivana fest.
»Ihr habt recht, ich werde es sofort veranlassen. Wenn er bereit ist, dem Waffenmeister zu helfen, ist er ein freier Mann.«
Eine Wache trat herein: »Ein eiliger Brief für den Hochfürsten, Notor!«
Fjalgur nahm ihn ungeöffnet entgegen und verabschiedete sich: »Entschuldigt, der Hochfürst hat sich mit seiner Tochter in eine geheime Kammer zurückgezogen. Ich muss solange seine Geschäfte führen, bis alles aufgeklärt ist. Sucht bitte nach dem Gift und findet den Mörder! Wendet Euch an Syr Aschantus, wenn Ihr etwas braucht. Die Innere Burg ist aus Sicherheitsgründen erst einmal für alle Fremden gesperrt, auf Anweisung von Syr Vardek.«

Lyr wurde aus seiner Zelle entlassen. »Ich brauche meine beschlagnahmten Sachen, wenn ich dem Waffenmeister helfen soll«, verlangte der junge Alchimist von den Wachen. Und tatsächlich brachten sie ihm seine Ausrüstung in eine Kammer im Bereich der äußeren Regenburg. In der Mitte des Raums stand ein Athanor, ein alchimistischer Ofen, wie uns Lyr erklärte.
»Der Notor hat verfügt, dass Ihr sein alchimistisches Laboratorium benutzen dürft, um ein Gegengift herzustellen. Eine Wache wird vor der Tür verbleiben und Euch im Blick behalten«, erklärte der Ranghöchste der Stadtwachen.
Lyr kramte ein Buch hervor. »Ah, mein Libello Loris Toxikis«, erklärte er, während er es eilig durchblätterte. »Hier steht es: Gegengift für Bitteressenz – Intensiv überschwefeltes Sauersalz. Ich brauche verschiedene Gerätschaften: einen Mörser mit Pistill, Phiolen dreier Größen und ...« - er blickte sich im Laboratorium um - »blaues und rotes Sauersalz. Hier ist der Schlüssel zu meiner Truhe. Sie steht noch in unserem Zelt neben dem Turnierplatz. Ihr erkennt es am Symbol der ›Roten Klingen‹. Beeilt Euch und bringt mir die Sachen hierher – dem Waffenmeister läuft die Zeit davon! Ich werde schon einmal den Athanor anheizen. Ich habe keinen Sulfo Vulkanos, äh, Schwefel ...«
Widun hatte eine Idee: »Vielleicht gibt es hier einen Winzer, die verbrennen doch Schwefel, um ihre Fässer zu reinigen!«
Vivana wollte sich um die Gerätschaften und Reagenzien aus der Truhe kümmern. Widun zog los, einen Winzer zu finden.
Freya sprang auf meinen Wolfsrücken und ich lief zur Kammer des Waffenmeisters, die sich in einem Turm der äußeren Burg befand, wie uns der Notor erklärt hatte. Vielleicht konnten wir ihm mit göttlicher Unterstützung helfen. Radex lag schwitzend auf seinem Bett, er atmete keuchend und murmelte vor sich hin. Eine Magd und ein junger Mann machten ihm feuchte Umschläge.
»Bitter, bitter … ich weiß es, ich weiß es!«, schrie er plötzlich im Delirium.
Der junge Mann blickte uns verwundert an. »Mein Name ist Freya, ich bin eine Priesterin des Alun und das hier ist Finn, ein Faundruide in Wolfsgestalt. Wir möchten für den Waffenmeister beten. Unsere Gefährten und der Alchimist Lyr versuchen ein Gegengift herzustellen.«
»Mein Name ist Myk«, stellte sich der pausbäckige Knabe vor. »Ich bin .. vielmehr war der Knappe von Syr Zaran … bevor, bevor«, eine Träne kullerte ihm die Wange herab.
»Jetzt stehe ich in Diensten des Waffenmeisters.« Er erneuerte gerade die Wadenwickel.
»Er hat Wahnvorstellungen und schreit die ganze Zeit«, erklärte er uns.
Freya legte ihm die Hand auf und betete an den Sonnengott. Ich legte mich ihm in Wolfsgestalt zu Füßen. Radex beruhigte sich daraufhin etwas, aber ohne ein Gegenmittel würde er die Nacht nicht überstehen.
Waffenmeister Radex.
Es kam uns wie eine Ewigkeit vor, obwohl in Wirklichkeit keine Stunde vergangen sein konnte, bis ein großer Hügeltroll die Tür für eine kleine Kobolddame öffnete. Anneliese trug eine Phiole mit violetter Flüssigkeit wie ein rohes Ei in beiden Händen vor sich her. Gespannt beobachteten wir, wie sie dem ohnmächtigen Radex das Gläschen an die Lippen hielt. Mit ein paar Tropfen benetzte sie ihm erst die Lippen und als er daraufhin den Mund etwas weiter öffnete, goss sie ihm mehr davon auf die Zunge. Er schluckte, hustete und schluckte wieder. Die Falten der Anspannung auf seiner Stirn verschwanden und er sank mit einem Schluchzen in den Schlaf.
»Es scheint zu wirken!«, freute sich der Knappe. »Er schläft jetzt. Vielen Dank für Eure Hilfe. Ich werde bei ihm bleiben und mich um ihn kümmern, ihr könnt gerne zu Bett gehen«, bot uns Myk an.

Die Mitternachtsstunde war vorbei. Wir hatten gerade unsere Zimmer in der Gaststätte betreten, als Hornstöße von der Inneren Burg herunterschallten. Wir stürzten hinaus auf die Gasse und rannten in Richtung des Wassergrabens. Die Brücke und die angrenzenden Gassen waren leer in den späten Nachtstunden. Eine dunkle Gestalt hastete die Treppen der Inneren Burg herab, Pfeile zischten an ihr vorbei. Im Mondschein Lors hoben sich die Silhouetten mehrerer Bogenschützen gegen den Nachthimmel ab, die auf den Fliehenden angelegt hatten. Im Licht der schwankenden Brückenlaternen konnte ich dann erkennen, wer da um sein Leben lief. Es war Lorgrim, der da versuchte, über die Brücke zu kommen. Er stolperte, stürzte und blieb auf dem Rücken liegen, sich vor Schmerzen krümmend. Ein Pfeil hatte sein linkes Bein durchbohrt.
Saradar rief: »Halt, hört auf zu schießen! Wir haben ihn!« Tatsächlich verschwanden die Schatten zwischen den Zinnen. Widun und ich knieten uns zu Lorgrim hinab. Mir fiel auf, dass er eine große Leinentasche über der Schulter trug. »Das Buch … ihr müsst es ...«, ächzte er. Sein Blick war angsterfüllt, Schweiß rann ihm von der Stirn.
Dann ging ein Ruck durch seinen Körper. Ein Bolzen ragte aus seiner Brust.
»Wer hat da geschossen?«, wunderte ich mich, während Syr Aschantus und einige Wachsoldaten die Treppe heruntereilten. Lorgrim röchelte, schaumiges Blut quoll aus seinem Mund und er tat seinen letzten Atemzug. Vivana machte sich an der Tasche zu schaffen und zog ein seltsames Buch heraus. Es war in dickes, altes Leder eingebunden, in das seltsame Glyphen eingeprägt waren, das Messingschloss in Form einer Spinne war versiegelt.
»Hier schaut eine Seite raus!«, fiel Anneliese auf. Sie zerrte daran mit aller Kraft, bis sie nach hinten umfiel. »Hier ist sie! Zumindest ein Teil davon ...«, vermeldete sie strahlend und ließ den Papierfetzen schnell in ihrer Tasche verschwinden, bevor der Paladin und seine Gefolgsmänner zu uns traten.
»Notor Fjalgur ist tot. Und das ist sein Mörder!«, er zeigte auf den toten Halbjujin.
»Er muss ihm das Buch gestohlen haben, das Ihr da in Händen haltet, Syr Kobold« - Anneliese hatte Tarkin das Buch gegeben und war in den Schatten getreten – nochmal wollte sie nicht riskieren, als Hexe verhaftet zu werden.
»Was ist passiert?«, fragte Widun bestürzt.
»Ich wollte mit dem Notor besprechen, wie wir weiter vorgehen. Ich fand ihn tot über seinem Pult liegen, auch er ist erdolcht worden! Aus einer dunklen Ecke sprang dann plötzlich dieser Kerl hervor und stürzte die Turmtreppen hinab. Jetzt haben wir ihn endlich, unseren Mörder!«
Aschantus schien sich sicher zu sein.
Ich erinnerte mich an die blutigen Fußspuren neben Waels Leiche und schnupperte an Lorgrims Stiefeln, konnte aber nichts feststellen. Dann schritt ich zu Aschantus, der mich verwundert ansah: »Wo kommt der Wolf her?«
Meine Gefährten erklärten es ihm.
»Wenn Du mal nicht mit den Dämonen des Abgrunds im Bunde stehst, Ziegen-Zauberer!«
Ich schnüffelte an seinen Stiefeln, roch aber auch hier keine Blutspuren. Vivana hatte die Leiche untersucht: »Ich kann die Mordwaffe nicht finden, er hat keinen Dolch bei sich!«
Syr Deodan trat aus einer Seitengasse, er hatte eine Armbrust in der Hand.
»Eine tolle Waffe, ich habe sie da drüben zwischen den Fässern gefunden!«, behauptete er.
»Aber wer hat sie abgefeuert?«, fragte Saradar in die Runde. Als Antwort kam nur ein Schulterzucken. Die Wachen waren mit normalen Langbögen ausgerüstet.
Deodan bekräftigte Aschantus' Ansicht: »Egal, wir haben den Attentäter. Es würde mich nicht wundern, wenn er von Madhur geschickt worden ist und wir irgendwo bei ihm auch Hinweise auf das Gift finden! Ich habe gehört, dass Ihr den Jujin besser kanntet?«
»Ist dem so?«, fragte der Paladin argwöhnisch. »Geht ins Gasthaus zurück. Ich habe vielleicht später noch ein paar Fragen an euch!«
Vier Soldaten trugen Lorgrims Leichnam davon. Deodan verabschiedete sich: »Ich werde den Hochfürsten unterrichten, dass die Gefahr vorerst gebannt ist.«

Wir befolgten die Anweisung des Paladins und machten uns auf den Rückweg zum Gasthaus. Ich verwandelte mich zurück. Tarkin kramte unterwegs das Buch hervor. Freya musterte die Oberfläche im spärlichen Licht der Laternen.
»Diese Zeichen sind mir völlig unbekannt, obwohl ich in der Bibliothek des Lichttempels alte Schriften studiert habe.«
Anneliese war ebenso ratlos: »Es sind auch keine magischen Symbole, damit kenne ich mich aus!«
Saradar und Vivana versuchten das Schloss zu öffnen, er mit Muskelkraft, sie mit Fingerfertigkeit und einem Dietrich - vergebens. Widun wies auf das Spinnensymbol hin: »Ich würde ein Fass Bier darauf verwetten – dieses Buch beinhaltet irgendeine Teufelei dieser Zurak-Kultisten!«
Maluna schlug vor, den Zirkel der Gelehrten zu Rate zu ziehen. Nach einem kurzen Nickerchen im Gasthaus, machten sich Maluna, Anneliese und Freya am frühen Morgen auf den Weg.

Es war bereits Mittagsstunde, als sie zurückkehrten. Die Wichtelpriesterin berichtete: »Nun ja, es lief alles zunächst ganz gut. Nach dem obligatorischen Rätsel ließ uns der alte Naharun hinein. Wir zeigten ihm das Buch und er wusste, dass Fjalgur es hatte und untersuchen wollte. Ein Fremder habe es bei ihm vor ein paar Monden zur sicheren Verwahrung abgegeben. Fjalgur habe Naharun erzählt, dass der fremde Krieger es einem mächtigen Hexenmeister gestohlen habe. Der Notor hatte Besorgnis, dass das seltsame Buch mit dem Siegel des Zurak Unglück über ihn bringen würde und sich bisher nicht getraut, es zu öffnen. Er vermutete, dass es sich nur mit Hexerei öffnen lasse, wer es mit Gewalt oder auf eine andere Weise wage, riskiere es, verflucht zu werden.«
»Dann hatten wir ja Glück letzte Nacht, dass es nicht geklappt hat! Und weiter?«, fragte ich neugierig wie ich war.
»Tja, und dann sind die Bücherregale umgekippt«, erklärte Maluna mit strengem Blick auf Anneliese. Die Koboldin zuckte mit den Schultern: »Kleines Ungeschick... Ich wollte nur mal sehen, ob sie magische Schriftrollen in der Halle der Bücher haben.«
Maluna ergänzte: »Ja, indem du auf das höchste Regal geklettert bist und es zum Kippeln gebracht hast.«
Freya legte nach: »Alle - ich betone - alle Regale sind umgekippt, eins nach dem anderen. Der Notor hat uns beschimpft und sogar nach den Wachen gerufen. Deshalb mussten wir uns aus dem Staub machen. Da können wir uns so bald nicht wieder blicken lassen.«

Ein Junge kam zur Tür des Gasthauses hereingestürmt. Der Schratenwirt donnerte ihn an: »Nicht so hastig mein Kleiner! Du erschreckst mir noch meine Gäste!«
Myk war außer Atem – er trat einen Schritt zurück, als er bemerkte, dass er direkt vor unserem Hügeltroll zum Stillstand gekommen war: »Der Waffenmeister ist zu sich gekommen. Er möchte sich bei Euch bedanken und hat etwas sehr Dringendes mit Euch zu besprechen. Ihm ist eingefallen, bei wem er schon einmal diese Bitteressenz gerochen hat.«

Wir ließen das Mittagessen stehen und folgten dem Knappen rüber zum Turm an der äußeren Mauer, in dem der Waffenmeister sein Quartier hatte. Knarrend öffnete sich die Tür – hier stimmte etwas nicht. Der Waffenmeister lag rücklings in seinem Bett und rührte sich nicht. Er hatte die Augen weit aufgerissen, eine Hand war seltsam verkrampft. Als wir das Laken zurückschlugen sahen wir, was los war. Radex hatte links vom Brustbein ein klaffendes Loch, aus dem Blut die Strohmatratze durchtränkt hatte. Myk schrie auf und wich zurück. Saradar öffnete die verkrampfte Hand. Auf dem Handballen fand sich der blutige Abdruck eines Schwertes vor einem Kessel und einer Burgmauer. Myk erkannte das Symbol sofort: »Das ist das Wappen von Chiram! Der gefallenen Stadt im Grünen Kessel!«
Vivana hatte es auch schon einmal gesehen: »Ein Kessel mit einem Schwert, dieses Wappen führt doch auch Syr Deodan!«
Widun fiel auch etwas dazu ein: »Die ›Roten Klingen‹ kommen doch auch alle aus dem Grünen Kessel!«
Wir hörten Schritte. Anneliese schaltete schnell: »Wir müssen hier weg! Die werden uns verdächtigen!«
Myk zeigte auf die gegenüberliegende Tür: »Da geht’s raus auf den Wehrgang. Von da aus können wir eine Leiter runtersteigen! Ich habe den Schlüssel zu Radex' Kammer, ich werde schnell die Tür von innen verriegeln.«
Nachdem wir unbemerkt die Leiter hinabgestiegen waren, spekulierte Vivana laut: »Und wenn Deodan hinter allem steckt, will er uns vielleicht als Schuldige präsentieren! Sein letzter Sündenbock Lorgrim kommt ja nicht mehr in Frage!«
Myk nickte und erzählte: »Deodan war unheimlich sauer auf den Heiler Wael, weil er meinen Herrn Syr Zaran an seiner Statt behandelt hat. Er konnte nicht gegen den Tekkgeneral antreten und wurde so um seine Rache gebracht. Syr Xardrus strich den Ruhm dafür ein. Ich hörte wie er sich bei seinem Freund Syr Madhur darüber aufregte. Ich bin mir auch sehr sicher, dass er einen Dolch hat, auf dessen Knauf sich so ein Wappen befindet. Ich habe es bei vielen Soldaten aus dem Grünen Kessel gesehen und bewundert. Falls sie uns schnappen, kann ich bezeugen, dass ihr nicht für Radex' Tod verantwortlich seid, ihr habt ihm ja sogar das Leben gerettet. Aber mir als halbem Kind werden sie bestimmt nicht glauben!«

Vivana zeigte auf das geheimnisvolle Buch, das Anneliese unter dem Arm trug: »Was machen wir mit dem Buch? Wenn sie uns schnappen, fällt es vielleicht in falsche Hände!« Anneliese klammerte es an sich: »Ich möchte es behalten, aber, aber … Was, wenn es wirklich verflucht ist und ich auch so ende wie der arme Notor!«
Ein Ausdruck von Panik trat in ihr Gesicht. Wir kamen am Gebäude mit dem Eulenschild vorbei. Anneliese war zurückgeblieben, wir blickten uns um. Sie hatte doch tatsächlich das Buch durch einen Schlitz in der Tür gesteckt.
»Ich hoffe, die alte Eule passt gut darauf auf!«
Vivana schüttelte den Kopf: »Ohne Worte!«
Hinter uns aufgeregte Rufe. Raschen Schrittes - Rennen wäre zu auffällig gewesen - gingen wir zur Brücke über den inneren Wassergraben. Wir waren entschlossen, Deodan zur Rede zu stellen und ihn als Mörder zu entlarven.

Der Hochfürst hatte nach der Entwarnung letzte Nacht den Aufgang zur inneren Burg wieder freigegeben. Den einzigen Wachmann an der Brücke hatte Maluna so in ihren Bann geschlagen, dass er den Rest der Gruppe gar nicht beachtete. Wir konnten ungehindert bis zum Vorhof der inneren Burg gelangen.
Im Schatten des Regenturms sahen wir eine Gestalt am Rande eines Brunnens sitzen. Sie hielt eine Flasche in der Hand und hatte ein Lied angestimmt. Als sich meine Augen an die Dunkelheit gewöhnt hatten, erkannte ich in ihr den alten Kämpen Syr Wunnar. Er trank wieder aus seiner flachen Feldflasche und sang das Lied vom letzten Wege, das ich schon auf dem Grabhügel vor der Wegburg gehört hatte. Als er uns kommen sah, begrüßte er uns und winkte.
»Was für eine Aufregung. Dieser Notor war gestern bei mir und wollte eine Kostprobe von meinem Schnaps, ist ihm wohl nicht gut bekommen, wie ich hörte«, lallte Wunnar, der offensichtlich betrunken war. Er schaute uns mit traurigen Augen an: »Aber dieser Lorgrim hat dafür bezahlt, habe ihm nie getraut, diesem Schlitzauge.«
Saradar wollte wissen, ob der Ritter Deodan gesehen hatte: »Ja, allerdings, er hat mich hier zur Wache eingeteilt. Frage mich, warum. Ist mit seinen getreuen Soldaten zum Hochfürsten gestürmt!«
»Wisst Ihr, wo der Hochfürst seine geheime Kammer hat?«, wollte ich wissen.
»Ich denke, dass ich Euch vertrauen kann. Er versteckt sich mit seiner Tochter irgendwo unter dem Regenturm. Weiß aber nicht, wie Deodan da reingekommen ist. Sie sind irgendwo hinter dem Turm verschwunden. Warum wollt ihr ihm folgen? Meint ihr etwa, dass er der Mörder ist? So ein edler Ritter von hohem chiramschen Geblüte! Hat mir sogar neuen Schnaps spendiert, so einer kann doch kein Mörder sein, oder?«
Der Sieger des Lanzenstechens warf Myk einen Beutel mit klimpernden Münzen zu.
»Da mein Junge. Hab' ich gewonnen, ich kann mit soviel Gold nicht umgehen. Du kannst es eher gebrauchen, erinnerst mich an meinen Sohn. Erst Dein Syr Zaran, der so furchtbar gestorben ist ...«
Myk bedankte sich, unsicher, ob es der Ritter auch ernst meinte.
Wunnar nickte, während er skeptisch an seiner Feldflasche roch und dann einen tiefen Schluck daraus nahm. Plötzlich begann er zu husten, wurde ganz rot im Gesicht und kippte rücklings in den Brunnen, ohne dass wir so schnell eingreifen konnten. Tarkin sprang auf den Brunnenrand und starrte in den Abgrund: »Nichts zu sehen, nur tiefe Finsternis!«
Saradar schüttelte sich vor Wut, er hatte in Hauptmann Wunnar während des Turniers einen Freund gefunden und nicht nur ein Bier mit ihm geleert.
Er brüllte: »Wunnar! Ich werde Dich rächen, das schwöre ich bei Osir und Keldyr, so wahr ich ein Khor'Namar, ein Sohn des Windes bin!«
Er wandte sich an uns, ich konnte eine Träne in seinem Augenwinkel erkennen. Radaras war auf seine Schulter geklettert und leckte ihm die laufende Träne von der Wange.
»Er war betrunken, als er mir nach dem Turnier im ›Braunen Tropfen‹ von seinem Schicksal erzählte. Er hat seine gesamte Familie beim Überfall der Ul'Hukk auf Chiram verloren. Deshalb konnte er sich auch über den Turniersieg und das Gold nicht wirklich freuen. Wenn ich diesen Deodan zu fassen kriege, ich werde ihm eigenhändig den Kopf von den Schultern reißen!«

Wir waren uns einig, dass es für Myk zu gefährlich sein würde und schickten ihn - trotz seines Protests – in die Waffenkammer, in der er sich auskannte und erst einmal in Sicherheit sein würde.

Mittwoch, 13. Februar 2019

Der letzte Tanz - Kapitel 10: Der stinkende Auftrag

»Deodan hatte Recht, durch die Fenster kommen wir hier nicht raus!«, überlegte Tarkin laut.
»Ich fürchte, der einzige Weg hier raus ist der Abtritt!«, prophezeite Widun.
Saradar schlug vor, doch einfach mal nachzusehen, ob es da einen Ausgang gäbe. Das Räumchen war sehr eng, dass wir uns förmlich hineinquetschen mussten. Urota musste draußen bleiben.
»Pass auf, dass keiner reinkommt!«, wies ihn Widun an.
Aus irgendeinem Grund schauten plötzlich alle auf Anneliese. Diese hielt sich die Nase zu: »Also mich kriegen keine zehn Pferde da rein!« Saradar machte kurzen Prozess, schnappte sich Tarkin und hielt ihn über das Loch am Boden: »Mal sehen, ob Du da durchpasst!«. Tarkin zappelte, aber Saradar ließ ihn nicht los – da biss er zu – und Saradar musste ihn fallenlassen. Im letzten Moment spreizte Tarkin seine Beine, sodass er im Spagat über dem Abtritt hing. Doch dann kippte er mit dem Oberkörper nach vorne und landete mit dem Gesicht in der braunen Brühe. Saradars hielt sich die blutende Hand - Widun und Maluna zogen Tarkin schnell wieder heraus.
Der Kobold schüttelte sein Fell, was von einem »Ihh! Pfui!« von Anneliese begleitet wurde und sprang dann – mit zusammengepressten Lippen - aus dem Abtritt in Richtung Waschraum davon.
Unsere Wichtelin in ihrer weißen Priesterrobe blickte unter den Rand des Abtritts. »Da ist ein Kanalrohr, da passe ich bestimmt durch!«
Ich hatte einen Entschluss gefasst. Mit den Worten »Ich komme mit!« verwandelte ich mich in meine Eichhörnchen-Gestalt und ließ Freya auf meinen Rücken steigen. Wenn ich gekonnt hätte, wäre ich auf drei Pfoten gelaufen und hätte mir mit der vierten die Nase zugehalten. Aber so hieß es Luft anhalten und durch. Saradar musste natürlich noch einen Spruch los werden: »Das Eichhörnchen verfärbt sich da noch nicht einmal!« Ha, ha - gar nicht lustig!
Freya und ich mussten uns ganz flach machen, um durch das enge Rohr zu passen. Die Rohrleitung nach unten zu klettern, erforderte mein ganzes Geschick als Eichhörnchen. Als wir in der Dunkelheit des eigentlichen Kanalsystems angekommen waren, betete die winzige Alunpriesterin »Luminur« und erhellte uns so den Weg. Bei der ersten Abzweigung wählte ich den rechten Gang. Vom Ende des Ganges her hörten wir ein Fauchen, rote Augen leuchteten uns entgegen. Da saßen zwei Aasratten, die trotz des Leuchtens auf uns zu kamen, sie schienen hungrig zu sein. Freya fing wieder an zu beten, diesmal betete sie das »Okului privo« und ein helles Blitzlicht blendete die Ratten, sodass sie die Flucht ergriffen. Eine Treppe führte steil nach oben. Ich hüpfte die Stufen empor, nur raus aus der stinkenden Kloake! Am Ende der Treppe hatte ich wieder die Wahl. Ich schnüffelte. Links roch die Luft deutlich besser, sodass ich diesen Weg einschlug. Wieder eine Treppe, dann noch ein langer Hauptgang, dem ich bis zum Ende folgte. Hier war eine Steigeisentreppe. Tatsächlich hatten wir einen Ausgang zur Inneren Burg gefunden. Ich ließ Freya absteigen und stemmte den gusseisernen Deckel nach oben, was mich all meine Kraft kostete. Wir waren scheinbar ins Untergeschoss eines Turmes der Regenburg gelangt. Hier standen ein paar Kisten und Fässer herum. Dank Freyas Leuchten fanden wir aus dem Lagerraum hinaus und ich sprang mit ihr auf dem Rücken die Steintreppe zum Erdgeschoss hoch. Hier war eine kleine Kammer mit einem runden Holztisch und einigen Stühlen, wahrscheinlich wurden hier Besprechungen abgehalten. Plötzlich machte sich jemand am Riegel der Tür zu schaffen. Ich kletterte schnell einen Pfosten hoch und wir versteckten uns auf einem Holzbalken hoch oben unter der Decke.
Unter uns konnte ich drei Männer ausmachen, die in eine Unterhaltung vertieft waren. Es handelte sich um den Heiler, den Notor und Syr Aschantus, Tarkins Busenfreund.
Der Notor berichtete: »Ich denke, hier sind wir sicher vor heimlichen Lauschern. Ihr wisst, was ich glaube: Xardrus wurde vergiftet, alle Anzeichen sprechen dafür. Wir müssen nur noch herausfinden, um welches Gift es sich gehandelt hat. Außerdem müssen wir Syr Madhurs habhaft werden. Viele der Befragten haben seinen Namen genannt, als es darum ging, wer ein Interesse an Xardrus' Tod haben könnte. Nach seinem Auftritt auf der Wegburg müssen wir davon ausgehen, dass er als Auftraggeber für den Mord in Frage kommt.«
Syr Aschantus machte einen Vorschlag: »Wir könnten doch alles durchsuchen lassen, vielleicht finden wir bei irgendjemandem das Gift oder Zutaten für die Giftbereitung.«
Der Heiler nickte: »Das ist eine sehr gute Idee. Sprecht am besten selbst mit dem Hochfürsten, und leitet das in die Wege!« Sie verließen den Raum und schlossen die Tür von außen ab.
Ich musste beim Wort »Gift« unwillkürlich an Vivana denken und wäre fast vom Balken in die Tiefe gestürzt, wenn mir nicht Freya in die Rippen gekniffen hätte.
»Wir müssen zurück zu unseren Kameraden!« - »Nochmal durch die Kloake?« - »Ist der einzige Weg!«

Wir fanden unsere Kameraden im Gästezimmer. Der Höhlenschrat hatte sie aus dem Abtritt verscheucht, nachdem sich mehrere Gäste über den Troll beschwert hatten, der die Tür blockiert gehalten hatte. Ich verwandelte mich zurück und gab das Erlauschte weiter. Anneliese stellte fest: »Wenn sie Vivana durchsuchen, werden sie mit Sicherheit jede Menge Phiolen mit giftigem Inhalt bei ihr finden. Sie werden sie verhaften und als Hauptverdächtige behandeln. Wir müssen sie finden, um sie zu warnen!«
»Aber wo steckt sie bloß?«, fragte ich, schulterzuckend. »Leider kann ich mich heute nicht mehr in ein Eichhörnchen verwandeln.« »Lasst uns morgen nach ihr suchen!«, schlug Anneliese vor.


Das Frühstück am nächsten Morgen bestand aus einem Haferbrei und einem Humpen Bier. Der Schrat entschuldigte sich: »Gibt leider nichts anderes, die lassen mich hier ja nicht raus!«
Dann ging die Tür zur Herberge auf und sechs Soldaten stürmten herein. Sie durchsuchten jeden Einzelnen von Kopf bis Fuß und gingen dann alle Zimmer durch. Am Ende der Durchsuchung gab der Ranghöchste der Soldaten bekannt: »Auf Anweisung des Hochfürsten dürfen alle die Herberge verlassen. Auflage ist, dass alle im Bereich der äußeren Burgmauer bleiben, die innere Burg darf nicht betreten werden und die Stadt darf nicht verlassen werden. Zur Abenddämmerung muss wieder in der Herberge eingekehrt werden. Der Heiler und der Notor behalten sich vor, in der Zwielichtstunde eine erneute Befragung durchzuführen.«
Wir besprachen uns mit Syr Deodan. Er glaubte nicht, dass Syr Madhur so weit gehen würde.
»Ich war sein Anführer in der Schlacht gegen die Tekk. Er hat tapfer gekämpft und ist eine ehrliche Haut. Er kämpft mit offenem Visier, so etwas wie Heimtücke ist ihm völlig fremd. Ich kann mir nicht vorstellen, dass er einen Giftmord in Auftrag geben würde.«

Endlich konnten wir die Gaststätte – durch die dafür vorgesehene Tür – wieder verlassen. Wir hatten vor, Vivana und Tarquan zu finden. Wir kamen zur Brücke über den Wassergraben mit dem Aufgang zur Inneren Burg. Hier standen drei Gruppen von schwer bewaffneten Wachsoldaten. Die erste Gruppe trug das Wappen der Regenburg, die zweite das askalonische Rosenschwert und etwas abseits davon eine dritte Gruppe mit dem imbrischen Strahlenkranz im Schilde. Die Imbrier waren in eine angeregte Unterhaltung vertieft und warfen zwischendurch immer wieder misstrauische Blicke in Richtung der Askalonier: »Kein Wunder, dass es Streit zwischen Xardrus und dem Hochfürsten gab. Wie kann man nur so verantwortungslos sein und einen Ogrens mitten in die Stadt führen, nur um sein Bestienkabinett zu bereichern.« Sie verstummten, als sie bemerkten, dass sie aufmerksame Zuhörer hatten. Maluna ging ihnen mit aufreizendem Hüftschwung entgegen. Die Soldaten rissen ihre Augen auf und schienen wie gebannt zu sein von ihrem Anblick. »Ihr stattlichen Männer, sagt, wisst Ihr vielleicht, wo ich meine Freundin Vivana finden kann?«
Zumindest einer der Soldaten hatte seine Sprache wiedergefunden: »Ich kenne keine Vivana, aber ich kann gerne die lange Treppe zur Inneren Burg hochgehen und den Notor fragen. Für Euch tue ich alles.« Nach einer Weile kam er zurück und berichtete, dass er auf Anweisung des Notors keine Auskünfte zu laufenden Untersuchungen geben dürfe: »So gerne ich bei Euch eine Ausnahme machen würde.«
Wir belauschten eine Unterhaltung der Askalonier über Syr Deodan und Syr Xardus. Es musste eine Auseinandersetzung zwischen beiden während der Schlacht im Grünen Kessel gegeben haben. Einer der Soldaten war mit dem Rücken zu uns gekehrt und plauderte gerade: »Der Schlag gegen den General der Tekkarmee hätte Deodan zugestanden, aber dieser Wael hat sich lieber um jemanden anderen gekümmert. Dafür hat dann dieser imbrische Paladin den ganzen Ruhm eingestrichen!«
»Na ja, davon hat er jetzt auch nichts mehr!«, lachte ihm ein anderer Wachsoldat entgegen. Als sie uns bemerkten, blickten sie uns finster an und verstummten sofort. »Von denen wird uns auch niemand weiterhelfen«, bemerkte Widun und wir folgten dem Rundweg um den Wassergraben.
Auf einer der Brücken über einen der kleineren Wasserkanäle, die den gesamten äußeren Burgenring durchzogen, beobachteten wir zwei askalonische Soldaten, die sich gelangweilt auf ihre Speere stützten und gerade über »einen Einäugigen und eine Jujin« sprachen, die heute Morgen »festgenommen wurden«.
Wir fragten einen einfachen Bürger, wo sie die Gefangenen hinbringen. »Ins Gefängnis natürlich! Das ist gleich da drüben!«
Der Gefängniswärter war tatsächlich einverstanden – nachdem ihn Maluna etwas weichgekocht hatte – dass einer von uns kurz mit den Gefangenen sprechen durfte. Tarkin wollte das machen. Als er zurückkam, berichtete er: »Ja, sie haben Vivana und Pferd in Gewahrsam genommen. Sie haben zwei Phiolen mit Gift bei Vivana gefunden und ihr mit dem Galgen gedroht. Vivana meinte, wir sollen ein Buch über Mixturen und Tinkturen suchen, um das Gift herauszufinden, das verwendet wurde. Wir sollen ›Rotfärbung der Haut‹ und ›Heraushängen der Zunge‹ als Giftfolgen nachschlagen. Nur so könne sie vielleicht dem Notor beweisen, dass sie ein solches Gift nicht bei sich hat oder hergestellt haben kann.«
»Na, dann suchen wir mal nach einer Bibliothek«, schlug Anneliese vor. »Oder wir befreien sie, indem ich den Wächter mit einem exotischen Tanz ablenke!«, war Malunas Gegenvorschlag.
Widun schüttelte den Kopf: »Dann haben wir morgen alle den Kopf in der Schlinge! Hier kommen wir nicht unbemerkt wieder raus, auch an den äußeren Stadttoren stehen jede Menge Wachen!«
Tatsächlich fanden wie ein hohes Steingebäude, über dessen Eingang ein Holzschild mit dem Bild einer – nicht sehr kunstvoll gemalten – Eule im Wind schaukelte. An der wurmstichigen Eingangstür hing ein Pergament mit der Aufschrift »Kommet, findet und kostet vom Wissen der Welt! Skia lädt Euch ein!« Die Tür knarrte in ihren Angeln, als wir sie öffneten. Dahinter erwartete uns eine alte Frau mit langen, zu Zöpfen geflochtenen grauen Haaren in einer ebenso grauen Robe. Ein Anhänger mit goldener Eule verlieh ihr etwas Farbe und wies sie als Skia-Anhängerin aus. »Tretet ein, wenn Ihr nach Wissen sucht, hier werdet Ihr fündig! Ich bin Sapienzia Furalis, eine bescheidene Dienerin der Göttin der Weisheit. Wenn Ihr meine Hilfe benötigen oder gar des Lesens gar nicht mächtig sein solltet, könnt Ihr Euch gerne an mich wenden. Meine Augen sind zwar nicht mehr die besten, aber ich beherrsche viele alte Sprachen.«
Ich blickte mich um. Viel hatte diese »Bibliothek« ja nicht zu bieten. Nur einige wenige Bücher in ansonsten leeren, verstaubten Regalen. Anneliese hielt natürlich Ausschau nach magischen Schriftrollen. »Die haben ja hier gar nichts!«, gab sie schließlich enttäuscht auf. Beim Durchstöbern fanden wir einen alten Folianten »Über die Wirkung einiger Kräuter und anderer wohltuender Ding'«. Er enthielt zumindest den Hinweis auf ein ausführlicheres Werk über die Wirkungen und die Herstellung schädlicher Tränke und Substanzia namens »Lexikalische Auflistung der Mixturen, Essenzen und gräulicher Gifttinkturen von Alatrius Mox«. Wir fragten die alte Skia-Priesterin nach dem Werk. »Es könnte sein, dass der Zirkel der Gelehrten eine Abschrift in seinem Präsenzbestand hat. Ihr findet die Halle im nordöstlichen Teil der Festung. Ich muss Euch aber warnen, Fremde werden dort nicht ohne weiteres hineingelassen.«
Nachdem wir uns für die Hilfe bedankt hatten, trat ein merkwürdiger Ausdruck in ihr Gesicht, sie fasste an ihr Amulett und ihre Augäpfel verschwanden fast hinter den Oberlidern: »Einige von Euch tragen unmenschliches Blut in sich! Habt Obacht und wandelt mit offenen Augen, denn Euer Blut weckt Begehrlichkeiten bei den Mächtigen!«
Dann hatte sie plötzlich wieder den gleichen müden Ausdruck im Gesicht wie zuvor. Als wir nachfragten, was ihre Worte zu bedeuten hätten, tat sie so, als ob sie gar nicht wüsste, wovon wir sprachen. »Unheimlich. Schnell raus hier!«, dachte ich bei mir.

Auf dem Weg zur Halle der Gelehrten meinte ich Lorgrim gesehen zu haben, wie er zwischen den Häusern verschwand. Er hatte ein Talent dafür, unbemerkt zu bleiben.

Im nordöstlichen Teil der Stadt befand sich ein großer Platz, an dessen Ende ein hohes Fachwerkhaus aus zwei großen, verbundenen Gebäudeteilen stand. Davor wehten sieben Banner in verschiedenen Farben im Wind. Der Eingang wurde von einer riesigen Tür aus Ebenholz verschlossen, in die in Form einer Pyramide die verschiedenen Ebenen der Erkenntnis eingeschnitzt waren: Auf der untersten Stufe »Schreib-, Lese- und Rechenkunst«, auf der zweiten »Sprachen, Redekunst, Handel- und Rechtskunde«, auf der dritten »Kriegskunst und Historie«, auf der vierten »Alchimie und die Lehre vom Übernatürlichen«, auf der fünften »Heil-, Gift- und Kräuterkunde«, auf der sechsten »Baukunst und Taktik« und auf der obersten die »Götterlehre«.
Ich klopfte mehrmals an die massive Tür, aber es tat sich nichts. Dann trat ich zurück und ließ Urota sein Glück probieren. Die Tür brach fast aus ihrer Verankerung, als der Troll dagegen hämmerte.
Endlich wurde ein Riegel weggezogen und ein alter Mann schaute heraus. Er hatte sehr viele Falten unter den Augen und schneeweiße, buschige Augenbrauen. »Was ist Euer Begehr?«, krächzte er und wartete knotternd auf eine Antwort. »Wir suchen nach einem speziellen Buch!«, erwiderte Widun. Der Alte schien schwerhörig zu sein, da er seine Hand zu einem Trichter formte und sie an das uns zugewandte Ohr hielt. »So einen Schweinkram führen wir hier nicht!«, war die überraschende Antwort des Alten und er schlug die Tür wieder zu.
Urota klopfte erneut, diesmal öffnete sich nur ein kleines Fenster in der Tür, durch das der Alte seinen Kopf hinausstreckte und fragte: »Ich habe zahlreiche Augen und mehrere Gesichter, doch weder Arm noch Bein, sagt mir, was kann ich nur sein?«
»Ein Würfel!«, schrie ich ihm ins Ohr. Der Alte zog seinen Kopf zurück und - schloss uns die Tür auf. »Kommt rein, ich sehe ihr gebt nicht so schnell auf und seid würdig, die Halle der Gelehrten zu betreten. Ich bin Notor Naharun, man nennt mich den ›Erfahrenen‹. Ihr sucht ein Buch, na dann folgt mir einmal in unsere Halle der Bücher.« Er zündete eine Laterne an und trippelte uns voraus.
Wir kamen durch einige Räume, die mit zahlreichen absonderlichen Gerätschaften, Glaskolben mit verschiedenfarbigen Flüssigkeiten und reichlich verzierten Büchern gefüllt waren. An einigen Tischen standen Männer und Frauen, die im Lichte seltsam leuchtender Elixiere merkwürdigen Tätigkeiten nachgingen.
»Was sagtet Ihr? Welches Buch sucht Ihr?« - »Ein Werk von Alatrius Mox über Mixturen und Tinkturen.« Der Notor kratzte sich am Ohr, überlegte einen Moment und ging dann zu einem der riesigen Bücherregale. »Wir haben eine Ausgabe davon hier. Ich weiß jedoch nicht, ob unsere Abschrift vollständig ist. Mal sehen ...« Er zog einen großen Folianten aus dem mittleren Regal. »Das müsste es sein: ›Lexikalische Auflistung der Mixturen, Essenzen und gräulichen Gifttinkturen von Alatrius Mox‹, leider steht hier ›unvollständige Abschrift‹.«
Wir setzten uns an einen der Tische und Freya begann das Lexikon Seite für Seite durchzublättern. Wir fanden einen Index, der nach Giftfolgen unterteilt war. »Hier ist es: Unter Rotfärbung der gesamten Haut. Giftname: Bitteressenz, Gewinnung aus dem angesäuerten Destillat eines wässrigen Auszugs aus Bitterknollen. Sehr flüchtig, tötet bei Einnahme, Einatmen oder Berührung durch Atemstillstand, Tod durch Ersticken, typische Zeichen sind eine Rotfärbung der Haut und eine heraushängende Zunge. Das Kapitel über Gegengifte fehlt in dieser unvollständigen Abschrift leider.«

Wir bedankten uns bei Naharun und verließen die Halle der Gelehrten, um schnurstracks zum nächsten Notor zu eilen. Die Wachen ließen uns diesmal sofort durch und Fjalgur begrüßte uns freundlich. »Ihr habt unsere Gefährten Vivana und Tarquan verhaftet. Wir können beweisen, dass sie nichts mit dem Mord zu tun haben. Wir waren in der Halle der Gelehrten und haben herausgefunden, dass ›Bitteressenz‹ die gleichen Vergiftungszeichen verursacht, wie sie Syr Xardrus aufwies: die Rotfärbung der Haut und das Heraushängen der Zunge!«, berichtete Tarkin.
Der Heiler trat in den Raum. »Ihr habt recht, auch Wael ist zum gleichen Schluss gekommen. Bei Bitteressenz handelt es sich um ein sehr flüchtiges Gift, das aber einen typischen Geruch hat. Wir haben den Wein von Syr Xardrus untersucht, konnten aber keine Giftspuren mehr entdecken. Möglicherweise war nur ein Hauch davon am Rande seines Kelches.« Der Heiler nickte bestätigend.
Tarkin forderte: »Dann lasst Vivana und Tarquan frei, sie haben nichts mit dem Mord zu tun.«
Der Notor winkte einen Wachsoldaten herbei: »Holt die beiden aus dem Gefängnis und bringt sie hierher.«
Der Heiler setzte an: »Wir haben tatsächlich keine Bitteressenz bei eurer Gefährtin entdeckt. Die Herstellung des Giftes ist sehr schwierig und viele haben beim Versuch seiner Herstellung schon Mortarax begrüßt. Wir haben jedoch einen neuen Verdächtigen festgenommen. Einen Alchimisten, der mit einer Gruppe, die sich als ›Rote Klingen‹ bezeichnet, hierher gekommen ist. Er hat noch am ehesten die Fertigkeit, ein solches Gift herzustellen.«
Der Notor legte Wael sanft eine Hand auf die Schulter: »Wir haben versucht auch der anderen Mitglieder habhaft zu werden, insbesondere der Anführerin Galinea, die ja den Buhurt gewonnen hat, konnten sie aber nicht aufspüren. Sie muss sich irgendwo im Bereich der äußeren Burg versteckt halten!«
Der Wachsoldat führte Vivana und Pferd herein. Wir drückten unsere Gefährtin, die sehr erleichtert wirkte: »Ich habe schon vom Galgen geträumt und wie Krähen auf mir landen, um mir die Augen auszupicken.« Sie schaute ihren Geliebten an – dem ein Auge fehlte: »Entschuldige.«
Pferd zuckte nur mit den Schultern und fragte in die Runde: »Wer ist den nun der Mörder?«
Fjalgur machte einen Vorschlag: »Syr Deodan hält sehr viel von Euch und schwärmt von Eurer Tapferkeit in der Schlacht gegen die Ul'Hukk. Wenn ihr gewillt seid, uns bei der Suche nach dem Mörder zu helfen, dürft ihr Euch hier frei bewegen. Vielleicht habt ihr ja mehr Erfolg und könnt diese Galinea aufspüren.«
Wir waren einverstanden und verließen das Gebäude im Bereich der Inneren Burg.

»Wir sollten den Alchimisten befragen, vielleicht können wir von ihm mehr erfahren«, schlug ich vor. Ich durfte ihn in seiner Zelle aufsuchen. Der junge Gelehrte saß vornübergebeugt auf der Pritsche und blickte erst auf, als die Gittertür geöffnet wurde.
Notor Gulim hatte uns den jungen Mann auf der Wegburg kurz vorgestellt.
»Hallo Lyr«, begrüßte ich ihn, »wir glauben nicht, dass Ihr etwas mit dem Tod des Paladins zu tun habt. Wir sollen dem Notor und dem Heiler dabei helfen, den wahren Täter zu finden.«
Dem jungen Mann huschte ein Lächeln übers Gesicht: »Ich danke Euch, Faun. Ich hätte nicht gedacht, dass mich meine Ausbildung einmal in eine Kerkerzelle führt. Ich schwöre bei meinem Ziehvater Gulim, dass ich unschuldig bin.«
»Könnt Ihr uns verraten, wo sich Galinea aufhält? Vielleicht kann sie uns dabei helfen, Eure Unschuld zu beweisen«, fragte ich ihn.
»Als sie kamen, um uns zu ergreifen, teilten wir uns auf. Sie sagte mir nur, dass sie sich im Handwerkerviertel verstecken würde. Sie ist eine Verwandlungskünstlerin, müsst Ihr wissen.«
Ich versprach ihm, dass wir ihn unterstützen würden und verließ das Gefängnis. Maluna unterhielt sich immer noch mit dem Gefängniswärter, den sie sichtlich in ihren Bann gezogen hatte.

Die Sonne war schon unter dem Bollwerk der äußeren Ringmauer verschwunden, als wir uns auf den Weg ins Handwerkerviertel machten. Wo sollten wir nach ihr suchen? Sie konnte überall sein. Die engen, verwinkelten Gassen boten viele Zufluchtsorte. Plötzlich schlug Urota an: »Ich rieche Frau – ungewaschen!«
Und tatsächlich hinter einer Kiste in der Ecke einer dunklen Gasse saß zusammengekauert eine Bettlerin. Sie hatte die Kapuze ihres dreckigen Umhangs tief ins Gesicht gezogen. »Galinea?«, trat ich näher. Die Bettlerin rührte sich nicht.
»Ihr braucht Euch vor uns nicht zu verstecken, wir versuchen nur Eurem Alchimisten zu helfen.«
Die Bettlerin sprang auf und zog einen Dolch unter ihrem Umhang hervor. Sie fauchte wie eine Katze und beschimpfte uns in der Gossensprache: »Verschwindet, ihr Pisser! Lasst mich in Ruhe!«
Plötzlich wurde ihr die Kapuze nach hinten gerissen und ihr rotes Haar leuchtete im Schein der Abendsonne. Vivana hatte sich geschickt hinter sie geschlichen. Bevor sie sich umdrehen und mit ihrem Dolch etwas Unüberlegtes tun konnte, hatte sie Saradar am Handgelenk gepackt.
»Hab Dich schön aufs Kreuz gelegt, Barbar!«, raunte sie Saradar an.
Widun bemühte sich, die Situation zu beruhigen: »Galinea, wir haben wirklich vor, Lyr zu helfen. Er ist der Ziehsohn unseres Freundes Gulim, des Notors der Wegburg. Auch Vivana und Tarquan hier hatten sie fälschlicherweise verhaftet und ihnen mit dem Galgen gedroht. Helft Ihr uns dabei, Lyrs Unschuld zu beweisen, indem wir den wahren Mörder finden?«
Galinea hatte sich abgeregt: »Ja, natürlich, entschuldigt. Ihr seid Torans Freunde, warum sollte ich Euch nicht vertrauen! Auch wenn Toran manchmal über Leichen geht … zumindest das Leben von Unschuldigen aufs Spiel setzt, um seine waghalsigen Unterfangen durchzuziehen. Ich kann Euch aber versichern, dass die Roten Klingen sicherlich kein Interesse am Tod eines imbrischen Paladins haben. Lyr hat kein Gift hergestellt, und wir haben mit dem Tod des Graufuchses nichts zu tun!«

Wir hörten schnelle Schritte durch die Handwerkergasse hallen und drehten uns instinktiv um. Zwei Stadtwachen hatten uns bemerkt und kamen auf uns zu geeilt. Einer von ihnen berichtete uns, ohne Atem zu holen: »Der Heiler wurde ermordet! Ihr sollt sofort zum Notor kommen! Er wartet in der Gaststätte ›Zum braunen Tropfen‹ auf Euch!«
Ich blickte mich um – Galinea, die Verwandlungskünstlerin, war verschwunden.

Wir folgten den Stadtwachen schnellen Schrittes. In einer der Gassen sah ich Lorgrim hinter einer Ecke verschwinden.
»Was diesen Jujin wohl umtreibt? Ein seltsamer Charakter. Ob er etwas mit den Morden zu tun hat?«, ging es mir durch den Kopf.

Als wir in die Gaststätte eintraten, sahen wir Fjalgur unruhig und aufgelöst im Schankraum auf und ab gehen. Mit tränenfeuchten Augen wandte er sich uns zu:
»Wael, mein lieber Wael! Der unschuldige und stets freundliche Heiler unserer Burg wurde ermordet!«
»Wieder mit dem Gift?«, fragte Tarquan.
»Nein«, stieß der Notor hervor, »kaltblütig mit einem Dolchstoß in den Rücken! Ich vertraue Euch, drei von Euch begleiten mich zum Ort des Verbrechens. Vielleicht seht ihr mehr als ich, ich bin zu mitgenommen.«
Er schluchzte und drehte sein Gesicht weg.

Vivana, Freya und ich folgten ihm nach kurzer Beratung. Im Fackelschein stiegen wir die Stufen zur Inneren Burg empor. Die Kammer des Heilers lag in einem der schönsten Gebäude der Regenburg. Die Wände und die Decke waren mit edlem Holz vertäfelt. An den Wänden hingen seltsame Werkzeuge, die dem Heiler wohl als Instrumentarium für seine Operationen dienten. Auf einem Tisch in der Ecke standen zahlreiche Phiolen mit verschmierten Etiketten. In der Mitte des Raums stand ein hoher Holztisch, auf dem wahrscheinlich die Kranken zu liegen kamen. Unter dem Tisch – eine riesige Blutlache. Diese stammte jedoch nicht vom letzten Kranken, der dem Heiler unter das Messer geraten war, sondern von diesem selbst. Er lag bäuchlings neben seinem Operationstisch, das Blut war aus einer klaffenden Wunde an seinem Rücken ausgetreten. Sein blutbesudeltes Nachthemd war an der Tischkante hängen geblieben, sodass sein Körper halb entblößt auf dem nackten Stein lag. Deutlich konnte ich die Stichwunde sehen.
»Der Täter hat wahrscheinlich einen Dolch benutzt, der Stichkanal ist außen breiter als innen – und er hatte Ahnung, wie man das Herz von hinten erwischt«, stellte Vivana scharfsinnig fest. Freya hatte ihre Augen geschlossen und die Hände seitlich erhoben.
»Ich kann weder eine dämonische Präsenz noch einen Fluch spüren«, stellte die Wichtelpriesterin fest. Der Notor war mit starrem Blick im Türrahmen stehen geblieben. Seine Beziehung zu Wael musste wohl sehr innig gewesen sein. Waren sie vielleicht gar ein Paar gewesen?
Vivana hatte sich unterdessen über den Kopf des Heilers gebeugt und sich etwas Luft zugefächelt.
»Kein Bitterknollengeruch, Gift hat hier wohl keine Rolle gespielt.«
Auf einem der Pulte lag ein Buch. Freya zog sich an dessen langem Buchzeichen nach oben.
»Die gräulichen Gifttinkturen von diesem Alatrius Mix.« Sie blätterte durch die Seiten: »Und dieses Exemplar scheint vollständig zu sein … bis auf eine Seite, die hat jemand herausgerissen!« Sie schaute im Index nach und fand heraus, dass es die Seite mit dem Gegengift gegen Bitteressenz war, die fehlte.
»Da, am Rand der Blutlache, ein Stiefelabdruck!«, rief ich aus. Fjalgur war wegen meines Aufschreis zusammengezuckt und aus seiner Lethargie erwacht. Er trat zur Spur und musterte sie.
»Sieht aus, als ob sie von einem Soldatenstiefel stammt.«
Ich warnte den Notor vor, bevor ich meine Wolfgestalt annahm. Er schien durch den Tod seines Freundes so mitgenommen zu sein, dass er von meiner Verwandlung kaum Notiz nahm.
Ich schnüffelte an der Leiche und dann am Stiefelabdruck. Ich versuchte die Witterung aufzunehmen, doch der durchdringende Blutgeruch im Raum überdeckte alles.

»Ihr seid frei Euch in den Räumen und Gebäuden der Inneren Burg umzusehen, vielleicht könnt ihr weitere Spuren entdecken«, erklärte uns Fjalgur, während er sich eine Träne von der Wange strich. Wir traten auf den Flur hinaus und berieten gerade, wie wir uns aufteilen sollten, als ein Schrei und dann lautes Fußgetrappel von den Steinwänden wiederhallten.

Sonntag, 10. Februar 2019

Der letzte Tanz - Kapitel 9: Die weinende Braut

Widun hatte noch am Abend ein Geschenk besorgt. Er sei – leicht angetrunken - in einen nahe gelegenen Wald gegangen und habe Mnamn um eine Gabe gebeten. Dann sei ihm ein Wildschwein über den Weg gelaufen, das er mit dem gezielten Wurf seines Bierkruges erlegt habe. Das war zumindest die Geschichte, die er uns auftischte, nachdem er mit der großen Wildsau über den Schultern in die Gaststätte gekommen war und sie auf den Tisch geworfen hatte.

Wir hatten den Rat des Waffenmeisters befolgt und waren am nächsten Morgen nackt in den Fluss gesprungen, um den Dreck vom Turnier und den Stallgeruch loszuwerden. Ich hatte die Druidenrobe ausgewaschen und die Löcher gestopft. Sie sah schon wieder ganz manierlich aus. Auch meine Mitstreiter hatten sich herausgeputzt.
Wo waren eigentlich Vivana und Tarquan? Wie sich herausstellte, hatte Tarquan die Nacht in einem Lazarettzelt zugebracht, wegen der Prellungen hatten sie ihm ein starkes Schmerzmittel geben müssen. Mittlerweile konnte er aber schon wieder richtig durchatmen. Vivana und er wuschen sich rasch in der Pferdetränke und legten frische Gewänder an. Zum Bedauern Tarquans ließ sich Vivana nicht dazu überreden, ein richtiges Kleid anzulegen: »Nicht mein Stil«, war ihr Kommentar.
Die Mittagsstunde nahte und wir machten uns auf den Weg zur Regenburg.
Wir mussten dazu den Fluss Regenarm überqueren. Die Wachen hatten die Zugbrücke heruntergelassen und kontrollierten, wer da durch die äußere Burgmauer hinein wollte. Wir wurden direkt durchgewunken – trotz oder gerade wegen des Hügeltrolls mit geschultertem Wildschwein.

Nach dem Durchschreiten des Burgtores bot sich uns ein prächtiger Anblick. Die Innere Burg thronte auf einem hohen, schroffen Felsen, an dessen Flanken sich das Wasser aus dem Reservoir auf dem Turm in Form hunderter filigraner Wasserfälle in die Tiefe ergoss. Alles funkelte und blitzte im Licht der Vormittagssonne. Die Wassertropfen erzeugten herrliche Regenbögen, es sah alles zu schön aus, um wahr zu sein. Um den Felsen herum war ein ringförmiger Wassergraben, der nur an einer Stelle überquert werden konnte. Vom kleinen Brückentor am Fuße des Felsens aus schlängelte sich eine breite, in den Fels geschlagene Straße bis zum Felsplateau nach oben. Nach Durchschreiten des Tores bot sich uns ein weiterer, unglaublicher Anblick. Im Innenhof der Inneren Burg war ein Teich, der das Sonnenlicht spiegelte und auf dem zahlreiche Schwäne trieben. Um ihn herum standen mehrere, uralt wirkende Bäume, die mit ihren Blättern den Rand des Teichs beschatteten und deren Wurzeln an den inneren Burgmauern hochgewachsen waren. Zwischen den Bäumen standen Schreine, die den Guten Göttern gewidmet waren. Inmitten dieser Idylle befand sich ein reich verzierter, steinerner Altar, vor dem sich die hohen Gäste bereits eingefunden hatten. Ich erkannte die Paladine Syr Xardrus und Syr Aschantus. Ein dicker Alunpriester und eine Ianna-Druidin in herrlicher grünbrauner Robe blickten zusammen mit dem Bräutigam Syr Zaran erwartungsfroh zum innersten Turm, dem Regenturm, empor, der im Zentrum der ganzen Anlage thronte. Urota wurde freundlich aber bestimmt angewiesen, die Wildsau bei den übrigen Geschenken abzulegen.
Der Alunpriester Lysandus.
Ein Höfling wies uns unsere Plätze zu, von wo aus wir bedächtig der Vermählungszeremonie folgten. Ein Lächeln huschte über Zarans Mund, als er seine Braut erblickte, die von ihrem Vater, dem Hochfürsten, vorsichtig die Stufen vom Regenturm hinuntergeführt wurde. Der Priester und die Druidin begannen mit Wünschen an die Götter für das Brautpaar. Dann mussten Zaran und Firnja vor den Augen der Völker und der Götter ihre Liebe zueinander beteuern. Zur Huldigung Aluns mussten sie für einen Moment dem blendenden Glanz der Sonne standhalten und dann gemeinsam einen Sprössling zu Ehren der Erdmutter pflanzen. Besiegelt wurde die Vermählung durch einen langen – leidenschaftlichen Kuss. Danach brandete lautes Handgeklapper auf und das Paar konnte sich vor Beglückwünschungen kaum retten. Es wurden Gläser verteilt und Wein ausgeschenkt, sodass alle auf das Wohl des Paares zu Ehren Mnamns anstoßen konnten, dessen Segen sie sich für die folgenden Feierlichkeiten wünschten.
»So folget mir nun alle in die hohe Halle zum Schmausen und fröhlichen Tanze!«, lud uns der Hochfürst ein.

Auch hier wurde uns ein Platz zugewiesen, der eher etwas entfernt vom Geschehen lag. Zur Vorspeise gab es eine duftende Suppe, gefolgt von einer würzigen Pfefferpastete mit Speckscheiben. Dann folgten gebratener Schwan in Rahmsoße und Rinderbraten mit Grünem. Als Nachtisch wurden Sahnekuchen und blauer Pudding gereicht.

Jetzt war die Zeit für den Vermählungstanz gekommen. Das Brautpaar ging mutig voran. Mit all den guten Sachen im Bauch konnte ich mich kaum bewegen, geschweige denn war ans Tanzen zu denken. Das Brautpaar schien sich zurückgehalten zu haben. Sie schwebten verliebt über die Tanzfläche und nach und nach fiel die askalonische und imbrische Verwandtschaft mit ein.

Sogar Graufuchs Xardrus schwang das Tanzbein mit einer Brautjungfer im Arm.
Die geistreichen Getränke hatten die Zungen und gelockert und Völkerunterschiede verschwinden lassen. Selbst Aschantus und Tarkin hatten miteinander angestoßen und auf Bruderschaft getrunken.

Vor dem abschließenden Mahl wagten Zaran und Firnja einen letzten Tanz. Eng umschlungen, müde von den vielen geistreichen Getränken, tanzten bis zur Mitternachtsstunde. Syr Xardrus durfte als Ehrengast den letzten Trinkspruch vorbringen. Er erhob sich von seinem Ehrenplatz zur linken des Hochfürsten und bat mit einem Handzeig um Ruhe. Er musste sich mit seiner linken am Tisch abstützen, der viele gute askalonische Wein musste ihm doch zugesetzt haben. Als er seine Stimme erhob, war davon allerdings nicht zu bemerken: »Es gibt nichts Schöneres auf dieser vom heiligen Licht unseres hohen Herrn erhellten Welt als die Liebe, die sich zwei Menschen schenken können, in Frieden. Um so schöner ist es, wenn diese Liebe Völker vereint und wir uns stärker erheben können gegen alle Feinde, die die Finsternis in unsere Lande und unsere Herzen bringen wollen. Ich erhebe meinen Kelch auf Euch, wunderschöne, ehrbare Fürstin Firnja und Euch, edelmütiger und tapferer Syr Zaran, auf dass Euch Alun allzeit sein Licht sende! Auf Euch!«
Syr Xardrus, der hohe imbrische Paladin des Lichtgottes.
Er nahm einen tiefen Schluck aus seinem Kelch – jeder in der Halle, der ein Glas oder einen Kelch hatte, folgte seinem Beispiel. Vorsichtig nahm der hohe Paladin wieder Platz, fast hätte er sich neben seinen Stuhl gesetzt. Der letzte Schluck schien einer zu viel gewesen zu sein. Unvermittelt kippte Xardrus nach vorne und schlug mit seinem Kopf hart auf den Tisch. Firnja sprang erschrocken auf – ihr Schrei ließ alle bestürzt nach vorne blicken. Der Hochfürst winkte Wael herbei, der den Puls des Paladins zu tasten versuchte. »Er ist tot!«, rief er bestürzt, packte ihn an den Beinen und hievte ihn auf den Tisch. Der alte Paladin war natürlich in seiner verzierten Garderüstung erschienen. Nachdem sie ihm mühsam die Brustplatte abgenommen hatten, versuchte Wael vergeblich, ihn durch rhythmisches Drücken wiederzubeleben. Auch ein Gebet der Ianna-Druidin kam zu spät. Schließlich trat ein Mann im Gewand eines Notors an den Tisch. Er betrachtete den Toten und flüsterte dem Hochfürsten etwas ins Ohr. Dieser wies daraufhin die Wachen an, die Türen der hohen Halle zu verschließen.

Ich blickte mich um: wohin ich auch sah, erschrockene Gesichter, Tränen in den Augen der Frauen und Schweiß auf der Stirn der Männer, Schluchzen und Gejammer. Welch traurige Wendung hatte diese fröhliche Feier genommen. Zaran geleitete seine Gemahlin mit gezücktem Schwert aus dem Festsaal. Auch ihr kullerten Tränen über die Wangen. Ich blickte mich um. Syr Wunnar hatte sich neben mich gesetzt und nippte nervös aus seiner flachen Schnapsflasche, die er immer um den Hals trug. Am anderen Ende unseres Tisches sah ich Lorgrim, den stillen Wanderer, der ebenfalls einen beunruhigten Eindruck machte. Aber wer tat das nicht im Moment? Am Ende der Tafel des Hochfürsten saß Syr Deodan, der vom Lanzenstechen einige Blessuren mitgenommen hatte. Auch die übrigen Ritter des Turniers saßen an den Tischen in der Nähe des Hochfürsten.

Ich konnte Vivana und Tarquan nicht sehen, sie mussten sich scheinbar schon vor dem Nachtmahl davongestohlen haben. Ich wollte mehr erfahren und ging mit Widun nach vorne. Da lag er, der alte Paladin. Seine Haut war seltsam rot verfärbt und seine Zunge hing ihm aus dem Mund. Der Heiler Wael und der Notor – Fjalgur, wie ich aus den Gesprächen erfuhr – untersuchten gerade den Leichnam. Sie versuchten Arme und Beine des Toten zu bewegen, doch waren diese scheinbar zu steif dafür. »Leichenstarre, so schnell, das ist höchst seltsam!«, hörte ich den Notor flüstern.

Die Wachen führten auf Anweisung des Waffenmeisters Radex die Gäste in Gruppen aus der hohen Halle hinaus. Die Ehrengäste wurden in der Inneren Burg untergebracht, während wir zu einem Schlafsaal in einem Gasthaus der unteren Regenburg geleitet wurden. Vier askalonische Wachen blieben vor der Herberge postiert. Dank des vielen Weins schliefen wir rasch ein. Der Blasendruck - oder waren es Albträume - ließen mich in der Nacht jedoch mehrmals wach werden und den Abtritt aufsuchen. Irgendwann fiel ich dann aber doch in einen flachen Schlaf.

Die rot-goldenen Strahlen der Morgensonne hatten mir wohl an der Nase gekitzelt, denn ich wurde wach durch einen Niesenanfall. Urota lag noch im Bett, drehte sich auf die andere Seite und gab grunzende Schnarchlaute von sich, seine Beine hingen weit über die Bettkante hinaus. Mittlerweile hatte ich mich daran gewöhnt, in einem trollischen Sägewerk zu übernachten. Ich sprang aus dem Bett und streckte mich. Auf dem Weg zum Abtritt kamen mir Anneliese, Freya und Maluna entgegen, die sich bereits im Frauen-Waschraum frisch gemacht hatten und ins Zimmer nebenan gingen. Vom Treppenabsatz aus hörte ich Widuns markante Stimme, der mit dem Wirt über eine Bierweihe verhandelte, damit dieser das Gebräu noch teurer würde verkaufen können. Zurück im Zimmer machte Saradar Liegestütze. »Von nichts kommt nichts!«, war sein Kommentar als ich wohl einen Moment zu lange seinen muskulösen Rücken bewundert hatte. Auch Tarkin war nicht faul und machte Klimmzüge an einem Querbalken. »Als Ritter ist körperliche Ertüchtigung unheimlich wichtig!«, erklärte er mir schnaufend.
Ich sah auf mein Bäuchlein – nun ja, nach dem festlichen Mahl gestern musste ich es jetzt wohl eher »Wamst« nennen - hinab und entschloss, auch ein paar Übungen zu machen – wenn nicht Widun gerade von unten zum Frühstück gerufen hätte.

Wir waren im »Braunen Tropfen« untergekommen, einem rustikalen Gasthaus mit einem dutzend Gasträumen. Der Schankraum war voll. Widun stellte uns dem Höhlenschrat vor, der hinter der niedrigen Theke stand: »Darf ich Euch vorstellen, das ist Farenn, genannt ›Donnerhorn‹. Ich habe heute Morgen bereits sein Bier gesegnet und er hat mir einige Geschichten über die Schluchtenstadt der Höhlenschrate erzählt. Ich muss da unbedingt einmal wieder hin. Nicht dass sie dort noch Mnamn abtrünnig werden!« Der Wirt lachte bei diesen Worten: »Glaube ich kaum, mein lieber Widun. Solange es Bier auf der Welt gibt, muss sich Mnamn keine Sorgen machen!«
»Sagt, Ihr Kerle und Weiber aus dem Bund aus – Rotz und Wasser?«, sah der Wirt fragend in die Runde. »Blut und Feuer!«, korrigierte ihn Tarkin scharf. »Schlimm, was da gestern vorgefallen ist, aber von uns hat sicher keiner geheult!« Widun versuchte den Kobold zu beruhigen: »Farenn hat eine etwas derbe Art von Humor, nimm es ihm nicht übel.«
Der Höhlenschrat mit seinen asymmetrischen Hörnern war neugierig: »Was ist da gestern eigentlich vorgefallen? Die Soldaten wollen nicht so recht damit rausrücken.«
Widun beugte sich über die Theke und flüsterte: »Also ich glaube ja, der alte Paladin hat ein falsches Bier getrunken, war bestimmt nicht gesegnet! Ist einfach so vornüber gekippt, konnten nichts mehr machen. Wenn Du mehr erfährst ...« Farenn nickte: »Ja, ja, wenn ich was Neues höre, lasse ich es Dich wissen. Wie sieht es aus, Blut-Bund? Etwas Blutwurst zum Frühstück?«
Tarkin schüttelte den Kopf: »Nein, aber ich hätte gerne ein Dünnbier.« Für einen Silberling wanderte Besagtes über die Theke.

Ich schaute mich im Schankraum um. Am runden Holztisch vor mir spielten ein paar imbrische Gäste »Spinnen und Zyklopen«, ein Würfelspiel, um sich die Zeit zu vertreiben. In einer Ecke erkannte ich Syr Deodan, der mit zwei seiner Soldaten am Tisch saß. Als er uns sah, winkte er uns zu sich.
»Das war Mord! Syr Xardrus war ein frommer Anhänger Aluns und einer der höchsten Paladine des Reiches, nie hätte ihn der Lichtgott vor seiner Zeit abgerufen!«, ereiferte sich der Ritter.
Tarkin sah ihn fragend an: »Aber wie? Mit Gift?«
»Das weiß ich nicht!«, zuckte Deodan mit den Schultern. »Selbst wir stehen jetzt unter Stubenarrest, nur zu gerne würde ich herausfinden, was genau passiert ist und wer dahintersteckt!«
»Habt Ihr denn irgendeinen Verdacht?«, wollte ich wissen.
»Ich denke jeder käme in Frage, der ein Interesse daran hat, das Verhältnis zwischen Imbrien und Askalon zu stören. Ein Mord an einem hohen imbrischen Paladin während der Vermählungsfeier auf der Burg eines der wichtigsten askalonischen Hochfürsten! Mir fällt gerade ein, dass der Hochfürst und der Graufuchs noch auf der Wegburg einen heftigen Streit hatten, ich kann mich leider nicht mehr an den genauen Grund erinnern. Aber vor dem Turnier schienen sie sich ja wieder versöhnt zu haben.«

Syr Deodan ereiferte sich wieder: »Und ich muss hier untätig rumsitzen! Stehe ich etwa auch unter Mordverdacht?«, rief er in Richtung des Wachsoldaten, der gerade für seine Kameraden ein Frühstück beim Wirt holte. Saradar stellte sich ihm in den Weg: »Sagt, wisst Ihr, wo unsere Freundin Vivana untergebracht wurde?« Der Soldat sah eingeschüchtert aus, zumal er sich mit den vier Bierkrügen und zwei langen Broten unter den Armen nicht hätte wehren können.
»Ich weiß nichts von einer Jujin, und wenn, dürfte ich Euch nichts sagen!« Der Soldat versuchte, den Barbaren links anzutäuschen, um dann rechts an ihm vorbeizukommen. Keiner hatte ihm gesagt, dass Vivana eine Jujin-Vergessene war, er wusste sehr wohl etwas!
Urota war zur Stelle, packte den Soldaten von hinten am Schlafittchen und hob ihn mitsamt Bier und Broten in die Höhe, sodass seine Füße Luftschritte machten. Die drei anderen Soldaten vor der Tür hatten wohl mitbekommen, dass es drinnen Ärger gab und kamen mit Hellebarden im Anschlag ins Gasthaus.
Der Höhlenschrat war plötzlich sehr aufgeregt und rief: »Heh, Troll, lasst den Wachsoldaten runter, die befolgen doch auch nur ihre Befehle!«
Saradar nickte Urota zu und dieser ließ den Soldaten wieder runter – nicht ohne ihm ein Brot und ein Bier abzunehmen. Nach zwei Bissen war das Brot im Mund des Trolls verschwunden und nach zwei Zügen aus dem Bierkrug hinuntergespült. Die Wachsoldaten wagten nicht zu protestieren und verließen eiligst wieder die Herberge. Wir hörten, wie die Tür von außen verriegelt wurde.
»Vielen Dank, jetzt sind wir hier völlig eingeschlossen!«, schimpfte Donnerhorn. Jetzt wurde mir klar, warum er diesen Spitznamen hatte.
Syr Deodan winkte uns wieder zu sich und tuschelte verschwörerisch: »Ich habe eine Idee, wie wir an Hinweise gelangen können. Wir bräuchten nur jemanden, der klein genug ist, um hier unbemerkt rauszuschlüpfen.« Sein Blick wanderte dabei zwischen Tarkin, Anneliese und Freya hin und her. »Die Wachen haben die Fenster sicher im Blick. Es muss noch einen anderen Weg aus der Gaststätte hinaus geben!«

Draußen wurden die Riegel wieder beiseite geschoben. Der dicke Heiler Wael und der Notor Fjalgur in seiner dunkelblauen Robe betraten das Gasthaus in Begleitung der vier Wachsoldaten.
Alle Gäste wurden angewiesen, auf ihre Zimmer zu gehen. Sie wollten die einzelnen Gruppen nacheinander in einem Nebensaal des Schankraums zum Todesfall befragen. Als wir an der Reihe waren, fragte uns Fjalgur zunächst, wer wir seien und warum wir hier wären. »Wir sind der ›Bund aus Blut und Feuer‹ und auf Einladung des Hochfürsten wir, da wir in der Schlacht an der Wegburg an seiner Seite gegen die Tekk-Invasoren gekämpft haben.« Fjalgur fuhr mit seiner Vernehmung fort: »Habt Ihr etwas Verdächtiges bemerkt? Habt Ihr eine Idee, wer ein Interesse daran haben könnte, Xardrus zu ermorden?« - »Also war es doch Mord?«, warf Tarkin ein. Der Notor ignorierte ihn einfach. »Vielleicht jemand, der einen Keil zwischen Askalonier und Imbrier treiben will? So einer wie dieser Syr Madhur«, merkte ich an.
»Die Befragungen werden vielleicht noch ein paar Tage dauern, solange müsst Ihr mit dieser Gaststätte vorlieb nehmen. Falls sich weitere Fragen auftun, weiß ich ja, wo ich Euch finden kann!« - »Tage?«, fragte Saradar erbost. »Ich bleibe doch nicht in dieser Gaststätte hocken, während die Ul'Hukk schon wieder ihren nächsten Angriff aushecken!« Wael versuchte ihn zu beruhigen: »Sobald wir alle befragt haben, könnt ihr die Gaststätte verlassen und Euch in der Stadt frei bewegen.« »Wisst Ihr vielleicht etwas über den Verbleib unserer Jujin-Freundin Vivana?«, fragte ich. Die beiden Ermittler sahen sich schweigend an, ließen meine Frage unbeantwortet, erhoben sich dann von ihren Plätzen und ließen uns von den Wachen wieder auf unsere Zimmer bringen. Deodan wurde die Treppe runtergeführt. Ich konnte ihm ansehen, dass er nur darauf wartete, jemandem mal so richtig die Meinung sagen zu können. Tatsächlich hörten wir einen Teil der Befragung durch die dicke Holzdecke hindurch. Ein Wort blieb mir besonders in Erinnerung: »Madhur.«

Samstag, 9. Juni 2018

Der letzte Tanz - Kapitel 8: Das Turnier am Regenfels

Auf dem Festplatz vor der Burg ergab sich ein beeindruckendes Bild. Neben zahlreichen Zelten hatten sie auch eine gewaltige Tribüne errichtet. Über den Zelten flatterten Banner in allen Farben, darunter ein gelbes Banner mit einem Streithammer, ein hellblaues mit einem Albatros, ein graues mit einem brennenden Turm – und viele weitere mehr. Ein großer Platz vor der Tribüne war mit Sand bestreut worden und mit einem Zaun umgrenzt. Weitere Fahnen, Wimpel und Schilde mit prächtigen Wappen wurden im Bereich der Zelte, an der Tribüne und an zahlreichen Stangen aufgehängt. Zwischen den Zelten und auf dem großen Platz herrschte ein buntes Treiben. Ich konnte Knappen sehen, die Rüstungen und Schwerter polierten, Stallburschen, die die Pferde fütterten, Mägde, die Gemüse und Wasser in die Zelte der Ritter brachten. Zahlreiche Handwerker waren noch mit der Fertigstellung der Tribüne beschäftigt, während Schmiede die stolzen Schlachtrösser mit neuen Hufeisen versahen. In einem anderen Bereich wurden Schießscheiben aus Stroh aufgestellt, in der Nähe saßen Pfeilmacher, die sich beeilten, genug Pfeile für das Bogenschießen herzustellen. Auf einer angrenzenden Wiese hatte sich ein Barde niedergelassen, der lustige Lieder zum Besten gab und von den Bürgern, die sich das bunte Treiben nicht entgehen lassen wollten, ein ums andere Mal mit einem Silberling belohnt wurde.

Ich sah einen Knappen, der ein Fass laut polternd einen Hang hinunterrollen ließ, um es dann mühsam wieder hinaufzurollen. Schweiß tropfte von seiner Stirn, als ich ihn neugierig fragte, was er da tat. Der Junge verbeugte sich höflich und stellte sich vor: »Mein Name ist Gerdwyk, ich bin der Knappe des edlen Ritters Syr Hradwyn, des Hüters von Quenlins Cayp.« Er zeigte auf ein nahegelegenes Zelt, über dem ein Banner mit einem doppelköpfigen Adler über einem freien Feld flatterte. »So reinige ich die Rüstungsteile meines Herrn. Im Fass sind Sand und seine Eisenschuhe, die ich dadurch vom Rost befreie. Natürlich muss ich sie danach noch polieren.«
»Für die Vermählungsfeierlichkeiten?«, fragte ich naiv. »Für das Turnier natürlich!«, rief er fröhlich aus und ließ das Fass mit einem Fußtritt wieder hinunterpoltern.

Plötzlich ertönte eine Fanfare. Ich sah, wie die Leute in Richtung Turnierplatz strömten – wir schlossen uns an. In der Mitte des Sandplatzes stand ein Herold, der, nachdem sich die Menge ein wenig beruhigt hatte, mit gewählten Worten ansetzte: »Hört, hört. Die Anmeldungen für den Buhurt, das Bogenschießen und den Tjost schließen in zwei Stunden. Ich erinnere: zum Tjost sind nur gesalbte Ritter zugelassen. Der Sieger des Buhurt darf sich eine der edlen Waffen aus der Waffenkammer des Hochfürsten aussuchen. Der Sieger des Bogenturniers erhält vier Goldtaler und einen echten Silbereschenbogen aus der hochfürstlichen Waffenkammer. Der Sieger des Tjost schließlich erhält ein Preisgeld von zwanzig Goldtalern und das sagenumwobene Krysar-Schwert der Familie von Burg Regenfels. So tretet heran, ihr mutigen und furchtlosen Ritter und Recken!«

»Na dann hoffe ich mal, der edle Fürst hat eine Zweililie in seiner Waffenkammer!«, lachte Saradar und ging schnurstracks auf einen der drei Eichentische zu, die am Rande des Turnierplatzes standen. Über den Tischen hingen Holzschilder. Ich erklärte sie mir so: »Axt und Schwert, das musste für den Buhurt stehen, der Ritter für den Tjost und Pfeil und Bogen waren selbsterklärend.«
Saradars Schlange wurde kürzer, nachdem ein dicker, übel stinkender Bauer seine Keule vom Tisch genommen und darauf einen kleinen Misthaufen zurückgelassen hatte. Er trug eine große Narbe im Gesicht und zog gerade seine Rotze hoch, als er an mir vorüberging.
»Na, da kann ja wohl jeder mitmachen«, sagte ich zu Saradar. »Alles unter Faungröße sicher nicht, ich kann ja nicht ständig nach unten schauen, um nicht auf dich draufzutreten!«, konterte Saradar.
Ein anderer Gjölnar hinterließ drei Kreuze auf dem Anmeldebogen, dann war Saradar an der Reihe. Aus den Augen des Gelehrten, der die Anmeldungen durchführte, sprachen Güte, aber auch tiefer Schmerz. Er begrüßte Saradar: »Willkommen beim Buhurt! Hier wird zu Fuß gekämpft und zwar solange, bis ein Kämpfer dreimal getroffen zu Boden geworfen wurde oder aufgibt. Alle kämpfen gleichzeitig, bis nur noch ein Kämpfer übrig ist. Wollt Ihr wirklich teilnehmen? Verletzungen werden hier nicht abgegolten und sind so gut wie sicher.« Saradar lachte ihn aus und unterschrieb.

Der Buhurt war sicher nichts für mich, aber das Bogenschießen sah interessant aus. Maluna stand schon bei der Anmeldung und ich stellte mich hinten an. Als ich an der Reihe war, bellte mir ein junger, schlecht rasierter askalonischer Soldat entgegen: »Die Anmeldung kostet Euch zwei Silberlinge!«
Als er merkte, dass ich vom Tisch zurücktreten wollte, erhob er sich.
»Ihr erhaltet auch fünf Turnierpfeile, die ihr behalten dürft. Wollt Ihr Euch jetzt eintragen?«
Ich stimmte zu und unterschrieb. Er drückte mir die Pfeile in die Hand.
»Morgen zur ersten Vormittagsstunde geht es los, seid pünktlich auf dem Schießplatz!«

Ich sah, dass auch Urota am Buhurt teilnehmen wollte. Der Gelehrte erhob sich jedoch und winkte ab: »Wir werden hier sicher keinen Troll zulassen.«
Ein Mann mit Knollennase trat zum Tisch. Es war einer der beiden Männer, die sich auf der Wegburg zwischen den Hochfürsten und Syr Madhur gestellt hatten. Der Gelehrte nickte ihm freundlich zu: »Ihr stimmt mir doch sicherlich zu, Waffenmeister Radex, einen Troll können wir nicht zum Turnier zulassen!«
Der Angesprochene wandte sich direkt Urota zu: »Unser Hochfürst schickt mich, er hat einen Vorschlag für Euch, Hügeltroll – wie war doch gleich Euer Name?« »Urota Nero«, brummte dieser.
»Ihr dürft am Turnier teilnehmen, wenn ihr in einen Faustkampf gegen einen noch zu bestimmenden Gegner einwilligt. Seid Ihr bereit dazu, Urota?«
Der Hügeltroll nickte begeistert.

Unser Koboldkumpan Tarkin – Verzeihung, natürlich Syr Tarkin – wollte sich die Gelegenheit nicht entgehen lassen, als frisch gesalbter Ritter am Lanzenstechen teilzunehmen. Er stand in der Reihe hinter einem stattlichen, jungen Ritter, der seinen Helm unter dem Arm trug und dessen Umhang im Wind flatterte. Sein Wappen zeigte drei goldene Speere zu Füßen einer goldenen Rose. Der Ritter trat an den Tisch heran und trug sich mit einer großen Schwanenfeder in die Turnierliste ein. Im Weggehen musterte er den Kobold verwundert: »Ihr wollt ein Ritter sein? Wo sind Ross und Rüstung? Habt Ihr überhaupt eine Lanze?« Der Schreiber hinter dem Tisch stand kurz auf und blickte auf den bedröppelt dreinschauenden Kobold herab: »Eine Lanze können wir Euch stellen, aber den Rest müsst Ihr Euch besorgen. Geht doch mal zu den Handwerkern und Schmieden rüber.«
Der Waffenmeister schien Tarkins Dilemma mitbekommen zu haben.
»Syr Tarkin, ich soll Euch für Eure Tapferkeit vom Hochfürsten diesen Goldtaler zukommen lassen. Er möchte unbedingt, dass Ihr am Turnier teilnehmt. Geht am besten gleich zum Rüstungsmacher und sagt ihm, dass ich Euch geschickt habe. Er kann sicher in dieser kurzen Zeit kein Meisterstück abliefern, aber für das Turnier sollte es reichen!«
»Fehlt nur noch das Ross!«, überlegte Tarkin laut. Saradar klopfte ihm auf die Schulter: »Du kannst natürlich mein Schlachtross reiten, ich freue mich schon auf den Anblick!«
Radex hatte noch einen Ratschlag: »Syr Tarkin, lasst Euch beim Sattler eine Schabracke fertigen und den Sattel anpassen, damit Ihr nicht schon vorher herunterfallt!«

Plötzlich wieder Fanfaren und Jubelrufe aus dem Dorf, aus allen Himmelsrichtungen strömten die Menschen herbei. Sie ließen eine Gasse frei für einen langen Reitertross, der sich wie eine mit Flaggen und Bannern gefiederte Schlange seinen Weg durch die Menschenmenge bahnen musste.
»Der Hochfürst kehrt zurück auf seine Burg! Er ist immer noch sehr beliebt, auch wenn es viele gibt – wie diesen Madhur – die seine Entscheidung in Frage stellen, die Burg durch die Vermählung in imbrische Hände zu übergeben.«
Im Tross konnte ich Syr Wunnar von der Wegburg erkennen, auch die »Roten Klingen« Galinea und Lyr waren dabei, der junge Ritter Syr Tergen aus der Altmark.
Als er uns sah, stieg Syr Wunnar vom Pferd, nahm einen Schluck aus seiner Schnapsflasche und wünschte uns viel Glück beim Turnier. »Auch ich werde mein Glück als >neuer Ritter< beim Tjost versuchen, auch wenn ich mir aufgrund meines Alters da wenig Chancen ausrechne. Ich hoffe, ich breche mir nicht alle Knochen im Leib.« Er nahm noch einen Schluck aus der flachen Flasche, die er stets an einen Faden gebunden um den Hals trug.

Der Waffenmeister verabschiedete sich von uns. »Ich kann Euch leider nicht in die Burg einladen, diese ist aufgrund der Vorbereitungen für die Vermählung für Gäste gesperrt. Ihr könnt Euch aber sicher im Dorf einen Schlafplatz suchen. Wir sehen uns dann morgen beim Turnier.«

Beim Überqueren der Hauptstraße mussten wir aufpassen, nicht von einem großen, mit einem halben Dutzend vollen Bierfässern beladenen Wagen überrollt zu werden. Ein alter Ackergaul zog das rumpelnde Gefährt, auf dessen Kutschbock sich drei Schrate lautstark in ihrer knarzigen Sprache stritten.
»Ich werde mal sehen, wo sie die Fässer hinbringen. Vielleicht kann ich dem Wirt mit einem Segen dienlich sein!«, rief Widun und rannte dem Wagen hinterher.

Ein Spielmann begann – an den Rand des Dorfbrunnens gelehnt - seine Bardenlieder zum Besten zu geben. Er trug eine große Feder am Hut und hatte einen langen, gegabelten blonden Bart, den er mit Klammern am Saum seines Umhangs befestigt hatte. Ich vermutete, dass er so verhindern wollte, dass sich die Haare in den Saiten seiner Laute verfingen.
Als er eine Pause einlegte, um seine Stimme mit einem Schluck Gerstensaft zu ölen, trat Anneliese an ihn heran.
»Mein haariges Kind, was kann ich für Dich tun?«, fragte er sie. Sie stellte sich vor und er entgegnete die Höflichkeit: »Sehr erfreut, ich bin Agalfar, die Leute kennen mich auch als den Gewitzten. Ich stamme aus Tanadom und verdinge mich – wie ihr ja schon vernommen habt – als Spielmann.«
Anneliese blickte sich vorsichtig um und fragte ihn dann: »Sagt, als Barde erfährt man doch so einige Dinge, ich hätte da mal eine Frage an Euch.« Sie kletterte auf den Brunnenrand und flüsterte ihm etwas ins Ohr. Der Barde sah sie erstaunt an, kratzte sich am etwas verfilzten Kopf und antwortete im Flüsterton: »Ich kenne da jemanden, ich lasse ihm eine Nachricht zukommen und Du kannst ihn dann heute Nacht aufsuchen! Komm' in einer Stunde nochmal vorbei, dann sage ich Dir, wo Du ihn treffen kannst.«
Wir blickten Anneliese fragend an, diese lächelte bloß, zuckte mit den Schultern und meinte: »Ihr wisst doch, immer auf der Suche.«

Die beiden Herbergen des kleinen Dorfes waren überfüllt, auch die Burg durften wir nicht betreten und keiner hatte daran gedacht, ein Zelt zu besorgen.
»Wir könnten bei einem Bauern fragen, ob wir im Stall übernachten dürfen, dann hätten wir es wenigstens schön warm.«
»Und riechen schön nach Stall am nächsten Morgen«, rümpfte Anneliese die Nase.
Maluna klopfte bereits an die große Holtztür des nächstbesten Bauernhauses: »Lasst mich mal machen!«
Ein dicker, verschwitzter Bauer öffnete genervt die Tür – als er Maluna erblickte, huschte ein anzügliches Grinsen über sein Gesicht: »Was wollts denn ihr? Suchst a Platz zum Schlafe, da seids hier falsch, aber wenn die schöne Rothaarige bei mir bleibts die Nacht, könnt I scho was mache.«
Angewidert trat unsere Faueralwe einen Schritt zurück: »Nie und nimmer!«
»Dann machts Euch fott!«, knallte der Bauer die Tür hinter uns zu.

Mittlerweile war Widun zurückgekehrt, er schwankte etwas und berichtete begeistert von den Vorzügen des dunklen Schratenbieres, das er für den Gastwirt geweiht hatte.
Bei Einbruch der Dunkelheit stahl sich Anneliese davon, nur um kurze Zeit später mit freudestrahlendem Gesicht zurückzukehren. Sie zeigte uns ihren Neuerwerb: »Der Barde kannte einen Schwarzhändler, bei dem habe ich mir diesen roten Stein gekauft. Seht nur, wie er funkelt vor flammender Aura! Feuer ist eben mein Element!«

Wir suchten uns einen Kuhstall aus und warteten, bis im Bauernhaus die Kerzen ausgegangen waren. Auch Anneliese war jetzt dank des magischen Steins der Geruch egal. Als sich Urota ins Heu warf, knackten die Balken und die Kühe wurden unruhig. Wir hörten Schritte und versteckten uns hinter den Heuballen. Das Scheunentor ging auf und wir hörten nur ein »Halt's Schnauze, Gerda!« - bevor das Tor mit einem lauten Knall wieder zugeschlagen wurde.
»Wo steckt eigentlich Vivana?«, fragte ich in die Runde. »Bestimmt im Pferdestall!«, lachte Saradar. In Vorfreude auf das morgige Turnier schlief ich rasch ein.

Ich wurde jäh aus dem Schlaf gerissen – der Hochfürst hatte angewiesen, dass pünktlich zum Sonnenaufgang zehn Posaunen über dem Regenfels erschallen sollten. Ich schüttelte mir das Stroh aus dem Fell. Gerade noch rechtzeitig bevor der Bauer den Stall zum Melken betrat, hatten wir uns hinausgeschlichen. An einem Bach machten wir uns frisch und besorgten uns bei einem anderen Bauern Brot, Butter, Schinken und Eier für ein kräftiges Frühstück. Nachdem Tarkin sich seine Rüstung abgeholt hatte – die für die kurze Fertigungszeit sehr stattlich aussah – half ihm Saradar beim Satteln des Schlachtrosses.
Ich hatte mich mit Maluna verabredet, um vor Beginn des Wettkampfes ein paar Übungspfeile abzuschießen. Statt des anvisierten Strohballens schoss ich mir einmal beinahe selbst in den Fuß. Bei dieser Streubreite konnte ich mir selbst Außenseiterchancen abschminken. Maluna dagegen hatte offensichtlich ein angeborenes Talent zum präzisen Schuss. Mit ruhiger Hand versenkte sie einen um den anderen Pfeil im Strohballen.
Eine Fanfare kündigte die baldige Eröffnung des Turniers an. Wir schritten in Richtung Turnierplatz. Zahlreiche Menschen aller Schichten – Arme in Lumpen, Reiche in Pomp – hatten sich auf dem Nebenplatz des Tjostfeldes versammelt. Jetzt trat der Hochfürst selbst unter Fanfaren auf die Tribüne, begleitet von seiner bezaubernden Tochter und ihrem Verlobten, Syr Zaran. Zahlreiche Ritter füllten die Plätze um den Hochfürsten herum und dem gemeinen Volk zugewandt hatten sich einige Wachen postiert.


»Ruhe, Ruhe, Silenzio!«, schrie ein Herold, um das Getuschel der Zuschauer zum Erliegen zu bringen. Der Hochfürst erhob sich und begrüßte die Menschen mit fester, aber freundlicher Stimme: »Meine lieben Menschen von Burg Regenfels, liebe Askalonier, liebe Imbrier, werte Damen, werte Herren! Ich freue mich, das Turnier zu Ehren der Vermählung meiner Tochter Firnja und zur Feier des Sieges im Grünen Kessel, eröffnen zu dürfen. Ich wünsche allen eine wundervolle Zeit sowie spannende und faire Wettkämpfe!«
Jubel brandete auf, der erst wieder abebbte, als der Herold begann, beschwichtigende Gesten aufzuführen.

»Hört, hört. Folgende Schützen treten heute im Bogenschießen gegeneinander an: Maloren der Gelbe, Soldat der imbrischen Armee.« Es erklang ein Johlen aus der Gruppe der imbrischen Soldaten. »Isgard Falkenauge, askalonischer Bogenschütze der Bruderschaft der Gekreuzten Schwerter. Feynwyr, Bogner der Roten Klingen. Rugar der Späher, bester Bogenschütze von Burg Regenfels.« Hier wurde der Beifall richtig laut. »Tarun, ein Jujin aus dem Söldnerlager des berühmten Marulion Blutsohn. Adana Gyl, auch bekannt als die treffsichere Maid vom Regenfels. Und Myk, Knappe unseres verehrten Syr Zaran, des Bräutigams.« Es folgten weitere Namen der langen Liste. »Sowie Finn, der Faun und Maluna, die Feueralwe vom Bund aus Blut und Feuer.«
Jeder hatte drei Schuss frei, als Zielscheiben dienten bespannte Strohballen. Mir war ja schon vorher klar gewesen, dass ich in diesem Feld keine Chance haben würde, immerhin traf ich einmal die Scheibe und verletzte niemanden durch meine Fehlschüsse. Maluna traf die Scheibe dreimal im Randbereich. Falkenauge und Tarun lieferten sich ein spannendes Duell, beide hatten mit ihren drei Schüssen genau die Mitte getroffen. Das anschließende Stechen entschied Tarun für sich, indem er es schaffte, den Schaft von Falkenauges letztem Pfeil zu spalten. Syr Xardrus hatte die Ehre, dem siegreichen Jujin-Söldner den Eschenholzbogen und das Gold zu überreichen.

Jetzt war der Buhurt an der Reihe. Nach einer erneuten Fanfare traten die Kämpfer aufs Turnierfeld. Vivana hauchte ihrem Tarquan noch einen Kuss hinterher. Die Zuschauer drängten sich am Holzzaun, um nichts zu verpassen.
Aus unserer Gruppe nahm neben Pferd auch Saradar teil. Der Herold stellte als weitere Teilnehmer vor: »Am heutigen schlachtenartigen Buhurt nehmen teil: Mjarol der Düstere, Söldner der Blutbande. Lorgrim, Krieger im Dienste der Gekreuzten Schwerter. Zorell, Leibwächter des Schratenbraumeisters der Bierbringer. Unser tapferer Schmiedemeister Mallund der Starke.« Die Dorfbewohner jubelten ihrem »Helden aus dem gemeinen Volk« zu. »Muuf, ähm, der Bauer.« Der so Vorgestellte zeigte dem Publikum ein dümmliches Grinsen und kratzte sich mit seiner Keule dabei den Allerwertesten. »Kelen, Soldat der imbrischen Streitkräfte. Arak Fenn, Soldat der askalonischen Streitkräfte. Galinea, Anführerin der Roten Klingen.«

Syr Xardrus hatte das Vergnügen, das Hauen und Stechen in Gang zu setzen: »Lasset den Buhurt beginnen!« Die Posaunen verliehen dem ganzen Schauspiel die gewünschte Dramatik. Nachdem es kurz so aussah, als ob sich alle in Form eines wilden Tanzes umkreisen würden, kam es dann zu einem richtigen Getümmel, in dem jeder auf jeden einschlug. Es war schwierig hier den Überblick zu behalten. Der Boden war aufgeweicht, ein kurzer Regen in der Nacht hatte die Arena in einen schlammigen Acker verwandelt.

Was Menschen so alles zu ihrem Vergnügen veranstalteten. Bei uns Faunen gab es so etwas nicht. Es gab natürlich auch Wettkämpfe, diese liefen aber in der Regel völlig gewaltlos ab, niemals kämen wir auf die Idee, uns gegenseitig zu verletzten. Es gab musikalische Veranstaltungen, wo wir im Flötenspiel und in der Sangeskunst gegeneinander antraten, Geschicklichkeitsspiele – wer ist am schnellsten den Baum hochgeklettert, wer hat am schnellsten den Fluss überquert. Unser Volk war nie einer ernsten Bedrohung ausgesetzt gewesen, während die Menschen in ständigem Konflikt lagen. Das machte sicherlich den Unterschied aus. Wenn die Tekk einmal auf die Idee kämen, Faune auf ihre Speisekarte zu setzen, hatten wir wenig Gegenwehr zu leisten, wir konnten uns verstecken oder wegrennen, aber uns nie im Kampfe mit ihnen messen. Wir mussten auf die Erdmutter vertrauen, dass sie uns vor dem Bösen beschützen möge.

Ich saß vorne bei den Kindern direkt am Zaun und hatte deshalb trotz meiner geringen Körpergröße einen guten Blick auf das Geschehen. Freya saß auf einem Balken neben mir.
Tarquan und Saradar hielten sich gut. Der Söldner lag gerade im Klinsch mit dem Schmiedemeister. Jetzt stießen sie sich voneinander ab und der Schmied ließ seinen gewaltigen Hammer über dem Kopf kreisen. Der flinke Tarquan wich dem Hieb aus und kam durch eine geschickte Drehung hinter den Schmied. Das Gewicht des Hammers hatte diesen aus dem Gleichgewicht gebracht, sodass ein leichter Tritt in den Hintern reichte, um ihn in den Schlamm zu schicken. Nach einem Hieb mit dem stumpfen Turnierschwert blieb Mallund liegen und musste vom Feld getragen werden. Mjarl und Lorgrim hatten sich gegenseitig zu Fall gebracht und waren bereits ausgeschieden. Saradar hatte gerade den Schrat durch einen Tritt zu Boden geschickt, während Galinea den Bauern umtänzelt und zum dritten Mal in den Schlamm geschickt hatte. Von oben bis unten mit Matsch besudelt, wurde Muuf hinausgetragen. »Sieht besser aus als vorher«, lachte Freya neben mir. Kelen und Arak Fenn hatten sich gegen Tarquan verbündet, während die beiden Rothaarigen, Saradar und Galinea es miteinander ausfochten. Gegen die zwei erfahrenen Krieger hatte Tarquan keine Chance. Er schaffte es zwar noch, den Imbrier zu Boden zu bringen, erhielt aber bei dieser Aktion einen so gewaltigen Hieb zwischen die Schulterblätter, dass auch er ächzend im Schlamm landete. Es hatte ihn so heftig erwischt, dass er hinausgetragen werden musste. Vivana kümmerte sich sogleich herzlich um ihn. Galinea zog sich etwas zurück und ließ den Askalonier auf den Barbaren losgehen. Beim Versuch, der stumpfen Axt des Khor'Namar aus dem Weg zu gehen, knickte Arak Fenn um, musste aufgeben und humpelte vom Feld. Während Saradar dem Soldaten noch hinterherblickte, hatte sich Galinea so geschickt von hinten an ihn herangeschlichen, dass jeder Warnruf von uns zu spät kam. Sie tippte ihm auf die Schulter, sodass er sich überrascht umdrehte, während sie eine Beinschere ansetzte und den hochgewachsenen Barbaren wie eine schwere Eiche zu Fall brachte. Sie ließ es sich nicht nehmen, ihm noch ihre Klinge auf die tätowierte Brust zu setzen.
Eine laute Fanfare ertönte und ein Herold ließ verlauten: »Sieger des Buhurt ist Galinea, die Anführerin der Roten Klingen.« Jubel brandete auf, ihre Roten Klingen pfiffen und schrien und trugen sie schließlich davon.
Galinea, Siegerin des Buhurt.
Während der Siegerehrung hatte sich Saradar bedröppelt zum Rest der Gruppe gesellt: »Keine Lilie! Gegen eine Frau verloren! Verdammt!«
Maluna konnte sich einen Kommentar nicht verkneifen: »Unterschätze nie die Waffen einer Frau!«
»Besonders nicht, wenn sie Magie beherrscht!«, musste Anneliese noch anbringen.
Radaras hatte während des Buhurt Unterschupf in Annelieses Ärmel gefunden. Jetzt kam das Wiesel wieder hervor, sprang auf Saradars Schulter und leckte ihm wie zum Trost über die dreckige Wange.

Wieder ertönten die Fanfaren. »Hört, hört. Auf hocheigenen Wunsch unseres geliebten Hochfürsten Syr Vardek erwartet Euch jetzt und hier etwas ganz Besonderes. Der Hügeltroll Urota Nera vom Bund aus Blut und Feuer hat eingewilligt, sich in einem Faustkampf gegen einen unbekannten Gegner zu beweisen. Urota Nera, tretet vor!«
Begleitet von dramatischem Fanfarenspiel trat unser Trollfreund in die Arena. Einige Kleinkinder fingen an zu weinen und zu schreien, als sie den Troll erblickten. Sie mussten von ihren Müttern, die sich das Spektakel nicht entgehen lassen wollten, getröstet werden. Die Zuschauer spendeten ihm aber ermutigenden Beifall und allen war erwartungsvolle Spannung ins Gesicht geschrieben. »Und hier kommt sein Herausforderer.«
Unter tosenden Fanfaren fuhr ein Wagen, der von vier Kaltblütern gezogen wurde, in die Arena. Auf dem Wagen stand ein kastenförmiger Aufbau, der von einem riesigen Laken verhüllt wurde.
Syr Xardrus hatte als Ehrengast wieder das Vergnügen, das Geheimnis zu lüften. Ein Raunen ging durch die Zuschauerreihen – die Kinder heulten wieder auf und Firnja suchte Schutz in den Armen ihres Verlobten. Syr Vardek hingegen hatte sich von seinem Sitz erhoben und klatschte laut Beifall. Ein seltsamer Ausdruck war in sein Gesicht getreten, so als wollte es sagen: »So, und jetzt will ich Blut sehen!«
Da stand er – eine Schreckgestalt aus schlimmsten Albträumen. Durch die Stäbe des freigelegten Eisenkäfigs blickte ein Ogrens. Das musste das Monster sein, das sie im Grünen Kessel gefangen hatten. Geifer tropfte aus seinem Maul und es rüttelte an den Gitterstäben wie ein wildes Tier.
Der Herold hatte Schwierigkeiten die aufgewühlte Menge zu übertönen: »Das ist Gorrym, der Ogrens. Unsere siegreichen Soldaten haben ihn im Grünen Kessel gefangen genommen. Wie viele Menschen mag dieser Unhold schon gefressen haben! Der Faustkampf wird solange ausgetragen, bis einer der Kontrahenten bewusstlos am Boden liegt. Wir hoffen natürlich alle, dass der Troll gewinnt. Ihn erwartet in diesem Fall eine besondere Überraschung.« Die Mütter hielten ihren Kindern die Augen zu, einige verließen sogar den Turnierplatz. Die Soldaten der Stadtwache hatten die gefährliche Aufgabe, den an den Armen gefesselten Ogrens bis zur Mitte der Arena zu geleiten. Sie standen im Kreise um ihn herum, ihre streitkolbenartigen Stangenwaffen nach innen gerichtet. Im Zentrum der Arena befand sich ein großer, im Boden verankerter Eisenring, an den die Fußfessel des Ogrens mit einer dicken Kette angeschlossen wurde.
Die Stadtwache zog sich zurück und Syr Vardek ließ es sich nicht nehmen, den Kampf selbst zu eröffnen: »Möge der Kampf der Monster beginnen!« - Fanfaren und dann setzte ein donnerndes Trommelspiel ein, um die Dramatik noch zu erhöhen. Sie lösten die Armfesseln des Ogrens. Er rieb seine wunden Handgelenke und nahm dann Urota ins Visier. Ob sie ihm wohl versprochen hatten, dass er freigelassen würde, wenn er den Troll besiegen könnte?
Urota war so konzentriert auf seinen Gegner, dass er die Beleidigung, als Monster bezeichnet zu werden, überhört zu haben schien. Der Ogrens war durch die Fußfessel in seiner Bewegungsfreiheit eingeschränkt, sodass ihn Urota umkreisen konnte. Unser Trollfreund war nach den Ereignissen auf der Wegburg nicht gut zu sprechen auf die Menschenfresser. Mit Gebrüll stieß er vorwärts und hämmerte dem Ogrens gegen den Schädel. Dieser setzte zu einem Schwinger an, der Urota am unteren Brustkorb erwischte und ihn zehn Schritt durch die Arena fliegen ließ. Die Zuschauer johlten und der Hochfürst war außer sich vor Vergnügen. Urota verzog merklich das Gesicht, auch einem Hügeltroll tat so ein Schlag in die Rippen scheinbar ganz schön weh.
Jetzt ging er bedächtiger vor – soweit man davon bei einem Troll sprechen kann – er wartete seine Chance ab, durch die Deckung des Ogrens einen sicheren Treffer zu landen. Das Monstrum war jedoch zwei Schritt größer als er und ihm in Sachen Reichweite deutlich überlegen. Auf einen leichten Treffer seinerseits im Bauchbereich landete Gorrym einen schweren Leberhaken, der Urota schnaufend zurückweichen ließ. Wir feuerten Urota an, doch es wurde immer klarer, dass er diesem Gegner im Faustkampf unterlegen war. Ein weiterer Schlag Urotas prallte von den Brustplatten des Ogrens ab und dieser traf Urota im Gegenzug so fest an der Schläfe, dass unser Freund besinnungslos zu Boden ging. Der Ogrens grunzte und reckte die Arme nach oben. Als von den Zuschauerrängen nur Buh-Rufe erklangen, machte sich Gorrym an der Kette seiner Fußfessel zu schaffen, und versuchte die Verankerung aus dem Boden zu reißen. Sofort waren die Wachsoldaten zur Stelle und hieben mit ihren langen Streitkolben von allen Seiten auf ihn ein, bis auch er ohnmächtig und mit einem lauten Grunzen zu Boden ging. Blut rann ihm aus dem Maul und hinterließ eine große Lache in der Arena. Sie hatten Mühe das gewaltige Monstrum wieder auf den Wagen zu ziehen. Der Hochfürst war begeistert vom Spektakel, während seine Tochter die ganze Zeit angewidert zu Boden geblickt hatte. Wir betraten die Arena und halfen Urota auf die Beine, der schon wieder die Augen geöffnet hatte und enttäuscht nuschelte: »Urota zum ersten Mal besiegt, nicht stark genug. Darf nicht wieder passieren, muss Faustkampf üben.«

Es folgte eine Pause, die die Leute dazu nutzten, sich an den Buden mit in Öl gebratenen Erdäpfeln, die in rote oder weiße Soßen getaucht wurden, zu bedienen. Auch der Barde war wieder da und gab ein Liebeslied über »Isidur und die holde Isolde« zum Besten.

Passend zum höchsten Sonnenstand bliesen die Posaunen zum Höhepunkt des Turniers, dem Tjost.
Die Ritter traten in ihren glänzenden Rüstungen, die sie mit Hilfe ihrer Knappen angelegt hatten, aus ihren Zelten, stiegen auf ihre geschmückten Rösser und ritten einer nach dem anderen an der Tribüne vorbei, um dem Hochfürsten und natürlich der holden Firnja ihre Ehrerbietung zu erweisen. Jeder Ritter wurde dabei ausführlich vom Herold vorgestellt. »Syr Hradwyn, der Hüter von Quenlins Cayp, Paladin des Quenlin, beim Tjost in silberner Rüstung. Sein Wappen ist der doppelköpfige Adler über freiem Feld. Syr Aschantus, Paladin des Alun, in goldener Paladinrüstung, mit dem heiligen Sonnenrad des Lichtherrn auf der Schabracke seines Rosses und seinem Schilde. Auf seiner Brust prangt die Darstellung von Zölestion, dem höchsten Krieger des Lichtgottes und dem Vorbild aller Paladine.« Bei Syr Aschantus' Vorstellung fiel der Beifall eher bescheiden aus, nur die Imbrier ließen Handgeklapper hören.
»Des weiteren, Syr Kallek, freier Ritter aus Tyr. Syr Asurius, der Brennende Hammer, ein ehrenvoller imbrischer Ritter, der tapfer im Grünen Kessel kämpfte. Syr Zaran, der Bräutigam, der es sich nicht nehmen lässt, selbst am Turnier teilzunehmen.« Firnja band ihm als ihrem Favoriten ein blaues Tuch mit der Regenburg an die Lanzenspitze. »Syr Tergen aus der Altmark, zum Ritter geschlagen ob seines Mutes im Kampfe gegen die Ul'Hukk von unserem Hochfürsten höchsteigen. Syr Wunnar, askalonischer Veteran aus der Bruderschaft der Gekreuzten Schwerter! Und Syr Deodan aus dem Grünen Kessel, der die Truppen gegen die Bestien aus dem Süden in den Kampf geführt hat! Syr Jurk ...« Die Askalonier erhielten besonders viel Applaus von ihren Landsleuten.
»Und zu guter Letzt Syr Tarkin, Koboldritter aus dem Bund aus Blut und Feuer, auch er wurde vom Hochfürsten höchsteigen zum Ritter geschlagen, nachdem er gegen die Ul'Hukk seine Tapferkeit bewiesen hat!« Besonders die Kinder jubelten laut, sie hatten in dem Fell tragenden Krieger ihren Favoriten auserkoren.
Ich musste zugeben, Tarkin machte Eindruck in seiner neuen Rüstung und hoch zu Ross. Sicher reckte er die mit einer rot-weißen Flagge geschmückte Lanze in die Höhe.
Die Paarungen waren am Morgen ausgelost worden. Ich hatte so etwas noch nicht gesehen und war sehr gespannt, wie sich unser Koboldfreund schlagen würde. Er kam als erstes an die Reihe und musste gegen einen Syr Jurk antreten. Auf ein Signal hin gallopierten die Rösser, getrennt durch eine hölzerne Trennwand, aufeinander zu. Die Ritter hatten die Lanzen gesenkt und zielten jeweils auf die Rüstung ihres Gegenübers. Dann ein Krachen – und Syr Jurk flog rücklings vom Ross und landete mit einem Ächzer auf dem Hosenboden, während sein Ross weitertrabte und von einigen Knappen wieder eingefangen werden musste. »Sieger der ersten Runde: Syr Tarkin vom Bund aus Blut und Feuer!« Wir jubelten begeistert unserem Kobold-Ritter zu. So ein Kobold gab nur ein kleines Ziel ab, gar nicht einfach ihn zu treffen.
Syr Kallek warf den Hammer Asurius aus dem Sattel, Syr Zaran glänzte gegen den jungen Syr Tergen aus der Altmark und auch der alte Syr Wunnar behielt gegen sein Gegenüber die Oberhand.
In der nächsten Runde sollte dann Syr Aschantus, der zuvor den Hüter von Quenlins Cayp aus dem Sattel gehoben hatte, gegen Tarkin antreten. Ich bekam mit, wie sich dieser eingebildete Paladin bei seinen imbrischen Kameraden über den Kobold lustig machte. Tarkin konnte es kaum erwarten, ihm eine Lektion zu erteilen. Ein fallendes Tuch von der schönen Firnja war das Signal. Immer schneller gallopierten die Rösser aufeinander zu. Syr Aschantus goldene Rüstung blitzte und blinkte im Sonnenschein – Tarkin musste blinzeln – und stach mit seiner Lanze vorbei – während Aschantus ihm die seinige mit voller Wucht in den kleinen Panzer rammte. Aschantus' Lanze zerbarst und der Krähenfresser flog in hohem Bogen, sich mehrfach in der Luft überschlagend, aus dem Sattel. Auch er landete auf seinem Hosenboden, schüttelte sich ein paar Mal, stand auf und verbeugte sich artig vor Syr Vardek und dem Brautpaar. Syr Aschantus ließ es sich nicht nehmen, ihm ein paar Schmähworte hinterherzuschicken: »Jetzt bist Du da, wo Du hingehörst, Du Möchtegern-Ritter: im Dreck«. Saradar hatte sein Schlachtross bereits wieder am Zügel gefasst und versuchte Tarkin zu trösten: »Du hast Dein bestes gegeben. Keiner hätte gedacht, dass Du Dich überhaupt im Sattel halten könntest!«
Die Kinder jubelten ihm Beifall und buhten von jetzt an jedesmal, wenn Aschantus an der Reihe war.
Der dicke Heiler Wael kümmerte sich mit einigen Helfern um die geschundenen Ritter. Den weiteren Turnierverlauf bekam ich nicht mehr so genau mit, da ich mir die Wundbehandlung ansehen wollte. Wael erklärte gerade einem seiner Helfer: »Die Verletzungen der Ritter sind meist stumpf, dann hilft nur sofortiges Pausieren, Eis auf die Schwellung, Compressio mit einer Binde aus langem Gummiblatt, das sehr elastisch ist, sowie das Hochlagern des verletzten Körperteils – merke Dir die P-E-C-H-Regel!«
Eine Fanfare ertönte zum letzten Duell. Jetzt musste ich doch zurück zum Tjostfeld.
Der alte Syr Wunnar musste gegen den miesen Aschantus antreten. Es war klar, auf welcher Seite unsere Sympathien lagen. Syr Wunnar hatte Glück, eine große Wolke hatte sich vor die Sonne geschoben, sodass er nicht wie Tarkin von Aschantus' Rüstung geblendet werden konnte. Die Lanzen krachten ineinander, doch beide Kontrahenten blieben im Sattel. Beide ließen sich neue Lanzen reichen. In der zweiten Runde bäumte sich Aschantus' Pferd mitten im Galopp plötzlich auf. Ich sah, dass ihm Blut von der Flanke tropfte. Er musste ihm so fest die Sporen gegeben haben, dass es ihn abwerfen wollte. Der Paladin sprang vom Pferd und fluchte. Er verpasste seinem Ross einen Tritt, sodass es davon galoppierte und von den Knappen nicht gehalten werden konnte. Er riss sich den Helm vom Kopf und schleuderte ihn wutentbrannt zu Boden.
Der Herold verkündete: »Wir haben einen Sieger! Syr Wunnar von Chiram, Hauptmann der Bruderschaft der Gekreuzten Schwerter!« Wir fielen in den Jubel mit ein.
Tarkin frotzelte: »Ganz schlechter Verlierer, dieser Aschantus.«
Syr Wunnar, Sieger des Tjost.
Wieder ertönten die Fanfaren. Der Herold erklärte das Turnier für beendet. Der Hochfürst erhob sich, dies war scheinbar auch das Signal für die Zuschauer, sich auf den Heimweg zu machen.
Ich sah, dass der Hochfürst mit dem Waffenmeister sprach und dann auf uns deutete. Eiligen Schrittes kam uns Radex nachgelaufen, da wir uns bereits auf den Weg gemacht hatten, in einer der Dorfschenken zum Abendessen einzukehren.
»Werte Mitglieder des Bundes aus Blut und Feuer. Der Hochfürst höchstselbst hat mich geschickt, um Euch für morgen in die Innere Burg zur Zeremonie einzuladen. Das ist eine große Ehre, der Hochfürst scheint sehr viel von Euch zu halten. Die Feier beginnt zur Mittagsstunde, seid pünktlich! Ihr müsst Euch natürlich dem Anlass entsprechend kleiden – ähm, und der ein oder andere ein Bad nehmen – das Brautpaar erwartet sicherlich auch ein angemessenes Geschenk von Euch. Bis morgen!«