Montag, 9. Dezember 2024

Der Zahn des kalten Gottes - Kapitel 4: Der Talisman

Hallo, mein Junge!“ sprach Calvaron, als Hasabi in das kleine dunkle Zimmer trat, das sich der Alwe für ein paar Tage gemietet hatte. Die Fenster des kleinen Raumes hatte der Alwe mit dunklen Tüchern verhängt. Hasabi vermutete, dass der Alwe, der die Kälte gewohnt war, damit die Hitze des Tages aus dem Zimmer verbannen wollte.
Der Reliquiendieb will die Stadt verlassen!“ sagte Hasabi direkt heraus.
Wie kommst du darauf?“ fragte der Alwe, der auf einer Art Diwan saß. Seinen Umhang hatte er über einen Holzstuhl gehängt, der an einem kleinen runden Tisch stand.
Nun, er kauft Proviant. Außerdem habe ich seine Augen gesehen und ich habe gelernt, daraus zu lesen.
Verstohlen sah Hasabi bei seinen Worten in die pupillenlosen Augen des Alwen, der den Blick bemerkt hatte, und ihn mit einem kurzen Lächeln quittierte.
Wo ist der Barbar jetzt?“ fragte Calvaron und erhob sich. Erst jetzt bemerkte Hasabi, dass der Alwe mindestens so groß war wie der Wilde, den er verfolgt hatte. Seine Priesterrobe wirkte in dem fahlen Licht, das durch die aufgehängten Tücher drang, viel majestätischer als zuvor. Das Gewand war vorne mit seltsamen Silberrunen geschmückt, die Hasabi vorher gar nicht aufgefallen waren. Ein solches Gewand musste einer sehr wichtigen Persönlichkeit gehören.
Nun?“ fragte Calvaron, als er bemerkte, dass Hasabi ihn musterte.
Ein Freund von mir hat ein Auge auf ihn. Ich sagte ihm, dass ich ihn bei Marktschluss am oberen Stadttor treffen werde.
Sehr gut, mein Junge. Ich hoffe du hast ihm nichts von der Reliquie erzählt …
Nein, habe ich nicht … bin doch nicht doof! Ich habe ihm bloß fünf Silberlinge versprochen!
Fünf?“ knurrte Calvaron, was Hasabi zusammenzucken ließ.
Die Sache ist viel zu wichtig, du hättest ihm mehr bieten müssen!“ lachte Calvaron und schlug dem Jungen mit seiner kalten Hand auf die Schulter. Hasabi entspannte sich wieder. „Nun denn, lass uns zu deinem Freund aufbrechen!“ sagte Calvaron, zog seinen braunen Kapuzenumhang über und nahm einen langen Wanderstab, der komplett aus bläulichem Eis zu bestehen schien und von einem fantastischen weißen Stein an der Spitze geziert wurde.

In einem Stall nahe der Gaststätte hatte Calvaron ein Pferd untergestellt: Einen mächtigen schwarzen Hengst. Er legte ihm einen einfachen Sattel an und versteckte seinen Stab unter einigen Fellen und Tüchern. Calvaron hatte die Kapuze tief ins Gesicht gezogen, als sie durch die Straßen der Stadt ritten. Als der Alwe in der Nähe des Stadttores das Tier zügelte, sprang Hasabi ab und lief zu seinem Freund Jock, der an die äußere Wehrmauer lehnte.

Wer ist denn diese Gestalt?“ wagte Jock Hasabi leise zu fragen und blickte in die Richtung des dunklen Reiters.
Er ist ein Freund!“ versprach ihm Hasabi.
Nun, hat der Barbar die Stadt schon verlassen, wie ich vermutet habe?
Ja, hat er. Du wirst es nicht glauben, was passiert ist. Der gewaltige Kerl kam auf mich zu, als ich mich unauffällig gegen eine Mauer lehnte. Zuerst dachte ich – jetzt ist es aus, er hat bemerkt, dass ich ihn verfolge – aber nichts dergleichen. Er fragte mich, wie er ungesehen die Stadt verlassen könne. Anscheinend hat er Angst, den Stadtwachen zu begegnen!
Was hast du dem Kerl erzählt?
Nun, er gab mir zwei Silberlinge, da hab’ ich ihm vom Loch in der Nordwand hinter der alten zerfallenen Baracke erzählt. Durch die ist er vor einer Stunde geschlüpft. So viel ich gesehen habe, läuft er in nördlicher Richtung!
Danke, Jock! Hast du gut gemacht!“ rief Hasabi und drehte sich um. Jock griff nach Hasabis Schulter und drehte ihn wieder zu sich.
Ich glaube, du hast was vergessen!“ funkelte Jock seinen jungen Freund etwas erbost an und hielt seine Hand auf.
Ups …“, rief Hasabi und griff in seine dünne Ledertunika und zog fünf Münzen heraus, die ihm der Alwe gegeben hatte.
Hier!“ Als Hasabi Jock die Münzen in die Hand drückte, hielt Jock sie fest.
Was ist denn das?“ fragte der Streuner und deutete auf die Zeichnung an Hasabis Hand. „Ich kenne dieses Zeichen irgendwoher!
Ich hab’ keine Zeit. Jock, mach’s gut!“ verabschiedete sich Hasabi hastig und lief zu Calvaron, der auf dem schwarzen Hengst auf ihn wartete. Kurze Zeit später ritten die beiden durch das prächtige Stadttor von Parapolis. Während sie langsam dem Pfad nach Norden folgten, sprachen sie darüber, wie sie die Reliquie aus den Händen des Nordmannes zurückgewinnen könnten. Hasabi fiel auf, dass Calvaron jede Möglichkeit ausschlug, bei der er auch nur in die Nähe des Barbaren kommen musste. Hasabi vermutete, dass der Alwen-Priester den Barbaren mehr fürchtete, als er zugeben wollte. Der Plan, den sich die beiden dann zurechtlegten sah vor, dass Hasabi sich des Nachts an den wilden Barbaren anschleichen sollte, während dieser schlief.

Die Sonne ging unter, und es wurde schnell dunkler. Trotz der einsetzenden Dunkelheit verlangsamte der Alwe sein Pferd nicht und führte es wie am helllichten Tage sicher an schwierigen Stellen vorbei. Nach einiger Zeit sahen sie in der Ferne ein Lagerfeuer.
Ist er das?“ fragte Hasabi seinen dunklen Begleiter, dessen Augen im schwachen Sternenlicht glitzerten. Calvaron nickte und stieg vom Pferd.
Bist du sicher, dass du dies für mich tun willst? Es ist nicht ungefährlich“, warnte er den Jungen.
Wenn ihr mich dann auch wirklich mitnehmt in euer fernes Land!“ sagte Hasabi.
Calvaron ließ seine schartigen weißen Zähne kurz in einem Lächeln aufblitzen und tätschelte erneut beruhigend Hasabis Schulter.
Das werde ich, du wirst Dinge sehen, von denen du nicht einmal träumen kannst, mein Junge!

Von diesen Worten ermutigt schlich sich Hasabi durch das dichte Unterholz des Waldes in Richtung des Lichtes. Nach kurzer Zeit befand er sich direkt an der Feuerstelle, neben der laut schnarchend der Barbar lag, der anscheinend auf dem ersten Stück seiner Reise den meisten Wein schon getrunken hatte, den er sich mittags auf dem Markt geholt hatte. Die Reliquie lag auf seiner Brust und das lodernde Licht des Lagerfeuers spiegelte sich in ihr. Hasabi wusste, dass er die Schnur durchschneiden musste, um den Drachenzahn zu bekommen. Es gab keine Möglichkeit die Lederschnur anders über den Kopf des Barbaren zu ziehen. Hasabi zog seinen kurzen Dolch, den er in seinem Stiefelschaft versteckt hatte. Mit der linken Hand hob er den glitzernden Zahn leicht von der Brust ab, mit der rechten setzte er den Dolch an die Schnur und begann zu schneiden. Hasabi war dem Gesicht des Barbaren so nahe, dass er seinen heißen Atem am Arm spüren konnte. Mit einem ungeheuren Brüllen stieß Lorik Hasabi von sich, der Dolch flog dabei durch die Luft. Am ausgestreckten Arm hielt Lorik den Jungen an einen Baum gepresst. Die andere Hand des Barbaren hielt das geschliffene Breitschwert direkt an Hasabis Hals.
Bist du mir aus Stadt bis hierher gefolgt, um mir meinen Talisman zu stehlen?“ fragte der Barbar zornig. Hasabi wusste nicht, was er sagen sollte. Er war sich sicher, dass der Barbar ihn jetzt töten würde.
Warum wagt sich eine Made wie du so weit in die Wildnis?“ fragte Lorik und blickte den Jungen mit einem durchdringenden Blick an.
Hast du keine Zunge oder willst du nicht sprechen?
Ich heiße Hasabi!“ sagte der Junge plötzlich und schien von sich selbst überrascht zu sein. „Nun, Hasabi, ich habe schon Männern das Genick gebrochen, weil sie meinen Talisman bloß angeschaut haben – was meinst du, soll ich jetzt mit dir anstellen?
Hasabi zuckte unsicher mit den Schultern.
Ich sah euch über den Markt gehen. Da fiel mir euer Talisman auf. Er funkelte mir förmlich ins Auge. Für dieses Stück könnte ich mir so einiges leisten!
Du bist noch jung, Hasabi. Wenn du mal ein guter Dieb werden willst, solltest du dich erst mal an geringerer Beute versuchen!
Bei diesen Worten ließ Lorik Hasabi los, nahm das Schwert aber nicht herunter.
Ich gebe dir einen guten Rat. Lauf’ morgen so schnell du kannst zurück nach Parapolis und folge mir keinen Schritt weiter.
Ihr tötet mich nicht?“ fragte Hasabi erstaunt.
Möchtest du sterben?“ fragte Lorik zurück. Hasabi schüttelte wie benommen mit dem Kopf. 
Trotzdem werde ich dich bestrafen Junge und zwar so, wie es in Parapolis üblich ist! Her mit deiner Hand!
Nein!“ stöhnte Hasabi auf und wich vor der Hand des Riesen zurück.
He, Junge, beruhige dich wieder … war nur ein Scherz! Setz dich zu mir ans Feuer und iss einen Bissen Pökelfleisch.“ Hasabi, der sich noch nicht vom Schock erholt hatte, stand nur wie gelähmt da, als sich Lorik an sein Lagerfeuer setzte und lachend ein großes Stück Pökelfleisch in zwei Hälften riss.
Los, setz dich! Es ist sowieso zu spät, um dich jetzt fortzuschicken.“ Unsicher ob des plötzlichen Sinneswandels des großen Mannes setzte sich Hasabi auf die dem Mann gegenüberliegende Seite des warmen Feuers. Das Stück Pökelfleisch, das ihm Lorik zuwarf, war eklig glitschig – trotzdem schlang Hasabi fast das ganze Stück auf einmal herunter.
Ganz schön hungrig, Kleiner, eh?“ fragte Lorik.
Woher kommst du? Du bist ja kein Leukon …
Ich weiß nicht … hab’ meine Eltern nie kennengelernt.
Wie konntest du dann als kleines Kind in den Straßen von Parapolis überleben? Wer hat dich aufgezogen?
Irgendjemand fand sich immer, der mir etwas zusteckte … meistens waren es Diebe, so wie ich heute einer bin …
Armer Teufel …“, seufzte Lorik und starrte in das Feuer.
Und jetzt hast du deine Seele verkauft …“ Hasabi blickte den Barbaren erstaunt und voller Unverständnis an.
Du bist nicht alleine hier heraus gekommen, dass weiß ich … Wer ist es, der dich geschickt hat?“ Überrascht darüber, dass Lorik soviel wusste, verschlug es Hasabi die Sprache.
Ich weiß nicht …“, fuhr Lorik fort. „Vielleicht irre ich mich, dieses Gefühl habe ich, seit ich meine Heimat im Norden verlassen habe! Hast du jemals von Yarwaques Hand gehört, mein kleiner Freund?
Ja, da kommen die Gjölnar her! Außer dir sind noch viele andere in der Stadt. Ich glaube viele von ihnen suchen nach einer Möglichkeit als Matrose auf ein Handelsschiff zu kommen.
Lorik nickte und blickte wieder ins Feuer. „Warum hast du Yarwaques Hand verlassen?“ fragte Hasabi.
Nichts … gar nichts hielt mich mehr dort. Ich hatte eine Familie … eine große Familie, doch ich verlor sie … alle!“ Danach herrschte eine Weile absolute Stille. Nur das Holz im Feuer knackte vor sich her.
Was ist das für ein Talisman?“ erkundigte sich Hasabi neugierig, was ihm ein böses Funkeln aus Loriks Augen einbrachte.
Ein Geschenk …und ein Zeichen. Für mich ist es zum Zeichen für all das geworden, was ich früher war … was mein Leben früher war!
Und jetzt bist du aufgebrochen, um zu diesem Leben zurückzukehren?
Interessiert schaute der Mann zu dem Jungen herüber, der anscheinend mehr aus ihm lesen konnte als so viele andere. Lorik gab keine Antwort.
Leg dich hin und schlaf, ich werde aufpassen, dass dich die Wölfe nicht fressen!“ sagte der Barbar mit einem Schmunzeln. Hasabi war sehr müde und befolgte den Rat des Barbaren, denn er hatte Angst mit seiner Neugier in eine Wunde zu stoßen, die die Stimmung des grimmigen Mannes wieder umschlagen lassen könnte. In dieser Nacht schlief Hasabi sehr unruhig.

Der Zahn des kalten Gottes - Kapitel 3: Der Auftrag des Alwen

Gebückt schlich sich der Junge durch die schattigen Nebenstraßen Parapolis. Die Morgensonne lugte gerade über die flachen Dächer der Hafenstadt. Er hatte schon mehrere kleinere Aufgaben für andere Schurken in der Stadt erledigt, doch dieser Auftrag war anders. Calvaron war ein Priester, einer der ihn aus dem Elend seines miesen Lebens herausholen konnte, das spürte Hasabi. Deshalb würde er all seine Fähigkeiten, die er sich im Laufe seines noch jungen Lebens angeeignet hatte, einsetzen, um den Auftrag erfolgreich auszuführen. Calvaron hatte ihm erzählt, dass er ein Geheimbote seines Volkes und auf der Suche nach einer uralten Reliquie sei. Diese Reliquie sei ein blau-weiß glänzender Drachenzahn, ein geheiligtes Symbol der Göttin Nivie und vor Jahren von einem Barbaren namens Lorik geraubt worden. Der alwische Priester hatte den Räuber bis in diese Stadt verfolgt.
Calvaron, der Alwonai-Priester.
Laut Calvarons Beschreibung war Lorik ein fürchterlicher Krieger, mit mächtiger Brust und breiten Schultern. Hasabi kannte viele Gjölnar, die aus dem Norden nach Parapolis gekommen waren, um hier als Matrosen auf einem der Handelsschiffe anzuheuern, auf die diese Beschreibung zugetroffen hätte. Der geheimnisvolle Alwe hatte Hasabi erzählt, dass man den Wilden an einer schwarzroten Tätowierung erkennen könne, die sein halbes Gesicht und seine Brust bedecke. Hasabi hatte sich bei einigen seiner Quellen, also Herumtreibern, wie er selbst einer war, erkundigt.
Trischon, der einarmige Schlossknacker aus dem Hafenviertel, glaubte sich an einen Mann mit einer solchen Tätowierung erinnern zu können. Er beschrieb Hasabi die Schenke, in der er den Barbaren gesehen zu haben glaubte. Dort hatte er von einem alten Seebär erfahren, dass sich der Wilde, der wirklich Lorik zu heißen schien, nachts häufig durch sämtliche Schenken des Hafenviertels soff. Nun war er dabei eben diese Spelunken nacheinander abzuklappern, um zu überprüfen, ob der Barbar in einer der vielen Tavernen mit Gästezimmern übernachtet hatte. In der letzten Gaststätte, einer kleinen Holzstube auf deren Schild 'Zum hämischen Hecht' stand, hatte man ihm erzählt, dass man in der vergangenen Nacht einen stockbesoffenen Wilden, der Streit anfangen wollte, auf die Straße geworfen hatte. Hasabi beschloss die Gaststätten in der Nähe zu erkunden, weit konnte Lorik, falls er wirklich so besoffen gewesen war, nicht gekommen sein. Als Hasabi die Straße hinauf sein nächstes Ziel, eine teures Gasthaus namens 'Goldesel', erspähte, huschte er hinter die Marmorsäule eines Gebäudes, um nicht von der heraustretenden Person gesehen zu werden. Vorsichtig lugte er um die Säule herum und erkannte, dass er Lorik gefunden hatte. Er starrte zum Giebel eines Skia-Tempels, auf der eine kunstvoll gemeißelte weiße Eule aus Marmor saß. Die Tätowierung, die der Barbar trug, ließ den mächtigen Körper des wilden Nordmannes noch furchteinflößender erscheinen, als er in Anbetracht seiner Muskeln sowieso schon war. Seine lange braune Mähne hing ihm bis auf seine breiten Schultern herab. Außer einer ausgemergelten ledernen Hose, an der ein kleiner Geldbeutel hing und einigen Fellstiefeln in noch schlimmerem Zustand trug er offensichtlich nichts bei sich. Von einem Drachenzahn war nichts zu sehen. Zielstrebig schritt der mächtige Barbar auf die Tür des Tempels, der der Göttin der Weisheit geweiht war, zu. Sein heftiges Rütteln an der mit Eisen beschlagenen Tür zeigte ihm, dass die Tür ganz offensichtlich verschlossen war und er sie nicht aufbrechen konnte. Interessiert sah Hasabi, dass der Barbar ganz offensichtlich nach einem Weg suchte, um in den Tempel zu gelangen.
Was will dieser schwankende Riese in dem Tempel?’ fragte sich Hasabi.
Sicherlich ist er kein Anhänger Skias, die all das verkörpert, was dieser Wilde gerade nicht ist!

Erstaunt sah der junge Dieb, wie sich der unbeholfene Barbar an einem Holzgerüst, an dem eine Kletterpflanze emporgewachsen war, hochzog. Als Lorik oben angekommen war, schaute er sich noch einmal flüchtig um, bevor er das bunte Fenster unter dem Dach eintrat. Das laute Splittern des Glases ließ den jungen Jujin zusammenzucken.

Was für ein Trottel!“ dachte sich Hasabi und war sich sicher, dass der Wilde mit dem Lärm die ganze Straße geweckt hatte. Nervös blickte sich Hasabi in der Gasse um und entdeckte wenig später einen wild schimpfenden Priester in fliegender weißer Robe. Hinter ihm tauchten drei Stadtwachen auf, die ihre Breitschwerter gezogen hatten. Aus ihren Gesichtern las Hasabi Erstaunen. Wahrscheinlich fragten sie sich, warum der Priester schon so früh am Morgen drei von ihnen von ihren Posten abziehen musste. Der Priester schloss mit einem großen eisernen Schlüssel die Tür des Tempels auf. Laut schnaubend riss er den großen Holzflügel zur Seite, entzündete mit einem Feuerstein eine Fackel und eilte mit zwei der Wachen in die Dunkelheit. Die dritte Stadtwache blieb vor der Tür stehen und blickte sich gelangweilt auf dem Platz vor dem Tempel um. Hasabi war gut versteckt und die müden Augen des Wächters übersahen ihn.
Diese verdammten Kinder!“ hörte Hasabi den erbosten Priester rufen.
Das ist nun schon das dritte Mal in diesem Jahr, dass sie unsere Scheiben einwerfen!“ Hasabi musste sich ein Kichern verkneifen. Er hörte, wie der Priester nicht weniger aufgeregt innen mit den beiden Stadtwachen sprach, die in der Dunkelheit wahrscheinlich nach einem Stein suchten. Plötzlich kam Lorik mit einer enormen Geschwindigkeit aus der Tür gestürmt und schickte den Wächter mit einem einzigen gewaltigen Nackenschlag ins Reich der Träume. Der Barbar musste sich im Dunkeln vor dem Priester und den Stadtwachen versteckt haben. Blitzschnell krallte sich der Barbar das Schwert der bewusstlosen Wache, noch bevor dieses auf den Boden fallen konnte. Danach rannte der Wilde so schnell er konnte die Straße in Richtung Hafen hinunter. Hasabi verschwand hinter dem Haus auf der anderen Straßenseite des Tempelplatzes und folgte der engen Parallelstraße, die ebenfalls zum Hafen führte. Vom Tempelplatz hörte er noch die Stimme des Priesters, der die Stadtwachen anschrie, sie sollten den Einbrecher verfolgen. Nach einiger Zeit verlangsamte Hasabi seine Schritte und wollte sich gerade eingestehen, dass er die Spur des Barbaren verloren hatte, als er ein Keuchen in einer der Seitengassen hörte. Langsam schlich sich Hasabi zur Hausecke und blickte mit einem Auge in die Straße. Lorik lehnte sich, sichtlich von seinem Spurt geschafft, mit dem gestohlenen Schwert in der Hand, an eine Hauswand. Er hatte die Augen geschlossen und atmete schwer. Hasabi vermutete, dass das ausschweifende Leben in der Stadt der Ausdauer des Barbaren nicht gerade zuträglich gewesen war. Als der junge Dieb näher hinsah, erkannte er, dass Lorik nun ein Lederband um den muskulösen Hals trug, an dem ein wunderschön funkelnder Gegenstand hing. Das musste die Reliquie sein! Aber wie sollte Hasabi an diese herankommen? Er hatte gesehen, wie leicht der Krieger die Stadtwache niedergeschlagen hatte und jetzt trug er ja auch noch ein Schwert. Lorik öffnete die Augen und schien erst jetzt zu bemerken, dass er ein Schwert in der Hand hielt. Hasabi konnte ein Funkeln in den Augen des Kriegers sehen, als dieser seinen Blick über die Schwertklinge hin zum Himmel richtete. Hasabi musste seinen nächsten Schritt genau planen, dieser Mann war sehr gefährlich, dass spürte er. Der Dieb lehnte sich an die Hauswand um über sein Vorgehen nachzudenken und kratzte sich dabei beiläufig an seinem Handrücken auf das der Alwe Calvaron ihm ein hübsches Symbol gemalt hatte.
Calvaron hatte ihm erzählt, es sei ein Schutzsymbol seiner Göttin, der Frosthirtin, Nivie, die ihn beschützen würde. Jetzt juckte ihn die Farbe auf seiner Haut und schien auch nicht mehr weg zu gehen. Als er Geräusche aus der Seitenstraße hörte, vergaß er seine Hand. Der Barbar hatte das Schwert der Stadtwache in ein braunes Leinentuch gehüllt, das er irgendwo auf der Straße gefunden haben musste. Mit einem weiteren Lederriemen verschnürte er es zu einem festen Paket und verließ aufrechten Schrittes die Seitenstraße in der entgegengesetzten Richtung. Auf leisen Sohlen folgte Hasabi dem Barbaren und blieb immer ein gutes Stück zurück. Lorik nahm die Straße, die hinab zum Hafen und auf der anderen Seite zum Marktplatz führte, wo er gestern zum ersten Mal Calvaron begegnet war. Auf dem Markt blieb der Barbar an einigen Ständen stehen und ließ sich Pökelfleisch, Zwieback und Wein geben, was er mit klingender Münze aus seinem Beutel bezahlte. Hasabi erkannte, was der Barbar vorhatte: Er wollte die Stadt verlassen. Das war der Zeitpunkt, den Alwen-Priester aufzusuchen. Er musste dem heiligen Mann erzählen, dass sich der Wilde mit der Reliquie aus dem Staub machen wollte. Hasabi blickte sich auf der untersten Ebene des Marktes um und fand nach kurzer Zeit, was er suchte. Zwischen zwei Obstständen kauerte eine in dunkelbraune Tücher gehüllte Gestalt. Das war Jock, einer von Hasabis Quellen und einer seiner besten Freunde im Marktviertel. Heimlich gesellte sich Hasabi zu seinem versteckten Freund zwischen die Marktstände.
Hallo, Hasabi! Was machst du denn hier?“ fragte Jock seinen Freund.
Ich hab’ ‘nen Auftrag, was ziemlich Großes … ich brauche deine Hilfe!
Moment …“, unterbrach der dürre Jock seinen Freund mit erhobener Hand.
Fünf Silberlinge!“ rief Hasabi da und brachte damit Jock zum Schweigen.
Siehst du diesen Wilden da hinten?
Du meinst den tätowierten Gorilla?
Ja, genau den. Du musst ihn für mich beschatten.
Jock nickte seinem jungen Freund zu.
Und dann?“ fragte er.
Wir treffen uns zu Marktende am oberen Stadttor!
Jock wartete mit der Verfolgung des Barbaren bis Hasabi aus der Hafenstraße verschwunden war.

Der Zahn des kalten Gottes - Kapitel 2: Loriks Laster

Der Wind, der vom Meer herauf durch die verwinkelten Gassen Parapolis' blies, erschien Lorik in dieser Nacht kälter als sonst. Mit seiner Hand tastete er über seine mächtige Brust. Sein Umhang aus Wolfsfell war weg. Er musste ihn irgendwo zwischen hier - wo immer das auch war - und der letzten Taverne, aus der man ihn rausgeprügelt hatte, verloren haben. Erschrocken fasste er an seinen Gürtel und stellte erleichtert fest, dass sein Beutel voll Münzen noch da war. Die Silberlinge würden noch für die nötige Wärme in einer der zahlreichen anderen Schenken ausreichen. Außerdem musste der Weg von hier bis zur nächsten Taverne kürzer sein als bis zur Gaststätte, wo er ein Zimmer hatte, denn er konnte sich nicht mehr an deren Namen erinnern. Lorik entschied, dass er einfach dort aufwachen würde, wo er – natürlich nach einigen Vergnügungen – eingeschlafen war. Aber das konnte nicht hier auf der Straße sein, da ihm die Kälte der See wirklich unangenehm in die Glieder fuhr.
Lorik, Gjölnar vom Stamm der Khor'Benrick.
Lorik trieb sich nun schon einige Jahre in den Städten Thaliens herum und genoss sein Leben als Mann ohne Verpflichtungen. Früher war er ein raubeiniger Krieger gewesen, auf dessen Taten Osir, der Gott des Mutes und der Tapferkeit, stolz gewesen wäre. Vom früheren Glanz seiner Taten war nicht viel mehr als der immer kleiner werdende Sack klimpernder Münzen übriggeblieben. In einiger Entfernung, etwas die Gasse hinauf, bemerkte der Barbar, dass sich ein schmaler, verschwommen leuchtender Spalt stetig dehnte, um dann wieder zu seiner ursprünglichen Größe zusammenzufallen. In seiner Phantasielosigkeit folgerte Lorik, dass es sich um eine Tür handeln musste, die geöffnet wurde und wieder zufiel. Wankend näherte er sich der Erscheinung und bellte einem der Schatten, der ihm entgegenkam, er solle ihm die Türe aufhalten. Auf diese Weise gelangte Lorik, der sich, nachdem er versehentlich den Türpfosten geküsst und sich dann bei diesem entschuldigt hatte, in seiner ursprünglichen Annahme, es könne sich um eine Tür handeln, bestätigt fühlte, in ein warmes Haus.

»Ungewöhnlich!«, gluckste er, als er sich in dem großen Raum umschaute. Kerzen erhellten einige Stuhlreihen vor einer großen Steintheke, auf der eine Art Buch lag. An den Wänden standen Regale, die mit Schriftrollen und Büchern angefüllt waren. Die Decke und Säulen waren mit seltsamen Zeichen geschmückt, die Lorik weder in seinem jetzigen, noch in nüchternem Zustand hätte entziffern können. Alles, was er erkannte, war eine Abbildung einer Eule über der Theke, die ihm ein kräftiges Kichern entlockte. »Hoho!«, rief der Barbar. »Also so 'ne bescheuerte Verzierung hab’ ich ja noch nie geseh‘n! Na ja, Hauptsache das Bier hier schmeckt!«, rief er lauthals und schlug einem der Schatten kräftig auf die Schulter. »Wow!«, pfiff Lorik, als er drei in weiße Togen gewandete Frauen vor der Steintheke sah. »Aber die Bedienungen sind ganz schön heiß! Bringt mir und meinem schattigen Freund hier mal ein schmackhaftes Bierchen!«, grunzte er mehr, als dass er sprach durch die Reihen der Menschen, die auf einmal laut anfingen, miteinander zu schnattern. Davon unbeeindruckt sah er sich weiter um und entdeckte am Eingang zwei große Wasserbecken. Lorik begrüßte die Möglichkeit, sich vor dem Trinken zu waschen, denn er erinnerte sich vage daran, dass nicht alle Getränke, die er in dieser Nacht zu sich genommen hatte, auch wirklich seine Kehle nur einmal durchquert hatten. Er beschloss, nicht das Wasser seinem Gesicht anzunähern, sondern sein Gesicht und fast seinen ganzen mächtigen Oberkörper tief in das kalte Wasser zu tauchen. Als er unter Wasser seine Augen öffnete, sah er, dass etwas bläulich funkelndes auf dem Grund des Beckens lag. Gerade als er nach dem Gegenstand greifen wollte, zerrten ihn starke Hände aus dem Becken.
»Lass dich hier nie mehr blicken, elender Wilder!«, rief man ihm nach, als man ihn unsanft aus der Tür warf. Etwas missmutig und verstört blickte Lorik nach kurzer Zeit wieder auf und spuckte in Richtung des Lichtspaltes. Als sein Blick danach getrübt auf eine weitere Lichterscheinung fiel, entglitt seinem Gesicht ein schiefes Lächeln.

***

Als Lorik am nächsten Tag mühsam ein Auge öffnete, bemerkte er, dass er in einem Bett lag, und dass eine Rothaarige ihren Kopf auf seine Brust gelegt hatte. Noch etwas benommen vom vielen Bier richtete er sich keuchend auf und stöhnte. Sein Kopf wollte am liebsten sofort in tausend Stücke zerspringen. Die junge, gar nicht mal so hübsche Frau rollte sich auf dem Bett zusammen, als Lorik aufstand. Er hatte sich wohl in einem der vielen Gasthäuser volllaufen lassen und sich mit einem der Mädchen ein Zimmer genommen. Er erinnerte sich daran, dass er seinen Umhang verloren hatte. Sein Säckchen mit den Silberlingen lag auf dem kleinen Tisch neben dem Bett und hatte erneut etwas von seinem Gewicht eingebüßt. So wie es aussah, würde es allerdings noch für die Bezahlung des Zimmers ausreichen. Erst jetzt bemerkte er, dass ihm sein Hals irgendwie sonderbar nackt vorkam. Dann wurde es ihm plötzlich klar. Er hatte seinen Talisman verloren, den er an einer ledernen Schnur um seinen sehnigen Hals getragen hatte. Sein Blick fiel auf die Rothaarige. Mit einem zornigen Knurren entriss er der Frau die Bettdecke, worauf sie einen lauten Entsetzensschrei ausstieß.

»Wo ist mein Talisman?«, fauchte der Barbar die zitternde, nackte Frau an. Sie schüttelte nur benommen den runden Kopf.
»Mein Talisman? Wo ist er? Hast Du Dirne ihn mir gestohlen?«. Tränen rannen über die Wangen der jungen Frau, die keines der Worte des Barbaren verstanden hatte und ihre Nacktheit plötzlich vor dem vor Wut schäumenden Barbaren verbergen wollte. Lorik kam auf die junge Frau zu und legte seine mächtigen Hände um ihren zierlichen Hals und hob sie so aus dem Bett heraus.
»Ich frage dich nur einmal. Wo ist der Talisman, den ich gestern Abend trug, als ich in diese Taverne trat?« Mehr quiekend als sprechend gab die Rothaarige nur spärliche Laute von sich: »Ihr … nichts … Hals. Kein Talisman … nur … Silberlinge!«

Lorik ließ die junge Frau auf das Bett zurückfallen, die sich sofort ihren nun wunden Hals rieb. Er hatte nicht vorgehabt sie zu töten, aber dieser Talisman bedeutete ihm sehr viel. Es war ein Talisman, den er schon einige Jahre trug. Er erinnerte ihn an seine wagemutigen Abenteuer mit seinen mächtigen Kampfgenossen. Doch nun schien er verloren und mit ihm der letzte Rest seiner Kriegerehre. Als er, so nackt wie er war, mit geschlossenen Augen dastand und über seine nun völlig überflüssig erscheinende Existenz nachsann, kam ihm plötzlich das Bild eines funkelnden blauen Gegenstandes in einem Wasserbecken in den Sinn. Er hatte seinen Talisman beim Waschen verloren. Und nun fiel ihm auch wieder ein, dass das in einer Schenke gewesen war, in der eine große hässliche Eule über dem Tresen hing. Er musste diese Schenke und damit seinen Talisman finden! Er zog sich rasch an und warf der Dirne einige seiner Silberlinge aus seinem Beutel als Entschädigung zu und verließ rasch über eine knarrende Holztreppe das kleine Zimmer. Unten erwartete ihn schon ein freundlich dreinblickender,  pausbäckiger alter Mann, der mehr Haare auf den Armen als auf dem Schädel zu haben schien. Die grünliche Schürze, die er sich über seinen schwabbligen Bauch gebunden hatte, zeichnete ihn für Lorik als Gastwirt aus.

»Guten Morgen!“, grüßte der Alte und bemerkte schnell, dass in diesem Falle ein zu freundliches Benehmen auch keine gute Lösung sein würde.
»Sie haben ihr Zimmer heute Nacht schon bezahlt. Ich wünsche ihnen noch einen angenehmen Tag!«
»Jaja, ich suche eine Taverne …«, brummte Lorik missmutig.
»Tavernen gibt’s viele in Parapolis«, merkte der Alte an, »kennen Sie vielleicht den Namen, der außen auf dem Schild steht?«
»Nein, ich weiß nur, dass da eine Verzierung mit einer Eule über dem Tresen hing!«
»Eine Eule? Mhm, nein, tut mir leid, ich kenne keine Taverne, in der man so was findet, tut mir leid, … allerdings kenne ich auch nicht alle meine Konkurrenten!«

Missmutiger als zuvor wankte Lorik auf die Straße. Das Sonnenlicht stach ihm in die Augen und schickte ihm eine neue Schmerzwelle durch die Schläfen. Einen Fluch auf Alun, den Gott des Lichts, ausstoßend, erhob er seine Hand gen Himmel und erstarrte plötzlich, als er einige Schritte über sich genau so eine Eule erspähte, wie er sie in Erinnerung hatte.

Ijonische Geschichten 1: Der Zahn des kalten Gottes - Kapitel 1: Der kleine Dieb

Ein angenehm säuerlicher Geruch ging von dem grünen Apfel aus. Der junge Jujin bewunderte das Licht des Sonnenaufgangs auf seiner glatten Schale. Der Apfel war die erste Beute des Tages gewesen, nichts Besonderes, dennoch freute sich der kleine Dieb darüber, denn in letzter Zeit wurde es immer schwieriger, sich nicht von den Händlern erwischen zu lassen. Sie hatten den Stadtrat dazu bewegt, die Wachen auf dem Marktplatz zu verdoppeln. Das Warenangebot war zurückgegangen und durch die Androhung einiger Kaufleute, sich ebenfalls aus dem Geschäft in Parapolis zurückzuziehen, fürchteten viele der Ratsmitglieder um den Wohlstand der Stadt. Das Gezänk der Stadtväter interessierte Hasabi jedoch wenig. Als Dieb war er nur ein kleiner Fisch in einem großen Meer voller Haie. Er stahl nur, um am Leben zu bleiben. Hier mal ein Brot, da mal ein Messer, das er dann gegen sauberes Wasser oder etwas Essbares eintauschte. Es waren sicher nicht seine geschickten Finger, die die Händler und den Stadtrat so zum Schnauben brachten. Während Hasabi den Apfel genüsslich verschlang, Bissen für Bissen, schweifte sein Blick über das Treiben auf dem Marktplatz von Parapolis.

  Der Markt war auf drei Ebenen verteilt, die durch breite Treppen miteinander verbunden waren. Die oberste und die unterste verliefen sich zu den Seiten hin in verwinkelte Gassen, in denen ebenfalls gerade Stände errichtet wurden. Von seinem erhöhten Standort aus, einer Mauer zwischen zwei alten Handelshäusern, hatte er eine hervorragende Aussicht. Langsam füllte sich der Platz mit Menschen. Auf der untersten Marktebene begutachteten braun und grau gewandete Mägde die Auslagen der Händler auf das genaueste. Auf der mittleren sah er Krieger aller Herren Länder, die sich Bögen, Säbel und Rüstungen zeigen ließen. Darunter waren sowohl schwarze Stammeskrieger aus den Steppen Nal‘Schirs, braungebrannte und mit Fellen bedeckte Barbaren aus den nördlichen Ländern, als auch zahlreiche Vagabunden aus den Reichen Thaliens, die mit feisten Händlern um die Preise feilschten. Die Stände auf der obersten Ebene waren den Edlen vorbehalten. Hier stand natürlich der Großteil der Wachen und beschützte Goldschmiede und Edelsteinhändler vor Langfingern. Dort traute sich Hasabi nicht zu stehlen, denn er hatte schon zu viele gute Diebe ihre Hand verlieren sehen. Doch es gab eine Möglichkeit, an die Kostbarkeiten zu kommen, das wusste er. Er musste nur den Käufern heimlich folgen und auf eine passende Gelegenheit warten.

  Sein Blick fiel auf eine hagere Gestalt, die in einen braunen Kapuzenumhang gehüllt war. Sie hastete schnellen Schrittes gerade die Treppe zur mittleren Ebene hinab. Die dort postierten Stadtwachen schienen sich böse Blicke zuzuwerfen, als sie die hagere Gestalt bemerkten, machten aber keine Anstalten, sich ihr in den Weg zu stellen. Schon vermischte sich das Braun ihres Mantels mit dem bunten Gewimmel des Markttreibens. Der Junge schluckte rasch den letzten Bissen des saftigen Apfels hinunter, hatte er jetzt doch ein lohnenswertes Ziel vor Augen. Er kicherte, als er noch schnell den Apfelkrotzen auf den Kopf einer vorübergehenden Matrone fallen ließ. Diese war zunächst erschrocken, dann empört und begann eine Tirade an Verwünschungen, als sie niemanden auf der Mauer sah. Der Junge war auf der anderen Seite hinab geklettert und zwängte sich durch ein Loch in der Mauer, das durch einen schmalen Tunnel mit dem Marktplatz verbunden war. Der Tunnel mündete in eine kleine Öffnung neben der Treppe, die die unteren beiden Ebenen miteinander verband. Nur wenige waren so schmal und geschmeidig wie er, dass sie sich so mühelos hätten hindurch schlängeln können. Hasabi strich sich beim Aufstehen den Staub von der dunklen Tunika und legte sich seinen langen, gebundenen schwarzen Zopf wieder auf den Rücken. Dann bewegte er sich unauffällig, aber doch zielstrebig, in die Richtung, in der er die verhüllte Gestalt aus den Augen verloren hatte. Auf dem Weg durch die wabernde, schwitzende und unablässig schwätzende Menschenmenge, die Hasabi oft wie ein großes stinkendes Tier aus Schleim vorkam, das seine Eingeweide außen trug und bellende Laute von sich gab, begegnete er auch der fetten Frau, die seinen Apfel an den Kopf bekommen hatte und sich noch immer kopfschüttelnd bei einer anderen - nicht minder beleibten - Frau über den Vorfall beklagte, was Hasabi ein neuerliches verborgenes Kichern entlockte.

  Nachdem er seine Füße auf die mittlere Ebene gesetzt hatte, dauerte es nicht mehr allzu lange, bis er den braunen Mantel, nachdem er Ausschau hielt, entdeckte. Hasabi erkannte, dass sich der Verhüllte auf direktem Wege zur untersten Ebene befand. Der Junge stellte sich kurz an einen Stand, an dem ein Händler verschiedene Öle anbot, um nicht vom Verhüllten gesehen zu werden. Der Händler gab einen zischenden Laut von sich, als er den Jungen sah und wedelte mit seiner fetten Hand, was so aussah, als wolle er eine garstige Schmeißfliege von seiner Knollennase vertreiben. Hasabi schenkte dem unwirschen Händler ein kurzes neckisches Grinsen, drehte sich dann blitzschnell um und verfolgte die hin und wieder zwischen den Menschen auftauchende braune Kapuze. Auf der untersten Ebene, auf der an diesem Tag noch am wenigsten Los war, konnte Hasabi sich ein besseres Bild von seinem Opfer machen. Obwohl die Stiefel, die hin und wieder unter dem ausladenden Mantel aufblitzten, wirklich einem Edlen zu gehören schienen, bewegte sich diese Gestalt anders als alle Edlen, die Hasabi bis jetzt gesehen und bestohlen hatte. Der Vermummte bewegte sich nicht wie einer dieser hochnäsigen Fatzken oder plumpen Geldsäcke. Obwohl er anscheinend nicht gerade bedacht darauf war, ungesehen zu bleiben, bewegte er sich eher wie ein sehr geschickter Dieb. Hasabi wusste, dass er vorsichtig sein musste, wenn er dieser Gestalt etwas entreißen wollte. Der junge Jujin war jedoch zu entschlossen, um auf seine innere Unruhe zu hören. Er musste sich nun beeilen, da sich der Verhüllte langsam aber sicher dem Rand des Marktplatzes näherte, wo immer weniger Menschen waren. Bog der Fremde in eine unbelebte Straße ab, würde es für Hasabi schwieriger sein, einem aufmerksamen Mann etwas aus dem Gürtel zu ziehen.

  Hasabi näherte sich auf leisen Sohlen seinem Opfer, blickte sich noch einmal in alle Richtungen um und griff ihm dann mit einer blitzschnellen Bewegung unter den Mantel. Er spürte kalten Stahl am Gürtel und musste blinzeln, als er in einer ebenso schnellen Bewegung einen reichlich mit Edelsteinen besetzten Dolch hervorzog. Volltreffer! Gerade in dem Augenblick, als sich Hasabi freudig erregt umdrehen wollte, spürte er eine eiskalte Berührung. Sein erschrecktes Stöhnen, als er die weiße, von dunkelblauen Adern durchzogene Hand sah, die sich um sein Handgelenk gelegt hatte, wurde von einer weiteren ebenso kalten Hand erstickt, die sich über seinen Mund schloss. Noch benommen vom gerade erlittenen Schock, konnte er sich nicht wehren, als ihn die Gestalt mit ungeheurer Schnelligkeit in eine dunkle Seitenstraße zerrte. »Seit wie vielen Jahren lebst du schon wie eine Ratte?«, fragte der Verhüllte mit einer seltsam hohlen Stimme in gebrochener Gemeiner Sprache. Hasabi, der jetzt mit dem Rücken zur verhüllten Gestalt stand, konnte nicht antworten, obwohl die eiskalte Hand schon von seinem Mund geglitten war. Er hörte sein eigenes angsterfülltes, viel zu schnelles Atmen und kalter Schweiß rann über seine hohe, glattgeschabte Stirn. Hasabi wurde von der schmalen, aber kräftigen Hand des Verhüllten umgedreht. Aus dem schwarzen Schatten der Kapuze blitzen ihn zwei pupillenlose Augen an. Er wusste, dass dies kein Edler aus der Stadt war – es war wahrscheinlich nicht einmal ein Mensch. Hasabi, der als Waise sein ganzes Leben in der Gosse dieser Stadt verbracht hatte, wusste nicht viel über die Welt, und es interessierte ihn eigentlich auch nicht.
  »Du bist geschickt, allerdings musst du dir in Zukunft deine Kunden besser aussuchen«, säuselte die Gestalt. »Diese fetten, behäbigen Menschenhändler wären ein besseres Ziel für dich!«. Mechanisch antwortete Hasabi dem Fremden mit einem schnellen Nicken. »Außerdem«, sprach der Fremde weiter und ließ dabei Hasabis Handgelenk los, »gibt es einträglichere Opfer als mich!«. Bei diesen Worten öffnete der Fremde seinen Mantel und gab eine weiß-bläuliche Robe preis. Am Gürtel hingen einige Beutel, die allerdings keine Schätze sondern eher Nahrung und irgendwelche fremdartigen Kräuter zu enthalten schienen.
  »Der Dolch ist mein einziges kostbares Stück. Er würde dir sicherlich eine ganze Menge einbringen, wenn du ihn hier verkaufen würdest.« Wieder nickte Hasabi beiläufig, konnte seinen Blick jedoch nicht von den durchdringenden gelben Augen abwenden.

»Ich kann dir diesen Dolch nicht geben«, sprach der Fremde, »jedenfalls nicht, ohne dass du etwas für mich tust!«
»Was?«, stotterte Hasabi und blickte den Dolch an, den er die ganze Zeit über fest in der Hand gehalten hatte. Obwohl er nicht wusste, warum, gab er ihn an seinen Besitzer zurück.
»Wer seid Ihr?«, wagte sich Hasabi zu fragen.
»Oh, entschuldige, dass ich mich dir noch nicht vorgestellt habe. Ich bin Calvaron, und ich komme aus Korilion.« Bei diesen Worten nahm der Fremde seine Kapuze ab. In ein so eigenartiges Gesicht hatte Hasabi noch nie geblickt. Die gelben Augen lagen in tiefen Höhlen eines blassen, fast weißen Gesichtes. An den Seiten verliefen wie auf seinen Händen dunkelblaue Adern wie Risse nach einem Erdbeben. Am erstaunlichsten jedoch waren für Hasabi die fürchterlich langen, oben spitz zulaufenden Ohren, die aus den langen, teilweise zu dünnen Zöpfen gebundenen Haaren herausstachen.
»Ihr, Ihr seid kein Mensch …«, entfuhr es Hasabi, als er die gar nicht so unfreundlichen Züge des Fremden betrachtete.
»Nein, mein Junge, ich bin ein Alwe, um genauer zu sein, ein Alwonai. Wir leben im Norden, und nur wenige wagen sich so weit in den Süden wie ich.«
»Ich hörte einmal eine Geschichte von einem Mann, in der Alwen vorkamen, aber ich dachte das wären nur Märchen …«
»Einige meiner Leute halten die Thalier für Märchenwesen, weil sie ihre kalte Heimat niemals verlassen haben!«. Bei diesen Worten huschte ein Lächeln über die schmalen Lippen des Alwen, was ihn für Hasabi gar nicht mehr so gefährlich erscheinen ließ.
»Ich habe diese Stadt noch nie verlassen und kenne außer den missmutigen Schraten aus den Bergen, die hier manchmal über den Markt humpeln, keine anderen Völker außer uns Menschen!«
»Irgendwann wirst du sicherlich eine Reise machen und erstaunt sein über die Vielfalt unserer Welt.«
»Ich kann nicht von hier weg!«, erklärte Hasabi. »Ich könnte mir niemals genug Proviant leisten, um eine längere Reise zu machen. In der Stadt finde ich gerade so viel, dass es mir zum Überleben reicht. Gerne würde ich diese Mauern hinter mir lassen, doch größere Diebstähle werden hier schlimm bestraft und …«
»Ich bin ein Priester, ein Diener der Götter und könnte dir dabei helfen, von hier fort zu kommen. Die Gnade der Götter wird jedoch nur denen zuteil, die es sich verdienen. Weißt du was ich meine, mein Junge?«
»Sie wollen sicher darauf hinaus, dass ich irgendetwas für sie tue, habe ich recht?«
»Du bist klug, das gefällt mir!«, sprach Calvaron und gab dem jungen Jujin mit der Hand Zeichen, ihm tiefer in die Schatten der Nebenstraße zu folgen.