Samstag, 25. März 2017

Des Henkers Braut - Kapitel 4: Gesegnete Ermittlungen

»Der hatte bestimmt Tollwut«, entschied einer der hinzugerufenen Wächter, nachdem er sich den großen Hund und sein Herrchen, das ihm mutmaßlich zum Opfer gefallen war, angeschaut hatte.

»Hier sind Kratzspuren an der Tür«, stellte Vivana fest.

Einer der Wächter schien Inotius benachrichtigt zu haben, denn er stand plötzlich in der Tür. Ich berichtete ihm von den nächtlichen Ereignissen. Der Priester wirkte auf einmal sehr nachdenklich: »Ich vermute, dass der Hund vergiftet wurde. Bruder Rotbert hat herausgefunden, dass im Quellwasser ein Pilz für den seltsamen Geruch verantwortlich ist.«

Saradar wollte es genauer wissen: »Also eine natürliche Ursache?«

Inotius wägte ab: »Ja und nein. Ich habe einen Verdacht, wer dahinterstecken könnte …« - Er schwieg und wandte sich ab.

Vivana bohrte weiter: »Aber mit uns könnt Ihr doch reden!«

Inotius gab sich geschlagen: »Also gut, ich vermute, dass die Waldhexe verantwortlich ist. Das ist aber kein Auftrag für die Stadtwachen, diese Hexe ist unberechenbar.«

Urota meldete sich zu Wort: »Wo wir Hexe finden?« - Den anwesenden Stadtwachen fiel erst jetzt auf, dass der Troll gar nicht mehr angekettet war - die Kette suchten sie jedoch vergeblich.

Inotius erklärte uns: »Sie lebt im Wald, versteckt sich dort in Höhlen. Sie soll früher eine Kräuterfrau gewesen sein und Kranke geheilt haben. Seit dieser Zurakkult in der Stadt ist, hat sie sich verändert.«

Saradar verhandelte: »Wenn wir für Euch in den Wald gehen, wie sieht es da aus mit einem Schutz gegen Hexenzauber?«

Inotius lud ihn ein: »Sohn Osirs, kommt morgen in den Tempel des Lichts und euch soll ein Segen zuteilwerden.« - Er wies die Wachen an, die Leichen in den Aluntempel zu bringen, sie sollten dort genauer untersucht werden.

Saradar gähnte: »Wenn die Hexe wirklich das Problem ist …«

Inotius verließ uns, nachdem die Stadtwachen die Leichen Derks und Uggus aus der Herberge geschafft hatten. Trotz der dramatischen Ereignisse mussten wir etwas Schlaf finden, um für die Suche nach der Waldhexe in Form zu sein.

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Am nächsten Morgen empfing uns der Wirt mit einem reichhaltigen Frühstück, es gab unter anderem Eier und Dünnbier. Nach dieser Stärkung verließen wir die Herberge und machten uns auf den Weg in Richtung Tempel. Auf der Schmuckstraße drang uns eine sakrale Musik an die Ohren. Am Straßenrand stand ein junger Alunpriester, der Harfe spielte. Er hatte eine Zinkschale vor sich stehen und lächelte die Passanten an; er sah aber nicht wirklich fröhlich dabei aus. Vivana warf ihm einen Silberling in die Schale. Er nickte ihr freundlich zu.

Vivana trat näher: »Seid gegrüßt, wisst Ihr vielleicht etwas über die Hexe im Wald?«

Der Priester begrüßte sie: »Das heilige Licht segne euch! Ich weiß auch nur, dass sie im Wald lebt und wohl mit dem Zurakkult in Verbindung steht.«

Vivana erklärte ihm: „Wir versuchen herauszufinden, was mit Derk, dem Jäger, geschehen ist.«

Der Priester gab ihr zur Antwort: »Ich weiß bereits, dass er tot ist. Ich musste noch in der Nacht bei der Untersuchung seiner Leiche helfen. So wie es aussieht, wurde auch er vergiftet. Sein Hund muss ihm dann im Schlaf die Kehle durchgebissen haben. Schlimm. Mein Name ist übrigens Bruder Utyferus.«

Vivana hakte nach: »Bruder Utyferus, kanntet Ihr den Jäger gut?«

Utyferus beteuerte: »Nein, aber ich habe ihn gestern Abend noch lebendig gesehen. Er lief eilig zum Tempel hinüber.«

Vivana forschte weiter: »Was wollte er dort?«

Utyferus berichtete: »Er sagte mir nur, dass er wichtige Neuigkeiten habe. Geht am besten zum Tempel und fragt dort Bruder Unar.«

Saradar wollte auch etwas wissen: »Wer ist zu dieser Zeit noch im Tempel?«

Utyferus stellte fest: »Außer Unar sicher Inotius, er ist zu dieser Zeit immer ins Gebet vertieft.«

Wir bedankten uns bei Utyferus für die Auskunft und betraten den Tempel.
Unar hatte uns jetzt schon früher bemerkt, Schweißperlen erschienen auf seiner Stirn, als er Urota näherkommen sah. Er wirkte etwas beruhigter, als er merkte, dass Urota wieder zwei Wachen im Schlepptau hatte.

Vivana grüßte ihn: »Seid gegrüßt, Bruder Unar. Wir wollen herausfinden, was dem Jäger widerfahren ist. Es heißt, er wollte gestern Abend noch mit Inotius sprechen.«

Unar berichtete: »Äh, ja. Er war hier, er sagte mir nur, dass er etwas im Wald entdeckt habe und es unbedingt Inotius erzählen müsse. Unser Hohepriester, der werte Bruder Inotius, ist zu dieser Zeit in seiner Kammer und ins Gebet vertieft. Er darf unter keinen Umständen gestört werden. Ich verwies ihn des Tempels und sagte ihm, er solle heute früh wiederkommen. Dann ist er mit seinem riesigen Hund wieder abgezogen. Mir ist nur aufgefallen, dass er furchtbar geschwitzt hat, der Kerl.«

Saradar verlangte: »Ruft Inotius. Wir haben Fragen.«

Als ob er es gehört hätte, tauchte Inotius im Lichte des Durchgangs zum Haupttempel auf. Er trug eine Maske über dem Mund - die er sich jedoch ruckartig vom Gesicht riss und hinter seinem Rücken verbarg - mir entging nichts.
Mit einem abwesenden Blick begrüßte er uns: »Seid gegrüßt im Lichte. Tretet ein in den Tempel, ihr kommt sicherlich wegen des Segens.«

Saradar, der gestern noch nach dem Segen gefragt hatte, war plötzlich misstrauisch und trat zur Seite. Wir anderen folgten Inotius zu einem Wasserbecken, wo wir niederknien mussten. Mit den Worten »Möge das Licht euch leiten« erteilte er uns einen »Segen des Lichts« und besprenkelte uns dabei mit Wasser, dessen Tropfen auf unserer Haut in den Farben des Spektrums glitzerten. Er hatte ein schiefes Grinsen auf den Lippen, als er uns aus dem Tempel entließ.

Wir beschlossen, in den Wald zu gehen, um nach der Hexe Ausschau zu halten. Auf dem Weg zum Stadttor fiel uns eine ganz in schwarz gekleidete Frau auf, die betrübt auf einer breiten Holzbank vor einem kleinen Häuschen saß. Das war wohl einmal eine Schreinerei gewesen, wie ich am Schild über der Straße mit der Abbildung eines Hobels erkennen konnte, jetzt war die Werkstatt aber mit einem großen Schloss verriegelt. Als wir näher traten, sahen wir, dass sie etwas in ein weißes Tuch stickte. Sie hob den Blick, wir erkannten Tränen, die in ihren Augen glitzerten - sie sah uns fragend an: »Alun zum Gruße! Verzeiht meine Tränen. Wie kann ich euch behilflich sein?«

Vivana fragte sie: »Warum weint Ihr?«

Die trauernde Frau antwortete: »Ich trauere um meine beiden Söhne. Sie gingen als Novizen zum Tempel. Sie mussten eine Nacht zum Gebet außerhalb der Mauern verbringen, am nächsten Morgen waren sie verschwunden. Zwei Tage später fand man sie: Olyf wurde an der Mühleninsel angeschwemmt und Randolf lag im Wald, in einem Holzschuppen von Di’Var, diesem Dämon.« - Sie machte das Zeichen des Sonnenrades und begann laut zu schluchzen.
»Der Jäger Derk hat Randolf entdeckt, und jetzt ist auch er tot. Beiden fehlte …«, sie wird wieder von ihrer Trauer überwältigt, »… das Herz!« - Ihr Blick wandelte sich plötzlich, aus ihren Augen sprach der pure Hass: »Ich hoffe, dass Mortarax diesen Di’Var in den tiefsten Abgrund schickt, damit er seine gerechte Strafe erhält! Sein Bruder hat wohl den kopflosen Leichnam am Osthang des Weinbergs vergraben, aber dadurch findet er auch keine Erlösung bei Alun!«

Vivana fragte dazwischen: »Wisst Ihr, wo dieser Bruder ist?«

Die traurige Frau gab zurück: »Er hat bestimmt die Stadt verlassen. Möge der Fluch auch auf ihn fallen!«

Wir verabschiedeten uns von ihr und gingen weiter Richtung Stadttor. Dort kam es plötzlich zu einem Tumult. Die Stadtwachen drängten die Bürger zur Seite. Ein stämmiger Mann schrie: »Lasst uns durch! Wir müssen zum Hohepriester Inotius!« - Eine schluchzende Frau begleitete ihn.

Wir fragten die Leute: »Die beiden haben beim Pilzesammeln einen toten Priester gefunden, in der Nähe der heiligen Quelle!« - »Er hatte ein Loch in der Brust!« - »Sie haben ihn nicht gekannt, muss ein Fremder sein!«

Wir holten umgehend unsere Waffen und eilten zur Quelle. Wir konnten keine Leiche finden, aber Tarquan hat Spuren entdeckt, die in Richtung Nordwesten wiesen. Dann hörten wir plötzlich einen durchdringenden Schrei - aus nordöstlicher Richtung!

Wir rannten also weiter nach Nordosten und gelangten so zum Eingang einer Höhle, der gut versteckt hinter moosigen Felsen lag. Wir hörten ein unheimliches Ächzen.

Vivana meinte voller Ernst: »Vielleicht sollten wir erst einmal das Huhn vorschicken.«
Ich blickte sie ungläubig an - und mein Huhn verfiel wieder in seine Schockstarre.

Saradar lachte: »Quatsch, wenn wir schon einen Kundschafter vorschicken, dann mein Wiesel!« - Als ob es alles verstanden hätte, sprang Besagtes aus seiner Tasche und lief direkt auf den Höhleneingang zu.

Saradar verging das Lachen: »So war das nicht gemeint!« - und rannte ihm hinterher. Wir schlossen uns an.

Als wir in die Höhle kamen, bot sich uns ein schreckliches Bild: Zedrick, der blondgelockte Novize, lag am Boden. Er hatte eine klaffende Wunde unterhalb des Brustkorbs, aus der pulsierend Blut trat, das sein weißes Gewand fast vollständig scharlachrot verfärbt hatte. Über ihm hockte, in ein seltsames Gesäusel versunken, eine dunkle Gestalt: das musste die Hexe sein! Was machte sie da an seiner Brust? Blut tropfte von ihren Händen. Ihre langen Haare verbargen ihr Gesicht. Als sie uns bemerkte, stopfte sie sich rasch irgendwelche Kräuter in ihre Umhängetasche und sprang erschrocken in eine dunkle Ecke der Höhle. Plötzlich erklang ein Klappgeräusch.

Tarquan vermutete: »Das hat sich wie eine Falltür angehört!« - Vivana entzündete rasch eine Fackel: und tatsächlich - die Hexe war verschwunden. Am Boden tasteten wir die Umrisse einer Falltür. Wir kriegten sie nicht auf, sie musste von unten verschlossen sein.

Ich beugte mich über Zedrick. Ihm war leider nicht mehr zu helfen: Tränen glitzerten auf seinen Wangen; aus seinen Augen sprach die Angst, dann entwich alles Leben aus ihnen, bevor er uns noch etwas hätte sagen können.

Nachdem sich jeder an der Falltür versucht hatte, war Urota an der Reihe. Er machte kurzen Prozess und riss sie aus ihrer Verankerung. Vivana leuchtete in das entstandene Loch im Boden: »Da unten ist ein Gang. Wer steigt zuerst da runter?«

Ich betete an Ianna und bat sie um die Gabe, die sie mir durch den Traum letzte Nacht verliehen hatte. Mit den Worten: »Edwen, kümmere dich bitte um meine Sachen - und das Huhn!«, verwandelte ich mich zum Erstaunen meiner Gefährten in einen Wolf.

Saradar war verblüfft: »Dieser Faun steckt voller Überraschungen.«

Ich sprang nach unten und nahm dort eine Fährte auf: ich konnte die Kräuter riechen, die die Hexe bei sich trug. Ich folgte dem Gang. Mit meiner Nachtsicht brauchte ich keine Lichtquelle. Ja, da war sie. Ich näherte mich vorsichtig, doch bevor ich sie stellen konnte - ein Lichtblitz - Rauch - sie war verschwunden! Auch die Duftspur war weg! Die anderen folgten mir mit etwas Abstand. An einer Stelle tropfte es von der Decke, der Boden wurde matschig. Nach weiteren fünfhundert Schritt endete der Gang: ich konnte eine Treppe erkennen, die bis zu einer Holztür führte. Wo blieb der Rest der Gruppe? Ich ließ ein Heulen ertönen.
Die Holztür war verriegelt. Kein Problem für Vivana, im Fackelschein hatte sie das Schloss schnell geknackt. Hinter der Tür lag ein leerer Kellerraum. Am Ende einer Treppe wieder eine Falltür. Als wir sie öffneten, wurden wir von Sonnenlicht geblendet.

»Das ist doch der alte Wehrturm!«, erkannte Vivana überrascht, als wir nach draußen traten. Wir hatten also einen Geheimgang in die Stadt entdeckt.

Saradar fluchte: »Verdammt nochmal! Wo ist diese Hexe hin? Wir müssen uns die Höhle noch einmal genauer ansehen!« Er rannte die Treppe wieder runter, ohne unsere gemeinschaftliche Entscheidung abzuwarten, wie wir weiter vorgehen sollten - und kam nach kurzer Zeit mit einer Beule am Kopf zurück, was von Vivana natürlich nicht unkommentiert bleiben konnte: »Na, dunkel da unten?«

Edwen pflichtete dem Barbaren jedoch bei: »Saradar, du hast Recht, wir müssen zurück. Wir können ja auch Zedricks Körper nicht den wilden Tieren überlassen!«

Wir nahmen wieder den Geheimgang und fanden auf dem Rückweg nichts Auffälliges. Mir war es immer noch ein Rätsel, wie die Hexe entkommen konnte. Ich hatte mich mittlerweile zurückverwandelt und meine Sachen - inklusive meines erstarrten Huhns - wieder an mich genommen.

Im Bereich des Höhleneingangs sah sich Vivana die Leiche des jungen Novizen noch einmal ganz genau an: »Die Wunde sieht aus, als ob sie ihm mit einem sehr scharfen Dolch beigebracht wurde - da wollte ihm jemand das Herz rausschneiden!«

Wir schauten uns in der Höhle um. In der Dunkelheit verborgen fanden wir ein paar Säcke. Sie enthielten Kräuter, die so aussahen wie diejenigen, die sich die Hexe in die Tasche gesteckt hatte. Vivana untersuchte sie: »Das sind Heilkräuter!« - Wir nahmen uns ein paar davon mit. Vielleicht war die Hexe doch nicht für den Tod des Novizen verantwortlich?
Urota schulterte den Leichnam, und wir verließen die Höhle.
Die Spurensuche in der Umgebung der Höhle brachte uns nicht weiter - die Sonne näherte sich bereits dem Horizont.

Saradar meinte frustriert: »Das ist Zeitverschwendung. Wir sollten zur Quelle zurück! Da waren doch noch andere Spuren!«

Zama zeigte sich bereits am Abendhimmel, als wir uns entschlossen, Saradars Vorschlag zu folgen.

Auf dem Weg zur Quelle hörten wir plötzlich schallendes Gelächter aus dem Geäst. Dann raschelte es. Mehrere Männer in schmutzigen Lederrüstungen bauten sich vor uns auf. Sie trugen Schilde und Schwerter und sahen kampfbereit aus. Der Älteste von ihnen, erkennbar an seinem grauen, verfilzten Bart, trat einen Schritt auf uns zu. Als er den Mund öffnete, zeigte er uns seine zwei letzten, fauligen Zähne. Was dann rauskam, war mehr ein Spucken als ein Sprechen: »Hallo ihr späten Wanderer! Ihr seid in unserem Wald, deshalb schuldet ihr uns einen Wegzoll! Gebt uns all euer Gold und Silber, dann kommt ihr mit dem Leben davon!« - Auf ein Zeichen von ihm traten hinter uns einige Bogenschützen aus dem Unterholz. Sie sollten uns wohl klarmachen, dass es kein Entrinnen gab. »Die Leiche könnt ihr übrigens behalten!«, stellte Räuber Faulzahn klar und spuckte aus.

Ich wollte gerade meinen Sack mit Kräutern hochhalten und ihm glaubhaft machen, dass wir diese bloß im Wald gesammelt und sonst nichts bei uns hätten, als - »O Skia!“ - Saradar den Mund aufmachte: »Das einzige Silber, dass ihr heute von mir bekommt, ist das Silber meiner Klinge!« - und sich auf Räuber Faulzahn stürzte.

Samstag, 25. Februar 2017

Des Henkers Braut - Kapitel 3: Die Quelle allen Übels

Wir verließen die Stadt zusammen mit den drei Jünglingen, natürlich nicht ohne unsere Waffen, Urota war auch seine lästigen Ketten wieder los. Da die Quelle nicht weit von der Stadt entfernt sein sollte, hatten wir uns zu Fuß auf den Weg gemacht. Nach kurzer Wegstrecke betraten wir den Wald, in dem sie sich befinden sollte. An einer Wegkreuzung waren wir uns unschlüssig, in welche Richtung wir weiter gehen sollten.

„Sie hätten ja auch mal Hinweisschilder anbringen können, wo es zur Quelle geht!“, beschwerte ich mich.

Edwen grinste: „So einfach können sie es den Novizen nun auch nicht machen, außerdem könnten Räuber solche Schilder missbrauchen, um kleine Faune in die Falle zu locken.“

Wir entschieden uns für die östliche Abzweigung. Nach einer Biegung raschelte es im Unterholz - und plötzlich stand ein riesiger Hund vor uns, der seine Zähne fletschte und uns anknurrte. Wir standen wie erstarrt - noch machte er keine Anstalten, uns zu attackieren - Sabber tropfte ihm in großen Portionen aus dem Maul.
Dann ein erneutes Rascheln - und ein Mann mittleren Alters im Gewand eines Jägers trat aus dem Gestrüpp: „Uggu, ruhig mein Braver!"

Er schaute uns etwas ungläubig an und begann dann: "Nivië zum Gruße! Ich bin Derk der Jäger. Entschuldigt meinen Bullbeißer, aber im Moment kann man in den Wäldern nicht vorsichtig genug sein, da bin ich froh, so einen aufmerksamen Jagdhund an meiner Seite zu haben. Ihr seht so aus, also ob ihr euch verlaufen hättet. Kann ich euch helfen?“

Der Mann hatte graue Schläfen und ein Spitzbärtchen, für einen Menschen machte er einen sehr sympathischen - und - attraktiven Eindruck. Das hatte auch Vivana mitbekommen: „Hallo, Nivië zum Gruße. Ich heiße Vivana - und das sind meine Gefährten. Wir sollen diese drei Novizen zur heiligen Quelle begleiten. Könnt Ihr uns da vielleicht weiterhelfen?“, säuselte sie ihm zu.

Tarquan hatte sich im Hintergrund gehalten, ich merkte aber, dass ihm gar nicht gefiel, was er da sah.

Vivana fragte mit Blick auf den gewaltigen Hund: „Uggu ist ein lustiger Name. Hat er eine Bedeutung?“

Derk antwortete lächelnd: „Wisst ihr, ich habe meinen Hund nach meinem Großvater benannt, der hat auch immer so gesabbert… - Spaß beiseite, das ist Trollgar und steht für ‚fleißig‘. Folgt mir, ich führe euch zur Quelle, es ist nicht weit!“

Er ging mit uns den Weg zurück zur Kreuzung und nahm die westliche Abzweigung. Nach einer kurzen Strecke tat sich vor uns eine große Lichtung auf, in deren Zentrum ein kleiner Hain aus alten Eichen stand. Als wir den Hain betraten, konnten wir schon das Plätschern hören. Unscheinbar sprudelte hier klares Gebirgswasser aus einer Öffnung im Boden und bildete ein kleines Rinnsal.

Saradar: „Ich habe vielleicht einen Durst!“ - Er hatte sich bereits auf den Boden geworfen und den Mund geöffnet, als er völlig unerwartet vom Bullbeißer weggestoßen wurde. Uggu bellte, begann zu knurren und dann mit seinen Pfoten zu scharren.

Derk: „Das ist seltsam, so etwas macht er nur, wenn er etwas Verdächtiges gewittert hat.“

Auch Vivana warmisstrauisch. Sie kramte zwei Phiolen hervor, nahm Proben vom Quellwasser und schnupperte daran.
„Das Wasser riecht wirklich komisch, vielleicht ist es verseucht. Also, ich würde erst einmal nicht davon trinken!“

Tolar: „Aber was ist mit unserer Aufgabe? Vielleicht ist das ja die Prüfung des Glaubens!“

Derk: „Das glaube ich nicht! Ich war schon oft hier. Da ist wirklich etwas faul. Trinkt lieber nicht davon!“

Unverrichteter Dinge kehrten wir um. Vor der Stadt verabschiedete sich Derk von uns.
„Wenn ich euch einen Tipp geben darf: Wenn ihr eine Herberge für die Nacht sucht, übernachtet im Gasthof Zur gesegneten Aussicht, da ist das Essen zwar teuer, dafür schmeckt es aber auch, und die Zimmer sind ihren Preis wert! Ich verweile auch öfters dort, wenn ich in der Stadt bin.“

Die Stadtwachen waren sehr ungehalten über unser Kommen und Gehen.
„Entscheidet euch endlich - rein oder raus! Für das Verstauen eurer Waffen kriegen wir keinen Extrasold!“
Damit war wohl vor allem Urotas Riesenknochen gemeint, den ein Mensch alleine gar nicht heben konnte. Mühsam legten sie Urota wieder die Ketten an und zwei Wachen folgten ihm auf Schritt und Tritt.

Die Menschen in der Stadt musterten uns argwöhnisch. Sie sahen wohl selten fremde Völker. Ein Gjölnar, eine Jujin, ein Faun und - ein Troll an der Leine - wir waren ein zusammengewürfelter Haufen. Aber selbst Edwen, den Mensch aus Askalon, betrachteten sie missgünstig. Einzig die Kinder schienen keine Abscheu vor uns zu haben. Sie tanzten um uns herum und lachten. Ein kleines Mädchen stellte sich vor den angeketteten Urota, der zu lächeln versuchte.
„Wo kommst du her? Betest du fremde Götter an? Frisst du kleine Kinder?“, fragte sie ihn rotzfrech. Er schüttelte den Kopf.
Eine alte Frau rief den Kindern zu: „Geht da weg, das sind Fremde!“

Wir beschlossen, es noch einmal mit dem Rathaus zu versuchen. Die Novizen wollten solange auf uns warten. Ihnen war die ganze Aufmerksamkeit scheinbar unangenehm. Diesmal hatten wir Glück. Nachdem Urota angeklopft hatte, öffnete ein Diener des Stadtherrn die schwere Eichentür. Er war ganz entrüstet "ob der Heftigkeit des Schlages", wie er sich ausdrückte. Wir erklärten ihm unseren Begehr und er brachte uns zum Schreibzimmer. Dort saß - zwischen einigen großen Büchern - der rothaarige Mann, der bei der mittäglichen Hinrichtung seine Wut hinaus gebrüllt hatte.

Seelenruhig, unsere Anwesenheit völlig ignorierend, schrieb er eine Urkunde zu Ende und setzte sein Siegel darunter. Dann erst erwies er uns die Gnade seines Blickes, und dieser Blick war weniger überrascht als vielmehr feindselig.

„Seid gegrüßt, Fremde. Ich bin Rhovan Rothbart, rechtmäßiger Stadtherr von Medea, der Stadt des Lichts und der Gottesfürchtigkeit. Was ist euer Begehr?“, fragte er uns abschätzig.
Rhovan Rothbart, der Stadtherr von Medea.
Edwen übergab ihm das Schreiben Gorecks. Rhovan brach das Siegel und las aufmerksam den Brief.
„Fremde, habt Dank für euren Botendienst. Ihr sollt die versprochene Belohnung erhalten!“ Mit diesen Worten holte er aus seinem Schreibtisch einen Beutel hervor und zählte zwanzig Silberlinge ab. Wir waren verblüfft, wegen seines Auftretens hätten wir nicht mehr mit einer Entlohnung gerechnet.

„Aus dem Brief geht hervor, dass ihr zuverlässige Söldner sein sollt. Ich habe auch einen Auftrag für euch. Im angrenzenden Wald gibt es eine Hexe. Ich will, dass ihr sie beobachtet und herausfindet, ob sie etwas mit den Kultisten zu tun hat. Sie soll sich in der Nähe der alten Ruine herumtreiben. Wollt ihr das für mich und den Frieden der Stadt tun?“, fragte er mit einem leichten Verziehen der Mundwinkel.

Saradar ließ seinen ganzen Charme spielen.
„Wie wollt Ihr uns entlohnen, werter Stadtherr Syr Rhovan?“
Ihm war sicher nicht entgangen, dass da kein Ritter vor ihm saß, doch vielleicht war es auch nur seine Verhandlungstaktik. Der Rotbärtige schien tatsächlich geschmeichelt zu sein. „Zwanzig Silberlinge jetzt und vierzig später, wenn ihr euren Auftrag erfüllt und mir Bericht erstattet habt!“

Plötzlich kroch das Wiesel aus Saradars Hose hervor und lief ihm einmal quer über die Brust, um dann wieder in der Hose zu verschwinden.
Mein Huhn schien das auch mitbekommen zu haben. Es streckte seinen Kopf aus seinem Versteck, schaute sich irritiert um und gackerte angsterfüllt.

Angewidert schrie uns Rothbart an.
„Ihr … - ihr seid ja mehr Tiere als Menschen. Raus hier - und lasst euch nicht eher blicken, bis ihr euren Auftrag erfüllt habt!“

Wir befolgten gerne seinen Befehl. Was für ein unsympathischer Mensch - und hässlich noch dazu mit seiner großen Warze im Gesicht.

Wir holten die Novizen ab und gingen mit ihnen zusammen zum Tempel zurück. Dort erwartete uns Inotius bereits.
„Novizen, habt ihr eure erste Aufgabe erfüllt und ist euch die innere Reinigung zuteil geworden?“
Sie blickten verlegen auf ihre Füße.

Vivana ergriff für sie das Wort.
„Nein, wir trafen auf den Jäger Derk und seinen Bullbeißer, der uns vor der Quelle gewarnt hat. Sie scheint vergiftet zu sein. Wir konnten gerade noch so verhindern, dass eure Novizen aus der Quelle tranken. Ich habe eine Probe genommen.“
Sie zeigte Inotius eine der Phiolen.

Inotius: „Das ist … - bedauerlich und … - besorgniserregend. Ihr könnt mir eine der Proben überlassen. Ich werde sie an Bruder Rotbert weiterreichen, der sie in seinem Laboratorium untersuchen soll. Kommt morgen wieder, vielleicht wissen wir bis dahin mehr!“
Wir überließen die Novizen seiner Obhut und verabschiedeten uns von ihnen.

Der Tag neigte sich langsam seinem Ende zu. Bevor wir Derks Rat befolgen und im Gasthaus Zur gesegneten Aussicht einkehrten, machten wir mit Hilfe unseres Plans noch eine kleine Stadtbesichtigung. Uns fiel ein Turm auf, der durch seine Bauweise aus der Umgebung hervorstach. Hier waren viel gröbere und dunklere Steine verbaut worden. Er wirkt dadurch sehr alt - und wollte nicht so recht in die Umgebung passen. An seinem Fuße verlief der Fluss. Über eine schmale Holzbrücke gelangten wir auf eine Insel. Hier stand die Mühle mit einem großen Wasserrad, das sich unablässig drehte. Vor dem Eingang stand der Müller, der uns aber über die Vorkommnisse in Medea nichts Neues berichten konnte und nur mit den Schultern zuckte. Er zeigte auf zwei alte Männer, die auf einer Bank vor dem alten Turm saßen und sich die Zeit mit einem Würfelspiel vertrieben.
„Ich bin zu beschäftigt, um viel mitzukriegen. Aber fragt mal die beiden da, wenn einer was weiß, dann sie!“

„Seid gegrüßt im Namen der guten Götter!“, sprach Edwen die beiden Weißbärtigen an. Der eine war dick, der andere spindeldürr. Sie unterbrachen ihr Würfelspiel für uns.

Der Dicke blickte uns freundlich an: „Seid gegrüßt, Fremde!“

Edwen: „Wisst ihr etwas über die seltsamen Dinge zu berichten, die sich in Medea abspielen?“

Der Dicke setzte sich gerade hin und rückte seinen Bauch zurecht.
„Und ob, wir sitzen immer hier, so kriegt man viel mit, was so vor sich geht. Erst vor drei Tagen haben sie hier an der Mühleninsel eine Leiche aus dem Weißwasser gezogen. Es soll ein Novize gewesen sein - und er ist wohl nicht ertrunken, sondern ermordet worden, denn er hatte ein klaffendes Loch in der Brust!“

Jetzt schaltete sich der Dürre mit ein und berichtete mit blau leuchtenden Augen:
„Aber das war nicht der Einzige. In der Nähe der alten Ruine haben sie auch einen gefunden … - ausgeweidet! Anhänger des Zurak sollen dahinter stecken. Rothbart hat viele erwischt, vielleicht war dieser Di'Var ja wirklich der Anführer und wir haben endlich unseren Frieden. Aber da ist noch diese Waldhexe … - ihr Blick soll tödlich sein!“

Edwen: „Woran kann man diese Zurak-Anhänger eigentlich erkennen?“

Jetzt antwortete wieder der Dicke: „Es heißt, sie tragen eine Tätowierung auf ihrer Brust, das Symbol der Spinne - das Zeichen Zuraks! - Übrigens heißt es, dass die Ruine und der alte Wehrturm die Überbleibsel einer uralten Siedlung sein sollen, aber keiner weiß so genau, welches Volk früher hier gelebt haben soll.“

Die Wachsoldaten waren genervt, sie schwitzten in ihren Metallrüstungen. Wir ließen uns aber nicht davon abbringen, unsere Besichtigung fortzusetzen. Wie zu vermuten, gab es in der Stadt keinen einzigen Waffenhändler, nur Goldschmiede, die Anhänger in Form des Sonnenrades für die Pilger oder andere Schmuckstücke mit Edelsteinen herstellten.
Medea war berühmt für seinen guten Wein, der am Südhang des Mon Alunas wohl prächtig gedieh - daher gab es hier viele Winzer. Saradar ließ jedoch seine Pläne, in der Weinstraße einen guten Tropfen für Widun zu besorgen, schnell wieder fallen, als er die Preise sah.

Da die Sonne tief am Horizont stand und die Stadt bereits in ein leuchtendes Rot tauchte, machten wir uns auf zur Herberge. Ich war für getrennte Zimmer, da mein Huhn Angst vor dem Barbaren und seinem Wiesel hatte. Urota wurde von den Wachen an ein Bett gekettet. "Morgen holen wir dich wieder ab!"
Sichtlich erleichtert trollten sich die beiden Soldaten. Auf den fragenden Blick Urotas, was denn sei, wenn er einmal müsse, deutete Saradar auf den Nachttopf unter dem Bett.
"Da sollen Inhalt Trollblase rein?"

Ich war froh, dass die Herberge dicke Wände hatte und ich so von Urotas Schnarchen verschont blieb. Rasch fiel ich in einen tiefen Schlaf.
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„Ein Erdbeben?“, fragte ich mich, als mein Bett wackelte. Schlaftrunken bekam ich kaum meine Augen auf. Ein gewaltiger Rums! und schon flog ein Teil der Wand durch mein Zimmer. Durch ein riesiges Loch konnte ich ins Nachbarzimmer blicken. Dort schien ein Kampf zu toben. Ich hörte ein tollwütiges Knurren - war das? Uggu!
Der tollwütige Bullbeißer Uggu.
Er hatte Schaum vor dem Maul und schnappte gerade nach Urotas Arm, der immer noch am Bett festgekettet war. Edwen und Tarquan kamen eben durch die Tür herein. Ohne Waffen war es gar nicht so einfach, sich gegen den riesigen Hund zu wehren. Vivana versuchte es mit einer Phiole, die sie auf den Hund schleuderte. Sie prallte ab und entleerte ihren Inhalt auf den Boden. Urota heulte schmerzerfüllt auf. Uggu hatte ihn am Arm erwischt. Er konnte ihn jedoch wieder rasch abschütteln. Dafür war jetzt Saradar dran, ihm biss er in den Oberschenkel. Vivana war als nächste an der Reihe - sie konnte ihn aber abwehren, da sie sich als Schutz ihren Mantel um den Arm gewickelt hatte. Während der Bullbeißer wie besessen an Vivanas Mantel zerrte, konnten ihm Pferd, Edwen und Saradar in die Seiten boxen. Urota landete schließlich den tödlichen Schlag mit dem Bettpfosten, an den er gekettet war und den er soeben abgerissen hatte.

Das Knacken von Uggus Rückgrat ging auch uns durch Mark und Bein. Er lag am Boden und wir mussten uns sein Todesröcheln anhören.

„Was ist bloß in ihn gefahren? Heute Mittag hat er uns noch geholfen und jetzt das!“, stellte Vivana betroffen fest.
Sie hat einen Verdacht und schnüffelte an ihm.
„Seltsam, er riecht genauso wie das Quellwasser. Vielleicht ist er vergiftet worden und deshalb so ausgerastet!“

Dann - ein Schrei - er kam vom anderen Ende des Ganges. Wir stürmten hinaus.

An einer offenen Zimmertür stand eine hysterische Frau. Als wir in das Zimmer blickten, konnten wir unseren Augen kaum trauen. Da lag Derk, mit durchgebissener Kehle.

Des Henkers Braut - Kapitel 2: Der Priester und sein Henker

Um die Mittagszeit erreichten wir das Stadttor Medeas. Die Wächter waren offensichtlich erstaunt über unsere zusammengewürfelte Truppe.

„Wer seid ihr, woher kommt ihr und was ist euer Begehr?“, fragte uns einer der Wächter.

Saradar drängte sich vor: „Ich bin Saradar, berühmter Barde vom Stamme der Khor’Namar, den Söhnen des Windes.“

Als mein Huhn Saradars Stimme vernahm, kam es schreckhaft aus seinem Unterschlupf unter meinem Hemd hervorgesprungen, setzte sich auf meinen Kopf und begann vor Aufregung zu gackern. Der Blick des Wächters wanderte misstrauisch von Saradar, dem schwerbewaffneten Barden, zu Urota, dem riesigen Hügeltroll mit geschulterter, ebenso riesiger Knochenkeule, zu mir, dem Faun, und schließlich zu meinem Huhn.

Finn: „Nein, wir sind nicht die Stadtmusikanten …“, versuchte ich die Situation etwas zu entspannen. Den Wächtern ließ sich noch nicht einmal der Ansatz eines Lächelns entlocken, ernsten Blickes starrten sie uns weiter an.

Edwen versuchte es diesmal humorlos: „Seiet gegrüßt. Wir sind Gesandte des ehrenwerten Syr Goreck, des Stadtherrn von Schaynwayle, und wir haben ein wichtiges Schreiben, das an euren Stadtherrn gerichtet ist. Außerdem haben wir diesen drei Novizen sicheres Geleit auf ihrem Weg zu ihrer neuen Ausbildungsstätte am Mon Alunas gegeben.“

Die Stadtwache schaute Urota an.
„Wir werden sicher keinen Troll frei durch unsere Stadt laufen lassen. Wenn er hinein will, dann nur in Ketten! Des Weiteren ist das Tragen von Waffen jeglicher Art durch Beschluss unseres hochehrenwerten Stadtherrn Rhovan Rothbart verboten worden. Gebt sie ab - alle Waffen, und wenn ich sage alle, meine ich alle! Sie kommen in die Waffenkammer, wo sie für euch sicher verwahrt werden, bis ihr die Stadt wieder verlasst. Nur uns Wachen - und - dem Henker“ - dabei lachte er seinem Kameraden zu - „ist das Tragen von Waffen aus dienstlichen Gründen gestattet!“

Wir konnten sie schließlich überzeugen, dass von Urota keine Gefahr ausging. Er wurde dennoch in Ketten gelegt und zwei Stadtwachen begleiteten ihn. Er hatte sich keine neue Unbedenklichkeitserklärung ausstellen lassen, nachdem seine letzte wahrscheinlich zusammen mit Ratura in den Abgrund gestürzt war.

Vivana war neugierig: „Sagt, wessen Verbrechen haben sich die beiden Galgenvögel auf dem Hügel vor der Stadt schuldig gemacht?“

Die zweite Stadtwache meldete sich zu Wort.
„Das waren zwei Zurak-Anhänger, die Unheil über unsere heilige Stadt bringen wollten. Unser Rat der Drei kennt keine Gnade, was diese Kultisten angeht. Ihr könnt euch gerne auf dem Richtplatz selbst davon überzeugen!“
Mit diesen Worten deutete er in Richtung einer breiten Gasse, an deren Ende sich eine größere Menschenmenge versammelt hatte.

Das düstere Schauspiel, das sich uns dort bot, stand im krassen Gegensatz zur gleißenden Mittagssonne, die die Giebel der Häuser in hellem Licht erstrahlen ließ.
Dicht umringt von meist blonden Imbriern in typischen Bürgertrachten aus edlem Tuch und Stoffhüten, standen drei Männer um den Verurteilten herum, der mit seinem Kopf bereits auf dem Richtblock lag.
Beim Ersten handelte es sich um einen Alunpriester, der mit gesenktem Blick seine Hände bedächtig gefaltet vor sich hielt. Der Zweite war ein breitschultriger, rothaariger Mann, der geifernd und mit vor Zorn zitternder Stimme in die Menge brüllte: „Nieder mit Zurak! Nieder mit deinen dämonischen Machenschaften, Di'Var! Du bist überführt! Wir merzen die Brut aus, indem wir der Schlange den Kopf abschlagen! Tod allen Abtrünnigen! Tod den Kultisten!“
Nach dieser Hasspredigt spuckte er dem knienden Verurteilten ins Gesicht.

Die Sonne hat ihren höchsten Punkt erreicht und erleuchtete hell den Richtplatz.
Der Bespuckte schien ein Edler zu sein, seinem teuren, jetzt aber befleckten Gewand nach zu urteilen. Er blickte voller Angst auf den dritten Mann, der mit nackter, muskulöser Brust und schwarzer Kapuze vor ihm stand.
Auf seiner Schulter ruhte ein großes Beil, auf dessen blank geschliffener Klinge sich blitzend das Sonnenlicht spiegelte. Der Henker blickte noch einmal zum Alunpriester hinüber, der ihm durch ein Nicken zu verstehen gab, dass er seines blutigen Amtes walten sollte. Er holte aus - Zack! - der Kopf fiel in einen Binsenkorb. Aus den Schlagadern des durchtrennten Halses spritzte das Blut so weit, dass die Umstehenden davon besudelt wurden. Ein Soldat trugden Korb zu einer Feuerstelle, wo er mitsamt Inhalt sofort verbrannt wurde. Vor dem kopflosen Leib hatte sich eine große Blutlache gebildet.

Nach der Hinrichtung löste sich die Menschenmenge rasch auf, manche spuckten aus, andere dagegen zogen schweigend von dannen.
Der Alunpriester trat uns freundlich lächelnd entgegen: „Willkommen in Medea!“

„Ich bin Bruder Inotius, der Hohepriester des Stadttempels. Seid gegrüßt im Namen des heiligen Lichtes!“, stellte sich der angegraute Mann vor.
Inotius, der Hohepriester des Stadttempels von Medea.

Edwen: „Seid gegrüßt, im Namen der guten Götter. Mein Name ist Edwen, und dies sind meine Gefährten.“
Jeder stellte sich namentlich vor.

Inotius: „Eine Taube aus Altem hat eure Ankunft vor einem Viertelmond bereits angekündigt - ihr müsst eine beschwerliche Reise gehabt haben.“

Edwen: „Wir hatten zwischenzeitlich noch andere Verpflichtungen - Ihr habt vielleicht von den Trollangriffen gehört?“

Inotius: „Nein, wie ihr gesehen habt, haben wir unsere ganz eigenen Probleme in Medea.“
Dann fiel sein Blick auf die drei Novizen.
„Ihr müsst Zedrick, Tolar und Luth sein, die drei Novizen, die mir der altehrwürdige Ian Terek zur Ausbildung überstellen wollte.“
Sie stellten sich schüchtern vor. Inotius winkte sie zu sich.
„Ihr könnt mich direkt zum Tempel begleiten, das Mittagsgebet steht an. Eure Beschützer können gerne später nachkommen, sie sind herzlich eingeladen! Vielleicht habe ich auch noch einen Auftrag für sie.“

Er wollte sich gerade zum Gehen wenden, als mir noch etwas einfiel.
„Ehrwürdiger Priester, wir haben in Altem eine Rattenplage bekämpft. Der Verursacher sagte bei seiner Verhandlung aus, er habe diese Querflöte von einem Priester in Medea erhalten. Wisst Ihr vielleicht etwas darüber?“

Inotius schaute etwas verdutzt drein und zuckte dann mit den Schultern.
„Ziegen-Druide, ich weiß nichts darüber. Kommt nach dem Mittagsgebet zum Tempel.“
Er wandte sich ab, die drei Novizen folgten ihm im Schlepptau.

Saradar grinste: „Ziegen-Druide, das klingt gut!“
Ich schmollte, was für eine Beleidigung.
„So ein hochnäsiger Hohepriester. Dabei ist Ianna die einzig wahre Gottesmutter!“

Wir beschlossen, das Rathaus aufzusuchen, um dem Stadtherrn eines der versiegelten Schreiben von Syr Goreck zu übergeben. Von einem freundlichen Händler hatten wir uns einen Stadtplan geben lassen.
Der Stadtplan Medeas.

Das Rathaus wirkte irgendwie finster. Es hatte zwar eine weiße Fassade, diese wurde aber von wuchtigem, dunklem Holz umrandet, in das die Wappen der Stadtväter und das Sonnenrad als Symbol des Lichtgottes geschnitzt waren. Auf der dicken Eichentür war das Wappen Imbriens eingeprägt, das die aufgehende Sonne hinter dem Berg des Lichts zeigt. Die Tür war verriegelt, auch ein Klopfen brachte uns nicht weiter. Ein Passant, der große Weinschläuche um den Hals trug, meinte, dass das Rathaus mittags immer geschlossen sei.

Wir folgten Inotius‘ Einladung und gingen zum Lichttempel. Er war von einem lichtdurchfluteten Vorgarten umgeben. Es folgte eine prächtige, ausladende Vorhalle mit zölestischen Statuen. Figuren in Rüstungen, mit großen Flügeln auf dem Rücken, den Blick immer nach oben gerichtet. Bis auf einen fein verzierten Eichentisch in der Mitte der Halle war der Raum leer. Beim Näherkommen erkannten wir einen weiß gewandteten Alunpriester, der mit seiner langen, spitzen Nase über einem großen Folianten brütete. Er schien uns nicht gehört zu haben - komisch bei den hallenden Schritten und Urotas Kettenrasseln - vielleicht etwas schwerhörig der Gute. Er schreckte auf und fiel fast vom Stuhl, als er zufällig über den Bücherrand schaute. Er fasste sich an die Brust und blickte uns aus fragenden, aber auch etwas ängstlichen Augen entgegen.

Edwen ergriff das Wort: „Seid gegrüßt im Namen der guten Götter! Wir kommen auf Inotius‘ Einladung!“

Der Priester gewann wieder an Fassung.
„Seid gegrüßt im Namen des Lichts! Ihr müsst die Söldnertruppe sein. Mein Name ist Bruder Unar. Ich vergaß, war wieder sehr tief in meine Studien versunken.“
Er ließ eine kleine Glocke erklingen, die neben ihm auf dem Schreibtisch stand.

Ein Novize, erkennbar an seiner gegenüber den Priestern sehr schlicht wirkenden Kutte, eilte herbei und führte uns durch einen Bogengang auf der gegenüberliegenden Seite. Ehrfürchtig durchschritten wir in seinem Gefolge einen hellen Säulengang, der die Vorhalle mit dem Haupttempel verband. Zu beiden Seiten des Ganges konnten wir einen Blick in den Tempelgarten werfen, in dem Blumen in allen möglichen leuchtenden Farben erblühten. Bei diesem Anblick ging mir das Herz auf. Der runde Durchgang war von Abbildungen verschiedener zölestischer Wesen gesäumt, die kunstvoll aus dem weißen Stein herausgearbeitet waren. Als wir den Haupttempel betraten, drang mir ein leichter Geruch von Weihrauch in die Nase. Der Boden war so glatt poliert, dass sich auf ihm die bunten Deckenfresken spiegelten, die Szenen der Schöpfungsgeschichte zeigten.

Vor dem Altar des Lichts stand Bruder Inotius. Er drehte uns den Rücken zu und war in eine Unterhaltung mit zwei Brüdern vertieft. Diese blickten etwas entsetzt drein, als plötzlich ein riesiger Hügeltroll mit zwei Stadtwachen im Schlepptau in den Tempel stapfte.
Ich sah die drei Novizen vor dem Altar knien. Sie waren ins Gebet vertieft. Inotius kam uns lächelnd entgegen.
„Seid gegrüßt im Namen des heiligen Lichts! Willkommen im hohen Tempel!“
Er holte weit aus und schweifte weit ab, als er uns den Tempel und die Szenen erklärte, die auf den Fresken abgebildet waren. Als er gerade erläuterte, was es mit der Eule auf sich hatte, zeigte ihm Vivana ihren Jade-Talisman.
„Das allsehende Auge als Zeichen der Weisheit, ja, auch Skia ist ein Kind Aluns. Befragt das Auge, wenn ihr einmal nicht weiter wisst.“

Saradar trat vor: „Ihr habt gesagt, Ihr hättet vielleicht noch eine Aufgabe für uns.“
Da sprach wohl sein leerer Geldbeutel.

Inotius: „Auf die Novizen wartet ihr Aufnahmeritual. Als erste Aufgabe müssen sie aus der heiligen Quelle im Wald trinken. Es dient der inneren Reinigung. Wenn ihr möchtet, könnt ihr die drei begleiten. Dafür wäre ich euch sehr dankbar. Habt ihr schon von der Hexe im Wald gehört? Dann auch noch die vielen Räuberbanden! Von den Trollen ganz zu schweigen …“
Sein Blick traf auf Urota: „Ihr entschuldigt meine Worte?“
Unser Troll hatte mal wieder nichts mitbekommen, er fand die Erzählung wohl sehr ermüdend und hatte sich beim Rundgang einen Spaß daraus gemacht, die Wächter zu ärgern, indem er im Slalom um die Säulen gelaufen war, damit sich die Ketten ineinander verwickelten - er nickte aber zustimmend.

Saradar konnte sich eine Frage nicht verkneifen.
„Was kriegen wir dafür?“
Er erntete dafür von Edwen einen Stoß in die Rippen.
"Au, ich bin da empfindlich!"

Inotius: „Der gerechte Lohn unseres Allvaters soll euch zuteil werden!“
Sicher keine Antwort, wie sie sich Saradar erhofft hatte.

Wir stimmten zu und verließen in Begleitung der drei gut gelaunten Knaben den Tempel, mit angekettetem Hügeltroll und verzweifelten Wachen im Schlepptau.

Samstag, 18. Februar 2017

Des Henkers Braut - Kapitel 1: Vorboten des Chaos

Tarso hatte uns wieder zwei seiner Gespanne für die zweitägige Reise nach Medea geliehen. Ich saß mit den drei Novizen auf einem der Wagen. Der jüngste der drei, Zedrick, blondgelockt und mit ganz roter Nase - er schien erkältet zu sein - berichtete mir:
„Wir dachten wirklich, die Trolle hätten euch erschlagen. Wir waren drauf und dran auf eigene Faust nach Medea aufzubrechen, aber Tarso hat uns - zu unserem Glück - davon abgehalten.“

Finn: „Ja, hat er uns erzählt. Er ist zwar immer auf seinen Gewinn bedacht, aber in diesem dicken Leib schlägt ein gutes Herz“, lächle ich.

Zedrick: „Ja, ihr habt Recht - Hatschi! - Habe mir eine schlimme Erkältung geholt, hoffe ich stecke euch nicht an!“

Finn: „Faune sind da nicht so empfindlich, was Menschen-Krankheiten angeht!“

Der Novize Luth tippte mir von hinten auf die Schultern: „Finn, Ihr wart an der Stelle stehengeblieben, als ihr den Trollriesen mit eurem Klettenkraut besiegt habt - erzählt bitte weiter! Ihr wisst doch, ich schreibe eine bescheidene Chronik über unsere Reisen, der tut ein wenig Pfeffer von Euren Abenteuern sehr gut!“

Urota saß mit auf dem Wagen und war vor lauter Lachen nicht mehr einzukriegen, der ganze Wagen wackelte und drohte umzukippen.
„Faun besiegen Riese - hahaha - der FAUN - hohoho!“
Ihm glitt seine Decke vom Rücken und als er sich umdrehte, um sie wieder überzuwerfen, konnte ich einen kurzen Blick auf das Symbol erhaschen, das ihm die Hexe kurz vor ihrer Begegnung mit Mortarax in den Rücken geritzt hatte.
Es handelte sich um das Trollsymbol für „Tod“, doch es war unvollendet geblieben.

Die Sonne stand tief am Horizont. Wir hatten soeben ein kleines Wäldchen passiert, als Edwen ein lautes „Halt!“ rief und die Pferde des ersten Gespanns zügelte.
„Es ist Zeit, unser Lager aufzuschlagen!“

Ich suchte mir ein Plätzchen am Waldrand aus, soweit weg wie möglich von Urotas sägendem Organ. Hier war alles mit Moos überwuchert und ich freute mich schon auf einen geruhsamen Nachtschlaf. Im Zelt nebenan hörte ich plötzlich Saradar.
„Vivana, das kitzelt, ich bin da sehr empfindlich!“ - Vivana: „Man sieht überhaupt nichts mehr von deinen blauen Flecken, sei nicht so wehleidig!“ - Saradar: „Au, das tat jetzt aber richtig weh!“ - Vivana: „Und so etwas will ein Krieger sein!“ - Saradar: „Ich bin Barde und eigentlich zartbesaitet.“

Tarquan, der uns um jeden Preis begleiten wollte, ging just in diesem Moment am Zelt vorbei - und schien seinen Ohren nicht zu trauen. Er lauschte kurz - und stürmte dann hinein. Kurz darauf kam Vivana mit einem Rückwärtssalto aus dem Zelt heraus, die beiden Männer hinterher.
„Kann ich euch damit nicht beeindrucken?“ - Saradar: „Du solltest mir doch mit Ruß und Alkohol ein Dreieck tätowieren - jetzt sieht es aus - wie, wie“, schrie er lauthals Vivana hinterher.

Das war zu viel. Mein Huhn kam gackernd und mit seinen gestutzten Flügeln schlagend aus meinem Zelt hervor und lief in seiner Panik direkt auf den halbnackten Barbaren zu, um dann abrupt stehenzubleiben. Die beiden blickten sich tief in die Augen. Das Huhn kippte um, es konnte Saradars Blick nicht standhalten.

Ich brachte es schnell vor dem Barbaren in Sicherheit, der inzwischen wieder - kochend vor Wut - in seinem Zelt verschwunden war. Ich bekam gerade noch so mit, wie Pferd Vivana hinterher lief, doch sie zeigt ihm nur ihre kalte Schulter.

Die Sonne ging unter. Ich machte es mir auf dem Moos gemütlich. Im Westen ging Zama auf. Der helle Mond war voll und tauchte die Landschaft in ein gespenstisches Licht. Der dunkle Mond Lor würde ihm - wie in jeder Nacht - folgen und über das Firmament jagen. Die Legenden besagten, dass eine Überdeckung der beiden das Zeichen für einen Kataklysmus sein sollte, der ganz Ion erschüttern würde. Mit einem mulmigen Gefühl musste ich wieder an die Höhle der Schattentrolle denken, wo ich das Symbol des Verborgenen Gottes gesehen hatte - und das Symbol der Spinne, deren Sternbild über mir im Zenit stand. Beunruhigt von diesen Gedanken, fiel mir das Einschlafen schwer.

Was war das? Ein grünlicher Schimmer zwischen den Bäumen, der mich in seinen Bann zog. Ich konnte mich nicht dagegen wehren, meine Beine bewegten sich wie von selbst, meine Füße schienen nicht mehr den Boden zu berühren. Sie brachten mich zu einem Baum, dessen Stamm die Form eines Gesichts hatte. Aus zwei nebeneinander liegenden Astlöchern drang ein pulsierendes, grünes Leuchten. Dann erklang eine tiefe Stimme, mehr in meinem Kopf als von außen. „Wandle dich, du Diener der Erdgöttin, wandle dich! Nutze deine Gabe!“

Meine Haare wuchsen, mein Kopf verlängerte sich, die Hörner verschwanden, meine Hufe wurden zu Klauen - aber anders als sonst - wuchs ich. Auf vier Beinen rannte ich durch den Wald - unermüdlich. Ich spürte eine unbändige Kraft in mir. Als ich schließlich einen grasbewachsenen Hügel erreicht hatte, stand ich im hellen Lichte Zamas. Ich konnte nicht anders, als ein Heulen ertönen zu lassen.
Ein Wolfstraum.
Ich wurde wach. Ich lag in meinem Zelt, mein Fell war ganz nass. Ich musste stark geschwitzt haben in der Nacht. Das Huhn lag auf meinem Bauch - noch in der gleichen Schockstarre wie am Abend zuvor - seltsam. Es musste ein Traum gewesen sein. Ein Wolfstraum - wie damals als Kind, als ich träumte, mich in ein Eichhörnchen verwandeln zu können. Ich betete an meine Göttin: „O Ianna, ich danke dir für diese reiche Gabe, die du deinem bescheidenen Diener verleihst!“

Meine Gefährten saßen bereits beim Frühstück. Vivana war in eine Decke gehüllt und hatte gerade eine Nießattacke, die gar nicht aufhören wollte.
„Das kommt davon, wenn man einem Barbaren zu nahe kommt“, sagte ich im Spaß - was bei Saradar aber nicht so ankam. Er schien immer noch verärgert von gestern Abend zu sein, denn er ballte seine Faust - und - „Wusch!“ - sie schwang knapp an meiner Nase vorbei. Ein erschrockenes Gackern - ich hatte mein Huhn in meiner Lederrüstung versteckt - es schien aus seinem Schockzustand erwacht zu sein. Ein Ei plumpste mir zwischen die Beine.

Finn: „Au! Spinnst du?“ - Saradar hatte mir im Moment meiner Ablenkung voll auf die Nase gehauen.
„Musst du deine schlechte Laune an mir auslassen!“
Beleidigt verwandelte ich mich in ein Eichhörnchen und suchte das Weite. Das Huhn sprang mir gackernd hinterher. Ich hörte Edwen noch sagen: „Der kommt schon wieder zurück!“

Er hatte natürlich Recht, Faune sind recht schnell, aber nie sehr lange beleidigt. Zum Glück saß ich nicht auf dem gleichen Gespann wie Saradar, dieser launige Möchtegern-Barde.

Jetzt hatte es auch den dritten Novizen, Tolar, erwischt, der mit einer Triefnase hinter mir saß.

„Wir müssten bald da sein, ein Hügel noch!“, rief uns Edwen vom vorderen Wagen zu. Ein Pferd mit zwei Reitern überholte uns. Es waren Tarquan und Vivana, die sich fest umschlungen hielten. Er hatte ihr am Morgen Kräuter gegen ihre Erkältung gebracht und sie schien ihm vergeben zu haben.

Sie hatten Edwen überholt und gerade den Scheitelpunkt des Hügels erreicht, als sich plötzlich Tarquans Pferd aufbäumte und die Reiter fast abwarf. Es wieherte und sträubte sich angsterfüllt.

Der Himmel hatte sich mittlerweile verdunkelt, es sah nach Regen aus.

Auf dem Hügel angekommen, konnte ich endlich sehen, was das Pferd so erschreckt hatte. Auf beiden Seiten des Weges standen Galgen, an denen stark verweste Leichen baumelten.

Saradar: „So verfährt Medea also mit seinen Dieben“, sein Blick streifte Vivana.

Finn: „Wie kommst du drauf, dass es Diebe waren?“

Saradar: „Faun, bist du blind? Ihnen fehlen die Hände!“

Faun: „Aber auch die Zunge, vielleicht waren es ja Magier, Medea ist doch die Hochburg der Alunpriester, die Jagd auf Magier machen.“

Tarquan: „Augen haben sie auch keine mehr - aber waren bestimmt die Krähen!“

Eine dunkle Vorahnung kroch mir ins Herz. Schwarze Wolken verdunkelten die Sonne. Stumm und mit schlimmen Vorahnungen überquerten wir den Hügel.

Als endlich wieder die Sonne durch die Wolken brach, heiterte sich auch unsere Stimmung wieder auf. In der Ferne konnten wir Medea erkennen, die kleine imbrische Stadt mit ihrem Lichttempel. Seine drei Türme wurden in ein blendendes Gelborange getaucht. Im Hintergrund trat der majestätische Mon Alunas aus einem Wolkenschleier hervor. An den Hängen konnte ich zwei der sieben Klöster erkennen, die in verschiedenen Höhen erbaut worden waren und die sieben Stufen der Priesterschaft symbolisierten.

Sonntag, 5. Februar 2017

Abenteuer 4: Des Henkers Braut - Prolog

Es war nicht einfach, das Karawanenlager im Chaos des Nordmarktes wiederzufinden. Wir hatten Tarso Payn, dem Karawanenführer, versprechen müssen, ihm seine Gespanne zurückzubringen. Als wir es nach langwierigem Durchfragen und völlig erschöpft endlich gefunden hatten, stürzte uns Tarso auch schon entgegen: »Ein Glück, ihr lebt! - Da sind ja auch meine Gespanne! - Ich habe schon das Schlimmste befürchtet! - Ihr wart lange weg! - Wir müssen doch nach Süden aufbrechen! - Wolltet ihr nicht diese Novizen nach Medea bringen? - Das liegt aber im Osten! - Sie wollten schon ohne euch aufbrechen! - Jetzt essen sie sich auf meine Kosten die Bäuche fett! - Hätte ich sie doch ziehen lassen! - Aber dann hätten sie wahrscheinlich ihr Ende im Bauch eines Riesentrolls gefunden! - Was für ein Dilemma!«
Tarso Payn, der Karawanenführer.
Tarso war völlig außer Atem nach dieser Tirade. Er keuchte und schnappte nach Luft, seine Lippen waren blau verfärbt. Wir beruhigten ihn und vereinbarten, innerhalb eines Mondes mit ihm nach Süden in Richtung Skilis aufzubrechen. Er gab sich damit zufrieden. Die Novizen und unser Versprechen hatten wir – ehrlich gesagt – völlig vergessen.

Syr Edwen kannte sich in Imbrien aus. Er schätzte, dass wir etwa zwei Tagesreisen bis nach Medea brauchen würden. Medea, die Stadt am Fuße des gewaltigen Mon Alunas, dessen Silhouette Teil des imbrischen Wappens war. Wir würden zwar auf festen Straßen durch Imbrien reisen, er habe aber auch von Räuberbanden gehört, die auf uns lauern könnten.

Tarso hatte uns gebeten, ihm bei den Vorbereitungen für die Rückreise zu helfen. Wir entschieden, unsere Gruppe aufzuteilen. Widun, Anneliese und Tarkin würden zur Unterstützung auf dem Nordmarkt bleiben, der Rest sollte den Novizen als Begleitschutz dienen.

Bis es soweit war, blieben uns einige Tage Zeit, die jeder auf seine Weise nutzte.
Widun freute sich darauf, die Anhängerschaft des Schratenherrn Mnamn unter den Besuchern des Nordmarktes noch weiter zu vergrößern, obwohl er – was er natürlich nie zugeben würde – noch verkatert vom letzten Saufgelage mit Halars Söldnern war.
Anneliese wollte die Zeit nutzen, noch ein wenig bei den Schmuckständen und Talismanhändlern zu stöbern – sie war wie immer auf der Suche nach magischen Artefakten.
Tarkin bot mit leicht zittriger Stimme an, sie in den gefährlichen östlichen Teil des Marktes zu begleiten. Warum war er bloß immer so nervös, wenn er mit der kleinen Koboldmagierin sprach?
Anneliese lieh mir ein Buch über Erdmagie aus und zeigte mir, wie ich meine Aura zum Zaubern nutzen kann: »Ianna ist doch die Erdmutter, sie wird schon nichts dagegen haben, wenn du etwas Erdmagie beherrschst!«
Syr Edwen hatte sich mit einigen der Söldner angefreundet und lernte neue Kampftechniken von ihnen. Der Söldner Mond zeigte ihm den »Todesstoß«, während ihm Zopf demonstrierte, wie ein »heftiger Angriff« ausgeführt wird.
Vivana deckte sich mit seltenen Ingredienzien ein. Sie liebte den Nordmarkt für seine exotischen Krämer. Sie erzählte, dass sie einen alten Giftmischer kennengelernt hatte, der sie jetzt in Giftkunde unterwies und ihr einige neue Rezepte beibrachte. Blieb nur zu hoffen, dass unsere »Giftprinzessin« ihre Talente weiterhin nur bei unseren Feinden einsetzen würde.

Mir war aufgefallen, dass sich der Hügeltroll Urota seit unserem letzten Abenteuer merklich verändert hatte. Er schien wieder gewachsen zu sein und war in-sich-gekehrter als je zuvor. Er verhüllte sich neuerdings mit einer Decke, die jedoch nicht verbergen konnte, dass er eine Art Symbol auf dem Rücken trug. Es war wohl nicht bloß ein Kratzer gewesen, der ihm da von der Trollhexe zugfügt worden war.
Der Barde Saradar hingegen schien sich - bis auf eine große Beule am Kopf und mittlerweile grün verfärbte Blutergüsse an den Rippen - gut erholt zu haben. Seine Kommentare waren wieder bissig wie eh und je.

Die drei Novizen – die tatsächlich etwas zugelegt hatten – wurden schließlich ungeduldig und drängten uns zur Eile: »Der Hohepriester in Medea erwartet uns seit einem Viertelmond! Der altehrwürdige Terek hat uns doch schon mit einer Taube bei ihm angekündigt!«
Syr Edwen beschwichtigte sie mit einem wohlmeinenden Lächeln: »Ihr werdet euren Mon Alunas schon früh genug zu Gesicht bekommen! Wir brechen morgen auf!«
Wir deckten uns am Vorabend noch mit Proviant ein. Alle waren verdutzt, als ich mit einem – lebendigen – Huhn vom Einkauf zurückkam.
Saradar forderte: »Was willst du denn damit? Gib's her, das brat' ich und das ess' ich!«
Urota tropfte der Speichel vom rechten Kinnhauer: »Lecker. Ich Feuer machen!«
Ich musste meinen Neuerwerb verteidigen: »Das habt ihr euch so gedacht. Das ist mein Huhn! Und es wird mir hoffentlich jeden Morgen ein schönes Frühstücksei legen!«
Das Huhn, das wohl die gierigen Blicke des Barbaren und des Trolls richtig zu deuten wusste, verschwand mit einem Gackern unter meiner Lederrüstung.

Sonntag, 29. Januar 2017

Die Trolljagd - Epilog: Das Nachspiel

Schaynwayle, die Stadt der sieben - oder waren es acht? - Paladine, lag schon einige Stunden hinter mir, dennoch ließen mich die dortigen Geschehnisse nicht los. Auf dem Gespann, das uns der Karawanenführer Tarso Payn ausgeliehen hatte, dachte ich über das Erlebte nach: Hügeltrolle, Schattentrolle und Schattentrolle, die sich als Hügeltrolle ausgaben, um im Sonnenlicht zu überleben. Dann natürlich noch Trollgiganten und Trollhexen. Das alles war für mich sehr verwirrend - und brachte mich um den Schlaf. Widun hatte mir deshalb ein grünlich schimmerndes Gebräu namens »Schratenbier mit Schuss« gemischt, daraufhin war es jedoch nur noch schlimmer geworden: in meinen Träumen tanzten die Trolle zu einem hämmernden Trommeln und sangen Lieder in ihrer scheußlichen Sprache. Dieses Trommeln setzte sich als pochender Kopfschmerz nach dem Erwachen fort. Dazu gesellte sich dann noch die holprige Rückfahrt zum Nordmarkt - Faune jammern eben gerne.
Der Markt sah völlig anders aus als beim letzten Mal. Ich konnte nicht verstehen, wie sich die Menschen hier zurechtfinden bei diesem Kommen und Gehen, dem Gewimmel und Gewusel.

Vivana saß neben mir. Mir fiel ein Lederhalsband mit einem Jadeauge auf, das sie neuerdings um den Hals trug. Ich wollte wissen, wo sie es gekauft hatte, doch sie lächelte nur.
 
Vivanas Malefize - 1. Teil
 
»Da hat sich dieser fette Söldner doch tatsächlich eine Belohnung für die Trollteile abgeholt!«, dachte sich die grazile Diebin, als sie beobachtete, wie der Söldner Fass gerade mit einem reichlich gefüllten Sack den Planwagen des Scharlatans Irozan verließ. So würde sie ihn nicht davonkommen lassen. Sie war so in Gedanken, dass sie gar nicht bemerkt hatte, wie hinter ihr ein Trupp Reiter herangeprescht kam. Sie konnte sich gerade noch mit einem eleganten Schwung auf eine Holztreppe retten, bevor sie unter die Hufe geriet. Dann folgte ein schneller Blick in Richtung des Söldners: er stieg eben auf sein geschundenes Pferd und gab ihm die Sporen. Er ritt in vollem Galopp durch das Stadttor und ignorierte die Rufe der Bürger, die sein Rappe fast totgetrampelt hätte.
»Der ist weg! Verdammt!«, fluchte Vivana innerlich.
»Aber was ist das?«, fragte sie sich, als sie den Krämer Irozan mit einer Phiole mit glitzerndem Inhalt wieder in seinem Planwagen verschwinden sah. Sie musste sich das genauer ansehen. Rasch lief sie die Treppe hoch, vorbei an jubelnden Menschen, und sprang vom Treppenabsatz auf die Brüstung der Stadtmauer. Diese tänzelte sie entlang, bis sie auf ein angrenzendes Hausdach hinüberspringen konnte. Fast wäre sie ausgerutscht, doch geschickt gewann sie ihr Gleichgewicht zurück. Vom Giebel aus ließ sie sich auf den obersten Fenstersims herab. Der Planwagen des Krämers befand sich jetzt genau unter ihr. Unbemerkt ließ sie sich auf die Plane fallen und schwang sich in den Wagen hinein. Das war alles so schnell gegangen, dass Irozan davon nichts mitbekommen hatte. Mucksmäuschenstill kauerte sie sich in eine schattige Ecke des Wagens, von der aus sie den Scharlatan gut im Auge behalten konnte.Er hielt sich gerade eine der Phiolen mit Trollblut vor Augen und zeigte sein zahnloses Lächeln. Er murmelte vor sich hin: »Das Trollblut war das einzige, das noch gefehlt hat, jetzt wird er!«, als plötzlich ein Miauen aus der Ecke zu hören war, in der sich die Jujin-Diebin versteckt hielt.
»Rula, wo warst du denn die ganze Zeit?«, hallte Irozans besorgte Frage durch den Wagen. Vivana erschrak innerlich, als plötzlich eine schwarze Katze um ihre Beine strich.
»Jetzt steckt dieser ›Irre Zahn‹ auch noch eine Kerze an, Mist!«, dachte sich die Diebin und sah sich nach einem Ausweg um. Sie war nicht weit vom Ausgang entfernt. Rasch griff sie im Dunkeln noch nach einem Gegenstand, der von einem Regal an der Seite herunterbaumelte und verließ rückwärts robbend den Planwagen.
»Puh, das war knapp«, seufzte sie erleichtert auf, als sie in der Menschenmenge untertauchen konnte. Auf dem Weg zum Rathaus schaute sie sich ihr »Mitbringsel« genauer an: ein Talisman aus Jade - das allsehende Auge Skias, der Göttin der Weisheit. Ein toller Fang! Am Rathaus schloss sich die Eichentür, durch die sie gerade noch hineinschlüpfen konnte, ohne eingeklemmt zu werden - »Was man nicht alles riskiert für eine Handvoll Silberlinge!«, musste sie sich eingestehen.
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Die Söldner, die uns teils geholfen, teils ihr eigenes, undurchschaubares Spiel getrieben hatten, waren schon vor uns zurückgekehrt. Wir hörten das laute Schnalzen von Peitschenhieben, als wir uns ihrem Lager näherten. Auf einem Schemel vor einem der Zelte erkannten wir den Söldner Zopf, der seinen mit Striemen übersäten Rücken mit nassen Tüchern kühlte - das Wasser in der Schüssel vor ihm hatte sich bereits scharlachrot verfärbt. Zopf erzählte uns, dass ihr Anführer Halar von dem geheimen Abkommen der Söldner mit dem Händler Irozan Wind bekommen hatte - und sie für diesen Vertrauensbruch jetzt bluten ließ. Auch das Töten eines Gefangenen - er meinte wohl den Troll, den sie hatten ausbluten lassen - konnte er als unehrenhafte Tat nicht ungestraft durchgehen lassen, sodass er es sich nicht nehmen ließ, selbst die Hiebe auszuteilen. Die Söldner - wir sahen gerade Fass mit seinem blutdurchtränkten Hemd das Lager hustend und blutspuckend verlassen - ließen diese Strafe ohne Gegenwehr über sich ergehen. Nur Zottelbart und der junge Schatten blieben wohl verschont, weil Speer sie vor dem »gerechten, aber harten« Halar in Schutz genommen hatte.
Edwen und ich suchten einen Bogner auf, um uns mit Kurzbögen einzudecken. Ich ließ all meinen - bescheidenen - Charme spielen und konnte tatsächlich einen guten Preis für zwei Bögen und zwanzig Pfeile heraushandeln. Vivana deckte sich mit Vorräten, Fackeln und Phiolen ein. Urota präsentierte uns seine aufpolierten, brandneuen Armschienen. Das Verhandlungsgeschick des Barden schien nach seiner Nahtoderfahrung stark nachgelassen zu haben, da er mit leeren Händen von seinem Rundgang zurückgekehrt war. Allerdings war er wegen des Vorfalls in der Schenke in Schaynwayle sowieso ziemlich pleite; immer noch stieß er unvermittelt Flüche aus wie »Wenn ich diesen Beutelschneider zu fassen kriege! Donner! Donner!«
 
Vivanas Malefize - 2. Teil
 
Vivana hatte einen Schmied aufgesucht, um sich ihren Dolch schleifen zu lassen. Dieser hatte sie als einen der Wohltäter der Stadt erkannt und verlangte keine Gegenleistung.
»Wieder etwas gespart!«, dachte sie sich, als sie die Schmiede verließ. Mit wachem Blick schlenderte sie durch Schaynwayle. Die Oberstadt, die den Edlen vorbehalten war, ließ den Langfinger in ihr immer wieder in Verzückung geraten, doch ihr Verstand erinnerte sie dann jedes Mal nüchtern: »Du brauchst deine Hände noch!«
In der ärmeren Unterstadt fiel ihr ein junger Jujin auf, der pfeifend durch die Gassen lief. Dieser schien bemerkt zu haben, dass sie ihm Beachtung schenkte, und beschleunigte seinen Schritt.
»Ein Spitzbube! Sowas sehe ich auf den ersten Blick«, schoss es ihr durch den Kopf, »mal sehen, was er vorhat.« Sie ließ ihm einen kleinen Vorsprung; er sollte denken, dass sie ihm nicht mehr folgte. Nachdem der Junge um eine Häuserecke gebogen war, versteckte sich Vivana blitzschnell im Schatten einer Hauswand.
»Hab‘ ich mir‘s doch gedacht!«, lobte sie sich selbst, als sie sah, dass der kleine Dieb seinen polierten Dolch wie einen Spiegel benutzte, um zu sehen, ob ihm noch jemand auf den Fersen war. Dann verschwand der Spiegel wieder hinter der Ecke. Sie wartete noch einen Moment länger. Tatsächlich kam er wieder aus der Gasse hervor und ging in eine ganz andere Richtung davon. Er schlich sich zum Hintereingang einer Schenke, über deren Vordertür »Tanzende Maid« zu lesen war.
Aus dem Schatten heraus konnte Vivana beobachten, wie sich der Junge mit einem primitiven Dietrich vergeblich abmühte, die Hintertür zu öffnen.
»So hab‘ ich auch mal angefangen«, dachte sie sich und ein Schmunzeln huschte über ihre Lippen. »Kann ich dir helfen?«, erschreckte sie den kleinen Einbrecher. Der Junge drehte sich wieselflink um und hielt ihr - mit einem leichten Zittern - seinen Dolch entgegen. Vivana dagegen freute sich, dass sie in ein junges Gesicht mit goldgelber Haut und Mandelaugen blickte - ein Gesicht ihres Volkes. Der Junge entspannte sich, als ihm klar wurde, dass es sich bei ihr ebenfalls um eine Vergessene handelte und ließ seinen Dolch sinken.
»Meine Frage war ernst gemeint. Aber, was willst du eigentlich in der Schenke? Du bist doch noch zu jung für Starkbier!«, stellte sie fest.
Der Junge namens Hasabi hatte seine Stimme wiedergefunden:
»Sie lassen mich nicht durch die Vordertür rein. Ich muss aber zu einem Freund, der sich in der Schenke befindet. Ich habe eine wichtige Nachricht für ihn!«
Vivana glaubte ihm und sprach mehr zu sich selbst:
»Wie könnten diese Mandelaugen lügen.«
»Ich zeige dir mal wie das geht - gib mir deinen Dietrich!«, bat sie den kleinen Möchtegern. Nach mehreren raschen Drehungen und einem Klicken sprang die Tür auf.
Ein lautes Grölen drang aus dem Schankraum. Die laute Stimme eines Gjölnars namens Lorik übertönte alle anderen:
»Heh, Khor’Namar, lass uns gemeinsam Saufen und dann unsere Kräfte messen!«
»Danke, hab‘ meinen Freund schon gefunden!«, verabschiedete sich der kleine Dieb lächelnd und ließ die Schenkentür hinter sich ins Schloss fallen.
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Mir war aufgefallen, dass sich Vivana und Tarquan neuerdings aus dem Weg gingen, was da wohl vorgefallen war?
 
Vivanas Malefize - 3. Teil
 
»Dieser Schuft!«, dachte sich Vivana, als sie sich von der Holzbank erhob und in Richtung des Schauspielhauses verschwand. Sie hatte zufällig das Gespräch zwischen Syr Goreck und einer Stadtwache mitbekommen, dass laute Geräusche aus dem Theater kämen. »Wahrscheinlich nur ein Liebespärchen, das sich nach zu viel Wein dort vergnügt!«, meinte Syr Goreck.
Grazil schlüpfte sie durch ein geöffnetes Fenster des Theaters.
»Kein Wunder, dass hier nachts die Fenster offen stehen, sehr heiß und stickig hier drin«, erklärte sich Vivana, wie sie so leicht hineingelangen konnte. Dann hörte sie etwas: rhythmische Geräusche, die durch den geschlossenen Bühnenvorhang drangen. Rasch kletterte sie die Balustrade empor und balancierte auf einem Balken, der bis hinter die Bühne reichte.
»Erwische ich dich etwa auf frischer Tat?«, malte sich Vivana das Schlimmste aus.
Und tatsächlich: da stand er, grinsend, mit aufgeknöpftem Hemd - in Umarmung mit einer bildhübschen blonden Maid, einer Gauklerin ihrer Kleidung nach. Vivana merkte, wie ihr vor Eifersucht das Herz bis zum Hals schlug. Wütend begann sie mit ihren Fäusten auf den Balken unter sich zu trommeln, so laut, dass das Pärchen erschrocken auseinandersprang. Tarquan blickte nach oben; er musste sie erkannt haben, denn er rief:
»Mandeläuglein, bleib stehen - das ist anders als du denkst!«
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Sie hatte uns auch verschwiegen, wie sie in die Hände der Trolle geraten war. Ich vermutete, dass sie vielleicht einen Gedächtnisverlust erlitten hatte - so wie es Edwen und mir ergangen war.
Vivana in den Gassen Schaynwayles.

Vivanas Malefize - 4. Teil
 
»Was sind das für bucklige Gestalten da unten?«, fragte sich Vivana, als sie sich enttäuscht - alleine - auf den Weg zu ihrem Bett in der Gaststätte aufgemacht hatte. Als Jujin-Diebin hatte sie natürlich nicht den »normalen Weg« gewählt, den alle anderen eingeschlagen hatten: Sie sprang von Dach zu Dach. »Trolle!«, stellte sie erschrocken fest.
»Was sind denn das für Exemplare? Die sind blass und haben viel längere Kinnhauer als Hügeltrolle«, fragte sie sich.
Sie beobachtete eine - aufgrund ihres schwankenden Ganges offensichtlich betrunkene - junge Frau durch die Gassen torkeln.
»Oh nein, sie läuft ihnen direkt in die Arme«, befürchtete Vivana. Als die Maid um die Häuserecke bog, wurde sie auch schon von einem Troll geschnappt. Er hielt ihr den Mund zu. »Eklig!«, kommentierte Vivana leise, als der Troll der Frau mit seiner langen Zunge über das Gesicht leckte - dann schleppte er sie fort.
»Du muss ihr doch helfen!«, meldete sich das Gewissen der Diebin. Immer mehr Trolle kamen - wie es schien - aus allen Richtungen auf den Festplatz zu.
»Ach ... du …«, erschauderte Vivana, als sie die beiden Trollgiganten bemerkte, deren Köpfe die Dächer der Häuser deutlich überragten. Sie versteckte sich rasch hinter einem Schornstein und wartete ab, bis die beiden vorbeigezogen waren.
»Jetzt aber schnell!«, trieb sich Vivana an und kam bei ihrer Verfolgung der entführten Frau an zahlreichen Leichen und Blutlachen vorbei. Im Bereich des Flussufers verlor sie die beiden aus den Augen. Dann wurde ihr klar, wo sie verschwunden sein mussten: am Ende einer Steintreppe erkannte sie ein Eisentor.
Ein Mensch hantierte daran herum; er versuchte offensichtlich, das Tor wieder abzuschließen.
»Aber das ist doch« - hatte sie ihn erkannt - »Halef!«
Sie trat ihm entgegen. Er blickte sie mit Augen an, aus denen eine uralte, unheimliche Bosheit sprach. Er flößte ihr eine unbeschreibliche Angst ein - ihre Knie wurden weich. Da schloss sich auch schon von hinten ein blasser Trollarm um ihren Hals und sie verlor das Bewusstsein.
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Ich leckte meine Wunden, wie ich das immer nach einem überstandenen Abenteuer mache, und sehnte mich nach ruhigeren Tagen in Tarsos Karawane.

Die Trolljagd - Kapitel 11: Ein Opfer des Hochmuts

Wir folgten unserem Mortarax gerade noch einmal entkommenen Gefährten durch die Tür. Tarkin machte uns Licht: ein hoher, rechteckiger Raum mit einem gewaltigen Tor auf der gegenüberliegenden Seite. Das Tor wurde flankiert von zwei Podesten, auf denen Kupferschüsseln befestigt waren. Auf ihnen erkannte ich wieder Spinnen- und Mondsymbole. Das Tor selbst bestand aus massiver Eiche und war fest verriegelt, das bekam selbst unser Troll nicht auf. Im Fackelschein sahen wir auf seiner Oberfläche schwarze, zum Teil schon wieder abgebröckelte Runen: ein Wort auf Trollgar. Wir schauten Urota an, der jedoch nur mit den Schultern zuckte. Bei den Trollen können wohl nur die Hexen lesen und schreiben.
Mit Trollblut geschriebene Trollrunen.

Widun hatte sich schon einmal mit Trollrunen befasst und erklärte sie mir: „Der nach oben offene Keil ist ein U, das Zeichen darunter ein F, der nach rechts offene Keil - ein C oder K, dann das Dreieck - ein A, dann folgen ein R und schließlich wieder ein Dreieck - also ein A - macht zusammen UFCARA. Eigentlich ganz einfach. Urota, weißt du, was das bedeutet?“

Urota nickte: „Bedeuten: Opfer machen!“

Widun sah uns fragend an: „Aber wen sollen wir opfern?“

Alle schauten betreten unter sich, außer Saradar, der irgendetwas Unverständliches wie „ene, mene …“ murmelte und nacheinander mit seinem Finger auf jeden Einzelnen - außer sich selbst - zeigte.


Nach langen Überlegungen kam ich auf eine mögliche Lösung. Das Wort wurde mit Trollblut geschrieben und neben dem Tor standen zwei Schüsseln: „Nicht wen, sondern was! - Urota, du musst etwas von deinem Blut in die Opferschalen geben!“

Unser Hügeltroll zögerte nicht lange und hielt mir seine Hand hin. Ein kleiner Schnitt mit meinem Dolch und er blutete aus der Handfläche. Er ließ etwas Blut in beide Schalen tropfen. Wir hörten, wie ein Mechanismus aktiviert wurde und das Tor öffnete sich mit einem lauten Knarren.

Ehrfurchtsvoll blickten wir in die dahinterliegende riesige Höhle, der Fackelschein reichte gar nicht aus, als dass wir ihr Ende hätten sehen können. Zu beiden Seiten standen hölzerne Gestelle . Bei genauer Betrachtung wurde mir klar, dass es sich dabei wohl um die Schlafgelegenheiten der Schattentrolle handelte. Das mussten tausende sein! Zu unserem Glück war die Halle "trollleer". Wir durchquerten sie so leise und vorsichtig wie möglich und konnten schließlich am Ende mehrere riesige Käfige erkennen. Darin befanden sich Skelette; an einigen Knochen hingen noch Fleischfetzen. Da lagen auch gewaltige Ketten am Boden; hier wurden scheinbar die Trollgiganten gehalten. Bis auf ein paar Stofffetzen und vergammeltes Essen fanden wir jedoch weiter nichts in der Höhle.

Wir verließen die Höhle durch einen Seiteneingang und standen plötzlich vor einem Abgrund, über den lediglich ein paar Holzbretter gelegt worden waren.

Vivana antwortete instinktiv: „Das riecht förmlich nach einer Falle.“

Saradar sah das ganz anders: „Ach Quatsch, wir gehen vorwärts!“

Einer nach dem anderen folgten wir unserem furchtlosen Barden. Plötzlich wurde uns klar, dass wir uns mitten auf einer Art Felseninsel befanden - umgeben von einem tiefen Abgrund. Auf der anderen Seite lagen ebenfalls ein paar Bretter, die die Schlucht überbrückten. Vivana hatte Recht gehabt - eine Falle! Da waren zwei angemalte Schattentrolle auf der Felseninsel. Sie stießen die Bretter auf beiden Seiten in die Tiefe - wir saßen fest! Dann auch noch ein Luftzug - unsere Fackel loderte noch einmal kurz auf, um dann endgültig zu erlöschen. Das Lachen der Trolle hallte uns entgegen - sie kamen näher. Als Tarkin die Fackel wieder entfachen konnte, kriegten sie plötzlich Angst und versuchten, über die Schlucht zu springen. Einer prallte gegen die gegenüberliegende Felswand, konnte sich nicht festhalten und stürzte mit einem Stöhnen in die Tiefe. Der zweite Troll war erfolgreicher und hielt sich gerade noch so am Felsrand fest.

Vivana war sauer: „Ich hab es euch doch gesagt, eine Falle, war ja offensichtlich - aber auf mich hört ja keiner - alle marschieren sie unserem waghalsigen Barden hinterher wie Freitodwühler.“

Wir tasteten herum - da schienen umgestürzte Säulen zu sein; wir waren uns aber nicht sicher, ob wir mit ihnen über den Abgrund gelangen könnten.
Meine Bohne regte sich. Ich warf sie zu Boden und bat meine Göttin, eine Ranke aus ihr wachsen zu lassen. Ich konnte mit ansehen, wie aus der Bohne zunächst ein weißer Keimling spross, der dann in die Länge wuchs und sich verzweigte. Die Fasern wanden und verdrillten sich ineinander, bis schließlich eine dicke Ranke in die Höhe wuchs, an der wir hochklettern konnten. Wir gelangten so an eine Brücke, die oberhalb des Runentors über die Schlucht führte. Urota war als erster oben angelangt und zog uns nacheinander von der Ranke auf die Brücke. Dann schrumpfte meine Bohnenpflanze wieder in sich zusammen und flog mir in hohem Bogen in die geöffneten Hände.

An das gegenüberliegende Ende der Brücke schloss sich ein Durchgang an, von dem ein blasser Schimmer ausging - in der Ferne konnte ich huschende Schatten erkennen; ich vermutete, dass es sich um fliehende Trolle handelte. Es war hier so dunkel, dass man kaum die Hand vor Augen sehen konnte. Urota ging voraus. Ungefähr in der Mitte der Brücke hielt er unvermittelt an.

Urota flüsterte: "Feind!"

Ein durchdringendes Lachen erschallte plötzlich - eines, das mich in meine Albträume verfolgen würde. Wir wussten, wer uns da erwartete - es war Ratura.
Im blassen Fackelschein sahen wir den Trollberserker, wie er sich breitbeinig auf der schmalen Brücke in Position brachte, um uns den Weg zu versperren. Er schwang seine riesige dornenbewehrte Holzkeule dabei auf und ab.

Höhnisch rief er Urota etwas zu, das so klang wie „Di meks dukam kurbä rer, Waräsar!“.
Urota erwiderte ihm drohend: „Ik karam di sus!“

Auge in Auge standen sich die beiden Trolle gegenüber. Ratura schien sich sicher zu sein, dass er einen nach dem anderen von der Brücke werfen könnte. Doch er hatte die Rechnung ohne Mnamn gemacht: Widun betete an seinen Gott - und Ratura begann wieder zu lachen.
Diesmal aber nicht höhnisch, sondern es hörte sich richtig herzhaft an - er konnte gar nicht aufhören damit und schüttelte sich richtig vor Lachen. Urota nutzte die Gelegenheit - und stieß ihn einfach von der Brücke. Aber nicht, ohne ihm vorher noch seine Dornenkeule abgenommen zu haben.
Ungläubig hörten wir, wie er im Fallen immer noch weiter lachte. Es wurde immer leiser - und schließlich verstummten auch die Echos.

Saradar freute sich: „Na, den sind wir los!“

Vivana zweifelte: „Bei dem wäre ich mir da nicht so sicher …“

Ein kleines Problem blieb noch: Wie kamen wir hier wieder raus? Der Ausgang auf der anderen Seite war verbarrikadiert, wie wir resigniert feststellen mussten. Auch das noch: Unsere letzte Fackel war erloschen, jetzt standen wir da in absoluter Finsternis. Nachdem sich meine Augen an die Dunkelheit gewöhnt hatten, fiel mir ein blasser Schimmer an der Höhlendecke auf.

„Mein Böhnchen, auf ein Neues!“ - Ianna sei Dank wuchs sie wieder empor und diente uns schließlich als Leiter, um an die Decke zu gelangen. Da war tatsächlich ein Loch - und es schimmerte Tageslicht herein! Wir begannen zu graben - und mussten zu unserer Verwunderung feststellen, dass uns scheinbar jemand aus der anderen Richtung entgegen grub. Dann wurde es plötzlich richtig hell - und wir erkannten, wer da gebuddelt hatte. Nein, kein Maulwurf - es war Pferd!

Er reichte Vivana die Hand und half ihr nach oben: „Na, du hättest ja nicht gleich im Erdboden verschwinden müssen, nur weil ich meine Halbschwester umarmt habe!“

Sie ließen uns ein Seil herab, an dem wir und schließlich alle wieder ans Tageslicht ziehen konnten. Meine Zauberbohne verschwand wieder in ihrem Leinenbeutel.

Zu unserem Erstaunen fanden wir uns auf dem Grabhügel von Schaynwayl wieder. Die Statue des achten Paladins, der dem Alun-Priester nach von einem Feuerdrachen in Asche verwandelt wurde, leuchtete grell in der Abendsonne.

Tarquan berichtete: „Ich habe gehört, dass ihr einen Auftrag des Mortarax-Dieners angenommen habt, außerdem war Vivana plötzlich wie vom Erdboden verschwunden. Da habe ich mich auf die Suche gemacht. War schon eine Überraschung, als ich plötzlich dieses scharrende Geräusch hier gehört habe, dachte schon, es gibt hier Ghule, aber die lassen sich ja nur nachts blicken.“

Widun fragte: „Aber hast du vielleicht hier irgendwelche Trolle gesehen?“

Tarquan nickte: „Allerdings, auf der Straße nach Südosten habe ich zehn voll mit Tonkrügen beladene Wagen gesehen, die von hunderten grün bemalter Trolle gezogen wurden. Die hatten es sehr eilig, wollten glaube ich den imbrischen Soldaten aus dem Weg gehen. Was mir aufgefallen ist: Da war auch ein Mensch darunter - ich glaube, dass das dieser Händler war, den ihr vor den Trollen gerettet habt!“

Widun war überrascht: „Halef? Aber warum in Mnamns Namen sollte er jetzt mit ihnen gemeinsame Sache machen?“

Noch lange beschäftigten uns diese Gedanken. Widun hatte unterdessen dem Totendiener Doryth die Überreste der Paladine übergeben, der sich dafür bei ihm nur mit einem schlichten Nicken bedankt habe. Widun musste zugeben: „Na ja, von den Mumien ist ja nur eine halbverweste Hand übrig geblieben.“

Wir begaben uns in die Stadt, wo wir von Lord Goreck empfangen wurden. Wir berichteten ihm von den Vorkommnissen und erhielten eine erneute Belohnung. Er versprach, die nach dem Trollangriff der letzten Nacht noch erschöpften Soldaten hinter den Trollen her zu schicken.

Syr Goreck überreichte uns ein Bündel Schriftrollen: "Nehmt diese versiegelten Schreiben mit und händigt sie persönlich an die Stadtherren aus, denen ihr auf eurer Reise begegnet. Sie enthalten eine Warnung vor den Schattentrollen. Wir wissen nicht, was sie noch weiter vorhaben. Sie sollen euch 20 Silberlinge dafür geben."

Das war dann wohl das Ende der Trolljagd - zumindest für uns.