Montag, 9. Dezember 2024

Der Zahn des kalten Gottes - Kapitel 3: Der Auftrag des Alwen

Gebückt schlich sich der Junge durch die schattigen Nebenstraßen Parapolis. Die Morgensonne lugte gerade über die flachen Dächer der Hafenstadt. Er hatte schon mehrere kleinere Aufgaben für andere Schurken in der Stadt erledigt, doch dieser Auftrag war anders. Calvaron war ein Priester, einer der ihn aus dem Elend seines miesen Lebens herausholen konnte, das spürte Hasabi. Deshalb würde er all seine Fähigkeiten, die er sich im Laufe seines noch jungen Lebens angeeignet hatte, einsetzen, um den Auftrag erfolgreich auszuführen. Calvaron hatte ihm erzählt, dass er ein Geheimbote seines Volkes und auf der Suche nach einer uralten Reliquie sei. Diese Reliquie sei ein blau-weiß glänzender Drachenzahn, ein geheiligtes Symbol der Göttin Nivie und vor Jahren von einem Barbaren namens Lorik geraubt worden. Der alwische Priester hatte den Räuber bis in diese Stadt verfolgt.
Calvaron, der Alwonai-Priester.
Laut Calvarons Beschreibung war Lorik ein fürchterlicher Krieger, mit mächtiger Brust und breiten Schultern. Hasabi kannte viele Gjölnar, die aus dem Norden nach Parapolis gekommen waren, um hier als Matrosen auf einem der Handelsschiffe anzuheuern, auf die diese Beschreibung zugetroffen hätte. Der geheimnisvolle Alwe hatte Hasabi erzählt, dass man den Wilden an einer schwarzroten Tätowierung erkennen könne, die sein halbes Gesicht und seine Brust bedecke. Hasabi hatte sich bei einigen seiner Quellen, also Herumtreibern, wie er selbst einer war, erkundigt.
Trischon, der einarmige Schlossknacker aus dem Hafenviertel, glaubte sich an einen Mann mit einer solchen Tätowierung erinnern zu können. Er beschrieb Hasabi die Schenke, in der er den Barbaren gesehen zu haben glaubte. Dort hatte er von einem alten Seebär erfahren, dass sich der Wilde, der wirklich Lorik zu heißen schien, nachts häufig durch sämtliche Schenken des Hafenviertels soff. Nun war er dabei eben diese Spelunken nacheinander abzuklappern, um zu überprüfen, ob der Barbar in einer der vielen Tavernen mit Gästezimmern übernachtet hatte. In der letzten Gaststätte, einer kleinen Holzstube auf deren Schild 'Zum hämischen Hecht' stand, hatte man ihm erzählt, dass man in der vergangenen Nacht einen stockbesoffenen Wilden, der Streit anfangen wollte, auf die Straße geworfen hatte. Hasabi beschloss die Gaststätten in der Nähe zu erkunden, weit konnte Lorik, falls er wirklich so besoffen gewesen war, nicht gekommen sein. Als Hasabi die Straße hinauf sein nächstes Ziel, eine teures Gasthaus namens 'Goldesel', erspähte, huschte er hinter die Marmorsäule eines Gebäudes, um nicht von der heraustretenden Person gesehen zu werden. Vorsichtig lugte er um die Säule herum und erkannte, dass er Lorik gefunden hatte. Er starrte zum Giebel eines Skia-Tempels, auf der eine kunstvoll gemeißelte weiße Eule aus Marmor saß. Die Tätowierung, die der Barbar trug, ließ den mächtigen Körper des wilden Nordmannes noch furchteinflößender erscheinen, als er in Anbetracht seiner Muskeln sowieso schon war. Seine lange braune Mähne hing ihm bis auf seine breiten Schultern herab. Außer einer ausgemergelten ledernen Hose, an der ein kleiner Geldbeutel hing und einigen Fellstiefeln in noch schlimmerem Zustand trug er offensichtlich nichts bei sich. Von einem Drachenzahn war nichts zu sehen. Zielstrebig schritt der mächtige Barbar auf die Tür des Tempels, der der Göttin der Weisheit geweiht war, zu. Sein heftiges Rütteln an der mit Eisen beschlagenen Tür zeigte ihm, dass die Tür ganz offensichtlich verschlossen war und er sie nicht aufbrechen konnte. Interessiert sah Hasabi, dass der Barbar ganz offensichtlich nach einem Weg suchte, um in den Tempel zu gelangen.
Was will dieser schwankende Riese in dem Tempel?’ fragte sich Hasabi.
Sicherlich ist er kein Anhänger Skias, die all das verkörpert, was dieser Wilde gerade nicht ist!

Erstaunt sah der junge Dieb, wie sich der unbeholfene Barbar an einem Holzgerüst, an dem eine Kletterpflanze emporgewachsen war, hochzog. Als Lorik oben angekommen war, schaute er sich noch einmal flüchtig um, bevor er das bunte Fenster unter dem Dach eintrat. Das laute Splittern des Glases ließ den jungen Jujin zusammenzucken.

Was für ein Trottel!“ dachte sich Hasabi und war sich sicher, dass der Wilde mit dem Lärm die ganze Straße geweckt hatte. Nervös blickte sich Hasabi in der Gasse um und entdeckte wenig später einen wild schimpfenden Priester in fliegender weißer Robe. Hinter ihm tauchten drei Stadtwachen auf, die ihre Breitschwerter gezogen hatten. Aus ihren Gesichtern las Hasabi Erstaunen. Wahrscheinlich fragten sie sich, warum der Priester schon so früh am Morgen drei von ihnen von ihren Posten abziehen musste. Der Priester schloss mit einem großen eisernen Schlüssel die Tür des Tempels auf. Laut schnaubend riss er den großen Holzflügel zur Seite, entzündete mit einem Feuerstein eine Fackel und eilte mit zwei der Wachen in die Dunkelheit. Die dritte Stadtwache blieb vor der Tür stehen und blickte sich gelangweilt auf dem Platz vor dem Tempel um. Hasabi war gut versteckt und die müden Augen des Wächters übersahen ihn.
Diese verdammten Kinder!“ hörte Hasabi den erbosten Priester rufen.
Das ist nun schon das dritte Mal in diesem Jahr, dass sie unsere Scheiben einwerfen!“ Hasabi musste sich ein Kichern verkneifen. Er hörte, wie der Priester nicht weniger aufgeregt innen mit den beiden Stadtwachen sprach, die in der Dunkelheit wahrscheinlich nach einem Stein suchten. Plötzlich kam Lorik mit einer enormen Geschwindigkeit aus der Tür gestürmt und schickte den Wächter mit einem einzigen gewaltigen Nackenschlag ins Reich der Träume. Der Barbar musste sich im Dunkeln vor dem Priester und den Stadtwachen versteckt haben. Blitzschnell krallte sich der Barbar das Schwert der bewusstlosen Wache, noch bevor dieses auf den Boden fallen konnte. Danach rannte der Wilde so schnell er konnte die Straße in Richtung Hafen hinunter. Hasabi verschwand hinter dem Haus auf der anderen Straßenseite des Tempelplatzes und folgte der engen Parallelstraße, die ebenfalls zum Hafen führte. Vom Tempelplatz hörte er noch die Stimme des Priesters, der die Stadtwachen anschrie, sie sollten den Einbrecher verfolgen. Nach einiger Zeit verlangsamte Hasabi seine Schritte und wollte sich gerade eingestehen, dass er die Spur des Barbaren verloren hatte, als er ein Keuchen in einer der Seitengassen hörte. Langsam schlich sich Hasabi zur Hausecke und blickte mit einem Auge in die Straße. Lorik lehnte sich, sichtlich von seinem Spurt geschafft, mit dem gestohlenen Schwert in der Hand, an eine Hauswand. Er hatte die Augen geschlossen und atmete schwer. Hasabi vermutete, dass das ausschweifende Leben in der Stadt der Ausdauer des Barbaren nicht gerade zuträglich gewesen war. Als der junge Dieb näher hinsah, erkannte er, dass Lorik nun ein Lederband um den muskulösen Hals trug, an dem ein wunderschön funkelnder Gegenstand hing. Das musste die Reliquie sein! Aber wie sollte Hasabi an diese herankommen? Er hatte gesehen, wie leicht der Krieger die Stadtwache niedergeschlagen hatte und jetzt trug er ja auch noch ein Schwert. Lorik öffnete die Augen und schien erst jetzt zu bemerken, dass er ein Schwert in der Hand hielt. Hasabi konnte ein Funkeln in den Augen des Kriegers sehen, als dieser seinen Blick über die Schwertklinge hin zum Himmel richtete. Hasabi musste seinen nächsten Schritt genau planen, dieser Mann war sehr gefährlich, dass spürte er. Der Dieb lehnte sich an die Hauswand um über sein Vorgehen nachzudenken und kratzte sich dabei beiläufig an seinem Handrücken auf das der Alwe Calvaron ihm ein hübsches Symbol gemalt hatte.
Calvaron hatte ihm erzählt, es sei ein Schutzsymbol seiner Göttin, der Frosthirtin, Nivie, die ihn beschützen würde. Jetzt juckte ihn die Farbe auf seiner Haut und schien auch nicht mehr weg zu gehen. Als er Geräusche aus der Seitenstraße hörte, vergaß er seine Hand. Der Barbar hatte das Schwert der Stadtwache in ein braunes Leinentuch gehüllt, das er irgendwo auf der Straße gefunden haben musste. Mit einem weiteren Lederriemen verschnürte er es zu einem festen Paket und verließ aufrechten Schrittes die Seitenstraße in der entgegengesetzten Richtung. Auf leisen Sohlen folgte Hasabi dem Barbaren und blieb immer ein gutes Stück zurück. Lorik nahm die Straße, die hinab zum Hafen und auf der anderen Seite zum Marktplatz führte, wo er gestern zum ersten Mal Calvaron begegnet war. Auf dem Markt blieb der Barbar an einigen Ständen stehen und ließ sich Pökelfleisch, Zwieback und Wein geben, was er mit klingender Münze aus seinem Beutel bezahlte. Hasabi erkannte, was der Barbar vorhatte: Er wollte die Stadt verlassen. Das war der Zeitpunkt, den Alwen-Priester aufzusuchen. Er musste dem heiligen Mann erzählen, dass sich der Wilde mit der Reliquie aus dem Staub machen wollte. Hasabi blickte sich auf der untersten Ebene des Marktes um und fand nach kurzer Zeit, was er suchte. Zwischen zwei Obstständen kauerte eine in dunkelbraune Tücher gehüllte Gestalt. Das war Jock, einer von Hasabis Quellen und einer seiner besten Freunde im Marktviertel. Heimlich gesellte sich Hasabi zu seinem versteckten Freund zwischen die Marktstände.
Hallo, Hasabi! Was machst du denn hier?“ fragte Jock seinen Freund.
Ich hab’ ‘nen Auftrag, was ziemlich Großes … ich brauche deine Hilfe!
Moment …“, unterbrach der dürre Jock seinen Freund mit erhobener Hand.
Fünf Silberlinge!“ rief Hasabi da und brachte damit Jock zum Schweigen.
Siehst du diesen Wilden da hinten?
Du meinst den tätowierten Gorilla?
Ja, genau den. Du musst ihn für mich beschatten.
Jock nickte seinem jungen Freund zu.
Und dann?“ fragte er.
Wir treffen uns zu Marktende am oberen Stadttor!
Jock wartete mit der Verfolgung des Barbaren bis Hasabi aus der Hafenstraße verschwunden war.

Der Zahn des kalten Gottes - Kapitel 2: Loriks Laster

Der Wind, der vom Meer herauf durch die verwinkelten Gassen Parapolis' blies, erschien Lorik in dieser Nacht kälter als sonst. Mit seiner Hand tastete er über seine mächtige Brust. Sein Umhang aus Wolfsfell war weg. Er musste ihn irgendwo zwischen hier - wo immer das auch war - und der letzten Taverne, aus der man ihn rausgeprügelt hatte, verloren haben. Erschrocken fasste er an seinen Gürtel und stellte erleichtert fest, dass sein Beutel voll Münzen noch da war. Die Silberlinge würden noch für die nötige Wärme in einer der zahlreichen anderen Schenken ausreichen. Außerdem musste der Weg von hier bis zur nächsten Taverne kürzer sein als bis zur Gaststätte, wo er ein Zimmer hatte, denn er konnte sich nicht mehr an deren Namen erinnern. Lorik entschied, dass er einfach dort aufwachen würde, wo er – natürlich nach einigen Vergnügungen – eingeschlafen war. Aber das konnte nicht hier auf der Straße sein, da ihm die Kälte der See wirklich unangenehm in die Glieder fuhr.
Lorik, Gjölnar vom Stamm der Khor'Benrick.
Lorik trieb sich nun schon einige Jahre in den Städten Thaliens herum und genoss sein Leben als Mann ohne Verpflichtungen. Früher war er ein raubeiniger Krieger gewesen, auf dessen Taten Osir, der Gott des Mutes und der Tapferkeit, stolz gewesen wäre. Vom früheren Glanz seiner Taten war nicht viel mehr als der immer kleiner werdende Sack klimpernder Münzen übriggeblieben. In einiger Entfernung, etwas die Gasse hinauf, bemerkte der Barbar, dass sich ein schmaler, verschwommen leuchtender Spalt stetig dehnte, um dann wieder zu seiner ursprünglichen Größe zusammenzufallen. In seiner Phantasielosigkeit folgerte Lorik, dass es sich um eine Tür handeln musste, die geöffnet wurde und wieder zufiel. Wankend näherte er sich der Erscheinung und bellte einem der Schatten, der ihm entgegenkam, er solle ihm die Türe aufhalten. Auf diese Weise gelangte Lorik, der sich, nachdem er versehentlich den Türpfosten geküsst und sich dann bei diesem entschuldigt hatte, in seiner ursprünglichen Annahme, es könne sich um eine Tür handeln, bestätigt fühlte, in ein warmes Haus.

»Ungewöhnlich!«, gluckste er, als er sich in dem großen Raum umschaute. Kerzen erhellten einige Stuhlreihen vor einer großen Steintheke, auf der eine Art Buch lag. An den Wänden standen Regale, die mit Schriftrollen und Büchern angefüllt waren. Die Decke und Säulen waren mit seltsamen Zeichen geschmückt, die Lorik weder in seinem jetzigen, noch in nüchternem Zustand hätte entziffern können. Alles, was er erkannte, war eine Abbildung einer Eule über der Theke, die ihm ein kräftiges Kichern entlockte. »Hoho!«, rief der Barbar. »Also so 'ne bescheuerte Verzierung hab’ ich ja noch nie geseh‘n! Na ja, Hauptsache das Bier hier schmeckt!«, rief er lauthals und schlug einem der Schatten kräftig auf die Schulter. »Wow!«, pfiff Lorik, als er drei in weiße Togen gewandete Frauen vor der Steintheke sah. »Aber die Bedienungen sind ganz schön heiß! Bringt mir und meinem schattigen Freund hier mal ein schmackhaftes Bierchen!«, grunzte er mehr, als dass er sprach durch die Reihen der Menschen, die auf einmal laut anfingen, miteinander zu schnattern. Davon unbeeindruckt sah er sich weiter um und entdeckte am Eingang zwei große Wasserbecken. Lorik begrüßte die Möglichkeit, sich vor dem Trinken zu waschen, denn er erinnerte sich vage daran, dass nicht alle Getränke, die er in dieser Nacht zu sich genommen hatte, auch wirklich seine Kehle nur einmal durchquert hatten. Er beschloss, nicht das Wasser seinem Gesicht anzunähern, sondern sein Gesicht und fast seinen ganzen mächtigen Oberkörper tief in das kalte Wasser zu tauchen. Als er unter Wasser seine Augen öffnete, sah er, dass etwas bläulich funkelndes auf dem Grund des Beckens lag. Gerade als er nach dem Gegenstand greifen wollte, zerrten ihn starke Hände aus dem Becken.
»Lass dich hier nie mehr blicken, elender Wilder!«, rief man ihm nach, als man ihn unsanft aus der Tür warf. Etwas missmutig und verstört blickte Lorik nach kurzer Zeit wieder auf und spuckte in Richtung des Lichtspaltes. Als sein Blick danach getrübt auf eine weitere Lichterscheinung fiel, entglitt seinem Gesicht ein schiefes Lächeln.

***

Als Lorik am nächsten Tag mühsam ein Auge öffnete, bemerkte er, dass er in einem Bett lag, und dass eine Rothaarige ihren Kopf auf seine Brust gelegt hatte. Noch etwas benommen vom vielen Bier richtete er sich keuchend auf und stöhnte. Sein Kopf wollte am liebsten sofort in tausend Stücke zerspringen. Die junge, gar nicht mal so hübsche Frau rollte sich auf dem Bett zusammen, als Lorik aufstand. Er hatte sich wohl in einem der vielen Gasthäuser volllaufen lassen und sich mit einem der Mädchen ein Zimmer genommen. Er erinnerte sich daran, dass er seinen Umhang verloren hatte. Sein Säckchen mit den Silberlingen lag auf dem kleinen Tisch neben dem Bett und hatte erneut etwas von seinem Gewicht eingebüßt. So wie es aussah, würde es allerdings noch für die Bezahlung des Zimmers ausreichen. Erst jetzt bemerkte er, dass ihm sein Hals irgendwie sonderbar nackt vorkam. Dann wurde es ihm plötzlich klar. Er hatte seinen Talisman verloren, den er an einer ledernen Schnur um seinen sehnigen Hals getragen hatte. Sein Blick fiel auf die Rothaarige. Mit einem zornigen Knurren entriss er der Frau die Bettdecke, worauf sie einen lauten Entsetzensschrei ausstieß.

»Wo ist mein Talisman?«, fauchte der Barbar die zitternde, nackte Frau an. Sie schüttelte nur benommen den runden Kopf.
»Mein Talisman? Wo ist er? Hast Du Dirne ihn mir gestohlen?«. Tränen rannen über die Wangen der jungen Frau, die keines der Worte des Barbaren verstanden hatte und ihre Nacktheit plötzlich vor dem vor Wut schäumenden Barbaren verbergen wollte. Lorik kam auf die junge Frau zu und legte seine mächtigen Hände um ihren zierlichen Hals und hob sie so aus dem Bett heraus.
»Ich frage dich nur einmal. Wo ist der Talisman, den ich gestern Abend trug, als ich in diese Taverne trat?« Mehr quiekend als sprechend gab die Rothaarige nur spärliche Laute von sich: »Ihr … nichts … Hals. Kein Talisman … nur … Silberlinge!«

Lorik ließ die junge Frau auf das Bett zurückfallen, die sich sofort ihren nun wunden Hals rieb. Er hatte nicht vorgehabt sie zu töten, aber dieser Talisman bedeutete ihm sehr viel. Es war ein Talisman, den er schon einige Jahre trug. Er erinnerte ihn an seine wagemutigen Abenteuer mit seinen mächtigen Kampfgenossen. Doch nun schien er verloren und mit ihm der letzte Rest seiner Kriegerehre. Als er, so nackt wie er war, mit geschlossenen Augen dastand und über seine nun völlig überflüssig erscheinende Existenz nachsann, kam ihm plötzlich das Bild eines funkelnden blauen Gegenstandes in einem Wasserbecken in den Sinn. Er hatte seinen Talisman beim Waschen verloren. Und nun fiel ihm auch wieder ein, dass das in einer Schenke gewesen war, in der eine große hässliche Eule über dem Tresen hing. Er musste diese Schenke und damit seinen Talisman finden! Er zog sich rasch an und warf der Dirne einige seiner Silberlinge aus seinem Beutel als Entschädigung zu und verließ rasch über eine knarrende Holztreppe das kleine Zimmer. Unten erwartete ihn schon ein freundlich dreinblickender,  pausbäckiger alter Mann, der mehr Haare auf den Armen als auf dem Schädel zu haben schien. Die grünliche Schürze, die er sich über seinen schwabbligen Bauch gebunden hatte, zeichnete ihn für Lorik als Gastwirt aus.

»Guten Morgen!“, grüßte der Alte und bemerkte schnell, dass in diesem Falle ein zu freundliches Benehmen auch keine gute Lösung sein würde.
»Sie haben ihr Zimmer heute Nacht schon bezahlt. Ich wünsche ihnen noch einen angenehmen Tag!«
»Jaja, ich suche eine Taverne …«, brummte Lorik missmutig.
»Tavernen gibt’s viele in Parapolis«, merkte der Alte an, »kennen Sie vielleicht den Namen, der außen auf dem Schild steht?«
»Nein, ich weiß nur, dass da eine Verzierung mit einer Eule über dem Tresen hing!«
»Eine Eule? Mhm, nein, tut mir leid, ich kenne keine Taverne, in der man so was findet, tut mir leid, … allerdings kenne ich auch nicht alle meine Konkurrenten!«

Missmutiger als zuvor wankte Lorik auf die Straße. Das Sonnenlicht stach ihm in die Augen und schickte ihm eine neue Schmerzwelle durch die Schläfen. Einen Fluch auf Alun, den Gott des Lichts, ausstoßend, erhob er seine Hand gen Himmel und erstarrte plötzlich, als er einige Schritte über sich genau so eine Eule erspähte, wie er sie in Erinnerung hatte.

Ijonische Geschichten 1: Der Zahn des kalten Gottes - Kapitel 1: Der kleine Dieb

Ein angenehm säuerlicher Geruch ging von dem grünen Apfel aus. Der junge Jujin bewunderte das Licht des Sonnenaufgangs auf seiner glatten Schale. Der Apfel war die erste Beute des Tages gewesen, nichts Besonderes, dennoch freute sich der kleine Dieb darüber, denn in letzter Zeit wurde es immer schwieriger, sich nicht von den Händlern erwischen zu lassen. Sie hatten den Stadtrat dazu bewegt, die Wachen auf dem Marktplatz zu verdoppeln. Das Warenangebot war zurückgegangen und durch die Androhung einiger Kaufleute, sich ebenfalls aus dem Geschäft in Parapolis zurückzuziehen, fürchteten viele der Ratsmitglieder um den Wohlstand der Stadt. Das Gezänk der Stadtväter interessierte Hasabi jedoch wenig. Als Dieb war er nur ein kleiner Fisch in einem großen Meer voller Haie. Er stahl nur, um am Leben zu bleiben. Hier mal ein Brot, da mal ein Messer, das er dann gegen sauberes Wasser oder etwas Essbares eintauschte. Es waren sicher nicht seine geschickten Finger, die die Händler und den Stadtrat so zum Schnauben brachten. Während Hasabi den Apfel genüsslich verschlang, Bissen für Bissen, schweifte sein Blick über das Treiben auf dem Marktplatz von Parapolis.

  Der Markt war auf drei Ebenen verteilt, die durch breite Treppen miteinander verbunden waren. Die oberste und die unterste verliefen sich zu den Seiten hin in verwinkelte Gassen, in denen ebenfalls gerade Stände errichtet wurden. Von seinem erhöhten Standort aus, einer Mauer zwischen zwei alten Handelshäusern, hatte er eine hervorragende Aussicht. Langsam füllte sich der Platz mit Menschen. Auf der untersten Marktebene begutachteten braun und grau gewandete Mägde die Auslagen der Händler auf das genaueste. Auf der mittleren sah er Krieger aller Herren Länder, die sich Bögen, Säbel und Rüstungen zeigen ließen. Darunter waren sowohl schwarze Stammeskrieger aus den Steppen Nal‘Schirs, braungebrannte und mit Fellen bedeckte Barbaren aus den nördlichen Ländern, als auch zahlreiche Vagabunden aus den Reichen Thaliens, die mit feisten Händlern um die Preise feilschten. Die Stände auf der obersten Ebene waren den Edlen vorbehalten. Hier stand natürlich der Großteil der Wachen und beschützte Goldschmiede und Edelsteinhändler vor Langfingern. Dort traute sich Hasabi nicht zu stehlen, denn er hatte schon zu viele gute Diebe ihre Hand verlieren sehen. Doch es gab eine Möglichkeit, an die Kostbarkeiten zu kommen, das wusste er. Er musste nur den Käufern heimlich folgen und auf eine passende Gelegenheit warten.

  Sein Blick fiel auf eine hagere Gestalt, die in einen braunen Kapuzenumhang gehüllt war. Sie hastete schnellen Schrittes gerade die Treppe zur mittleren Ebene hinab. Die dort postierten Stadtwachen schienen sich böse Blicke zuzuwerfen, als sie die hagere Gestalt bemerkten, machten aber keine Anstalten, sich ihr in den Weg zu stellen. Schon vermischte sich das Braun ihres Mantels mit dem bunten Gewimmel des Markttreibens. Der Junge schluckte rasch den letzten Bissen des saftigen Apfels hinunter, hatte er jetzt doch ein lohnenswertes Ziel vor Augen. Er kicherte, als er noch schnell den Apfelkrotzen auf den Kopf einer vorübergehenden Matrone fallen ließ. Diese war zunächst erschrocken, dann empört und begann eine Tirade an Verwünschungen, als sie niemanden auf der Mauer sah. Der Junge war auf der anderen Seite hinab geklettert und zwängte sich durch ein Loch in der Mauer, das durch einen schmalen Tunnel mit dem Marktplatz verbunden war. Der Tunnel mündete in eine kleine Öffnung neben der Treppe, die die unteren beiden Ebenen miteinander verband. Nur wenige waren so schmal und geschmeidig wie er, dass sie sich so mühelos hätten hindurch schlängeln können. Hasabi strich sich beim Aufstehen den Staub von der dunklen Tunika und legte sich seinen langen, gebundenen schwarzen Zopf wieder auf den Rücken. Dann bewegte er sich unauffällig, aber doch zielstrebig, in die Richtung, in der er die verhüllte Gestalt aus den Augen verloren hatte. Auf dem Weg durch die wabernde, schwitzende und unablässig schwätzende Menschenmenge, die Hasabi oft wie ein großes stinkendes Tier aus Schleim vorkam, das seine Eingeweide außen trug und bellende Laute von sich gab, begegnete er auch der fetten Frau, die seinen Apfel an den Kopf bekommen hatte und sich noch immer kopfschüttelnd bei einer anderen - nicht minder beleibten - Frau über den Vorfall beklagte, was Hasabi ein neuerliches verborgenes Kichern entlockte.

  Nachdem er seine Füße auf die mittlere Ebene gesetzt hatte, dauerte es nicht mehr allzu lange, bis er den braunen Mantel, nachdem er Ausschau hielt, entdeckte. Hasabi erkannte, dass sich der Verhüllte auf direktem Wege zur untersten Ebene befand. Der Junge stellte sich kurz an einen Stand, an dem ein Händler verschiedene Öle anbot, um nicht vom Verhüllten gesehen zu werden. Der Händler gab einen zischenden Laut von sich, als er den Jungen sah und wedelte mit seiner fetten Hand, was so aussah, als wolle er eine garstige Schmeißfliege von seiner Knollennase vertreiben. Hasabi schenkte dem unwirschen Händler ein kurzes neckisches Grinsen, drehte sich dann blitzschnell um und verfolgte die hin und wieder zwischen den Menschen auftauchende braune Kapuze. Auf der untersten Ebene, auf der an diesem Tag noch am wenigsten Los war, konnte Hasabi sich ein besseres Bild von seinem Opfer machen. Obwohl die Stiefel, die hin und wieder unter dem ausladenden Mantel aufblitzten, wirklich einem Edlen zu gehören schienen, bewegte sich diese Gestalt anders als alle Edlen, die Hasabi bis jetzt gesehen und bestohlen hatte. Der Vermummte bewegte sich nicht wie einer dieser hochnäsigen Fatzken oder plumpen Geldsäcke. Obwohl er anscheinend nicht gerade bedacht darauf war, ungesehen zu bleiben, bewegte er sich eher wie ein sehr geschickter Dieb. Hasabi wusste, dass er vorsichtig sein musste, wenn er dieser Gestalt etwas entreißen wollte. Der junge Jujin war jedoch zu entschlossen, um auf seine innere Unruhe zu hören. Er musste sich nun beeilen, da sich der Verhüllte langsam aber sicher dem Rand des Marktplatzes näherte, wo immer weniger Menschen waren. Bog der Fremde in eine unbelebte Straße ab, würde es für Hasabi schwieriger sein, einem aufmerksamen Mann etwas aus dem Gürtel zu ziehen.

  Hasabi näherte sich auf leisen Sohlen seinem Opfer, blickte sich noch einmal in alle Richtungen um und griff ihm dann mit einer blitzschnellen Bewegung unter den Mantel. Er spürte kalten Stahl am Gürtel und musste blinzeln, als er in einer ebenso schnellen Bewegung einen reichlich mit Edelsteinen besetzten Dolch hervorzog. Volltreffer! Gerade in dem Augenblick, als sich Hasabi freudig erregt umdrehen wollte, spürte er eine eiskalte Berührung. Sein erschrecktes Stöhnen, als er die weiße, von dunkelblauen Adern durchzogene Hand sah, die sich um sein Handgelenk gelegt hatte, wurde von einer weiteren ebenso kalten Hand erstickt, die sich über seinen Mund schloss. Noch benommen vom gerade erlittenen Schock, konnte er sich nicht wehren, als ihn die Gestalt mit ungeheurer Schnelligkeit in eine dunkle Seitenstraße zerrte. »Seit wie vielen Jahren lebst du schon wie eine Ratte?«, fragte der Verhüllte mit einer seltsam hohlen Stimme in gebrochener Gemeiner Sprache. Hasabi, der jetzt mit dem Rücken zur verhüllten Gestalt stand, konnte nicht antworten, obwohl die eiskalte Hand schon von seinem Mund geglitten war. Er hörte sein eigenes angsterfülltes, viel zu schnelles Atmen und kalter Schweiß rann über seine hohe, glattgeschabte Stirn. Hasabi wurde von der schmalen, aber kräftigen Hand des Verhüllten umgedreht. Aus dem schwarzen Schatten der Kapuze blitzen ihn zwei pupillenlose Augen an. Er wusste, dass dies kein Edler aus der Stadt war – es war wahrscheinlich nicht einmal ein Mensch. Hasabi, der als Waise sein ganzes Leben in der Gosse dieser Stadt verbracht hatte, wusste nicht viel über die Welt, und es interessierte ihn eigentlich auch nicht.
  »Du bist geschickt, allerdings musst du dir in Zukunft deine Kunden besser aussuchen«, säuselte die Gestalt. »Diese fetten, behäbigen Menschenhändler wären ein besseres Ziel für dich!«. Mechanisch antwortete Hasabi dem Fremden mit einem schnellen Nicken. »Außerdem«, sprach der Fremde weiter und ließ dabei Hasabis Handgelenk los, »gibt es einträglichere Opfer als mich!«. Bei diesen Worten öffnete der Fremde seinen Mantel und gab eine weiß-bläuliche Robe preis. Am Gürtel hingen einige Beutel, die allerdings keine Schätze sondern eher Nahrung und irgendwelche fremdartigen Kräuter zu enthalten schienen.
  »Der Dolch ist mein einziges kostbares Stück. Er würde dir sicherlich eine ganze Menge einbringen, wenn du ihn hier verkaufen würdest.« Wieder nickte Hasabi beiläufig, konnte seinen Blick jedoch nicht von den durchdringenden gelben Augen abwenden.

»Ich kann dir diesen Dolch nicht geben«, sprach der Fremde, »jedenfalls nicht, ohne dass du etwas für mich tust!«
»Was?«, stotterte Hasabi und blickte den Dolch an, den er die ganze Zeit über fest in der Hand gehalten hatte. Obwohl er nicht wusste, warum, gab er ihn an seinen Besitzer zurück.
»Wer seid Ihr?«, wagte sich Hasabi zu fragen.
»Oh, entschuldige, dass ich mich dir noch nicht vorgestellt habe. Ich bin Calvaron, und ich komme aus Korilion.« Bei diesen Worten nahm der Fremde seine Kapuze ab. In ein so eigenartiges Gesicht hatte Hasabi noch nie geblickt. Die gelben Augen lagen in tiefen Höhlen eines blassen, fast weißen Gesichtes. An den Seiten verliefen wie auf seinen Händen dunkelblaue Adern wie Risse nach einem Erdbeben. Am erstaunlichsten jedoch waren für Hasabi die fürchterlich langen, oben spitz zulaufenden Ohren, die aus den langen, teilweise zu dünnen Zöpfen gebundenen Haaren herausstachen.
»Ihr, Ihr seid kein Mensch …«, entfuhr es Hasabi, als er die gar nicht so unfreundlichen Züge des Fremden betrachtete.
»Nein, mein Junge, ich bin ein Alwe, um genauer zu sein, ein Alwonai. Wir leben im Norden, und nur wenige wagen sich so weit in den Süden wie ich.«
»Ich hörte einmal eine Geschichte von einem Mann, in der Alwen vorkamen, aber ich dachte das wären nur Märchen …«
»Einige meiner Leute halten die Thalier für Märchenwesen, weil sie ihre kalte Heimat niemals verlassen haben!«. Bei diesen Worten huschte ein Lächeln über die schmalen Lippen des Alwen, was ihn für Hasabi gar nicht mehr so gefährlich erscheinen ließ.
»Ich habe diese Stadt noch nie verlassen und kenne außer den missmutigen Schraten aus den Bergen, die hier manchmal über den Markt humpeln, keine anderen Völker außer uns Menschen!«
»Irgendwann wirst du sicherlich eine Reise machen und erstaunt sein über die Vielfalt unserer Welt.«
»Ich kann nicht von hier weg!«, erklärte Hasabi. »Ich könnte mir niemals genug Proviant leisten, um eine längere Reise zu machen. In der Stadt finde ich gerade so viel, dass es mir zum Überleben reicht. Gerne würde ich diese Mauern hinter mir lassen, doch größere Diebstähle werden hier schlimm bestraft und …«
»Ich bin ein Priester, ein Diener der Götter und könnte dir dabei helfen, von hier fort zu kommen. Die Gnade der Götter wird jedoch nur denen zuteil, die es sich verdienen. Weißt du was ich meine, mein Junge?«
»Sie wollen sicher darauf hinaus, dass ich irgendetwas für sie tue, habe ich recht?«
»Du bist klug, das gefällt mir!«, sprach Calvaron und gab dem jungen Jujin mit der Hand Zeichen, ihm tiefer in die Schatten der Nebenstraße zu folgen.

Sonntag, 19. Januar 2020

Kalte Brise - Kapitel 4: Treibholz

Die Sturmkönigin folgte der felsigen Küste des verlassenen Königreichs Tyr. Ein kalter Wind blies uns aus dem Norden entgegen, sodass wir kreuzen mussten. Kairn stand hochkonzentriert am Steuerrad.
»Viele Untiefen!«, brummte er in seinen Bart.
Haldart erklärte: »Gerne wüsste ich eine Tagesfahrt Abstand zwischen uns und der Küste, aber das Reich der Aqualonier hat schon viele gute Schiffe verschlungen, und nicht bei allen Seeungeheuern handelt es sich um Seemannsgarn.«
Zeiselbart folgte seinem menschlichen Gegenpart auf Schritt und Tritt und ließ sich oft von ihm auf den Arm nehmen, seine Entführung durch die Kreischlinge hatte wohl bleibende Schäden hinterlassen. Fischknochen kam aus der Kombüse hoch und blickte verträumt auf die bizarren Felsformationen, während er sich mit dem Kochlöffel am Hintern kratzte.
»Das Reich der Trauernden«, erzählte Edwen, ein wehmütiger Ausdruck war in sein Gesicht getreten. »Ihre gewaltigen Städte liegen in Ruinen, einst entstanden unter dem Schwarzen König, um sich gegen ihre Erzfeinde, die Imbrier zu verteidigen. Doch im Anrennen gegen die wahren Feinde der Menschen, die Ul'Hukk, fand der große König den Tod. Doch das liegt lange zurück. Jetzt sagt man, es werde von Dämonen und blutdurstigen Bestien heimgesucht – andere sagen, das Land des Regens sei fruchtbar und diese Legenden seien nur dummes Geschwätz, um Siedler fernzuhalten.«
Tarkin meldete vom Krähennest, dass er im Süden zwei Segel gesichtet habe. Nach einer halben Stunde waren sie wieder hinter dem Horizont verschwunden, aber Haldart war besorgt.
»Ihr kennt unsere Vereinbarung, ich denke, unsere Wege werden sich bald trennen müssen. Wir fahren jetzt die imbrische Küste entlang und ich werde nach einer Stelle zum Anlanden Ausschau halten.«

Wir segelten die imbrische Küste hinauf, Haldart entschied, so wichtige und einträgliche Hafenstädte wie Tanadom, Goldhafen und Endhafen links liegen zu lassen - zu unserem Wohl, aber dem Missfallen seiner Mannschaft. Die Küste wurde flacher, doch im Meer tauchten immer wieder Felsen auf, die Kairn geschickt umfahren musste. Tarkin gab ihm dazu vom Krähennest die entsprechenden Hinweise.
»Achtung, da vorne sind gleich mehrere große Felsbrocken und da treiben Trümmer auf dem Wasser!«, rief er eines Morgens herunter.
»Da ist wohl jemand aufgelaufen!«, befand Haldart, als der die Bootstrümmer inspizierte.
Tarkin hatte etwas entdeckt: »Da vorne treibt noch ein Beiboot mit einer Kiste und irgendwas Glitzerndem darauf.«
Das Interesse der Mannschaft war geweckt. Tarquan, der frühere Pirat, erkannte, dass es sich bei den im Sonnenlicht glänzenden Dingen um zwei Entermesser handelte. Saradar war schon drauf und dran, auf das lecke Boot zu springen, doch der Kapitän hielt ihn zurück.
»Also wenn das mal keine ...«, weiter kam Tarquan nicht.
Selbst für den Kobold im Ausguck war bislang verborgen geblieben, dass hier noch mehr Boote trieben. Eines davon kam hinter dem größten Felsen hervor: darauf stand ein Schrat mit schwarzem Rauschebart, unter einem breitkrempigen Hut ragten beiderseits gebogene Hörner hervor. Er trug einen für ihn viel zu langen Mantel, an dem zahlreiche kleine Treibhölzer und sogar ein Steuerrad hingen.
»Heh, ihr da! Lasst mich eure Ladung sehen! Nicht, dass ihr Ratten an Bord habt!«
Er lachte höhnisch. Hinter dem Felsen kamen weitere flache Boote zum Vorschein, deren zerlumpte Besatzungen schnell auf die Sturmkönigin zugerudert kamen.
Haldart fluchte zischend: »Verdammte Treibholzpiraten!«
Der Schrat lachte: »Ihr kennt uns? Wusste gar nicht, dass wir so berühmt sind!«
Der Kapitän gab Befehle, dass wir uns mit langen Stangen von den Felsen abstoßen sollten, sodass die Sturmkönigin wieder Wind in die Segel bekäme, doch zwei grünhäutige Goblinpiraten mit langen Entermessern im Mund waren steuerbord und achtern über die Reling geklettert und hatten etwas dagegen – sie mussten sich im Wasser hinter dem treibenden Beiboot versteckt haben. Als sei sei das noch nicht genug, schob gerade ein halbes Dutzend Piraten eine aus Wrackteilen zusammengezimmerte Balliste auf einer Felseninsel in Schussposition.
»So, ich denke unsere Argumente sind überzeugend genug: her mit Gold und Silber und was ihr sonst noch so geladen habt«, rief der Schratenpirat – sein begleitendes Lachen war bedrohlicher geworden.
Maluna, Freya und ich steckten unsere Köpfe zusammen und entwickelten einen Plan, wie wir mit dem Leben - und unserem Besitz - dieser misslichen Lage entkämen.
Ich betete an Ianna, dass sie mir die Kontrolle über die Würmer im Holz der Piratenboote gewähren möge. Sie erhörte mich: ich konnte förmlich spüren, wie sich tausende von ihnen just in diesem Moment ungezielt durchs alte Holz fraßen – das musste sich ändern: sie sollten zusammenarbeiten und die Planken durchlöchern. Aber das würde eine Zeit lang dauern! Maluna flüsterte Vivana etwas zu und begann dann, aufreizend zu tanzen. Die Piraten schienen noch nie eine Feueralwe gesehen zu haben und waren von ihrem Anblick wie gebannt.
Vivana schrie auf einmal: »Ihr dürft sie nicht ansehen, sonst werdet ihr blind!«
Der Schratenpirat lachte und rief: »Wir lassen uns von euch doch nicht ver...« - als es blitzte und er sich an die Augen fasste. Das war Freyas Werk, der Lichtgott war ihr hold.
Der Schrat schrie und tobte: »Meine Augen, meine Augen, ich bin blind!«
Den beiden Goblinpiraten war das zuviel: sie sprangen panisch von Bord. Auch die Mannschaft an der Balliste hatte das Feld geräumt, nur die Ruderer waren noch unentschlossen, ob sie nicht doch entern sollten. Doch die Holzwürmer waren fleißig gewesen: wir konnten mit ansehen, wie die Boote blubbernd voll Wasser liefen, bis schließlich richtige Fontänen in die Höhe spritzten.
Haldart beugte sich über die Reling. Jetzt war es an ihm zu lachen: »Ha, ha, so sehen richtige Treibholzpiraten aus!«
Die Piraten schwammen auf die sicheren Felsen zu. Der geblendete Schratenpirat schlug panisch ins Wasser und schrie: »Helft mir, helft mir, ich bin blind und kann nicht schwimmen!«
Zwei der Piraten packten ihn an seinen Hörnern und nahmen ihn in Schlepptau. Die Boote sanken auf den Grund – mit ihnen die Holzwürmer, die sich so ihr eigenes feuchtes Grab beschert hatten. Ich schwor, keinen von ihnen zu vergessen und ihrer immer zu gedenken.
»Mist«, schimpfte Saradar, »das Boot mit der Kiste ist auch abgesoffen! Ich hätte zu gerne gewusst, was da drin war.«

Die Sturmkönigin nahm wieder Fahrt auf und wir entfernten uns soweit von der Küste, dass wir den Untiefen und Felsen entgingen. Die kalte Brise zwang uns, weiter gegen den Wind zu kreuzen. Der Kapitän setzte gerade dazu an, uns etwas über den nächsten Hafen zu erzählen und wie er uns dort ungesehen von Bord bringen wollte, als ein Ruf des Krähenfressers vom Krähennest zu uns herunterschallte: »Mehrere weiße Segel, alle mit dem Zeichen des Sonnenrades!«
»Abdrehen!«, schrie Haldart.
Tarkin rutschte den Mast herunter: »Sie kommen schnell näher!«
Der Kapitän bat um Vorschläge. Tarkin kratzte sich kurz und gab dann einen zum Besten: »Also, auf dem Fahndungsplakat in Farwayle hatten sie haarige Bestien abgebildet. Wir könnten uns verkleiden oder besser noch – rasieren! Dann erkennen sie uns nicht, der Faun hätte da bloß eine Menge Arbeit und müsste sich beeilen!«
Alle blickten ihn an – er folgte ihren Blicken und sah an sich herunter: »Oh, blöde Idee, vergesst das schnell wieder, wir müssen uns etwas anderes einfallen lassen!«
Kairn mischte sich ein: »Schnelle Schiffe!«
Haldart nickte: »Die können wir nicht abhängen. Ich möchte meine Mannschaft nicht gefährden und werde euch deshalb in einer Bucht absetzen.«
Er gab dem Steuermann entsprechende Anweisungen und suchte Trelan auf. Als wir in eine versteckte Bucht einliefen, kam der Kapitän wieder an Deck.
»In der Nähe sind Firnhallhafen und Ostfingerhafen, wenn ihr es in einem Viertelmond dorthin schafft, kann ich euch vielleicht wieder an Bord nehmen. Nördlicher kreuzen kaum imperiale Schiffe, denen ist es in Küstennähe wegen der Untiefen und Riffkanten zu gefährlich!«
Mit einem Beiboot wurden wir an Land gebracht, Dugan und Trelan warfen uns Proviantsäcke - die Fischknochen noch schnell für uns gepackt hatte - und einen Beutel mit unserer Heuer zu.
»Vielleicht sehen wir uns irgenwann irgendwo einmal wieder, Bund aus Blut und Feuer!«, verabschiedete sich der Kapitän. Der Kater saß auf seiner rechten Schulter und wirkte etwas wehmütig, er schien zu wissen, wer ihn aus den Klauen der Kreischlinge befreit hatte. Der Rest der Mannschaft winkte uns zum Abschied und erhielt sofort wieder Befehle von Haldart. Am längsten stand Myk an der Reling, den das Schicksal von einem Knappen in einen Schiffsjungen verwandelt hatte. Ich hatte ein gutes Gefühl dabei, ihn in der Obhut von Kapitän Haldart zu wissen.

Wir winkten zurück und stiegen dann die steile Uferböschung hinauf. Wir mussten uns durch Dickicht und Buschwerk kämpfen, das schließlich in einen dichten Wald überging. Je weiter wir kamen, desto lichter wurde es. Sonnenstrahlen drangen durch das goldene Blattwerk und trafen auf moosbewachsene Wurzeln und spiegelten sich in klaren Bächlein. Hier fühlte ich mich heimisch, auch den Kobolden gefiel es hier.
»Boden fest, ist gut!«, freute sich Urota, der an Bord sehr schweigsam gewesen war und die Begegnung mit den Treibholzpiraten unter Deck verbracht hatte: Trolle konnten wohl auch seekrank werden. Wir blickten uns verunsichert um, in welche Richtung sollten wir weitergehen?
»Hat einer von euch eine Karte?«, fragte Tarkin.
Allgemeines Kopfschütteln.
»Ich könnte Ianna bitten, uns den Weg zu zeigen!«, schlug ich vor. Da kein besserer Vorschlag kam, begann ich zu beten. Plötzlich fiel mir ein Y-förmiges Stöckchen auf den Kopf.
»Was ist das?«, fragte Tarkin.
»Das mein lieber Kobold«, erklärte ich ihm, »ist eine Wünschelrute!«
»Und wo führt sie uns hin?«, wollte er wissen.
Ich zuckte mit den Schultern: »Manchmal muss man einfach mal der Erdmutter vertrauen!«
Die Rute schlug tatsächlich aus und wir folgten dem Weg, den sie vorgab. Auf einem Hügel tat sich plötzlich eine Schneise auf, sodass wir einen Blick auf die Bucht erhaschen konnten.
Zwei imperiale Segelschiffe lagen dort vor Anker. Sie schoben gerade von einem der Kreuzer eine Brücke zur Handelskogge hinüber. Ein Mann in einem strahlend weißen Gewand überquerte sie und wurde von Haldart in Empfang genommen, weitere Soldaten folgten.
»Haldart wird uns nicht verraten!«, meinte Edwen.
»Es sei denn, sie foltern seinen Kater!«, musste ich ergänzen.
»Na, dann sehen wir mal zu, dass wir hier wegkommen!«, trieb uns Vivana an.
Die Wünschelrute gab uns den Fluchtweg vor. Über uns zwitscherten die Vögel, unter uns huschten zahlreiche Tierchen wie Hundertfüßer, Eidechsen und Laufvögel über den Waldboden.
»Was sind das für Pilze?«, fragte Saradar plötzlich. Vivana trat näher und begutachtete die blauen Pilze, die am Stamm einiger Bäume wuchsen.
»Das sind, glaube ich, Bläulinge, und die sind, meine ich, nicht giftig.«
Saradar reichte die vage Aussage: er brach einen ab und schluckte ihn in einem Stück herunter. Auch alle anderen pflückten ein paar davon als Wegzehrung. Nach einiger Zeit fing Saradar an zu kichern, dann zu lachen und schließlich sprang er vergnügt von Baum zu Baum und umarmte ausgiebig jeden einzelnen von ihnen.
»Bei uns nennt man solche Leute Baumschmuser«, grinste ich.
»Wenigstens ist einer gut drauf!«, kommentierte Maluna fröstelnd. Als Saradar herbeigetanzt kam und sie umarmen wollte, lehnte sie dankend ab und ließ sich lieber eine Decke geben.
Dank der Rute erreichten wir schließlich eine breite Straße, die in Nord-Süd-Richtung führte. Wir beschlossen, uns am Waldrand zu halten, sodass wir von der Straße aus nicht gesehen werden konnten und folgten ihr in nördlicher Richtung.

Die Sonne senkte sich langsam unter den Horizont, als wir ein Knacken und dann Hundegebell aus dem Unterholz vernahmen. Ehe wir uns versahen, waren wir von vier großen Jagdhunden umringt. Auf diese folgten Soldaten in scheppernden Rüstungen mit langen Piken und Bogenschützen mit Pfeilen im Anschlag. Ein Mann in besonders prächtiger Rüstung trat hervor, schob sein Visier hoch und nahm schließlich den Helm ganz ab.
»Haltet ein, ihr Sünder! Legt eure Waffen ab, sonst werdet ihr in diesem friedlichen Wald euer blutiges Grab finden!« - So sprach nur ein Paladin. »Ihr werdet euch für eure Taten vor Aluns heiliger Gerichtsbarkeit verantworten müssen!«
Wir gehorchten seiner Aufforderung: gegen zwanzig Bogenschützen, zehn Pikenträger, vier Hunde und einen Paladin sahen unsere Chancen schlecht aus.
Sie sammelten unsere Waffen ein und legten uns Handfesseln an. Dann führten sie uns zur Straße, wo schon ein Gespann mit einem Käfig für die kleineren Mitglieder des Bundes aus Blut und Feuer wartete. Nachdem diese – zu denen auch ich gehörte – eingepfercht waren, zogen sie schwere Ketten und Schlösser vom Wagen. Unser Hügeltroll wurde dermaßen damit behängt, dass er sich kaum noch bewegen konnte. Der Paladin sandte zwei seiner Bogenschützen als Vorhut voraus. Wir folgten der Straße nach Norden, überquerten dabei Bachläufe und kamen durch dichte Wälder langsam aber stetig voran. Es wurde wenig gesprochen, auch über das Ziel der Reise herrschte Stillschweigen. Wir durften das frische Wasser aus den sauberen Gebirgsbächen trinken und wurden sogar mit Brot und Käse versorgt. Während mir nach einigen Tagen der Hintern schmerzte von der holprigen Fahrt im Käfigwagen, hatten sich meine fußläufigen Bundesgenossen Blasen gelaufen.
Eine Nacht verbrachten wir in einer Talsohle – das Geheul eines großen Wolfsrudels ließ sie zu einer schlaflosen für uns werden. Müde und von den Reisestrapazen geschwächt, setzte am nächsten Morgen auch noch ein herbstliches Unwetter ein, das die Straße mit Matsch überspülte und das Vorankommen noch schwieriger machte. Urota schleifte seine Ketten durch die Pfützen und das Wasser lief in Strömen an ihm herunter. Das Unwetter tobte drei Tage lang und ließ uns immer schwächer werden. Völlig verdreckt und müde gewahrten wir schließlich die dunklen Mauern einer gewaltigen Stadt. Über dem Stadttor peitschte feucht das Wappen gegen die Burgmauer: vier Schwerter auf gelbem Grund.
»Willkommen in Firnhall!«, rief einer der Wachsoldaten gegen den stürmischen Regen an.
»Habt dank!«, schrie der Paladin zurück. »Sagt dem Herrn von Firnhall Bescheid, dass er uns sofort empfangen möge!«

Samstag, 2. November 2019

Kalte Brise - Kapitel 3: Die Geisterinsel

Wir landeteten an einer Bucht der Geisterinsel. Zur Linken zogen sich dunkle Felsen hinauf, während zur Rechten tropfende Palmen und weitere Bäume einen dichten Wald bildeteten. Nebel waberte von den Hügeln meerwärts und empfing uns am breiten Sandstrand.
»Wie romantisch«, flüsterte Saradar und kuschelte sich an Maluna.
Der Kapitän und Dugan waren die ersten an Land, sie scheuchten bunte Vögel auf, während aus der Ferne das Geschrei von Tieren an unsere Ohren drang, die sich wohl um etwas Essbares stritten.
Haldart gab seine Befehle: »Zwei Leute sammeln Holz und machen ein Feuer!« - Hierzu meldeten sich Widun und Tarkin.
»Drei Leute suchen nach frischem Wasser!« - Dafür waren Dugan, Edwen und Urota zuständig; während Urota locker zwei leere Fässer trug, mühten sich die beiden Menschen mit einem Fass ab.
»Dann brauchen wir noch jemanden, der Obst und essbare Wurzeln sammelt!« - Anneliese und Freya sprangen auf.
»Wer geht auf die Jagd?«, fragte der Kapitän in die Runde. Hierfür erklärte ich mich bereit, Saradar wollte mich begleiten: er hatte sicher Zweifel an meinen Fähigkeiten als Jäger.
Die Insel war schön: wenn der Nebel nicht gewesen wäre, wäre ich nie auf die Idee gekommen, dass es hier spuken könnte. Wir gingen in den Wald und schon bald wurde ich das Gefühl nicht los, beobachtet zu werden. Dann ein Kreischen – haarige Wesen sprangen in den Baumkronen hin und her. Sie hatten große Augen, die im Zwielicht des Waldes funkelten und uns nachglotzten. Ich schätzte, dass sie in etwa so groß waren wie ich selbst, also ein Schritt dreißig. Wenn ich meinen Bogen auf sie richtete, versteckten sie sich sofort hinter dicken Ästen und Stämmen.
Saradar gebot mir plötzlich, still zu sein. Er hatte etwas entdeckt: eine Wildsau. In etwa zwanzig Schritt Entfernung wühlte sie gerade den Boden auf. Saradar nickte mir zu. Ich legte an und schoss einen Pfeil auf das Schwein – es quiekte und versuchte, hinkend davonzulaufen – doch der Gjölnar war schneller und stach es ab. Die Pfeilspitze hatte das rechte Hinterbein der Sau durchbohrt. Zufrieden mit unserem Jagderfolg kehrten wir zum Schiff zurück.

»So eine Scheiße!«, hörten wir Dugan fluchen, wobei ihm sein Kautabak in hohem Bogen aus dem Mund flog. Haab hatte ihm soeben berichtet, dass der Kater des Kapitäns verschwunden war.
»Ich befürchte, diese Kreischlinge haben ihn entführt!«, meinte er. »Nicht auszudenken, wenn Haldart davon entfernt. Dieses fette Fellknäuel ist das einzige, was seinen Zorn besänftigen kann – ohne ihn bricht der Vulkan aus!«
Inisch versuchte die Mannschaft zu beruhigen: »Ein Glück, dass Haldart gerade ein Nickerchen macht. Wir müssen los, den Kater so schnell wie möglich zurückholen! Wer kommt mit?«

Maluna, Vivana und Tarquan blieben zurück, um unsere Habseligkeiten zu bewachen, falls sich diese Kreischlinge noch einmal dazu entschließen sollten, an Bord zu kommen.
Der Rest der Gruppe – mit Dugan als Begleitung – betrat die Insel. Kairn rief uns noch hinterher, dass er meinte gesehen zu haben, dass die Entführer in Richtung der Ruinenstadt davongesprungen seien. Wir drangen in den Dschungel ein und entdeckten schon bald einen überwachsenen Weg. Wir folgten dem einstmals breiten Pfad - immer wieder hörte ich ein Kreischen aus den Baumkronen. Die Luft war schwül und trieb und Schweißperlen auf die Stirn. Nach einer halben Stunde stießen wir auf die Ruinen der Stadt Sagoria: sie war an einem Hügel terrassenartig erbaut worden, von den Mauern hingen Schlingpflanzen herunter, die zerfallenen Steinhäuser waren von Pflanzen und Moos überwuchert. Ich erkannte eine Mühle, hinter der sich ein Wasserfall ergoss. Ihr Wasserrad war vermodert und drehte sich nicht mehr. Wir stiegen eine zerbröckelte Treppe zum ersten Plateau hinauf.
Anneliese schaute sich um: »Wo ist der Kater?«
Saradar griff sich in die Hose und zog sein Wiesel heraus.
»Radaras, such den Kater!«, befahl ihm der Khor'Namar. Das Wiesel schüttelte sich kurz und sprang davon. Es schnüffelte und lief dann schnurstracks auf ein noch recht gut erhaltenes Gebäude zu, das einmal eine Schmiede gewesen sein musste. Wir lauschten: tatsächlich, Katzenlaute!

Saradar fackelte nicht lange und stieß die Tür auf. Was mir als erstes auffiel, war der Gestank – es roch nach nassem Fell und Fäkalien. Die Schmiede schien der Versammlungsort dieser Kreischlinge zu sein. Es war ohrenbetäubend laut – als wir eintraten, hüpften sie wild durcheinander, einige schwangen an den morschen Deckenbalken hin und her, andere versuchten, sich hinter den eingestürzten Wänden zu verstecken. Auf der ehemaligen Esse hatte sich ein dicker Kreischling niedergelassen, der seine Artgenossen auch von der Körpergröße her deutlich überragte.
Ein Kreischling.
Der ebenso dicke braune Kater saß auf seinem Schoß, wurde von ihm gestreichelt und schnurrte ganz zufrieden. Als uns der mutmaßliche Häuptling erblickte, warf er den Kater erschrocken einem Kreischling zu, der neben ihm hockte. Zeiselbart fauchte – und wurde weitergereicht. Der nächste wusste auch nichts mit ihm anzufangen und warf ihn weiter, bis der Kater schließlich wie eine heiße Knolle von Kreischling zu Kreischling durch die Luft geschleudert wurde. Das zufriedene Schnurren war längst einem panischen Fauchen gewichen. Wir ernteten einen bösen Blick des Oberkreischlings. Er sprang von seinem Thron, stellte sich auf die Hinterbeine und begann, auf den Boden zu trommeln. Aus allen Richtungen stürzten sich die Bestien mit gefletschten Zähnen auf uns. Maluna, Tarquan und Vivana streckten ihre Köpfe zur Schmiede herein – sie waren uns doch hinterher gekommen. Pferd bereute es gleich wieder, die Kreischlinge warfen mit Steinen nach uns, und ihn hatte der erste erwischt. Ein Stein prallte wirkungslos von Saradars Brust ab, während Vivana und Maluna aus dem Hinterhalt zwei Kreischlinge erwischten. Dem Häuptling ragte bereits ein Pfeil aus dem Ohr – was ausreichte, um zwei Feinde in die Flucht zu schlagen. Ich ließ meine Wunderbohne zu Boden fallen und beschwor einen Waldgeist. Wie gewünscht übernahm er die Kontrolle über den Bohnenmann. Saradar verfehlte einen Kreischling mit seinem Bastardschwert, da ihm dieser geschickt auswich: »So ein flinker Affe!«
Der Häuptling war wütend, er sprang Urota an und stach ihm mit seinen langen Krallen in den Hals – schwarzes Trollblut schoss heraus. Edwen sicherte die Schmiede nach hinten ab, während Vivana einen der Feinde mit ihrem Dolch erlegte. Urota suchte Vergeltung für den Angriff des Häuptlings und versetzte ihm einen gewaltigen Hieb mit der Ogrensaxt. Freya wurde von zwei Kreischlingen umzingelt – ein Gebet an den Lichtgott, ein Aufblitzen und die beiden sprangen geblendet davon. Ein weiterer Kreischling stürzte von einem Dachbalken und schlug mit dem Schädel gegen die Kante des Amboss, sodass er leblos liegen blieb. Mein Bohnenmann war für die Kreischlinge zu langsam, er holte zu seinen Schlägen immer weit aus und bis seine Ranken ihr Ziel erreicht hätten, war jenes bereits auf und davon. Saradar hatte sich inzwischen des Häuptlings angenommen – dieser war zwar stärker, aber weniger flink als seine Kampfgenossen. Saradars Hieb traf – mit tödlichem Ausgang. Der Rest der Kreischlingbande verzog sich durch ein Loch im Dach.
Dugan war überglücklich: »Der Kater ist gerettet!« - und wir damit auch, dachte er bestimmt.

Wir schauten uns in der Schmiede noch ein wenig um. Der Oberkreischling hatte auf der Esse einen glitzernden Haufen hinterlassen: seine gesammelten Schätze. Wir fanden einen Beutel mit 22 Silberlingen, die wir untereinander aufteilten. Edwen nahm sich einen schweren Schmiedehammer, ein gutes Breitschwert und ein Paar rostige Schulterschützer. Freya schnappte sich eine Speerspitze. Als Edwen auch noch ein weiteres Langschwert mitnahm, meldete sich Saradar: »Ist das nicht zuviel des Guten?«
Edwen schüttelte den Kopf – er hatte wohl im Sinn, die Sachen zu verkaufen. Vivana hatte sich inzwischen des Katers angenommen und versucht, ihn in den Stoffbeutel zu stecken.
»Passt nicht!«, gab sie es auf und stopfte das verwirrte und verängstigte Tier stattdessen in ihren Rucksack.
»Ich hoffe bloß, das doofe Vieh trinkt nicht aus einer meiner Phiolen, dann fallen ihm alle Haare aus, oder schlimmer noch – es leckt an meinem Giftfrosch!«
»Lebt der überhaupt noch?«, fragte ich die Diebin.
»Natürlich, ich füttere ihn jeden Tag!«, behauptete sie.

Wir verließen die Schmiede und schauten uns in der Ruinenstadt um. Nachdem wir ein Burgtor passiert hatten, fiel mein Blick auf einen eigentümlichen Turm – und dann auf Annelieses Begleiterin: die Fee flog wirbelnde Kreise und hinterließ dabei eine blaue Glitzerspur; immer schneller und mit größerem Radius bis ein Surren erklang – urplötzlich hielt sie inne, ganz und gar in Glitzerstaub gehüllt. Die Magiebeflügelte bedeutete Anneliese, ihr zu folgen. Sie flog schnurstracks auf ein Turmfenster zu, das ihr blaues Leuchten schließlich verschluckte. Wir entschieden, der Fee zu folgen und überquerten den Burghof. Die Inselfestung zerfiel und bröckelte - der Dschungel hatte sie sich einverleibt, Wurzeln sprengten die Mauern der Steinbauten und Schlingpflanzen überwucherten sie. Eine steinerne Brücke hatte jedoch der Zeit getrotzt und erlaubte uns, den reißenden Bach zu überqueren, der den Wasserfall speiste. Das Innere der Burg lag offen vor uns: die Mauer des Hauptgebäudes wirkte, als sei sie von einer Gigantenfaust eingeschlagen worden. Ein verkohlter Baum, der einst eine mächtige Eiche gewesen sein mochte, bestärkte die Trostlosigkeit des Ortes.
»Eine tyrische Eiche!«, bemerkte Pferd.
»Hat wohl der Blitz getroffen!«, mutmaßte ich.
Tarquan belehrte mich: »Wisst Ihr, die Tyrer, die diese Burg errichtet haben, stammen von den waldbewohnenden Valoreanern ab. Sie flüchteten einst vor den brandschatzenden Imbriern und suchten Zuflucht im Land des Regens und eben auch hier, auf dieser Insel. Für ihre Festungen suchten sie sich Orte mit besonderen Bäumen aus. Zur Einweihung wurden diese dann verbrannt als Andenken an den Grund für ihre Flucht.«
Karte von Sagoria auf Tamureth.
Wir erreichten den dunklen Turm, in dem die Fee verschwunden war. Seine Tür wehrte uns den Eintritt mit schwerer Eiche, eisernen Beschlägen und dem Fehlen eines Schlosses. Widun sah sich den Beschlag, der sich anstelle des Schlosses fand, genauer an: er trug Symbole für Feuer, Wasser und Erde.
»Vielleicht ist das ein Hinweis, wie man die Tür öffnen kann?«, fragte sich Widun laut. Er überlegte noch einen Moment und pustete dann auf den Beschlag – es passierte: nichts! Urota drängte den Mnamnpriester mit einem freundschaftlichen Schubs beiseite und riss berstend und krachend - aber ohne große Anstrengung - die Tür aus ihren Angeln. Modrige Fäulnis schlug uns entgegen, als wir das Erdgeschoss betraten. Das spärliche Licht bildete einen Tunnel im aufgewirbelten Staub. Ich erkannte ein wurmstichiges Bett mit einer zerschlissenen Matratze, mehrere dickbauchige Fässer sowie eine zerfallene Treppe, die nach oben führte. Widun schnupperte an den Fässern: »Riecht sehr säuerlich, wenn hier einmal guter Wein drin war, ist er inzwischen zu Essig geworden!«
Tarkin stand am Treppenansatz: »Ich möchte mich dort oben gern mal umsehen; ich gehe auch voran, so leicht wie ich bin, wäre es doch gelacht, wenn mich die Stufen nicht trügen!«
Nach dem Knarzen der Treppenstufen hörte ich das Quietschen einer Falltür, dann folgten auch Anneliese, Widun und Vivana dem Kobold hinauf.

Tarkin sah sich um: was für ein Durcheinander! Ringsum verstaubte Regale, vom Holzwurm durchlöchert und vollgestopft mit vergilbten Schriftrollen, alten Büchern mit von Mäusen benagten Rücken, Phiolen, Flaschen, Glaskolben, viele davon in Scherben auf dem Boden, überall Flecken von bunten Flüssigkeiten und Pülverchen. Auf einem großen Eichentisch stapelten sich Pergamente, alle kreuz und quer verteilt. Widun bückte sich und hob ein paar der Glaskolben auf, sicherlich hatte er etwas »Geistreiches« damit vor.
»Pst!«, forderte Anneliese. »Im Nebenraum, hört ihr das nicht auch?«
Tarkin öffnete furchtlos die nur angelehnte Tür zum Nebenraum. Wind blies durch die offenen Turmfenster und ließ zwei Phiolen auf einem Pergament hin- und herrollen und gegeneinander schlagen.
Anneliese stellte ihre Koboldohren auf: »Das Scheppern meine ich nicht – was ich meine, klingt eher nach einem Wimmern!«
Vivana schaute vorsichtig hinter ein sperriges Holzregal, das umgekippt war, und den Blick auf eine Nische in der Wand verwehrte.
»Ein blaues Leuchten!«, rief sie. Die anderen traten hinzu und halfen ihr dabei, das Regal beiseite zu räumen.
»Meine Fee!«, rief Anneliese und erstarrte zugleich vor Schreck: ihre Fee schmiegte sich an die schmutzige blau-graue Robe eines Menschen – eines toten Menschen! Der Leichnam lehnte zusammengekauert an der Turmwand, die verblichenen, arkanen Symbole am Saum zeichneten ihn als Wind- und Wassermagier aus. Sein Gesicht war von einer Kapuze verborgen, nur ein paar weiße Barthaare ragten heraus. Die blaue Fee klammerte sich an seine Brust und wirkte tieftraurig.
Vivana beugte sich über den Toten und zog ihm die Kapuze herunter – ein blanker Schädel grinste ihr entgegen.
»Seltsam«, stellte die Jujin-Diebin unbeirrt fest, »es sieht fast so aus, als ob ihm jemand mit einer scharfen Klinge das Gesicht abgetrennt hätte! Scheint aber schon eine ganze Weile her zu sein.«
Anneliese war plötzlich ganz aufgeregt. Sie bückte sich und hob die skelettierte Hand des Zauberers in die Höhe. Darunter wurde ein zerbrochener Zauberstab sichtbar, an dessen Ende ein blauer Edelstein funkelte. Sie war hin und weg, betrachtete ihn noch einen Moment fasziniert, ihre Finger strichen über die kunstvoll eingeschnitzten Glyphen, dann ließ sie ihn in ihrem Stoffbeutel verschwinden.
»Schade, dass er zerbrochen ist!«, bedauerte die Koboldin. Die anderen waren dazu übergegangen, das Studierzimmer des Magiers nach Nützlichem oder Wertvollem zu durchstöbern. Vivana fand eine Schatulle, die einen Silberring mit einem Schlangensymbol, einen grünen Edelstein – den sich Maluna schnappte – und drei Goldtaler und 34 Silberlinge beinhaltete. Sofort entbrannte ein Streit über die Aufteilung der Beute. Anneliese hatte einen arkanen Folianten entdeckt, sie blätterte darin und erkannte erfreut, dass er vier Zaubersprüche des ersten und einen des zweiten Zirkels umfasste. Vivana sammelte Phiolen mit bunten Flüssigkeiten: »Hm, scheinen keine Gifte sondern irgendwelche magischen Tränke zu sein!«
Freya kam neugierig die morsche Treppe heraufgesprungen, um sich, dort angekommen, besorgt umzublicken.
»Stimmt etwas nicht?«, fragte Widun.
»Die Sachen werden doch nicht etwa verflucht sein?«, wollte Vivana wissen.
Die Wichtelpriesterin zuckte mit den Schultern: »Nein, kein Fluch, aber irgendetwas Unheilschwangeres liegt in der Luft!«
Die blaue Fee hatte inzwischen vom toten Magier abgelassen und flog ganz aufgeregt im Kreis, schließlich ließ sie sich auf Annelieses Schulter nieder.
»Sie zittert«, bemerkte die Koboldmagierin. »Irgendetwas stimmt hier nicht! Mich beschleicht auch so ein seltsames Gefühl!«
Tarkin fragte verwundert: »Ist es dunkler geworden oder bilde ich mir das nur ein?«
Die blaue Fee verkroch sich ängstlich in Annelieses Kragen. Eine Windbö, gefolgt von einem Krachen – die Fensterläden waren zugeschlagen.

»Alles in Ordnung da oben?«, rief ich hinauf.

In der Mitte des Raums im Obergeschoss erschien plötzlich ein violettes Leuchten und eine Gestalt zeichnete sich langsam ab - eine Fee, aber gegenüber Annelieses magischer Begleiterin war diese auf groteske Weise entstellt: ihre Augen glühten vor Zorn, ihre Zähne waren gefletscht, ihr dunkles Gewand war zerfleddert und flatterte wie ihre langen Haare wild und bedrohlich um ihren Körper. Ihre Flügel hatten Risse und schienen aus violettem Kristall zu bestehen. Wirbelnd flog sie im Dreieck – an den Eckpunkten öffneten sich arkane Portale, durch die drei weitere Dunkelfeen in die Wirklichkeit übertraten. Sie glichen der ersten Fee bis aufs Haar. Die magischen Wesen begannen gleichzeitig mit ihrem violetten Feenstaub arkane Zeichen zu schreiben, ein Funkenknistern lag in der Luft.

Saradar spürte, wie sich seine roten Haare aufrichteten. Er zögerte nicht und rannte kampfeslustig die Treppe hinauf – es splitterte: er hatte eine Stufe durchgetreten, konnte sich aber abfangen.

Tarkin hatte in einer Ecke des Raums einen kleinen Eisenkäfig entdeckt, den er geistesgegenwärtig auf eine der Dunkelfeen schleuderte. Tatsächlich gelang es ihm, sie darin zu fangen. Die übrigen Feen hatten ihren Funkenzauber vollendet und trafen Freya und Maluna jeweils mit einer Ladung, während sie Widun verfehlten. Widun warf einen Glaskolben nach einer Dunkelfee, die dadurch gegen die Wand gedrückt wurde.

Ich entschied mich, in Eichhörnchenform die zerstörte Treppe hinaufzulaufen und mich dem dort droben tobenden Kampf anzuschließen.

Vivana zückte einen Giftdolch, zielte und traf eine der Feen, die dadurch gelähmt zu Boden ging. Tarkin schlug nach einer der Feen – vorbei. Freya betete an den Lichtgott – ein kurzes Aufblitzen ließ eine Dunkelfee geblendet zurück, sodass es Saradar gelang, sie mit seiner Axt zu spalten – jedoch nicht in zwei Feenhälften: ihr Körper verschwand ins Nichts.
Anneliese zauberte einen Flammenstrahl – die Dunkelfee antwortete ebenfalls mit einem Feuerzauber: eine feurige Hand erfasste Widun, dessen Kutte sofort brannte. Tarkin stach zu und durchbohrte eine der Feen – auch diese löste sich auf.
»Das waren nur Trugbilder!«, rief Anneliese.
»Dann muss die richtige Dunkelfee noch da sein!«, rief ich und sprang auf die letzte freie Dunkelfee zu. Ich verfehlte sie, doch Widun traf sie mit seinem Knüppel. Zornig schraubte sich die violette Fee durch die Luft und krachte mit voller Wucht in den prallen Bauch des Mönchs. Vivana traf sie mit einem Pfeil. Ich versuchte erneut, sie durch einen Sprung abzufangen – schon wieder vorbei! Ein weiterer Pfeil zischte durch die Luft – diesmal von Maluna – und traf die Dunkelfee tödlich. Während sie wie ein Stein zu Boden ging, verblasste ihr Trugbild im Eisenkäfig. Widun starrte wie gebannt auf die tote Fee, bis ihm bewusst wurde, dass er ja noch brannte: er wälzte sich rasch über den Boden, um die Flammen zu löschen. Die Fensterläden öffneten sich wieder wie von Geisterhand – auch im Erdgeschoss war die schwere Eichentür aufgeschwungen. Am Boden neben der toten Dunkelfee funkelte etwas im hereinfallenden Licht.
»Das sind kristallgewordene violette Tränen!«, stellte Anneliese fest und steckte eine davon ein, während sich Freya die zweite nahm. Widun hatte der Kampf sehr zugesetzt, der Halbschrat hinkte die morsche Treppe hinab, hob den Deckel von einem der Fässer und nahm etwas von der tiefroten Flüssigkeit mit einem Glaskolben auf. Dann murmelte er etwas, das so klang wie »Heiliges Gesöff« und schluckte den Inhalt des Kolbens in einem Zug herunter. Auch Maluna hatte sich verletzt – Vivana reichte ihr etwas Wundzumach. Jetzt kam endlich die Koboldmagierin die Treppe herunter: stolz präsentierte sie uns die blaue Robe des toten Magiers: »Ich konnte einfach nicht widerstehen!«

Wir verließen den Turm und kehrten zum Strand zurück. Schon von weitem konnten wir Kapitän Haldart sehen, wie er nervös auf den Planken hin und her ging. Doch statt uns anzuschreien, ging er vor Erleichterung in die Knie, als ihn Zeiselbart aus Vivanas Rucksack heraus anschnurrte. Der dicke Kater sprang ihm in die Arme und die Welt war für den Kapitän wieder in Ordnung. Freudig umarmte er jeden und drückte jedem zehn Silberlinge in die Hand.
»Es wird Zeit, diese Insel zu verlassen!«, rief er. »Lichtet den Anker, setzt die Segel! Die Tyrische See wartet auf uns!«
»Ja, überlassen wir Temureth den Geistern!«, stimmte Fischknochen mit einem Schaudern zu.

Dienstag, 29. Oktober 2019

Kalte Brise - Kapitel 2: Der Landgang

Die Matrosen mit Landgang schwärmten aus, um ihre Heuer auf den Kopf zu hauen. Wir vereinbarten, uns vor der Mittagsstunde auf dem Fischmarkt wiederzutreffen, der für alle leicht am Geruch zu erkennen war.
Karte von Farwayle und seinem Hafen.
Saradar und Edwen wollten eine Schmiede suchen.
»Mann aus dem Norden, was kann ich für Euch tun?«, grüßte der Schmied.
»Habt Ihr was Großes? Sowas wie eine Zweililie?«, wollte Saradar wissen.
»Sowas hab ich nicht!«, schüttelte der Mann hinter dem Verkaufstisch den Kopf und hob dabei entschuldigend die Arme.
»Kann ich bei Euch zumindest mein Bastardschwert schleifen lassen?«, fragte der Barbar.
»Geht klar!«, nickte der Schmied.
»Die Beinschienen da, was wollt Ihr dafür?«, hatte Saradar entdeckt.
»Achtzehn Silberlinge, da gehe ich auch nicht drunter!«, forderte der Verkäufer.
Edwen musste dem Gjölnar mit fünf Silberlingen aushelfen – der Vorfall in Schaynwayle hatte ein tiefes Loch in Saradars Beutel gerissen. Edwen erstand einen Kurzdolch für dreiunddreißig Silberlinge. Anneliese und Freya wollten zum Schneider.

Die Koboldmagierin ließ sich zwei Krähenfedern an ihren Umhang nähen, was dazu führte, dass ihre Fee ganz entzückt im Kreise flog. Die Wichtelin – die zur Sicherheit in Annelieses Tasche reiste - erbat Nadel und Faden und kaufte eine Stricknadel, die für ihre Größe wie eine Lanze wirkte. Tarkin wollte sich ganz allein auf die Suche nach Heilsalbe machen.

Er geriet dabei ins Viertel der Südländer. In einer Hütte, die mit allerlei Kräutern, getrockneten Organen ihm unbekannter Tiere und seltsamen Mineralien angefüllt war, traf er auf einen dunkelhäutigen, buckligen Heiler, der nur sehr gebrochen Thalisch sprach.
»Ich möchte eine Heilsalbe erstehen«, legte Tarkin sein Anliegen dar.
»Für groß Aua oder klein Aua?«, wollte der Mahudi wissen.
Tarkin kratzte sich das Backenfell.
»Für obbe oder unne?«, fragte der dunkelhäutige Heiler.
Tarkin zuckte mit den Schultern.
»Für Kloppe von Keule?«, fuhr der Bucklige mit seiner Fragerei fort. »Koste nur zehn Silber!«
Tarkin wollte nur die Hälfte geben.
»Mmh, Kobold, zeige Zähne!«, forderte der Heiler.
Tarkin bot ihm sein breitestes Koboldgrinsen.
»Gut, für acht! Gebbe Hand!«, schlug der Mahudi schließlich ein. Widun wollte sich im Schratenviertel umsehen, er hoffte auf ein geistreiches Geschmackserlebnis.

Er traf auf eine Schratengruppe, die ihn zum Probieren verschiedener Biersorten einlud. Widun konnte sich nicht für eine Sorte entscheiden und lobte bei allen Varianten die hohe Braukunst. Als Dankeschön erhielt er einen Beutel mit Schratenwürfeln.
»Falls ihr eine neue Robe benötigt, zeigt dem Schratenschneider um die Ecke die Würfel, dann bekommt Ihr alles zum Sonderpreis!«, gab ihm einer der Schrate mit auf den Weg. Er setzte die Empfehlung um und erwarb eine an den Schultern mit Leder verstärkte Kutte. Während des weiteren Spaziergangs durch das Viertel – der durch den ausgiebigen Genuss der Biere etwas schwankend ausfiel - traf er auf einen Wanderprediger namens Welkar.
»Der Ruf des Steins wird bald erklingen!«, ließ dieser verlauten.
»Was hat es damit auf sich?«, fragte er ihn neugierig.
»Das ist der Ruf in die Heimat, wenn er erklingt, wird die Rangordnung in der Schratengesellschaft neu bestimmt«, erklärte Welkar verwundert. »Wie kommt es, dass Ihr das nicht wisst? Da fließt doch Schratenblut durch Eure Adern und Ihr seht selbst aus wie ein Priester!«
»Ich bin unter Menschen aufgewachsen, werter Welkar«, erklärte Widun, während er seine empfindlichen Augen schürzte. Die Sonne stand bereits hoch am Himmel.
»Mnamn mit Euch!«, wünschte Widun dem Wanderbruder und gab ihm einen Silberling als Dank. »Ich würde gerne weiter mit Euch plaudern, doch ich muss bald zurück auf mein Schiff!«
Der Halbschrat ging ein paar Schritte, drehte sich aber noch einmal um.
»Einen Moment noch, wisst Ihr, wo es einen guten Tropfen für die Reise gibt?«
»Geht zu Merlok, der kann Euch sicher zu einem guten Tropfen verhelfen. Er feiert gern Feste auf seinem Anwesen, das in den Felsen gebaut wurde.«
Widun folgte dem Rat des Priesters, stieß aber bloß auf ein verschlossenes Tor. Ein Schild hing daran: »Bin einen trinken! Merlok.« Ich hatte mir ein wenig die Stadt angeschaut; sie war abwechslungsreicher als die meisten Menschenstädte, die ich bisher gesehen hatte, da hier Askalonier auf Schrate und Südländer trafen, die jeweils ihren eigenen Baustil bevorzugten. Die Schratenhäuser bestanden aus Stein oder waren direkt in den Fels gehauen, während die Südländer eine Lehmbauweise mit Strohdächern bevorzugten. Während einer nach dem anderen zur Mittagsstunde am Fischmarkt eintraf, fiel mir plötzlich auf, dass einige Leute zu tuscheln anfingen, nachdem sie Blicke zwischen uns und etwas an einer Mauer getauscht hatten.
»Lasst uns mal sehen, was es da drüben so Interessantes gibt!«, schlug ich vor.
Als wir uns der Menschengruppe näherten, löste sich diese eiligst auf und einige Leute rannten sogar davon.
»Ich war's nicht!«, beteuerte Widun, der wohl auf seine berüchtigten Darmwinde anspielte.
An der Mauer befand sich eine Anschlagtafel mit einem Fahndungsplakat. Mir fiel sofort die grobe Zeichnung eines übergroßen Trolls mit überzeichnet hässlicher Fratze, zwei haarigen Kobolden und anderen menschlichen Gestalten auf, die kaum zu identifizieren waren.
Darunter stand: »Gesucht! Sie nennen sich ›Bund aus Blut und Feuer‹, fünf Goldtaler Belohnung für jeden, der bei ihrer Ergreifung hilft!«
Auf der anderen Seite des Fischmarkts konnte ich eine Patrouille imperialer Soldaten erkennen, die uns aber wohl noch nicht bemerkt hatten.
»Ich denke, wir sollten uns schleunigst auf den Rückweg zur Sturmkönigin machen!«, schlug ich vor. Wir teilten uns auf, um nicht gleich als Gruppe erkannt zu werden und gingen schnellen Schrittes – aber ohne zu rennen, um keine Aufmerksamkeit auf uns zu ziehen – zum Schiff zurück.

Als wir am Hafen eintrafen, ließ ich den Blick über den Kai schweifen. Zwischen den Händlern und Kaufleuten in ihren prächtig-bunten Gewändern fielen mir einige weiß-golden gewandete Soldaten auf, die sich durch die Menge drückten. An einem der Schiffe machten sie halt und zwei Offiziere bestiegen eine skilische Galeere namens »Eulenauge«. Deren Kapitän sah verwundert aus, als sie ihm ein Pergament vorhielten. Ich konnte nicht verstehen, worüber sie sprachen, aber nach einer Handbewegung eines Offiziers liefen die restlichen Soldaten über die Planke auf das Schiff und verteilten sich. Einige Soldaten verschwanden auch unter Deck und kamen nach einer Weile mit einem dutzend hochgewachsener Wesen mit schwarzem Fell und Hörnern wieder nach oben.
»Das sind Härk, die Skilier setzen sie als Ruderer ein. Durch deren ungeheure Muskelkraft sind ihre Galeeren die schnellsten Schiffe auf Ions Meeren«, erklärte mir Edwen, als er meinen fragenden Blick sah.
»Wo ihr ›schnell‹ sagt: wir sollten sehen, dass wir hier wegkommen!«, forderte Widun.
Wir schafften es, ungesehen an Bord der Sturmkönigin zu gelangen.
»Wo ist Urota?«, fragte Saradar den Kapitän.
»Erklärungen gibt’s später!«, schrie Haldart und gab seine Befehle.
Nach dem Lichten des Ankers und Setzen des Rahsegels steuerte uns Kairn sicher aus dem Hafen. Am Ufer konnte ich sehen, wie kaiserliche Soldaten der Sturmkönigin nachblickten. Unser Schiff wäre wohl das nächste gewesen, dass sie durchsucht hätten.
Wir passierten die Brandungsmauern und schließlich verschwand auch der Leuchtturm hinter dem Horizont.
»Bund aus Blut und Feuer, antreten!«, prustete der Kapitän. »Ihr wisst, ich mag keinen Ärger und das hier ist Ärger!«
Mit seiner schwieligen Hand rollte er ein Pergament ab – es war ein Fahndungsplakat, wie wir es in Farwayle gesehen hatten.
»Das hier ist schlecht fürs Geschäft!«, brüllte Haldart. »Zu eurem Glück konnte ich meine Geschäfte abschließen, sonst hätte ich euch schon längst von Bord geworfen. Sagt mir, warum suchen die Kaiserlichen nach euch? Was in Martoss Namen habt ihr angestellt? Nennt mir einen Grund, warum ich euch nicht auf der nächsten Insel aussetzen oder im nächsten Hafen den Soldaten übergeben sollte!«
Zeiselbart war auf die Schulter des Kapitäns geklettert und fauchte unterstützend bei dessen lauten Worten. Wir ließen die Köpfe sinken und keiner wagte es, Haldarts Blick zu begegnen. Die betretene Stille wurde plötzlich von einem lauten Platschen unterbrochen. Der Steuermann griff sich an den Kopf, ließ das Ruder Ruder sein und rannte nach Backbord.
»Wir haben den Troll ganz vergessen!«
Ich schaute über die Reling: Urota klammerte sich am Beiboot fest. Er war pitschnass.
Der Steuermann erklärte entschuldigend: »Wir mussten ihn ja irgendwo verstecken, als wir die Suchtrupps gesehen haben, also haben wir das Beiboot umgedreht.«
Urota rief mit leicht panischem Unterton: »Kann nicht schwimmen, holt Urota hoch!«
Leichter gesagt als getan: nur mit vereinten Kräften konnten wir den – schon wieder gewachsenen – Hügeltroll an Bord hieven.

Der Kapitän wartete immer noch auf eine Erklärung von uns. Die Lage hatte sich durch die Rettungsaktion etwas entspannt, sodass Edwen vortrat und Haldart von unseren Erlebnissen auf der Regenburg berichtete.
»Klingt für mich nach Seemannsgarn!«, versetzte der Kapitän und sein Kater schüttelte zustimmend den dicken Kopf.
Edwen holte Wunnars Bekennerschreiben hervor: »Das hier sollte Beweis genug sein, dass ich die Wahrheit erzählt habe!«
Haldart überflog es und nickte dann: »Ich glaube euch. Hebt diesen Brief gut auf, er kann euch vielleicht nochmal das Leben retten! Ihr könnt an Bord bleiben, aber die Landgänge sind erstmal gestrichen. Sollten sie uns auf dem Meer verfolgen, setzte ich euch auf der nächstbesten Insel ab. Ich kann nicht riskieren, dass sie euch bei mir finden! So viel bin ich euch schuldig, denn ihr habt bisher gute Arbeit geleistet - für ein paar waschechte Landratten zumindest!«
Der Blick des Kapitäns flog noch einmal über seine Mannschaft, sein Kater tat es ihm gleich – er wirkte dadurch mit seinem Schnurrbärtchen wie dessen geschrumpftes Ebenbild.
»Wo steckt denn diese Rothaarige?«, fragte er in die Runde.
»Meint Ihr mich?«, meldete sich Maluna.
»Nein, ich meine die von den ...«, er überlegte einen Moment, »Roten … Klingen oder so? Hatte sie nicht auch einen Leibwächter mit dabei?«
Er hatte recht, Galinea und ihr schwarzer Ritter waren verschwunden. Hatten wir sie in der Eile an Land vergessen? Wir sahen unter Deck nach und bemerkten, dass unser Gepäck durchwühlt worden war – außer den Sachen der beiden Roten Klingen fehlte aber nichts, was dafür sprach, dass sie absichtlich zurückgeblieben waren und es nicht für notwendig erachtet hatten, sich von uns zu verabschieden – seltsam!

Die Tage vergingen. Wir wurden immer vertrauter mit den Abläufen an Bord des Schiffes und verschmolzen mit den erfahrenen Seeleuten zu einer eingespielten Mannschaft. Der Kapitän hatte ein Temperamento koleriko, wie es der Alchimist nennen würde, doch sobald sein Kater sich bei ihm zum Streicheln anbiederte, flauten die Zornesstürme, so schnell sie aufgezogen waren, auch wieder ab. Haldart hatte nichts übrig für das Imperium – was unser Glück war, konnten wir so doch sicher sein, dass er uns nicht verraten würde. Bei heftigem Wellengang hatte ich oft mit der Seekrankheit zu kämpfen und einmal ging es mir so schlecht, dass ich nicht an Deck konnte. Fischknochen, der Smutje, rief von oben durch die Luke: »Soll ich dir den Eintopf runterbringen oder gleich über Bord werfen?«
Dugan war ein noch größerer Witzbold: wenn der Kapitän nicht in der Nähe war, liebte er es, lustige Geschichten von ihm und über ihn zum Besten zu geben.
»Einmal hab ich den Schiffsjungen angewiesen, den Fußboden zu schrubben, da kam der Zeiselbart an und regte sich wiedermal so richtig auf: ›Das ist ein Schiff hier! Das heißt nicht Fußboden sondern Deck, und vorne ist der Bug und hinten das Heck! Merk dir das endlich, sonst werfe ich dich durch das kleine, runde Fenster da hinten!‹«
Der Steuermann Kairn war der wortkargste von allen.
»Wir haben gerade das Südkap von Tyr passiert; jetzt geht es in Küstennähe immer weiter nach Norden – in die Frostreiche!«, war der längste Satz, den wir während der gesamten Reise zu hören bekamen.

Eines Morgens - Myk hatte gerade das Deck(!) geschrubbt - hörte ich einen lauten Bums an Bord: Saradar war ausgerutscht, hatte im Flug seinen Reliquienanhänger verloren und fing nach dem Aufprall sofort an zu krampfen. Bei heftigem Wellengang hatte das Schiff Schlagseite, sodass der Anhänger nach Steuerbord glitt und drohte, über Bord gespült zu werden. Freya schnappte ihn, bevor er in den Tiefen des aqualonischen Reiches für immer verschwunden wäre. Die Wichtelpriesterin war sichtlich empört über die Sorglosigkeit des Barbaren. Sie hatte große Mühe, dem wieder vom »Schwarzen Sud« Besessenen die Reliquienkette anzulegen.
»Jetzt näh ich das Ding fest!«, rief sie mit verzweifelter Entschlossenheit, zog Nadel und Faden hervor und machte sich ans Werk. Als Saradar nach seinem Anfall wieder zu sich kam, traute er seinen Augen nicht. Die Wichtelin hatte ihm den Knochen unter die Haut genäht.
»Ging nicht anders!«, zuckte sie mit den Schultern, während Tarkin die Wunde mit Heilsalbe bedachte.
»Damit es eine schöne Narbe gibt!«, lachte der Kobold.

Am nächsten Tag hatten wir Flaute, die ganze Mannschaft langweilte sich an Deck – einige spielten Karten, andere würfelten oder hatten die Angel ausgeworfen. Plötzlich hörten wir ein Rumpeln, als ob unter Deck ein paar Kisten umgefallen wären.
»Nicht schon wieder Ratten!«, stöhnte Inisch. Anneliese, Tarkin und Freya boten sich an, nachzuschauen. Tarkin öffnete die hintere Ladeluke und sie verschwanden unter Deck.

»Habt ihr das auch gehört?«, flüsterte Anneliese.»Ja, das scheint aus dem Boden zu kommen!«, meinte Tarkin und schob eine Kiste beiseite.»Da ist ein Loch in der Planke!«, stellte Freya fest. »Da könnte eine Ratte durchpassen!«»Oder ein Wichtel!«, versetzte Tarkin.»Na gut, ich geh ja schon runter!«, fügte sich Freya.»Das war ja einfach!«, wunderte sich der Kobold. »Musste gar keine Überzeugungsarbeit leisten!«Die Wichtelin stieg hinab und fand sich in einem heillosen Durcheinander wieder. Sie blickte sich um: hier hatte jemand eine Menge Krimskrams gehortet: Silberlöffel, Edelsteine, Münzen … ein Wollknäuel? Nein, es bewegte sich – und konnte sprechen!»Lass mich in Ruhe!«, brummte es. Als Freya sich eine Weile ganz ruhig verhalten hatte, drehte es sich um. Es war kein Wollknäuel, sondern ein Wichtel, der da vor ihr stand. Er beäugte sie ganz aufmerksam.»Was ist das für ein seltsames Gewand?«, wollte er wissen.Freya erklärte sich: »Ich trage diese Kutte, weil ich eine Alunpriesterin bin. Mein Name ist Freya und ich habe hier unten Geräusche gehört, und da wollte ich mal nach dem Rechten sehen!«»Ich lebe schon ein paar Sonnenjahre hier unten«, erklärte der Wichtel.Da hätte er ja eigentlich genug Zeit gehabt, hier mal aufzuräumen - dachte sich die ordnungsliebende Priesterin.»Bitte verrate mich nicht!«, flehte ihr Gegenüber mit Tränchen in den Augen.»Darüber lässt sich reden – ich will den Silberlöffel und den Edelstein!«, forderte die Wichtelin.»Das ist Erpressung!«, rief der kleine Mann empört.»Und du bist ein Kleptomane!«, versetzte ihm Freya.»Na gut, ich heiße übrigens Bidok. Ich gebe dir jetzt die Kleinodien, wenn du mir später noch ein Stück Käse bersorgst!«»Einverstanden!«, schlug sie ein.»Ähm, pass auf den Kater auf!«, gab ihr Bidok noch mit auf den Weg.Freya versteckte den Löffel und den Edelstein mehr schlecht als recht unter ihrer Kutte.Als sie sich wieder durch das Loch nach oben gezwängt hatte, fragte Anneliese: »Was gefunden?«»Nö«, antwortete sie knapp, merkte aber sofort, dass ihre Wangen ganz rot wurden.

»Nebelwand voraus!«, rief Tarkin am nächsten Morgen vom Krähennest herab. Ein kalter Nebel verschluckte die helle Morgensonne – bei der Durchfahrt spürte ich, wie mein Fell ganz klamm wurde, sodass ich unwillkürlich zu zittern begann. Das war kein gewöhnlicher Nebel! Die Sicht klarte kurz wieder auf: wie ein Leichentuch waberte der Nebel von der felsigen Küste Tyrs bis weit hinaus aufs Meer. An einer Stelle konnte ich einige bewaldete Hügel erkennen – eine Insel? Wir steuerten auf sie zu. Plötzlich riss der Schleier wieder auf und gab den Blick auf dunkle, schroffe Felsen frei, die drohend in den Himmel ragten. »Das ist Temureth«, erklärte Dugan. »Man kennt sie heute nur noch als »die Geisterinsel«. Es gibt dort eine verlassene Stadt namens Sagoria, angeblich wimmelt es dort nur so vor unentdeckten Schätzen, die langsam vor sich hin rosten.«
»Verlassen?«, warf Fischknochen ein. »Nein, verlassen ist sie nicht – da werden dir viele widersprechen! Die Tyrer haben ihre rachsüchtigen Geister zurückgelassen, um ihre Schätze zu bewachen bis sie dereinst heimkehren!«
Haab, der Matrose mit der Hautkrankheit, mischte sich ein: »Und ich hab gehört, dass sich dort später ein Hexenmeister niedergelassen hat. Er soll grausige Experimente und Rituale durchgeführt haben; die Folgen würden bis zum heutigen Tage die Insel heimsuchen!«
Jetzt trat Haldart dazu: »Lasst euch nicht einschüchtern, die spinnen bloß Seemannsgarn! Ein befreundeter Kapitän war vor kurzem auf der Insel: außer Kreischlingen, die dort in den Bäumen hocken, hat er nichts gesehen!«
Schatzmeister Trelan kam gerade von einer Inspektion aus dem Lagerraum zurück.
»Kapitän, das Wasser ist schal geworden, wir müssen dringend Frischwasser besorgen!«
Der Kapitän sah lächelnd in die Runde: »Na, dann könnt ihr euch ja bald selbst überzeugen, welche Geschichte über Temureth der Wahrheit entspricht!«