Die Sonne versank lila hinter dem Hilamatgebirge wie ein Auge, das sich müde schließt. Jetzt kehrten die Bauern, Handwerker und Händler nach Hause zurück, um dort mit ihrer Sippe das Nachtmahl einzunehmen. Einige Gestalten, auf die niemand wartete, oder aber gerade weil die Familie zuhause wartete, kehrten an Orten wie dem Schwankenden Kamuhli ein, das dadurch zu einem Sammelbecken für einsame Karawanenhändler, frustierte Männer und auch von der Wüste angespülten Abschaum wurde.
Freitag, 29. August 2025
Die Göttin von Qanat - Kapitel 3: Die Auswahl
Die Sonne versank lila hinter dem Hilamatgebirge wie ein Auge, das sich müde schließt. Jetzt kehrten die Bauern, Handwerker und Händler nach Hause zurück, um dort mit ihrer Sippe das Nachtmahl einzunehmen. Einige Gestalten, auf die niemand wartete, oder aber gerade weil die Familie zuhause wartete, kehrten an Orten wie dem Schwankenden Kamuhli ein, das dadurch zu einem Sammelbecken für einsame Karawanenhändler, frustierte Männer und auch von der Wüste angespülten Abschaum wurde.
Die Göttin von Qanat - Kapitel 2: Die Mutter
Hinter den Fenstern langweilte sich Talamrah, die Hohepriesterin von Qanat. Sie blätterte in einem alten Buch, bis sie auf etwas stieß, dass ihr ein grimmiges Lächeln ins Gesicht trieb. Ihr Herz war durstig, ihre Aura geschwächt, doch bald würde sie wieder zu neuer Kraft erblühen. Sie wusste bereits, was sie als erstes ausprobieren würde. Sie strich sich durch ihre verdrehten weißen Haare und ging dann rüber zu einem kleinen Beistelltisch. Dort öffnete sie eine Schublade und betrachtete deren Inhalt. Zwei Spiegel lagen darin: ein juwelenbesetzter Handspiegel und ein zersprungener Taschenspiegel. Warum habe ich den eigentlich noch? Dieser kaputte Spiegel erinnerte sie nur an ihre Vergangenheit, eine Vergangenheit, in der sie entstellt und hässlich gewesen war. Sie nahm den goldenen Spiegel und betrachtete sich lange darin: ihre weiße, unbefleckte Haut, ihre lila leuchtenden Augen.
Als die Tür aufging, ließ sie den Spiegel schnell wieder in der Schublade verschwinden. Altahir, ihr treuer Gefolgsmann, betrat das geheime Obergeschoss des Turmes. Er war ihre Verbindung nach draußen, was würde sie ohne ihn tun?
"Gnade Euch, große Göttin" Er verbeugte sich und bemerkte dabei das aufgeschlagene Magiebuch.
"Ich wünschte, ich hätte Zeit für eine weitere Lektion, doch ich fürchte, ich muss Euch über ein kleines ... eine Nichtigkeit eigentlich ... in Kenntnis setzen."
"Altahir, du weißt, dass du offen sprechen darfst!" Sie berührte sein Kinn und zog ihn daran sanft in die Höhe.
"Die Bevölkerung wird immer aufsässiger. Gute Worte haben nicht mehr ausgereicht, die Leute zu bewegen, Qanat auf das Fruchtbarkeitsfest vorzubereiten. Teils kam es zu Handgreiflichkeiten, ein Gardist wurde dabei verletzt."
Talamrah blickte ihn mit ihren leuchtenden Augen an -- und seufzte. "Diese Menschlein, sie wissen gar nicht, wie gut sie es eigentlich haben. Du weißt, wie du mit Aufässigen zu verfahren hast?"
Altahir nickte, konnte dabei aber Talamrahs stechendem Blick nicht länger standhalten und wich in eine der Ecken des Gemachs aus. Dort hockte eine Fantenstatue, die anklagend mit ihrem Rüssel auf ihn zeigte.
"Wie steht es aus, mein Beschauer, hast du acht freiwillige Spender gefunden?", fragte Talamrah.
Altahir senkte den Kopf. "Das ist die andere Kleinigkeit ... ein Spender fehlt noch!"
"Du weißt genau, es müssen acht sein -- immer acht!", polterte Talamrah. "Kümmer dich darum, am besten sofort! Das Ritual kann nicht stattfinden, wenn die Zahl nicht stimmt!"
Altahir, der die Insignien eines Amrapriesters trug, sich aber nicht mehr sicher war, wem er wirklich diente, verbeugte sich erneut. "So soll es sein, meine Göttin!"
Er verließ ihr Gemach.
Talamrah sortierte ihre Haare und flegelte sich dann auf ihren Diwan.
"Bringt mir ein Kind!", wies sie die Kammerdiener an, die hinter den Wandteppichen auf ihre Befehle warteten. "Ich langweile mich zu Tode!"
"Tu es nicht, ich flehe dich an! -- Was können die Kinder für deine Langeweile?" Talamrah war klar, dass sich die Stimme melden würde. Immer wenn sie sich aufregte, konnte sie ihr Bewusstsein nicht länger abschirmen und die Stimme fand eine Lücke, in ihren Kopf zu dringen.
Die Leibwächter kamen in die Kinderstube und verbanden ihr die Augen. Jemina wusste, was das bedeutete. Sie war schon mehrfach bei der Mutter gewesen, um ihr eine Geschichte vorzutragen. Aber diesmal kam das völlig unerwartet, sonst hatte sie immer Zeit bekommen, sich vorzubereiten. Als sie die Dunkelheit umhüllte, begann ihr Herz wie wild zu bubbern. Es ging die Treppen hinauf, durch die Bibliothek, das konnte sie riechen. Sie liebte den Geruch des alten Papiers und der Ledereinbände. Wie viele Stunden hatte sie schon schmökernd hier zugebracht. Wenn jemand zur Mutter wollte, mussten alle die Bibliothek verlassen. Jemina wusste, dass niemand den geheimen Schalter sehen sollte, der den Weg hinauf zum Gemach der Mutter freigab. Nur ihre Leibwächter und engsten Vertrauten wussten um die Vorrichtung. Sie hörte ein Klicken, dann ein Rattern. Dann ging es noch eine kleine Treppe hinauf. Jemina erschnupperte den Duft von Wüstenrosen. Nach einem erneuten Rattern und Klicken wurde ihr die Augenbinde abgenommen. Sie blinzelte. Die Mutter erhob sich von ihrem Diwan, sie zog ihre verdrillten Haare wie eine Schleppe hinter sich her. Jemina kniete sich nieder und faltete ihre Hände. Sie spürte, wie ihr Mund austrocknete, ihr Hals sich zuzog und ihr kleines Herz Saltos machte. Sie musste sich räuspern.
Die Mutter strich ihr durch die dunklen Haare. Ein kalter Schauder jagte ihr den Rücken hinunter, so dass sich die feinen Härchen in ihrem Nacken aufrichteten. Das Mädchen blickte zum Springbrunnen: das Plätschern des Wassers ließ Jemina ihre trockene Kehle nur um so schmerzlicher spüren. Die Mutter ließ sie los und kehrte zu ihrem Diwan zurück. Dabei rollte sie ihre langen Haare auf und bettete diese dann auf ein goldenes Kissen am Boden.
"Trage vor, mein Kind!", forderte die Mutter.
Jemina war schon lange klar, dass die sich auf dem Diwan rekelnde Frau nicht wirklich ihre Mutter war, dennoch musste sie von allen Amrakindern so genannt werden.
"Mein Kind, du wolltest mich doch mit einer deiner Geschichten beglücken. Warte nicht zu lange! Unsere Göttin verzehrt sich danach."
"Mutter, kennt Ihr die Geschichte...", fragte Jemina zögerlich. "Kennt Ihr die Geschichte vom Kamuhli und dem Dieb? Sie ist sehr alt und kommt aus Beschim."
"Lass sie mich hören!", befahl die Mutter.
Jemina holte tief Luft. Der Wind spielte mit den bunten Deckenlampen, er ließ sie hin- und herschwanken. Bunte Lichtpunkte tanzten durch den großen Raum, glitten über den mosaikverzierten Boden, den angespannten Nacken des Kindes und über den weißen Vorhang, hinter dem die Mutter lag. Das Kind fühlte sich beobachtet. Da hockten sie in ihren Ecken: Die Wüstenfantenstatuen mit ihren Stoßzähnen und Rüsseln -- diese waren alle auf sie gerichtet. Ihre Stimme bebte, als sie begann, die Worte auszusprechen, die sie neulich in einem alten Buch gelesen hatte. Sie hoffte, dass die Mutter diese Geschichte noch nicht kannte -- ansonsten würde sie ihre Schwestern nicht wiedersehen. So waren die Regeln im Tempel der Amra.
"Ein Kamuhliführer aus Beschim ging einst auf dem großen Karawanenweg und hatte den Zaum seines Kamuhlis in der Hand. Er zog es mühsam hinter sich her. Zwei Diebe aus Irem bemerkten dies.
Da sagte der Jüngere zum Älteren: Ich will diesem Mann sein Kamuhli wegnehmen!
Wie willst du es anfangen?, fragte der Ältere.
Folge mir nur, sagte der Jüngere und ging vorsichtig auf das Lasttier zu.
Er hielt jenem eine Sandmöhre hin - die essen die Kamuhlis am liebsten! - daraufhin senkte es seinen langen Hals. Da nahm der Dieb dem Kamuhli das Zaumzeug ab und übergab es seinem Freund.
Verschwinde mit dem Tier hinter der nächsten Düne!, wisperte er dem Älteren zu.
Dann legte er sich den Zaum selbst über den Kopf und lief dem nichtsahnenden Mann solange hinterher, bis sein Freund und das Kamuhli außer Sicht waren. Der Dieb blieb stehen. Der Kamuhliführer zog am Zaum, aber der Dieb rührte sich nicht. Da drehte sich der Mann um und war erstaunt, als der den Zaum über dem Kopf eines Menschen sah.
Bei Alhun dem Großen, wer bist du?
Der Dieb antwortete: Ich bin dein Kamuhli und muss dir eine wunderbare Geschichte erzählen. Du musst wissen, dass ich eine sehr fromme Mutter habe. Als ich eines Tages betrunken von zu viel Kaktusgeist nach Hause kam, tadelte sie mich:
Mein Sohn! Du musst dich zu Alhun bekehren und nicht den falschen Göttern huldigen.
Da wurde ich zornig und verprügelte sie mit einem Stock. Sie sprach einen Fluch, der mich in ein Kamuhli verwandelte, auf dass ich ewig dürstend durch die Wüste wandeln sollte.
Doch du hast mich einst erworben und seither diene ich dir. Heute hat meine Mutter an mich gedacht und hatte wohl Mitleid mit mir. Deshalb hat Alhun mir meinen Verstand und meine menschliche Gestalt zurückgegeben.
Der Kamuhliführer warf sich auf die Knie und bat den Verwandelten um Verzeihung: Es gibt keine Gerechtigkeit außer Alhun, der ewigen Sonne. Ich beschwöre dich, erlasse mir meine ..."
Jemina konnte das Kratzen im Hals nicht mehr unterdrücken. Ein heftiger Hustenanfall schüttelte sie und erst einige hundert Sandkörner später konnte sie den Satz vollenden: "... meine Schuld!"
Die Mutter schloss kurz die Augen -- dann machte sie eine rasche Handbewegung. Zu beiden Seiten des großen Saales traten Diener hinter den Wandteppichen hervor, nahmen goldene Seile in die Hand und zogen gleichmäßig daran. Die Fontäne erstarb und das Wasser des Brunnens verschwand glucksend zusammen mit der Bodenplatte aus Marmor in der Tiefe. Das Mädchen wagte nicht, sich umzublicken.
Die weißen Vorhänge schlugen Wellen, als eine Windbö durch den Raum blies. Jemina bemerkte tanzende Schatten an den Wänden, die wie Schlangen dem Spiel eines Beschwörers folgten. Ein Windspiel ließ eine seltsame Melodie erklingen. Sie bekam Gänsehaut. Wieder dieser kalte Schauder, der ihr das Rückgrat hinunterlief. Diesmal war sie sich sicher, dass etwas ihren Nacken berührt hatte. Die Luft veränderte sich, etwas Fauliges mischte sich unter den Rosenduft. Das Mädchen wagte es, leicht den Kopf zu drehen: keine Schlangen weit und breit.
Die Mutter blickte sie aus kalt leuchtenden Augen an. Ihre Gesichtszüge verrieten nicht, ob sie erwartungsfroh -- oder enttäuscht war.
"Soll ich dir sagen, wie die Geschichte weitergeht?", krächzte die Mutter.
"Der Dieb will von dem Alten Silberlinge, weil der ihn als Kamuhli geschlagen hat und ihm zu wenig Wasser gab. Der Alte ist natürlich so dumm und gibt es ihm. Dann geht der Alte nach Hause und heult seinem Weib etwas vor. Die Alte ist genauso bestürzt und verteilt Almosen an die Armen, damit ihnen vergeben wird. Weil der Alte nur noch zu Hause rumhängt und vor sich hin heult, schickt ihn sein Weib auf den Markt, ein neues Kamuhli zu kaufen. Da entdeckt er sein eigenes und beschimpft es: 'Hast du dich wieder gegen deine Mutter versündigt? Diesmal helfe ich dir nicht!'"
Die Mutter gähnte, dann verdrehte sie die Augen, nachdem sie noch einmal einen tiefen Zug aus einer goldverzierten Wasserpfeife genommen hatte.
"Alhun mag deine Geschichte gefallen, aber ich habe sie schon tausendmal gehört! Erst ist es ein Esel, dann ein Wüstenfant -- und jetzt ein Kamuhli! Die Geschichte ist immer noch so langweilig wie beim ersten Mal! Schmerzlich vermisse ich das Wirken unserer Göttin in deinen Worten! Du hast sie sehr enttäuscht, doch auch dir wird sie ihre allumfassende Liebe zuteilwerden lassen!"
Jeminas Leib schüttelte sich. "Aber, aber ... mein Hals war so trocken ..." Jemina hing eine Träne im Augenwinkel, die sich nicht lösen wollte. "Ich habe doch gefragt, ob Ihr die Geschichte schon kennt!" Die Träne kullerte herab. "Bitte, bitte ... ich will zurück zu meinen Schwestern".
Ihr Hals schnürte sich wieder zu, als sie merkte, dass etwas Fremdes, Grausames auf sie lauerte. Wieder die tanzenden Schatten. Sie sah, wie eine alte Tempeldienerin den Kopf senkte, die Augen schloss -- und sich die Ohren zuhielt. Etwas berührte sie. Sie blickte an sich herunter: ein fleischiger Tentakel schlang sich um ihren Bauch. Ruckartig zog dieser an ihr und schleifte sie in Richtung Brunnen. Sie wollte schreien, brachte aber keinen Laut mehr hervor. Der Boden war glatt poliert, sie rutschte wehrlos über die Fantenmosaike mit ihren verschlungenen Rüsseln. Es wurde dunkel um sie herum, ein süßlicher, fauliger Geruch drang ihr in die Nase, doch dann hüllte sie ein Gefühl von Wärme ein -- und Geborgenheit.
Die Mutter starrte auf das Loch, ihr Blick war leer, nur ein kurzes Zucken ihrer Augenbrauen. "Ein Jammer: Sie war eine meiner Lieblinge! Doch die Göttin entscheidet, wen sie in ihren Schoß aufnimmt."
Es folgte das schabende Kreischen der Marmorplatte. Die Fontäne sprudelte wieder, intensiver als zuvor und spritzte über den Rand des Beckens hinaus. Ein schmatzendes Geräusch drang aus der Tiefe und das laute Plätschern des Springbrunnens übertönte schließlich alles andere. Die alte Dienerin kam herbei, verbeugte sich und begann den Boden zu wischen: zwischen dem Kissen, auf dem gerade noch das Mädchen gesessen hatte, und dem Brunnen, unter dem es verschwunden war.
"Ich hoffe, die Beschauer treffen eine gute Wahl: der Göttin verlangt es nach neuen Kindern...", sagte die Mutter mehr zu sich selbst als zu den Dienern.
Sie saugte an ihrer Pfeife und blies genüsslich einen herzförmigen Ring in die Luft: "... und nach frischen Herzen!"
Der Pfeifenrauch durchwehte den Saal, drang durch die Vorhänge und verließ durch ein großes Fenster den Turm der Mutter.
Samstag, 16. August 2025
Die Göttin von Qanat - Kapitel 1: Die Jagd
"Woran hast du ihn erkannt?", flüsterte Schirin gegen den Wüstenwind, der ihre Frage am liebsten verweht hätte.
"Makib, Zeit für eine Lektion", sagte Jasir. "Ich kenne Muffrat. Er ist schon ewig bei den Dunkelsicheln --"
"Ich kenne ihn bloß als Widerling", warf Schirin ein. "Einmal hat mich dieser Keffar dumm angemacht, wollte sehen, ob ich Brüste habe -- da habe ich ihm eine verpasst!"
"Willst du jetzt was lernen?", fragte Jasir scharf. "Wenn du mich ständig unterbrichst, kann ich dir nichts beibringen!"
Schirin sah auf den zerlumpten Mann in der Gasse hinab und versuchte, den Beobachtungen ihres Rafiqs zu folgen.
"Siehst du, wie er den Kopf vorstreckt und misstrauisch in jede Seitengasse linst?"
"Jalla!" Jasir stieg die lehmgestampften Stufen hinunter. "Nicht dass uns der fette Nager noch entwischt."
Sicher, Muffrat war weit weg von Sarga-Tull, dem Hauptquartier der Dunkelsicheln, und es war schwierig gewesen, ihn aufzuspüren. Einmal hatten sie sogar die Dienste einer Skiapriesterin in Anspruch genommen, um zumindest die grobe Himmelsrichtung zu erfahren, in der sie suchen mussten. Auf dem Weg durch die brutale Blutwüste waren dann noch ihre Kamuhlis verreckt, weil jene zu dumm waren, eine Wasserstelle zu finden.
Sie hasste Nalschir: diese Ödnis, Sand und nochmals Sand -- jedoch: es gab hier Orte wie diese Oase, reich an Wasser und Palmen, die Schatten spendeten. Vom Prunk des Amratempels mit seinem goldgekrönten Turm und den funkelnden Juwelen war sie sofort angetan -- sie liebte alles, was glitzerte.
"Was will er hier in Qanat?", flüsterte Schirin.
In Qanat liefen die Vorbereitungen für ein Fruchtbarkeitsfest, das wohl alljährlich zu Ehren der Liebesgöttin Amra veranstaltet wurde. Überall hatten sie lila Stoffbahnen aufgehängt, die über den Gassen flatterten und wabernde Schatten warfen. In Pluderhosen gewandete und mit Waffen behängte Tempelgardisten gaben den Leuten Anweisungen, wie sie alles zu schmücken hatten. Schirin fand, dass die Menschen bei der ganzen Sache nicht sonderlich glücklich aussahen.
"Halt", gebot ihr Jasir. "Makib, ab jetzt kannst du zeigen, was du gelernt hast. Ich bleibe im Hintergrund und werde nur einschreiten, wenn es gar nicht anders geht!"
"Aber..." Schirin schluckte.
"Wir müssen wissen, wo er schwoft --", setzte Jasir an.
Schirin unterbrach ihn wieder. "Schwoft?"
"Makib, verstehst du immer noch kein Gildenwelsch?"
"Wo er sich versteckt hält!" Jasir seufzte. "Da werden wir bestimmt auch den Ring finden!" Jasir klopfte ihr auf die Schulter und verzog sich hinter eine Marktbude.
*
Hat er bemerkt, dass er beschattet wird?
"Was für wunderbare Haare!", kreischte ein dürrer Schmuckhändler, der nach Kamuhlipisse stank, diesen Geruch aber mit süßlichem Parfüm überdecken wollte.
"Sieh her, sieh her, dieser wunderbare Kopfschmuck passt wunderbar dazu!" Er klatschte Schirin ein silbrig glitzerndes Diadem an die Stirn, noch bevor jene sich wehren konnte. "Nur zehn Silberlinge!"
Mist! Die Ratte hat mich erkannt!
Schirin schubste den aufdringlichen Schmuckhändler zur Seite und wetzte Muffrat hinterher. Der Verfolgte schlug Haken wie ein Wüstenläufer, als er durch die schattigen Gassen stürmte.
Wo war Jasir? Sie musste ihn jetzt wohl alleine fangen -- vielleicht ein Teil der Prüfung?
Jetzt hatte sie doch tatsächlich den Keffar aus den Augen verloren! Wo steckt die Ratte?
Das ist viel zu weit zum Springen!
Schirin musterte die Umgebung. Die lila Banner, die sie wegen des Fests zwischen den Häusern aufgespannt hatten, waren sicher zu schwach, um sie zu tragen.
Sie musste es versuchen. Sie schlüpfte aus ihren Schuhen, breitete die Arme aus und tanzte über die Leine, an der die Unterwäsche einer ganzen Großfamilie baumelte. Eine Windbö: sie schwankte, -- erlangte ihr Gleichgewicht wieder. Unter ihr stampfte jetzt eine Karawane aus Wüstenfanten hindurch, massige Körper, von rotem Sand gesprenkelt. Sie schluckte, hielt den Atem an und balancierte weiter. Ein Aufblitzen -- von der goldenen Kuppel des Amratempels, gefolgt von einem Donnergrollen und einem heftigen Windstoß, der den Staub durch die Gassen fegte und die Banner flattern ließ. Schirin kippte, griff nach der Leine und erwischte doch nur einen Unterrock -- dann schloss sie die Augen.
Was einem doch alles durch den Kopf geht, bevor man stirbt!
Schirin blinzelte in die Augen eines dicken Mahudi, der sie herzlich anlachte. Yatta musste sein Wüstenfant sein, und jener hatte sie mit seinem Rüssel aufgefangen.
Während Schirin barfuß auf die andere Straßenseite hetzte, schüttelte der Karawanenhändler nur schmunzelnd den Kopf und rief: "In Iskar gibts ein Sprichwort: Lieber drei Schritte tun als einen Sprung, bei dem du dirs Bein brichst!"
Als Schirin um die Häuserecke bog, sah sie Muffrat seelenruhig eine Ranke hinunterklettern.
Mit mir hat er wohl noch nicht gerechnet!
Schirin stieg geschmeidig hinter ihm her.
Jetzt hab ich dich: Sackgasse!
"Zarazar dachte wohl, ich kenne dich nicht! Oder warum schickt er mir sonst eine Anfängerin?" Er spuckte vor ihr aus, was Schirin schon immer richtig eklig fand.
"Heute verdiene ich mir meine Sichel!"
Er schätzte die Richtung der Verfolgungsjagd ab. Strammen Schrittes, immer darauf achtend, im Schatten zu bleiben, folgte er seinen Instinkten. Ein brennender Schmerz zog ihm durchs Gesicht wie ein stumpfes Messer, das in seine Wange biss. Seine Brandnarbe meldete sich. Jasir drückte sich schnell in eine schattige Ecke.
Muffrat kam aus einer Seitengasse geschlüpft. Die Ratte schwänzelte an ihm vorbei, ohne ihn zu bemerken.
Wo war Schirin? Hat er sie abgehängt, oder --?
Muffrat stank, als ob er gerade erst aus einer Schmockerhöhle herausgestürzt wäre. Der Keffar ging zügig und wischte sich immer wieder den Schweiß von der Stirn, schien aber nicht zu ahnen, dass ihm noch jemand folgte. Jasir sorgte sich natürlich um seine Makib, doch der Auftrag stand an erster Stelle!
"Wo ist der Ring?", fragte der Einäugige.
"Nein ... das ist deine Sache! ", entgegnete der Andere.
Der Einäugige schüttelte den Kopf: "Falkner mischen ... nicht ..."
Schlagartig verstummten die Zikaden. Ein starker Wind fuhr durch den Hain, ließ die Palmen schwanken, dann folgten Blitz und Donner.
Er schaute sich misstrauisch um. "Kallib, so war die Vereinbarung! Wenn du mir den Ring gibst, bist du deine Kaffra los."
Der Einäugige wandte sich zum Gehen, blieb dann aber noch einmal stehen. "Morgen hier ... selbe Zeit! Sonst ..." Er schritt zügig in Richtung Stadt davon.
Jasir war, als ob er erneute Blitze unter der Kuppel des Tempels sah, er wunderte sich: Was für seltsame Wetterphänomene! War das Einbildung? Hitzeflimmern? Wieder ein Windstoß, rote Sandkörner wirbelten auf und stachen ihm ins Gesicht.
*
Rattennest gefunden!



