Dienstag, 6. Mai 2014

Die Plage - Epilog: Aluns Gerechtigkeit

Nach einem tiefen Schlaf - ich hatte mir am Abend zuvor ein Zelt weit weg von unserem Schnarchtroll ausgesucht - wurde ich vom Zwitschern der Vögel geweckt. Als ich aus meinem Zelt hinaustrat und mich streckte, sah ich ein paar Honigschwalben, die durch die Gestänge der zum Teil schon abgebauten Karawanenzelte glitten. Der Sonnengott Alun küsste die Schlafenden wach - es war ein verheißungsvoller Morgen.

Die Händler waren mit dem Abbau der Zelte wohl etwas voreilig gewesen - ich sah wie sich hunderte Menschen auf den Markt drängten - keine Rede mehr von einem »Müden Markt«!
Meine Gefährten schienen aus ihren Feldbetten gefallen zu sein - ihre Zelte waren leer - selbst Vivana war wohl schon wieder unterwegs.

Ich schlenderte über den Markt und schaute mir die Stände an. Ein Bogner verkaufte Eschenholzbögen und gehärtete Pfeile. Eine in dicke Tücher gehüllte Obsthändlerin pries ihre Äpfel und Birnen an. Daneben war ein Fischhändler, der geräucherte Heringe feil bot.
Vivana und Tarkin standen am Stand eines Bauern, der ihnen gerade mehrere Rationen Hartkäse und Pökelfleisch überreichte. Sie hatte sich also wieder erholt von ihrer Magenverstimmung. Anneliese entdeckte ich beim Feilschen mit einer Stoffhändlerin. Sie hatte sich das gegerbte Wolfsfell geholt und wollte sich einen Mantel daraus nähen lassen.

Wir hatten für unsere Verdienste reichlich Silberlinge bekommen. Bislang besaß ich nur einen alten Bauerndolch, einen Gürtel und ein Hemd, das mir askalonische Soldaten überlassen hatten. Ich brauchte unbedingt etwas, worin ich meine Fundstücke - neben der Flöte des Rattenmannes einige Felle und Federn - verstauen konnte. Ich konnte bei der freundlichen Stoffhändlerin einen Geldbeutel und einen kleinen Rucksack für drei Silberlinge erwerben.
»Eine Lederrüstung wäre auch nicht schlecht!«, überlegte ich laut, bei den Blessuren durch Ratten, Wölfe und Kadavermaden, die ich schon erleiden musste. Es gab auf dem Markt nur einen Händler, der Waffen und Rüstungen anbot. Sein Stand wurede scheinbar von den Bürgern gemieden.

Da sah ich zufällig die Stadtwache, die uns in die Kanalisation begleitet hatte und von den Ratten ziemlich malträtiert worden war. Er grüßte mich freundlich und stellt sich als Alwyn vor - gestern in der Hektik waren die Höflichkeiten flöten gegangen - wir hatten den armen Kerl nicht einmal nach seinem Namen gefragt. Er war beim Notor gewesen und hatte sich von ihm einen neuen Wundverband anlegen lassen. Ich bekam ein schlechtes Gewissen - wir hatten uns gestern noch nicht einmal um seine Verletzungen gekümmert. Er machte mir keine Vorwürfe, sondern war froh, dass die Rattenplage endlich vorbei war. Er hatte sogar ein Lächeln auf den Lippen: »Dank euch bin ich ein Held in Altem! Der Ratsherr hat mir ein Lob ausgesprochen und mich reich belohnt!«
Er klimperte mit seinem Geldbeutel.

Er sah, dass ich mich für den Waffenstand interessiere: »Bei diesem Orell, der fetten Kröte, müsst Ihr aufpassen. Der hat die Notlage ganz schön ausgenutzt! Er war der einzige, der während der Plage Brot angeboten hat - und hat dafür von den Menschen ihr letztes Hemd verlangt. Kein Wunder, dass niemand mehr etwas mit ihm zu tun haben will! Er hat zum Tausch auch Waffen und Rüstungen angenommen, die will er jetzt wohl loswerden…«
Er erinnerte mich noch einmal an die anstehende Verhandlung über den Rattenfänger, zu der uns der Notor als Zeugen bestellt hatte, und verabschiedete sich dann.

Der Krämer Orell.

Ich versuchte mein Glück beim Krämer, doch hatte dieser nichts als Verachtung für mich übrig, als ich mit ihm feilschen wollte. Nach einigem Hin und Her, dem Einschreiten Vivanas, Anfeindungen und Drohungen … zahlte ich schließlich doch den überteuerten Preis. Was für ein Halunke, dieser Orell!

»Hört! Hört!«, klang es plötzlich über den Marktplatz. Inmitten der Menge stand ein Herold, der gerade wieder ansetzte.
»Hört! Hört! Der Rat der Stadt Altem will heute Abend Gericht halten über den Rattenfänger, der so viel Unglück über unsere schöne Stadt gebracht hat. Alle sollen sich auf dem Richtplatz am Nordufer des Rostwassers einfinden!«

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Mit einem mulmigen Gefühl im Magen begab ich mich am Abend zusammen mit meinen Gefährten zum Richtplatz. Hier hatte sich schon eine riesige Menschenmenge versammelt - es schien fast so, als seien tatsächlich alle Bürger dem Ruf des Herolds gefolgt. Wir wurden von den Stadtwachen in die vorderste Reihe geleitet, da wir als Zeugen aussagen sollten - so bekam ich mit meinen Ein-Schritt-Dreißig wenigstens etwas mit von der Verhandlung. Als die Leute Urota sahen, wichen sie freiwillig zurück und ebneten uns den Weg.

Am Ufer des dreckigen Flusses, der trefflich den Namen »Rostwasser« trug, stand ein verwittertes Podest aus dunklem Holz. Hierauf hatten sie einen langen Tisch gestellt, an dem der Rat Platz genommen hatte. In der Mitte des Podests prangte das, was den Schuldigen erwartete - der Galgen.

Zwei Mitglieder des Rats kannte ich bereits: den sehr ernst drein blickenden Ratsherrn Largo und den Notor Fugan Tayn mit seiner weißen Mähne. Beim dritten Mitglied handelte es sich um einen greisen, barhäuptigen Mann. Er schien Alunpriester zu sein, denn er trug das typische Gewand mit dem Sonnenrad.

Dann kamn sie: drei Stadtwachen mit dem Rattenfänger in der Mitte. Beim ersten Anblick des Übeltäters begannen die vorher so friedlichen Bürger Altems zu schreien und zu fluchen: »Hängt ihn!« - »Hängen ist nicht genug! Vierteilt ihn! Oder noch besser - vorher ans Rad!« - »Wo ist deine Krone, Rattenkönig?« - »Rattendämon, wir schicken dich zurück in den Abgrund!«

Der Rattenfänger musste sich mit am Rücken gefesselten Händen in die Mitte des Podests stellen. Hier war er dem Zorn der Bürger Altems ausgesetzt. Sie hatten faules Obst, einige sogar tote Ratten, mitgebracht und bewarfen ihn damit.
Der Ratsherr erhob sich schließlich und brachte die aufgebrachte Menge mit einer beschwichtigenden Geste zur Ruhe. Als er uns bemerkte, nickte er uns freundlich zu und setzte dann an:
»Werte Bürger der Stadt Altem. Wir haben uns heute hier versammelt, um diesem Mann, der uns nur als der Rattenfänger bekannt ist, nach dem Recht des Lichts und der Vernunft, ein Maß an Gerechtigkeit zuteilwerden zu lassen, wie es das Gebot ist!
Wir werfen ihm vor, dass er zum einen zahlreiche Kinder entführt, Menschen verletzt und zum anderen unsere Stadt mit der Rattenplage überschwemmt hat. Unser ehrenwerter Notor Fugan Tayn und unser alt-ehrwürdiger Alunpriester Ian Terek werden die öffentliche Befragung des Angeklagten vornehmen.«

Damit übergab er mit einem Nicken das Wort an den weisen Notor. Fugan Tayn erhob sich und schaute dem Rattenmann, der von den Wachen in Richtung der Richterbank gedreht worden war, direkt ins Gesicht: »Nun Fremder, verrate uns zunächst deinen Namen!«

Ich sah von der Seite, wie der Rattenmann den Notor spöttisch anlächelte und ihm dann vor die Füße spuckte. Eine der Wachen teilte ihm dafür einen Hieb mit der stumpfen Seite einer Hellebarde aus - ihm blieb kurz die Luft weg und der Spott war verschwunden.

Das Schreien und Zetern der Leute schwoll bedrohlich an - Largo fiel es diesmal schwerer, die Menge wieder in den Griff zu kriegen. Er fauchte den Rattenmann an: »Rattenfänger, dir muss klar sein, dass du am Galgen endest, wenn du nichts zu sagen hast. Ich glaube kaum, dass sich für dich ein Fürsprecher finden wird!«
Ich sah, wie der Rattenfänger die Stirn runzelte. Er schien auf die Bitte Largos einzugehen, denn er wandte sich an die hasserfüllte Menge:
»Ich schaue euch in die Augen als einer von euch. Ich stamme nicht von hier, doch bin ich ebenso verdammt wie ihr. Ihr führt ein Leben in einer stinkenden, zerstörten Stadt und könnt nicht anders, als euer Bestes zu versuchen. Auch ich versuchte einst mein Bestes. Ich war ein Künstler, ein Gaukler im großen Zirkus des Talas Sambar. Niemand konnte sich abwenden, wenn Estrella zu meiner Musik tanzte. Ich hatte Talent - und Hoffnung - damals. Die Hoffnung, einst vor Königen zu spielen und dafür reich entlohnt zu werden.
Und Estrella, meine kleine weiße Ratte, würde in einem goldenen Käfig schlafen.
Doch dann warfen sie uns hinaus und ließen uns in der stinkenden Gosse zurück! Wir mussten von dem leben, was wir uns erbetteln konnten - und das war herzlich wenig. Doch ich hatte immer noch Hoffnung, Hoffnung, dass sich wieder alles zum Guten wenden würde - bis zu jenem Tag - jenem Tag, als die Kinder kamen!«

Ein Funkeln des Wahnsinns trat bei den letzten Worten in seine Augen, die auf ein kleines Mädchen fielen, das sich aus Furcht schnell unter dem Rock seiner Mutter verkroch.

»Erzähl uns, was an jenem Tag geschah!«, forderte ihn der Notor auf.

Der Rattenfänger hatte seinen Kopf gesenkt. Während einer langen Pause atmete er mehrmals tief ein und aus. Dann hob er wieder seinen Kopf - Wahnsinn war scheinbar Trauer gewichen - dicke Tränen kullerten seine Wangen herunter.
Er blickte den Notor an und fuhr heulend fort:
»Diese Kinder, sie haben sich angeschlichen, meine Flöte zerbrochen und dann«, er brach in ein lautes Schluchzen aus, »und dann meine Estrella getötet! Ohne Grund, aus Spaß, Spaß am Töten!«

Ian Terek sah bestürzt zum Notor hinüber und bedeutete ihm, sich hinzusetzen. Der alte Priester stemmte sich mühsam an der Tischplatte hoch und begann mit zittriger Stimme:
»Auch Ihr seid ein Kind des Lichts, junger Mann. Warum habt ihr die Kinder unserer ehrbaren Bürger entführt? Wolltet ihr euch für die Gräuel rächen, die euch widerfahren sind?«

Der Rattenfänger reagierte zunächst nicht auf die Frage. Unerwartet brach er plötzlich in ein lautes Gelächter aus. Die Menge wurde unruhig, der Ratsherr musste wieder einschreiten.

»Nein!«, fauchte der Angeklagte dann den alten Priester an.
»Es war ein Lichtverehrer wie Ihr einer seid, der mich hierher schickte. Er sagte, er wolle mir helfen, mich von der Straße holen. Er gab mir sogar eine neue Flöte, die unzerbrechlich sei und mir neue Hoffnung geben sollte!«

»Ein Bruder des Lichts soll euch hierher geschickt haben?«, fragte der Priester ungläubig zurück.

»Ja, und er hat mich zu dem gemacht, der jetzt vor euch steht!«, schmetterte ihm der Rattenmann entgegen.

»Das ist eine schwere Beleidigung der Bruderschaft des Lichts. Das alleine genügt, um euren Tod zu rechtfertigen! Ist euch das klar?«, schimpfte der Alte mit jetzt sehr energischer Stimme.

Wieder dieses unheimliche Lachen des Rattenfängers.

»Nennt uns den Namen des Priesters, damit wir ihm eine Taube schicken können!«, verlangte der Notor, der sich weit über den Tisch nach vorne gebeugt hat.

»Ich kenne seinen Namen nicht. Er war ein Priester in Medea, wo ich in der Gosse hauste! Die Güte, die mir durch ihn widerfuhr, wollte ich weitergeben. Ich kam mit guten Vorsätzen nach Altem.«

»Du Schwein! Hängen sollst du!«, kam ein Zwischenruf aus der Menge.

»Nun haben wir von euch eine traurige Geschichte gehört. Doch was habt ihr zu den Vorwürfen zu sagen?«, schaltete sich jetzt doch der Ratsherr ein.

Der Rattenmann wandte seinen Blick ab und schwieg.

Der Notor ließ die Eltern vortreten, deren Kinder entführt worden waren. Sie berichteten über die Ängste, die sie aushalten mussten. Die Menge wurde wieder lauter und forderte die sofortige Hinrichtung.

Dann waren wir an der Reihe. Widun schilderte in kurzen Worten unsere Entdeckungen in der Kanalisation und unseren Kampf mit dem »Rattendämon«. Mit der Schilderung der getöteten Ratten und des Feuers, das wir gelegt hatten, trat wieder dieses Funkeln des Wahnsinns in seine Augen.
»Die Ratten - sie sind meine einzigen Freunde! Die Menschen sind die Monster! Überall habe ich gesehen, wie sie meine Freunde getötet haben! Und wieder diese Kinder, wie sie sich über jede getötete Ratte gefreut haben! Ich hasse sie! Ich hasse sie!«

Jetzt zappelte er wie tollwütig und Speichel tropfte aus seinem Mund.

Ich sah, wie der Rat der Drei sich besprach. Dann erhob sich der Alunpriester, dem scheinbar die Verkündung des Urteils oblag.
»Wir sind zu dem Schluss gekommen, dass die Sachlage eindeutig ist! Der Rattenfänger, der uns seinen Namen nicht verraten will, ist schuldig! Er trägt die Schuld an der Rattenplage, der Entführung zahlreicher Kinder Altems und der Verbreitung der Rattenpest - der einige Bürger erlegen sind! Wir verurteilen dich hiermit - im Namen Aluns, des Gottes des Lichts und der Gerechtigkeit - zum Tode durch den Strang! Das Urteil wird sofort vollstreckt!«

Der Rattenfänger hatte aufgehört, sich zu schütteln und wurde zum Galgen begleitet. Ich sah, wie er Anneliese einen bösen Blick zuwarf und etwas vor sich hin murmelte - ich konnte ihn nicht verstehen. Ein vermummter Soldat legte ihm den Strick um den Hals. Die Menge johlte. Dieses Gemurmel, war das eine Verwünschung gewesen? Vielleicht sogar ein Todesfluch? Die anderen teilten meine Bedenken - doch was sollten wir tun?
Urota entschloss sich dazu, den Henker aufzuhalten. Doch zu spät. Bevor er auch nur zum Sprung auf das Podest ansetzen konnte, hatte der Henker die Falltür geöffnet und der Rattenkönig stürzte hinab. Ein lautes Knacken hallte über den Richtplatz, als ihm das Genick brach. Die Menge war noch immer völlig außer sich - diesmal jedoch vor Freude!
Das war also das Ende des Rattenkönigs - aber war es auch das Ende der Plage?

Ich zog mich ins Karawanenlager zurück und leckte meine Wunden - bis zum nächsten Abenteuer.

Samstag, 26. April 2014

Die Plage - Kapitel 8: Der Kampf mit dem Rattenkönig

Eine der Riesenratten schnappte nach Tarkin und verfehlte ihn - Urota hatte weniger Glück, die scharfen Zähne der anderen Riesenratte schugen ihm eine tiefe Wunde. Tarkin traf mit seinem Kurzschwert. Urota rächte sich für den Angriff und erschlug das Monster mit einem gewaltigen Hieb seines Riesenknochens. Edwen hatte Schwierigkeiten, die wendigen Bestien mit seiner Axt zu erwischen - er sah etwas hilflos aus.

Aus Annelieses Richtung sah ich Flammen auflodern - die dann aber sofort wieder erloschen, ohne dass ein Feuerstrahl folgte.

Widun kippte sich kurz etwas hinter die Binde und begann zu beten - vier der Ratten bewegten sich plötzlich unbeholfen wankend - Mnamn sei Dank!

Auch unser Trollwächter beteiligte sich am Kampf. Es blieb ihm letztlich keine andere Wahl, wenn er hier überleben wollte. Die Biester schienen durch seine polierte Rüstung angelockt zu werden, sie stürzten sich in Scharen auf ihn. Er konnte sie nicht abschütteln und schrie vor Schmerzen, als er mehrfach gebissen wurde.

Weitere Ratten drängten auf Urota ein - aus seiner Richtung kam ein Fluchen - ich sah, wie sich zwei in seine Zehen verbissen hatten - was mir zum Glück nicht passieren konnte.
Edwen hatte sich inzwischen auf das Hin und Her der Ratten eingestellt und eine der Reißzahnratten mit seiner Axt entzwei gespalten.

Während sich alle anderen auf die Ratten konzentriert hatten, hatte ich den Rattenmann nicht aus den Augen gelassen. Er schien mit seiner Querflöte mehr Macht über die Ratten zu haben, als sie mir Ianna gewähren konnte. Meine Hirtenflöte war leider in den Wäldern verloren gegangen, als mich der Fallensteller erwischt hatte, ansonsten hätte ich es in einem Flötenduell mit ihm aufnehmen können. Irgendwie musste ich ihn daran hindern, weiter zu flöten. Durch ein Gebet ließ ich Klettenkraut wachsen - diesmal hatte ich damit mehr Glück als beim letzten Mal und erwischte den Rattenmann mit einem gezielten Wurf. Er war sichtlich irritiert und versuchte das Kraut abzuschütteln.

Urota kannte keine Gnade und haute mit dem Knochen auf die Ratten an seinen Zehen - diese waren Matsch - seine Zehen hatte er jedoch auch erwischt - was ein erneutes lautes Fluchen und einbeiniges Hüpfen zur Folge hatte.

Anneliese betätigte sich wieder als Flammenwerfer - ein für eine Koboldin sehr eindrückliches "Singi Sidar Tiron" hallte durch den Thronsaal des Rattenkönigs und der hervorgerufene Feuerstrahl grillte gleich drei Ratten auf einmal. Tarkin war von dem resultierenden Grillaroma sichtlich begeistert - und abgelenkt - denn er schlug ins Leere.
Widun legte sich plötzlich ausgestreckt auf den Boden… und sprach mit den Steinen… nichts passierte. Betete er oder war er nur sturzbesoffen?

Der Rattenmann hatte es doch tatsächlich geschafft, die seltsame Flöte wieder an den Mund zu kriegen - er begann wieder diese unheimliche Melodie zu spielen - neue Ratten drängten aus allen Winkeln heran.

Edwen beschäftigte sich mit der verbliebenen Riesenratte und hatte gerade seine Axt in ihren Rücken versenkt. Eine Aasratte sprang auf mich zu - bevor sie mich beißen konnte, hatte ich sie mit meinem Dolch aufgespießt.

Ich sah, wie Urota den Kurzbogen von Jel hervorholte und auf den Rattenmann anlegte - der Pfeil zischte nur knapp an Edwen vorbei - und verfehlte auch den Rattenmann. Dieser wich aber erschrocken ein Stück zurück und stellte sein Flötenspiel ein.
Die Riesenratte hatte sich jetzt auf die Stadtwache gestürzt - Edwen wurde ein Stück mitgeschleift, da er seine Axt fest umklammert hielt, die sich im Rattenrücken scheinbar verkantet hatte.

Anneliese zog sich etwas zurück - sie vermeldete uns, dass ihre Aura erschöpft sei.
Edwen rief verzweifelt: "Wir müssen die Quelle ausschalten!"
Er hatte seine Axt inzwischen wieder aus der riesigen Ratte herausgezogen und stürzte sich auf die Halbglatze. Tarkin sprang mit erhobenem Schwert auf die Riesenratte und stach ihr von hinten in den Kopf. Ein Röcheln - und sie sackte endlich zu Boden.

Der Rattenmann erkannte, dass ihm jetzt unsere volle Aufmerksamkeit galt und zog sein rostiges Kurzschwert hervor. Anneliese versuchte die Gelegenheit zu nutzen und ihm die Flöte zu stehlen - sie musste aber erkennen, dass der gesamte Leib des Mannes von Ratten bedeckt war, die sie wütend anfauchten, als sie dem Rattenkönig zu nah kam.

Von der Seite stürzten sich mehrere Ratten auf Edwen - er wurde schwer verwundet. Ich eilte hinzu und konnte ihm nur ein wenig Lebenskraft durch Iannas Hilfe zurückgeben - der sonst so starke Axtkrieger konnte sich kaum noch auf den Beinen halten.

Tarkin, Urota und Widun beschäftigten sich mit den verbliebenen Ratten und dezimierten sie nach und nach. Tarkin griff sich plötzlich eine der getöteten Ratten und warf sie Edwen zu.
"Da, iss!"
Die Ratte landete mehrere Schritte von Edwen entfernt auf dem Boden.
"Was soll das? Sehe ich etwa aus wie ein Garbag?"

Anneliese gab nicht auf - sie wich geschickt den Rattenbissen und den Hieben des Rattenmannes aus - doch an seine Flöte ließ er sie nicht ran.
"Verschwinde, du kleiner Dreckskobold!"
Rattenmann.

Auch Tarkin drängte jetzt auch auf ihn ein.
"Noch so ein Dreckskobold!", schrie der Rattenmann ihn an und drosch mit seinem Schwert auf ihn ein.

Ich sah, wie er Schritt um Schritt in die Dunkelheit zurückwich - bestimmt gab es hier irgendwo eine Geheimtür, durch die er verschwinden wollte.
Ich konzentrierte mich und betete an die Erdmutter - ein Waldgeist erschien hinter dem Rattenmann. Da er ihn nicht sah, war er zunächst auch nicht beeindruckt von dessen leuchtend grünen Augen und ging weiter im Rückwärtsgang.
Im Umdrehen erwischte er unsere Kobolddame mit einem gemeinen Hieb - sie blutete am Arm. Das war Edwen zuviel - obwohl auch er verwundet war, nahm er ihn von hinten in den Schwitzkasten. Tarkin nutzte diese Gelegenheit für seinen berüchtigten verhängnisvollen Kopfstoß - beim Rattenmann gingen erst einmal die Lichter aus.
Der Waldgeist verflüchtigte sich so schnell, wie er erschienen war.

Ich griff mir die Querflöte, die der Rattenfänger auf dem Weg ins Land der Träume hatte fallen lassen. Wer wusste schon, wozu ich die nochmal gebrauchen könnte.

Tarkin nahm sich einen der herumliegenden Leinensäcke und sammelte ein paar Ratten ein.
"Für später."

"Ruhe! Ich höre etwas!", meldete sich Anneliese plötzlich. Tatsächlich, jetzt hörte ich es auch. Ein leises Wimmern.

Wir suchten den Thronsaal ab und entdeckten einen großen Holzverschlag in einem Teil, der die ganze Zeit im Dunkeln gelegen hatte. Für Urota war es ein Leichtes ihn aufzubrechen. Weinend stürzten sich uns zwei Mädchen und zwei Jungen entgegen - die vermissten Kinder - wir hatten sie tatsächlich gefunden! Ich hatte schon das Schlimmste befürchtet - nämlich dass sie ein Fraß der Ratten geworden sein könnten!

Hinter dem Verschlag öffnete sich eine Höhle - in den Wänden waren Alkoven - Rattennester wie wir erkennen mussten. Ich wollte nicht wissen, wie viele Ratten hier noch auf uns lauerten. Nach kurzer Beratung entschlossen wir uns dazu, die Nester auszuräuchern. Edwen und Urota schlugen das Holz vom Verschlag in brauchbare Stücke, und wir errichteten einen Stapel in der Mitte der Höhle. Die meisten Ratten schienen zu schlafen - scheinbar waren die Ratten, die uns angegriffen hatten, erst durch das Flötenspiel erweckt worden.

Mit Tarkins Öllampe setzten wir den Stapel in Brand, nahmen die Kinder an die Hand und flüchteten aus der Kanalisation. Hinter uns ertönte ein Konzert aus quiekenden Todesschreien - die hoffentlich vom Ende der Plage Altems kündeten.

Urota hatte sich den Verursacher des ganzen Übels unter den Arm gepackt. Er sollte sich vor dem Rat und der ganzen Stadt für seine Taten verantworten!

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Der Rattenfänger war mittlerweile gefesselt. Wir führten ihn dem Ratsherrn vor.
"Ich erkenne dich wieder, Rattenfänger, hast ein falsches Spiel mit uns getrieben! Du wirst eine gerechte Strafe für deine Vergehen erhalten!"
Die Stadtwachen führten ihn ab. Der Ratsherr rief den Notor hinzu und beriet sich mit ihm.
"Wie ich hörte, habt ihr auch ein großes Rattennest ausgeräuchert und konntet vier Kinder befreien. Wie vereinbart erhaltet ihr eine Belohnung für eure Dienste!"
Jeder von uns bekam 25 Silberlinge.

Tarkin und Anneliese hielten die Kinder noch an der Hand. Sie sahen ausgehungert aus und kniffen wegen der ungewohnten Helligkeit die Augen zusammen, schienen aber ansonsten gesund zu sein. Unter den Kindern war neben dem verschwundenen Pferdejungen auch die Tochter von Syr Kym. Edwen und die Kobolde brachten sie zum Weinenden Raben, wo bestimmt nicht nur dem Namensgeber die Tränen in den Augen stehen würden.

Widun und ich suchten währenddessen das Badehaus auf, um endlich den Gestank der Kanalisation wieder los zu werden. Im heißen Zuber hieß es erst einmal entspannen.

Wir trafen uns schließlich abends im Lager wieder. Edwen teilte die 35 Silberlinge auf, die uns der alte Ritter aus Dankbarkeit gezahlt hatte. Anneliese hatte sich inzwischen vom Gerber einen Wolfsmantel aus dem angebrannten Fell des Silberwolfes fertigen lassen. Tarkin trug neuerdings eine Halskette aus Reißzahnratten-Zähnen.

Wir schauten nach Vivana - sie schlief im Zelt auf den Wolfsfellen. Hoffentlich würde es ihr morgen wieder besser gehen.

Freitag, 18. April 2014

Die Plage - Kapitel 7: Das Reich der Ratten

Ich konnte nichts mehr sehen, als ich nach dem Abstieg aus dem hellen Tageslicht den Boden der Kanalisation erreicht hatte. Meine Augen mussten sich erst an die Dunkelheit gewöhnen. Die von Tarkin mitgebrachte Laterne beleuchtete die Gänge nur spärlich. Ich erkannte, dass die Decke von Rundbögen gebildet wurde, überall an den Wänden waren kleine Öffnungen, aus denen sich Wasser und Fäkalien in den Kanal in der Mitte des Ganges entleerten. Der Gestank, der von der grün-braunen Brühe aufstieg, war kaum auszuhalten. Ich hörte Tropfgeräusche, ab und zu auch ein Plätschern oder Gurgeln. Urota musste sich bücken, um sich nicht den Kopf anzustoßen. Mir kam es so vor, als sei er in der Zwischenzeit ein ganzes Stück gewachsen - an den Wagen der Tekk gekettet war er mir viel kleiner vorgekommen.
Er bemerkte meinen Blick.
"Menschen komisch, bauen Wege für Kot - aber nicht für Urota!"

Die Stadtwache war hinter ihm kaum zu erkennen, ich sah nur die Lichtreflexe seiner polierten Rüstung an den Wänden. Seine Hellebarde hatte er zurücklassen müssen, da sie zu sperrig war in den engen Kanälen. Er hielt stattdessen sein Schwert gezückt.
Widun und ich beteten zu unseren Göttern, um uns ihrer Gunst zu versichern. Wer wusste schon, was für Dinge da im Dunkeln auf uns lauern würden.

Wir zogen die Karte des Notors zu Rate und entschieden uns für einen Weg, der uns zu einem großen Raum führen musste.

Der Boden war glitschig, an einigen Stellen lag Rattendreck. Bisher hatte sich überraschenderweise noch keins der Biester blicken lassen.

Nach unzähligen Abzweigungen waren wir uns nicht mehr sicher, ob wir noch auf dem geplanten Weg waren. Einige Gänge waren verschüttet, und wir stießen auf große Öffnungen, die nicht auf der Karte verzeichnet waren. Leider hatte keiner von uns daran gedacht, Markierungen anzubringen, damit wir leichter den Weg zurückfinden würden. Tarkin musste die Laterne herunterdrehen, um Öl zu sparen. Inzwischen hatten sich meine Augen zum Glück der spärlichen Beleuchtung angepasst.

Plötzlich hörten wir ein Schmatzen und dann ein Knacken wie von brechenden Knochen. Durch den Hall war es schwierig, die Richtung auszumachen, aus der das Geräusch kam.

Wir bogen um eine Ecke, als unser Lichtschein auf etwas fiel, das dort am Boden kauerte. Es erhob einen Arm, um seine Augen vor dem Licht zu schützen. Es sah entfernt aus wie ein Mensch - nur mit fahler Haut und aufgetriebenem Bauch. Der Schädel war haarlos. Es war unbekleidet bis auf einen kleinen Lendenschurz. Neben ihm lag ein Sack, aus dem ein langer Rattenschwanz ragte.

Die Stadtwache schrie: "Da ist er ja, dieser Rattendämon!"
Er wollte sich auf ihn stürzen.
Edwen gebot ihm Einhalt.
"Nein! Haltet euch zurück! Das ist kein Rattendämon, sondern ein Garbag, ein verfluchter - und sehr bedauernswerter - Mensch!"

Garbag (Zeichnung mit Genehmigung von Bill Gage).

"Wo sind die Kinder?", wollte Anneliese wissen.
Der Garbag fragte zurück: "Kinder? Was ist Kinder? Ratten! Ratten lecker!"
Der Blick seiner hohlen Augen fiel auf Anneliese.
"Kobold auch gut".
Er leckte sich über die blassen Lippen.
Widun und ich versuchten es noch einmal.
"Kinder - kleine Menschen - wenn du uns hilfst, sie zu finden, bekommst du alle Ratten, die wir töten!"
"Ratten - lecker!"
Blitzschnell drehte er sich um und hoppelte den Gang hinunter. Wir hatten Mühe, ihn nicht aus den Augen zu verlieren. Dann hielt er plötzlich inne und nahm eine tote Aasratte auf.
"Saftig!"
Er steckte sie in seinen Beutel und erntete dabei einen neidischen Blick von Tarkin.

Einige Schritt weiter mischte sich eine süßliche Note in den Kanalisationsgestank. Dann sahen wir es. Da lag eine ausgestreckte Gestalt, fast bis auf die Knochen abgenagt, die Stofffetzen ließen noch ein bunt-kariertes Muster erkennen.
"Ah
a, deshalb riecht es hier also so komisch!", meinte Widun trocken.

Auf den zweiten Blick fiel uns auf, dass er etwas umklammert hielt - eine kleine Holzkiste. Tarkin löste sie vorsichtig aus den starren Fingern. Er und Urota versuchten vergeblich sie zu öffnen. Vivana hätte sie sicher aufbekommen.
"Gebt mal her!"
Edwen schaffte es schließlich, sie mit seiner Axt aufzuhebeln. Es fielen 50 Silberlinge heraus.
"Jetzt erkenne ich ihn!", rief die Stadtwache aus.
"Dieser verweste Gaukler da, das war einer der Rattenfänger, die der Rat beauftragt hat, sich um die Plage zu kümmern."
Während wir durch das Funkeln der Silberlinge und die Stadtwache abgelenkt waren, musste sich der Garbag heimlich auf und davon gemacht haben.

Wir folgten dem Gang - und stießen auf immer mehr Rattendreck. Schließlich mussten wir aufpassen, auf den Exkrementen nicht auszurutschen. Dann passierte es doch. Widun und ich landeten in der braunen Brühe. Nur mit Mühe konnten wir uns wieder auf den Weg hochziehen, beide bis auf die Knochen durchtränkt. Edwen hielt sich demonstrativ die Nase zu: "So muss Maliques Mageninhalt riechen!"

"Während meines Sturzes habe ich oben in der Decke eine schmale Öffnung gesehen!", stellte Widun überraschenderweise fest. Tarkin richtete die Öllampe in die Richtung, in die Widun zeigte. An der Wand waren hunderte Rattenspuren zu sehen.
"Ich denke, wir nähern uns dem Rattenversteck", meinte Edwen, als das flackernde Licht einen schmalen Gang offenbarte. Urota und Edwen halfen dem Kleinvolk in die Öffnung. Anneliese, unsere Kobold-Magierin kroch voraus. Ich hörte noch den Ausruf "Eine Ratte!" aus dem Gang, dann folgten eine magische Formel, ein Aufflackern und ein schmerzerfüllter Todesschrei.

Urota half uns per Räuberleiter hoch, schließlich zogen wir auch ihn mit Mühe durch die Öffnung. Der enge Verbindungsgang war zum Glück nicht sehr lang. Wir drückten uns durch den Ausgang und standen vor einem Trümmerfeld. Da war ein altes, mit Brettern verbarrikadiertes Tor. Zwischen den Brettern drang Fackelschein hindurch. Das schien der einzige Durchgang zu sein. Urota begann damit, die Trümmer beiseite zu räumen. Jenseits des Tores erklang plötzlich eine Melodie. Dann folgte eine kurze Stille, die jedoch jäh von einem mehrstimmigen Quieken beendet wurde.

Von allen Seiten strömten Ratten auf uns ein. Ich sah wie Edwen eine Ratte abschüttelte. Gleich drei Ratten hatten es auf Anneliese abgesehen - sie setzte einen halben Tekk-Speer ein, um die Biester auf Abstand zu halten.

Ich versuchte es nochmal mit dem Gebet an Ianna, das schon einmal Wunder gewirkt hatte. Und tatsächlich, die Ratten suchten das Weite. Mittlerweile hatte Urota den letzten Felsbrocken mit großer Anstrengung weggerollt und das Tor war frei.

Als es sich öffnete, bot sich uns ein seltsamer Anblick.
Vor einem kleinen Lagerfeuer, das die große Kammer nur spärlich ausleuchtete, saß eine in Lumpen gehüllte Gestalt, die eine seltsame Flöte in der Hand hielt. Ihr Schädel war auf der einen Seite kahl, auf der anderen Seite hingen ihr lange Haare herunter. Ihre gelben Augen glotzen uns zornig an, als wir nähertraten.

"Das ist der andere Rattenfänger, den wir beauftragt haben!", stellte die Stadtwache fest. Er zeigte drohend mit dem Schwert auf ihn.

"Ihr Narren!", brüllte der vermeintliche Rattenfänger uns entgegen.
"Glaubt ihr wirklich, ihr könnt es mit dem König der Ratten aufnehmen?"
Mit diesen Worten setzte er die Flöte an die Lippen und begann eine säuselnde Melodie zu spielen.

Aus allen Richtungen ertönte ein ohrenbetäubendes Fauchen und Quieken. Dann kamen sie - eine wahre Rattenflut stürzte auf uns herein. Darunter erkannte ich zwei riesige Biester, die Edwen bis an die Schulter reichten. Einige Ratten hatten Beulen, aus denen dunkles Sekret troff. Wieder andere hatten lange Zähne, die weit aus ihren Mäulern ragten.
Tarkin hat die Ratten-Arten katalogisiert - aus kulinarischen Gründen.

Mittwoch, 16. April 2014

Die Plage - Kapitel 6: Der weinende Rabe

Nach einer langen Nacht im Kerker erschienen am nächsten Morgen endlich unsere Gefährten in Begleitung einer Stadtwache und befreiten uns. Urota hatte die Haft wenig ausgemacht, zumindest er war ausgeruht nach einem erholsamen Schlaf - der mir aufgrund seines ohrenbetäubenden Schnarchens nicht vergönnt gewesen war. Leider hatte mir Ianna nur einmal zwischen zwei Sonnenaufgängen die Gabe verliehen, mich in ein Tier und wieder zurück zu verwandeln … Als Eichhörnchen wäre ich längst durch die Gitterstäbe geschlüpft!

Widun berichtete uns, was in der Nacht noch vorgefallen war.
"Wir haben auf euch gewartet, aber irgendwann ist es uns zu unheimlich geworden in den Kanälen, ganz abgesehen vom Gestank. Wir sind ins Karawanenlager zurückgekehrt und haben euch dort nicht vorgefunden. Aus Tarsos Zelt drang noch Licht, wir wollten hineingehen, aber da trat uns ein Schatten entgegen."

Mit diesen Worten trat hinter Widun eine große, bärtige Gestalt hervor. Es war Edwen, der Axtkrieger, der uns aus der Hand der Tekk befreit hatte. Was für eine freudige Überraschung. Ich war glücklich, ihn wiederzusehen.

Edwen, der "Schattenmann".

"Eine Taube hat mir geflüstert, dass ihr meine Hilfe braucht", erzählte er uns.
"Außerdem habe ich meinen kleinen Kobold-Söldner vermisst", wandte er sich lächelnd an Tarkin und tätschelte ihm das Fell im Nacken, was diesem sichtlich unangenehm war.

"Wo ist Vivana?", wollte ich wissen.
"Oh! Ihr geht es gar nicht gut - sie muss sich irgendwie den Magen verdorben haben … sie war ganz grün im Gesicht, als ich sie zuletzt gesehen habe", berichtete Widun.
Anneliese beschimpfte Tarkin: "Bestimmt deine Schuld, weil du vor ihren Augen die Ratte geschluckt hast!"
"Quatsch! Was soll denn an einer Ratte eklig sein?", entgegnete Tarkin.

"Ruhe jetzt!" - Widun wollte mit seinem Bericht fortfahren: "Wir wollten euch suchen, aber die Stadtwachen haben uns wegen der Ausgangssperre daran gehindert. Zum Glück hatte Vivana den Siegelring des Notors" - war ja klar - "sodass wir nicht auch im Kerker landeten. Die Stadtwache empfahl uns, den Weinenden Raben aufzusuchen. Die Taverne heißt wohl so seit dem Erdbeben, vorher war das der Lachende Rabe, aber das nur nebenbei …"

"Wir dachten uns schon, dass euch die Stadtwache wegen der Ausgangssperre aufgegriffen hat und wollten den Soldaten überzeugen, uns zu euch zu führen. Dank meines Charmes konnte ich ihn zumindest überreden, uns in die Taverne zu begleiten. Bei einem guten Bier lockert sich bekanntlich die Zunge!"

"Ich fragte ihn, was denn eine Wache mit einem Hügeltroll anstellen würde. Er meinte, dass er ein solches Monster entweder verhaften oder töten würde …"

Urota reagierte gar nicht auf diese Äußerung - er hatte seinen Riesenknochen wiedergefunden und kratzte sich damit gerade den Rücken.

"Dann trat ein alter Ritter auf uns zu, der sich uns freundlich als Syr Kym vorstellte. Er erzählte uns verzweifelt, dass er seine Tochter suche. Er sei Witwer und komme aus Bel. Zusammen mit seiner Tochter sei er nach Altem gekommen, um Stoffe auszusuchen. Letzte Nacht sei seine Tochter dann verschwunden - er hatte keine Erklärung dafür, was passiert sein könnte - einfach weg. Man konnte es ihm ansehen - die Sorgen hatten bereits tiefe Furchen in seinem Gesicht hinterlassen. Er habe bereits den ganzen Tag nach ihr gesucht - keine Spur. Wegen der Gerüchte über einen Rattendämon befürchtet er das Schlimmste."

"Habt ihr ihm denn unsere Hilfe angeboten?", wollte ich wissen.
"Natürlich!", kam es im Chor zurück. "Er hat uns eine reichliche Belohnung versprochen, wenn wir ihm seine Tochter heil zurückbringen."

"Tja, und dann hat sich unser lieber Mnamn-Priester mehr dem Bier als dem Fragen gewidmet", warf Anneliese ein. "Die Stadtwache hat die Taverne wieder verlassen"
"Das stimmt so aber nicht!", verteidigte sich Widun.
"Und dann hat er sich von so einem verschrumpelten Schrat auch noch zum Glücksspiel überreden lassen!", hakte Anneliese nach.
"Wenigstes waren die Knochenwürfel auf meiner Seite!", schmunzelte Widun zufrieden und klimperte mit seinem Geldbeutel.

"Ich sehe, ihr habt euch ja eifrig bemüht, uns so schnell wie möglich aus dem Kerker zu holen!" - alle nickten, keiner hatte wohl den Sarkasmus in meiner Stimme bemerkt.

"Allerdings! Du glaubst gar nicht, wie schwer es heute Morgen war, den Ratsherrn Largo davon zu überzeugen, auch den Troll frei zu lassen", berichtete Tarkin und reichte mir meine Sachen. Ich streifte mir rasch ein Hemd über und legte den Gürtel mit meinem Dolch wieder an.
"Er lässt ihn nur frei, wenn eine Stadtwache uns begleitet, um ihn im Auge zu behalten."
Ich sah den argwöhnischen Blick des Soldaten, der den Troll tatsächlich keinen Moment aus den Augen velor und seine Hellebarde stets parat hielt.

Urota hatte scheinbar wiedermal nur die Hälfte verstanden, er lächelte bloß - noch etwas müde - und streckte sich mit einem lauten Gähnen.

Aus dem Rathaus kam eine gebückte Gestalt, deren weiße Haare in der Morgensonne glänzten. Es war Fugan, der Notor.
"Ich habe gehört, dass ihr nachts in die Kanäle hinabgestiegen seid!", schüttelte er den Kopf. "Das ist doch viel zu gefährlich! Nachts sind die Rattenbiester besonders aggressiv. Ich habe hier eine Karte für euch. Es ist ein alter Plan des Kanalsystems der Stadt. Ach, wir waren vor dem Beben so fortschrittlich, woanders wurde noch in die Gassen ... ihr wisst schon", räusperte er sich.
"Die Karte stammt natürlich aus der Zeit vor dem Beben, viele Gänge werden verschüttet sein - sicherlich auch ein Grund warum es hier so stinkt … andere wurden neu angelegt, bevor das hier mit der Rattenplage begann. Wenn ihr uns helft, die Rattenplage zu beseitigen und die Kinder zu finden, erhält jeder von euch 35 Silberlinge!"
Mit dieser Motivation und der Karte stiegen wir wieder in die Kanalisation hinab. Urota passte kaum durch die Öffnung zur Unterwelt. Vivana war diesmal nicht mit von der Partie, dafür begleiteten uns jetzt Edwen und - sehr widerwillig - ein Soldat der Stadtwache.

Mittwoch, 19. März 2014

Die Plage - Kapitel 5 - Der verschwundene Junge

Wir kehrten ins Karawanenlager zurück. Ein Mann trat uns aus dem Schatten entgegen. Es war Tarso, der Karawanenführer.
"Auf ein Wort", sprach er uns an.
"Ich hörte, dass ihr dem kranken Mädchen helfen konntet. Ich bin euch zu großem Dank verpflichtet, nicht auszudenken, was das für meine Geschäfte bedeutet hätte, wenn das Mädchen gestorben wäre! Leider ist während eurer Abwesenheit wieder etwas vorgefallen: der Junge, der sich immer um die Pferde kümmert, ist verschwunden. Tattert, der Talismanhändler, kam vorhin ganz aufgeregt zu mir, weil die Pferde vor Hunger und Durst wieherten. Ich würde mich freuen, wenn ihr euch darum kümmern könntet."

Wir hörten uns im Lager um. Hier hatte keiner so recht etwas vom Verschwinden des Jungen mitbekommen. Wir suchten die Umgebung ab. Aus einem erleuchteten Fenster am Marktplatz winkte uns eine alte Frau zu sich heran. Sie berichtete uns, dass sie eine bucklige Gestalt gesehen hätte, die keuchend in Richtung Kanalisation verschwunden war. Sie glaubte, dass das die Rattenkönigin gewesen sein könnte. Auf dem Stadtplan des Notors konnte sie uns den nächsten Eingang zur Kanalisation zeigen.

Es war stockfinster geworden. Wir kümmerten uns nicht um die Ausgangssperre und besorgten uns eine Laterne vor dem Betreten der Kanalisation. Bis auf Urota, der sich weiter im Lager versteckt halten musste, waren alle mit von der Partie. Der gusseiserne Kanaldeckel ließ sich leicht anheben. Tarkin leuchtete mit der Laterne in die Öffnung zur Unterwelt Altems. Wir sahen eine Leiter, die hinunter ins vermeintliche Verderben führte. Beim Hinabsteigen schlug uns ein scheußlicher Gestank entgegen. Unten angekommen, entschieden wir uns zunächst für den linken Gang, der jedoch nach hundert Schritten blind endete. Er war verschüttet, sicherlich eine Folge des früheren Erdbebens. Es blieb uns nichts anderes übrig, als kehrt zu machen. Beim Umdrehen bemerkten wir rote Augen, die uns aus der Dunkelheit anfunkelten. Als wir den Augen näher kommen, hörten wir ein Fauchen und Zähneknirschen.

Das mussten zehn Ratten sein, die sich da auf uns stürzten. Mir kam eine Idee. Als Druide der Ianna hatte ich schon oft kleine Tiere wie Häschen überzeugt mir Kunststücke zu zeigen. Ich hatte das bisher nie bei Ratten gemacht, aber einen Versuch war es wert. Ich richtete ein Stoßgebet an die Erdmutter - und tatsächlich - zumindest eine der Ratten gehorchte jetzt meinem Willen. Ich ließ sie eine feindliche Ratte beißen.

Eine Ratte attackierte Tarkin - er konnte sie abschütteln, bevor sie zubeißen konnte. Mit seinem Kurzschwert spießte er sie auf.

Jetzt hatte es das Rattenpack auf unseren Priester abgesehen. Drei von ihnen hatten sich in Widun verbissen, er versuchte vergeblich, sie los zu werden. Ianna war gnädig - nach einem weiteren Gebet ließen alle Ratten von uns ab und suchten das Weite.

Tarkin präsentierte uns seine aufgespießte Ratte wie eine Trophäe: "Ganz schön großes Vieh". Dann zog er sie am Schwanz von der Klinge herunter und ließ sie über seinem Mund baumeln. "Was hast du vor?", fragte ich angewidert. Nach den Worten "Ich kann sie doch nicht vergammeln lassen!" schluckte er sie im Ganzen hinunter. Vivana wurde ganz grün im Gesicht.

"Wir brauchen hier unten jede Unterstützung, die wir kriegen können", bemerkte Widun, der sich gerade mit einem Stück Wolfsfleisch stärkte: "Die Biester haben mir ganz schön zugesetzt, dabei waren es nur drei Ratten! Wer weiß, wie viele noch hier unten lauern!"“

Ich schlug vor, Urota als Unterstützung zu holen - Vorurteile der Stadtbewohner hin oder her. Mit den Worten: "Passt auf meine Sachen auf!", verwandelte ich mich wieder in ein Eichhörnchen, kletterte geschwind die Leiter hoch und rannte ins Karawanenlager zurück.

Es war nicht schwer zu erkennen, wo unser Hügeltroll schlief. Aus einem der Zelte, dessen Planen sich deutlich hoben und senkten, drang ein lautes, markerschütterndes Schnarchen. Vorsichtig strich ich dem Troll mit meinem plüschigen Schwanz über die Nase. Er nieste und schlug mit noch geschlossenen Augen in meine Richtung. Mit einem Rückwärtssalto konnte ich seinem Hieb knapp entgehen. Zum Glück war er jetzt wach und hatte erkannt, wer da vor ihm stand. Ich versuchte ihm zu erklären, was ich mit ihm vorhatte, bis mir aufging, dass er meine Zeichensprache wohl für den lustigen Tanz eines Eichhörnchens hält, als er unbeholfen begann, eine Melodie dazu zu pfeifen.

"O Skia, wirf Hirn vom Himmel!", dachte ich, als mir nichts anderes übrig blieb, als mich in meine Faungestalt zurück zu verwandeln - und das, obwohl meine Sachen noch in der Kanalisation lagen! Ich zerrte ihn an der Hand hinter mir her.

Wir hatten gerade den Marktplatz verlassen, als hinter uns Schritte und dann eine Stimme hallten: "Halt! Wer da?"
"Schnell, verstecken!", raunte ich Urota zu. Er bückte sich hinter ein Fass, das ihm leider nur bis zur Hüfte reichte. Ich fand auch kein vernünftiges Versteck - für die Straßenlaterne stand ich zu gut im Futter ...
Un-fass-bar - kein Versteck für einen Troll!

Da war auch schon der Soldat der Stadtwache, der seine im Laternenlicht aufblitzende Hellebarde auf meine nackte Brust richtete: „Was treibt Ihr hier? Es gilt die Ausgangssperre!“

Dann fiel sein Blick auf Urota und er wich ein paar Schritte zurück.
"Ist das ein Troll?", fragte er mit einem Kloß im Hals.
"Tritt hervor, du Unhold!", forderte der Wachsoldat mit schlotternden Knien, was durch das Klappern seiner Beinschienen deutlich zu hören war.
"Wo ist bloß das Siegel des Notors?", fragte ich mich, als die Spitze der Hellebarde wieder auf mich zeigte. Ich versuchte vergeblich, der Wache zu erklären, dass wir auf der Suche nach den verschwundenen Kindern waren. Es kam nur ein "Das könnt ihr morgen alles dem Ratsherrn erzählen!" zurück. Ich bat Ianna um etwas Klettenkraut - leider unterbrach mich die Wache, bevor ich mein Gebet vollenden konnte.
"Lass dein Gemurmel - hier wird nicht gezaubert - Ziegenmensch!"
Für Urota wäre es ein Leichtes gewesen, den verängstigten Soldaten auszuschalten, aber auch er hielt sich zurück - wir standen schließlich alle auf der gleichen Seite. Wir wurden zu einem Anbau des Rathauses geführt und in eine kleine Zelle gesperrt. Urota fiel schnell in einen tiefen Schlaf, während meine Ausbruchsideen ins Leere liefen. Jedes Stoßgebet wurde von der Wache unsanft unterbunden…
Uns blieb nichts anderes übrig als auf unsere Gefährten zu hoffen…

Samstag, 1. März 2014

Die Plage - Kapitel 4: Das Heilmittel

Im Wagen lag das Mädchen unter dicken Wolldecken - und zitterte. Diesmal untersuchte ich den Arm, der geblutet hatte, genauer: Ich erkannte eindeutig Bissspuren, die aussahen wie bei den toten Welpen. Sie war also auch von einer Ratte gebissen worden. Im Namen Iannas konnte ich ihren Zustand fürs Erste stabilisieren, sie brauchte aber einen richtigen Heiler. Tarso empfahl uns, zum Rathaus zu gehen. Widun und Tarkin machten sich sofort auf den Weg. Ich blieb bei dem kranken Mädchen. Vivana und Anneliese wollten das Wolfsfleisch braten, damit es nicht verderben würde. Das Mädchen hatte inzwischen aufgehört zu zittern, dafür fühlte sich ihre Stirn jetzt glühend heiß an. Ihr Vater und ich umwickelten ihre Waden mit nassen Leinenlappen. Mir kam es wie eine Ewigkeit vor, bis endlich Widun mit einem alten buckligen Mann zurückkam, der sich uns als Notor vorstellte. Widun berichtete kurz, wie er dank seines Charmes die Wachen vor dem Rathaus dazu gebracht hatte, ihn einzulassen. Tarkin hatte sich schon vorher vorbei geschlichen. Sie waren auf den Kämmerer getroffen, der sie aber habe abweisen wollen, weil sich der Ratsherr schon zu Bett begeben hätte. Er hatte ihn aber überzeugen können, dass es sich um eine sehr dringliche Angelegenheit handelte. Der gutmütige Ratsherr hatte dann sofort nach dem Notor schicken lassen. Leider gab es keinen richtigen Heiler mehr in der Stadt. Der letzte hatte wegen der Rattenplage fluchtartig die Stadt verlassen.

Widun lässt seinen Charme spielen...

Der Notor stellte sich vor: "Ich bin Fugan Tayn. Ich bin kein ausgebildeter Heiler, die Leute rufen mich aber, weil sie mich für weise halten … Nun ja, ich sehe ja tatsächlich aus wie eine alte Eule".
Der Vater des kranken Mädchens bettelt ihn um Hilfe an: "Weiser Notor, bitte helft meinem armen Mädchen. Sie wurde scheinbar von einer Ratte gebissen. Dieser Faun da hat versucht, sie zu heilen, aber jetzt ist sie im Fieberwahn."
Der Notor schaut sich die Bissstelle an: "Ja, tatsächlich, ein Rattenbiss. Das sehe ich hier in letzter Zeit öfters … Es gibt ein Heilmittel, aber es wird schwierig, das Mädchen zu retten - ich brauche dazu viele Zutaten! Leider hat mein Gedächtnis in letzter Zeit sehr nachgelassen … Ich muss in die Bücher schauen."
Mit diesen Worten verließ er unbeholfen den Wagen.

Nach einer Weile kehrte er zurück und überreichte uns einen Zettel und eine Karte: "Hier ist eine Liste mit den Zutaten, die ich für das Heilmittel benötige. Bei einigen Kräutern weiß ich, wo sie zu finden sind, ich habe sie für euch auf diesem Stadtplan markiert. Einzig für die Essigwurz müsst ihr die Stadt verlassen. Ich gebe euch ein Siegel mit, damit ihr ohne Schwierigkeiten an den Wachen vorbeikommt."

Wir teilten uns auf, um die Kräuter zu holen. Ich wollte mich um die Essigwurz kümmern und verwandelte mich dazu in meine Eichhörnchengestalt. Es war stockfinster geworden. Tarkin entzündete eine Fackel, Vivana bevorzugte dagegen die Dunkelheit. Unheimlich war so eine Menschenstadt im Dunkeln. Die Laternen wogten quietschend im Wind wie Gehängte. Manchmal dachte ich, dass sich die Wände der Fachwerkhäuser bewegen würden: überall huschende Schatten - oder war das alles nur Einbildung?

Ich eilte über die Stadtmauer - keine Wachen weit und breit. Rasch hatte ich die gesuchte Essigwurz gefunden und konnte mich auf den Rückweg machen. Vor dem Planwagen verwandelte ich mich zurück. Wir hatten alle Zutaten beisammen: Essigwurz, Ginsterbeeren, Tarinlapp, Brennnesseln und Löwenzahn. Auch meine Gefährten berichteten von unheimlichen Geräuschen: trippelnde Schritte und quietschende Schreie. Der Notor hatte einen Mörser und weitere Zutaten dabei, aus denen er mit Hilfe der Kräuter eine Arznei herstellte. Das Mädchen hustete, als ihr der Trank eingeflößt wurde. Schon nach kurzer Zeit sank das Fieber und unsere Patientin fiel in einen tiefen Schlaf. Wir waren erleichtert, verließen den noch immer sehr bekümmerten Vater und nutzten den Rest der Nacht zum Schlafen.

Am nächsten Morgen kam uns der Vater schluchzend entgegen: "Ihr habt meine Tochter gerettet! Wie soll ich euch nur danken? Bitte nehmt diese 30 Silberlinge als kleines Zeichen meiner Dankbarkeit!"

Wir waren zum Ratsherrn eingeladen worden, der uns freundlich begrüßte und dann von seinen Sorgen berichtete: "Unsere einst so stolze Stadt liegt seit dem großen Beben in Trümmern. Meine fleißigen Bürger hatten einen Teil der Stadt schon wieder aufgebaut und alle waren in Aufbruchstimmung, besonders nachdem die Ul‘Hukk erfolgreich zurückgeschlagen werden konnten. Vor drei Monden ist aber ein großes Unglück über unsere Stadt hereingebrochen: Ratten, überall Ratten! Sie haben sich rasant in den Ruinen vermehren können, jetzt findet man sie überall. Sie haben keine Angst mehr vor den Menschen - es wurde schon von zahlreichen nächtlichen Angriffen berichtet, so dass ich eine Ausgangssperre verhängen musste. Die Menschen bleiben in ihren Häusern, nur wenn die Sonne hoch am Himmel steht, trauen sie sich noch auf die Straße. Das kranke Mädchen hatte Glück - viele sind schon an der Rattenpest gestorben! Wir haben zwei Rattenfänger gerufen, die beide aber nach kurzer Zeit mit unseren Silberlingen das Weite gesucht haben!"

Der stämmige Mann räusperte sich kurz und seine Backenhaare zitterten dabei: "Es gibt noch ein weiteres Problem, das mir noch viel mehr am Herzen liegt. Verzweifelte Eltern kommen zu mir. Sie berichten, dass ihre Kinder verschwunden seien. Die Leute flüstern, dass ein Dämon sie hole und verspeise. Andere berichten von einer hässlichen alten Frau, die sie nachts in den Gassen gesehen hätten - sie bezeichnen sie als die Rattenkönigin. Wir wissen aber nicht, ob das alles in einem Zusammenhang steht…"

Samstag, 22. Februar 2014

Die Plage - Kapitel 3: Aufbruch nach Altem

Auf dem Rückweg zum Karawanenlager kamen wir an Jel vorbei. Am Boden um ihn herum hatte sich eine große Blutlache gebildet und sein Kopf war nach hinten gekippt. Tarkin musterte sein kleines Koboldschwert und blickte dann auf Jels Gürtel: "Sein Schwert gehört mir! Ihr habt euch ja alle schon bedient!"
Er hatte gerade das Heft ergriffen, als der vermeintliche Leichnam zuckte und sich eine Hand um Tarkins pelziges Handgelenk schloss.
"Lass los, du brauchst das nicht mehr!", schrie der Kobold, riss sich von der eiskalten Hand los und zog schnell das Schwert aus der Scheide. Jels lebloser Körper sank wieder zu Boden. Ich bestand darauf, seinen Körper an Ianna zurückgeben - nicht dass er uns nachts als Diener Mortarax‘ wiederbegegnen würde. Urota erbarmte sich und zog ihn hinter sich her.

Wir traten aus dem Nordwald heraus und sahen die Sonne hoch am Himmel stehen. Als wir uns der Wagenburg näherten, kam uns ein aufgeregter Tarso entgegen: "Wir müssen hier weg! Im Lager wimmelt es von Ratten! Meine Waren! Die fressen mir die Haare vom Kopf!"
Vor Aufregung bemerkte der Glatzkopf erst jetzt die Silberfelle, die Vivana und Anneliese trugen. Sein nächster Blick galt dem Leichnam, den unser Troll hinter sich her schleifte - er wendete sich angewidert ab.

"Bevor wir aufbrechen, müssen wir Jel noch ein anständiges Begräbnis bereiten!", beharrte ich. Nachdem ein Loch ausgehoben war, ließ Urota den Leichnam hinab. Viele der Händler traten hinzu und schauten Widun und mich erwartungsvoll an. Auch wenn ich Jel nicht gekannt hatte oder wirklich leiden konnte, hoffte ich, dass Ianna ihn aufnehmen würde. Ich erinnerte daran, dass er in der Erfüllung seiner Pflicht, uns vor der Bedrohung durch die Wölfe zu schützen, sein Leben gelassen hatte. Widun ließ einen Weinkelch herumgehen und alle auf Jels Wohl trinken. Die Versammlung löste sich schnell wieder auf. Ich sah wie Widun ein Fass vor sich her rollte: Ein Kelch Wein reichte wohl nicht für einen toten Wildhüter.

Wir hatten Tarso überzeugt, noch eine Nacht zu lagern. Wir waren erschöpft von der Jagd und setzten uns ans Lagerfeuer. Dort brieten wir einen der Wölfe. Ein Händler mit abstehenden Ohren und Schweinsaugen wurede vom Duft angelockt und lullte uns mit einer langen Erzählung ein - wahrscheinlich in der Hoffnung etwas vom Braten abzubekommen. Wir legten uns schließlich schlafen. Die Nacht verging zum Glück ohne Vorkommnisse.

Am nächsten Morgen sah ich, wie Widun hinter einem der Zelte hervorkam. Mit einem Ausdruck der Erleichterung im Gesicht und einer Fahne im Gepäck, ließ er sich wankend auf dem Kutschbock nieder - Mnamn musste stolz auf ihn sein. Tarso Payn bestand darauf, dass der Troll sich in einem der Wagen versteckt halten müsste. Er befürchtete, dass uns die Wachen nicht in die Stadt lassen würden, wenn sie bemerkten, dass wir einen Hügeltroll dabei hatten.
 
Eine Karte von Askalon, die uns Edwen überlassen hat.

Innerhalb einer Tagesreise und zwei Regengüsse später standen wir vor den Toren der Stadt Altem. Urota musste sich unter alten Säcken und Heu verstecken. Die Stadtwachen kannten Tarso und ließen uns ohne Weiteres passieren. Die Stadt bot einen trostlosen Anblick. Während die Wagenräder über die feuchten Pflastersteine holperten, traf mein Blick auf eingestürzte Mauern und Schutthalden. Die Gassen waren leer - bis auf den Dreck, der sich überall auftürmte und einen beißenden Gestank verbreitete. Hier und da sah ich jedoch, wie Türen oder Fensterläden einen Spalt weit geöffnet wurden. Ich erkannte verhärmte Gesichter, die uns nachblickten.

Einer der skilischen Händler namens Boldran Blei hatte uns gestern Abend am Lagerfeuer erzählt, dass Altem vor Jahrzehnten eine stolze Stadt gewesen sei. Dann hatte wohl ein gewaltiges Erdbeben, das von den Askaloniern nur "Bulgors Zorn" genannt wird, den Großteil der Stadt zerstört. Aufgrund der fortgesetzten Auseinandersetzungen mit den Tekk waren viele Menschen weggezogen. Dennoch hatten die Verbliebenen den Kern der Stadt wieder aufgebaut und waren sehr an den Waren aus aller Herren Länder interessiert. Davon war damals aber nichts zu sehen - mein linkes Horn begann zu jucken - ich hatte immer dieses Gefühl, wenn irgendetwas faul war.

Wir erreichten den Marktplatz - auch hier keine Menschenseele. Die Händler waren enttäuscht und begannen zu tuscheln. Tarso winkte alle herbei: „Geht erst einmal schlafen und beruhigt euch! Morgen sieht es bestimmt anders aus! Die Leute werden sich um euren Schmuck, eure Tücher und Gewürze streiten!“

Die Ansprache des Dicken wurde jäh unterbrochen.
"Hilfe! Hilfe! Warum hilft mir denn niemand!"
Der Vater des Mädchens mit der Bissverletzung sprang aus seinem Wagen und brach sich dabei fast die Knochen.
"Meine Tochter hat Schüttelfrost, sie ist nicht mehr bei Sinnen! Gibt es denn hier keinen Heiler? Oh Alun, bitte hilf uns!"

Wir begleiteten den verzweifelten Vater zu seinem Wagen.