Sonntag, 4. August 2019

Frostreich-Kampagne - Abenteuer 6: Kalte Brise - Prolog

Die Ereignisse auf der Regenburg hatten uns in eine brenzlige Lage gebracht. Wir standen unter Verdacht, für den Tod des Hochfürsten verantwortlich zu sein. Sicherlich würde uns Aschantus auch für die anderen Morde zur Rechenschaft ziehen wollen. Wir waren zutiefst bestürzt über Syr Wunnars Brief, in dem er seine Motive dargelegt hatte. Keiner von uns hätte je den liebenswürdigen, gemächlichen ehemaligen Hauptmann von Chiram und Ausbilder auf der Wegburg mit den Morden in Verbindung gebracht. Er hatte uns benutzt wie Gliederpuppen, als Werkzeug seiner Rache.
Saradar schüttelte immer noch den Kopf: »Das kann alles nicht wahr sein, er hatte das Herz eines wahren Kriegers, noch nie habe ich mich in jemandem so getäuscht!«
Maluna warf ein: »Ich kannte ihn nicht gut. Aber so wie er schreibt, war er innerlich zerrissen. Wie in seiner Flasche kämpften zwei Seiten in ihm, eine, die immer das richtige tun wollte und sich für die Bedrohten und Hilflosen einsetzte und eine, die nach Rache dürstete.«

Ein salziger Wind blies uns von der Martossbucht in die Gesichter und verwehte vorerst die dunklen Gedanken. Wir ließen unseren Blick schweifen über die Weite und das tiefe Blau der See. Die Mannschaft der »Sturmkönigin« hatte sich am Kai versammelt. Auch Galinea und ein weiteres Mitglied der »Roten Klingen« hatten sich zu uns gesellt.
Die stolze Kogge war bis auf die Waren von den Langbooten beladen und der walrossbärtige Kapitän trat vor, um uns zu mustern.
Der Seemann Inisch trat zu ihm und stellte uns vor.
»Nun denn«, begann der Kapitän mit zweifelndem Blick in die Runde.
»Ihr seid ein ungewöhnlicher Anblick, ›Bund aus Blut und Feuer‹, aber vielleicht seid ihr Landratten doch für etwas zu gebrauchen. Tretet nacheinander vor, sagt mir euren Namen und erzählt mir, welche Fertigkeiten ihr besitzt und womit ihr bisher euer Auskommen verdient habt. Zusammen mit meinem Maat Dugan werde ich dann entscheiden, wen ich mitnehme und wofür ich ihn auf dem Schiff einsetzen werde!«
Der Maat machte ein Handzeichen, dass Saradar vortreten sollte.
Der Kapitän sprach ihn an: »Mann aus dem Norden, erzählt mir Eure Geschichte!«
Saradar verbeugte sich und sprach: »Ich bin ein Barde und kann für Unterhaltung sorgen, sodass die Fahrt nicht langweilig wird.«
Der Kapitän schüttelte mit dem Kopf: »Auf See brauche ich meine Ruhe! Ein Barde ohne Instrument, dass ich nicht lache! Aber Ihr habt starke Arme, wie der Troll da drüben!«
Er wandte sich an seinen Maat: »Die beiden können an die Ruder und mit den Staken das Schiff von den Felsen fernhalten. Auch beim Lichten des Ankers und beim Segelsetzen können wir sie gebrauchen!«
Der Maat blickte den Hügeltroll ungläubig an, Saradar klopfte Urota auf die Schulter: »Er schafft das schon!«
Der Kapitan bückte sich, sodass sein Bart den Boden berührte.
»Und Ihr, kleine Lady, was soll ich mit Euch anfangen?«
Anneliese bot sich an, in der Kombüse zu helfen.
»Einverstanden, Ihr könnt Inisch, unserem Smutje, beim Knollenschälen zur Hand gehen!«
Jetzt trat Widun vor: »Ich bin ein Halbschrat und kann mich um die Getränkevorräte kümmern...«
»Das glaube ich! Ihr Halbschrate seid für Euren großen Durst bekannt!«, lachte der Kapitän.
»Ich meine natürlich, dass ich als Wanderprediger des Mnamn darum beten werde, dass die Vorräte nie ausgehen! Ansonsten war ich noch nie auf einem Schiff und kann nicht sagen, wie weit sein Einfluss auf dem Wasser reicht, immerhin ist es ja auch eine Flüssigkeit!«
»Gut, ich mach Euch zum Proviantmeister, Ihr kümmert Euch um den Rum und die Essensvorräte! Aber übertreibt es nicht mit den Rationen, ein Beutel Rum oder Wein pro Tag muss reichen!«
Widun nickte: »Das kriege ich hin! Ich werde die Vorräte gleich in Augenschein nehmen und einen Segen sprechen.«
Jetzt trat Tarkin vor: »Ich bin SYR Tarkin, der beste Koboldkämpfer und helfe, wo ich kann!«
Der Kapitän zuckte mit den Schultern und kratzte sich am Kopf.
»Backbord ist ein Loch, das muss kalfatert werden! Kobolde können gemeinhin gut klettern. Ihr werdet das Krähennest besetzen!«
Dann war es an mir vorzutreten, Haldarts Blick fiel sofort auf meine behuften Beine.
»Ihr seid ein Faun, nicht wahr? Könnt Ihr Euch überhaupt auf einem schwankenden Deck halten, oder muss ich immer Angst haben, dass Ihr mir ins Wasser fallt?«
»Mein Name ist Finn, ich bin ein Druide der Ianna und Chronist der Gruppe!«
»Ein Schreiberling also? Dann könnt Ihr dabei helfen, die Ladung zu löschen, also alle Waren zählen und dann Dugan berichten!«
Jetzt sprang Freya nach vorne, so plötzlich, dass sich der Kapitän erschreckte.
»Ich hab' doch schon genug Ratten an Bord! Was soll ich mit einem Wichtel anfangen? Ihr habt doch nur Unfug im Sinn!«
Saradar ergriff das Wort: »Mit ihr kann man prima Löcher stopfen!«
Freya war entrüstet: »Ich bin keine Ratte! Ich bin eine Alunpriesterin, bin klein und kompakt und kann Kranke heilen!«
Der Kapitän lenkte ein: »Nun gut, wenn einer krank wird, kümmert Ihr Euch um ihn, aber seht zu, dass ihr meinem Kater aus dem Weg geht! Fangt doch direkt mit dieser da an!«
Er zeigte auf Vivana, die immer noch bewusstlos auf Tarquans Schoß lag.
»Bringt sie in eine Kajüte, bis sie wieder ganz bei sich ist!«
Freya nickte und folgte Tarquan, der Vivana auf seinen Armen trug, unter Deck.
Jetzt war Edwen an der Reihe.
»Ich bin ein freier Ritter und kenne mich mit Waffen aus!«
»Ihr mache Euch zum Waffenmeister. Ihr schaut nach der Balliste und kümmert Euch um die Schwerter.«
Er winkte ihn zu sich und flüsterte ihm etwas ins Ohr.
Als Edwen mit dem Kopf schüttelte, erhob der Kapitän seine Stimme, während er mit einem Finger auf Pferd zeigte, der gerade wieder an Deck gekommen war.
»Jetzt kann ich mich an Euch erinnern! Ihr wart einer der Piraten, die damals meine Handelsgalleone überfallen haben! Euch werde ich bestimmt nicht mitnehmen!«
Tarquan erwiderte trotzig: »Ich werde Vivana nicht von der Seite weichen!«
Edwen ergriff das Wort: »Ohne unsere Gefährten werden wir sicher nicht mit Euch fahren! Dann müsst Ihr Euch jemand anderen suchen! Tarquan hat uns stets unterstützt, gesteht ihm einen Sinneswandel zu, er hat sich von den Söldnern und Piraten freigekauft!«
Der askalonische Ritter hatte den Kapitän wohl überzeugen können.
»Wenn Ihr das sagt, Ritter. Gut, er darf mit! Er bekommt aber keine Waffe und Ihr seid für ihn verantwortlich! Der Einäugige soll jeden Tag Fische fangen und die Netze ausbessern!«
Als der Blick des Kapitäns auf Maluna fiel, die sich die ganze Zeit im Hintergrund aufgehalten hatte, musste er seine Mütze abnehmen und sich kurz damit Luft zufächeln. Er grinste als er anmerkte: »Euch nehme ich auf jeden Fall mit, und sei es als Galleonsfigur!«
Myk trat vor: »Was soll ich machen?«
Haldart überlegte nicht lange: »Du wirst unser Schiffsjunge und gehst dahin, wo gerade Hilfe gebraucht wird!«

Galinea stellte sich und ihren Begleiter vor: »Ich bin Galinea, die Anführerin der ›Roten Klingen‹, und das ist Ardak, der ›schwarze Ritter‹, mein Leibwächter! Wir sind Kämpfer für die gerechte Sache und begleiten den ›Bund aus Blut und Feuer‹!«
»Kämpfer können wir gebrauchen, aber ihr müsst euch auch die Hände schmutzig machen, sonst kann ich euch nicht mitnehmen.«

Er stellte uns den Rest seiner Mannschaft vor, Inisch, den Smutje, und Haab, den Matrosen, hatten wir bereits kennengelernt.
»Das ist Kairn, der Steuermann!«
Er zeigte auf einen Mann, dessen Blick in der Ferne schweifte und der etwas abwesend wirkte.
»Trelan, mein Schatzmeister. Dugan, mein erster Maat, er wird auch ›der Rote‹ genannt und ist für seine schlechten Scherze berüchtigt.«

Jetzt hatte ein dicker Kater seinen Austritt: Er kam aus der Kapitänskajüte stolziert, trug eine Augenklappe, eines seiner Ohren war verkrüppelt, als Ausgleich hatte er jedoch so buschige Schnurrhaare, dass sie dem Bart des Kapitäns kaum nachstanden. Er blickte an Haldart hoch, schnurrte und wedelte mit seinem Stummelschwanz. Dieser bückte sich, nahm ihn auf den Arm und begann sofort, ihn ausgiebig zu streicheln.
»Und nicht zu vergessen: Zeiselbart, mein Kater!«

Freya kletterte an Deck: »Ich brauche frisches Wasser für Vivana! Ich kann ihr doch keinen Rum einflößen!«
Haldart nickte: »Stimmt, das hätte ich fast vergessen. Wir müssen unsere Frischwasservorräte auffüllen! Kairn, nimm dir zwei der Gestalten mit und füllt die Fässer an der Quelle des kleinen Baches!«

Kairn wurde von Saradar und Tarkin begleitet, der Rest sollte die Langboote entladen. Meine Aufgabe war es, die Waren zu registrieren. Ich saß auf der Reling und notierte die Mengen an Schiffswolle und Wein, die an Bord befördert wurden.
Widun schien lange nichts mehr »Richtiges« getrunken zu haben, so wie er über die Planken wankte. Dann passierte es, beim Hochrollen eines Weinfasses verlor er das Gleichgewicht und plumpste ins Wasser. Triefend bat er, in den Lagerraum gehen zu dürfen, um den Wein zu segnen.

Als Saradar und Tarkin mit den Wasserfässern zurückkehrten, zeigte uns der Kobold ein Ei, das Saradars Wiesel unterwegs gefunden hatte.
»Saradar wollte es sofort ausschlürfen, doch ich würde es gerne ausbrüten!«
»Da oben in deinem Krähennest?«, lachte Saradar.
Maluna war begeistert: »Seht ihr die bunten Punkte auf seiner Oberfläche. Das steckt bestimmt ein ganz besonderer Vogel drin!«
Sie hatte sich zum Kobold runtergebeugt und dieser nutzte die Gelegenheit, der Feueralwe das Ei zwischen die Brüste zu stecken: »Da ist's schön heiß!«
Maluna lachte: »Der heißt dann aber Hühnerbrust!«

Als die Arbeit beendet war, erklärte der Kapitän, dass wir bei Morgengrauen in See stechen würden. Wir konnten uns aussuchen, ob wie im Schiffsrumpf, an Deck oder an Land übernachten wollten.
Die meisten entschieden sich, die Nacht vor dem Aufbruch an Land zu verbringen. Tarkin und Urota übernahmen die erste Wache, während ich mit Edwen die zweite übernehmen wollte.

Urotas Wache
Urota schreckte auf, er hatte ein Geräusch vernommen. In der Finsternis konnte er den eleganten, haarigen Umriss des Wiesels erkennen, das etwas entdeckt zu haben schien. Radaras fauchte plötzlich, eine Ratte? Urota Augen wollten gerade wieder zufallen, als sie ein sanftes, bläuliches Leuchten bemerkten, dass sich geschickt einen Weg zwischen den Schlafdecken am Boden suchte. Das Wiesel hatte sich jetzt vollkommen aufgerichtet und sprang dem leuchtenden Etwas zähnefletschend entgegen, nur um im nächsten Moment abrupt stehenzubleiben und sich unter Saradars Decke zu verkriechen. Urota erhob sich und schaute genauer hin. Er erkannte ein winziges, zartes Wesen, das nur aus blauem Licht zu bestehen schien. Flügelschlagend hielt es sich in der Luft. Nie zuvor hatte der Troll eine solche Anmut gesehen. Ganz vorsichtig bewegte sich das Wesen auf Anneliese zu, ein glitzernder Schweif zeichnete ihre Strecke nach. Behutsam berührte sie Annelieses Wange und streichelte sie vorsichtig. Die Koboldmagierin gab einen Seufzer von sich und öffnete schlagartig die Augen. Erschrocken wich das fliegende Wesen ein paar Schritt zurück, doch Anneliese versuchte es zu besänftigen und streckte ihm ihre Hand entgegen.
Die blaue Fee.
»Hallo, kleine Fee«, begrüßte sie das magische Wesen. Und tatsächlich kam die Fee näher und berührte Annelieses Zeigefinger. Bläuliche Funken sprühten in die Luft und Urota meinte, kurz ein bläuliches Schimmern gesehen zu haben, das von Anneliese ausging. Es schien eine Ewigkeit zu dauern, bis sich die Fee von Annelieses Finger löste und in kleiner werdenden Kreisen um die Koboldin herumflog. Dann setzte sie sich auf Annelieses Schulter und schmiegte sich an deren Mütze. Sie schien müde zu sein. Die Magierin nahm ihre Mütze ab und bereitete der Fee damit ein Bett. Länger konnte auch Urota seine Augen nicht mehr offenhalten und fiel in einen tiefen, von lautem Schnarchen begleiteten, Schlaf.

Samstag, 16. März 2019

Der letzte Tanz - Epilog

Auf zwei Langbooten schossen wir über den Fluss Regenarm. Die in fahles Licht getauchte Burgenstadt Regenfels lag hinter uns. Dunkle Wolken am Himmel, links und rechts zogen am Ufer Büsche und Sträucher vorbei. Die Ruderer hatten sich in die Riemen gelegt, darunter waren auch Saradar, Widun und Edwen. Anneliese, Freya und ich waren – wegen unserer zu kurzen Arme – vom Ruderdienst befreit. In unserem Boot saß ein mir unbekannter Mann, er war klein, hatte einen buschigen Schnauzbart und ebensolche Augenbrauen. Er gab die Befehle.
Im anderen Boot versuchten Urota und Maluna den Rhythmus zu halten, den Tarkin mit seinen Kommandos vorgab. Dies missfiel offensichtlich dem hünenhaften Kerl, der mit im Boot saß.
»Hier gebe immer noch ich die Kommandos, Kobold!«, maßregelte er ihn mit undeutlicher Stimme, da er ein langes Entermesser zwischen den Zähnen hatte.
Von der Statur her erinnerte er an Saradar. Mir fiel auf, dass er zahlreiche offene Wunden am Körper hatte. Litt er an irgendeiner Krankheit?
Ganz vorne saß doch tatsächlich Myk, der Knappe. Wie kam er denn hierher?
Tarquan hatte Vivana auf seinem Schoss liegen, sie hatte die Augen immer noch geschlossen – aber der Bund aus Blut & Feuer war wieder vollzählig – und – so wie es aussah – auf der Flucht!

Wir kamen an eine Stromschnelle, die die ganze Aufmerksamkeit der Ruderer erforderte. Das Wasser des tosenden Flusses spritzte in die Boote und ließ mich mit einem nassen Fell zurück. Jetzt hatte sich der Fluss wieder beruhigt und die Strömung war so schnell, dass die Ruder eingeholt werden konnten. Das Rauschen des Flusses hatte eine trügerisch friedliche Wirkung.

Ich tippte Edwen auf die Schulter und bat ihn zu erzählen, wie es ihm ergangen war und wie wir in die Boote gekommen waren, da ich ja eine Erinnerungslücke für die Ereignisse nach meinem Sprung in das schwarze Loch hatte. Edwen räusperte sich und begann in gedämpfter Stimme mit seiner Geschichte:

»Wie Du weißt, bin ich zurückgeblieben, um dem kranken Toran zu helfen. Ich half Gulim und der Magd dabei, ihm neue Wickel anzulegen, wenn er wieder einmal ein Delirium hatte. Er sprach dann wirr, ›tausend Augen‹, ›viele Gesichter‹ und ›Spinnen‹ kamen oft in seinen Fieberträumen vor. Es war furchtbar, meinen alten Weggefährten so leiden zu sehen. Aber Gulim gab die Hoffnung nicht auf. Er sei so schwer verwundet gewesen, dass es trotz der besten Heilkräuter noch eine ganze Weile dauern würde, bis er sich vollständig erholt hätte. Unterdessen war sein Bruder, Syr Benesch, erwacht und berichtete mir, was er im Grünen Kessel erlebt hatte. Er bezeichnete Toran als Hitzkopf, weil er das Leben seiner Männer aufs Spiel gesetzt habe, um ihn zu befreien. Er müsse noch viel lernen, bevor er ein richtiger Anführer sei, dankte mir aber, dass ich solange auf ihn aufgepasst hatte. Ich erfuhr auch, dass die Tekk Taraxhall nach der Eroberung besetzt hielten, was für sie sehr untypisch sei. Normalerweise würden sie die Menschen entführen und die Siedlungen niederbrennen. Erwähnenswert ist auch der Vorfall mit den Rittern vom Regenfels und dem Trupp Imbrier, die Syr Madhur festnehmen wollten. Zum Glück kam es zu keinem Blutvergießen und er ist mit einem Trupp Getreuer davongeritten in Richtung Grüner Kessel. Ich erfuhr von den Imbriern, dass Syr Xardrus ermordet wurde und Syr Madhur in Verdacht steht, die Strippen zu ziehen. Syr Benesch erschien auf der Burgmauer. Ihm als Führer der ersten imbrischen Armee und Lichtbringer beugten alle ihr Haupt. Er entkräftete die Auseinandersetzung zwischen den askalonischen und imbrischen Rittern, konnte aber nicht verhindern, dass ein Trupp imbrischer Soldaten Syr Madhur und seinen Mannen hinterherjagte. Ich entschied mich, die Ritter vom Regenfels zu begleiten, um mich euch wieder anzuschließen. Toran wusste ich bei Gulim in guten Händen. Als wir die beeindruckende Burg erreichten – ich hatte sie nur einmal als Kind besucht und fand sie genauso faszinierend wie damals – war ich überrascht, dass sie eine Ausgangssperre verhängt hatten. Wir kamen rein, aber keiner durfte raus. Auf dem Weg zur Inneren Burg traf ich auf Syr Aschantus, der mich nach Madhur befragte. Ich erzählte ihm, was ich mitbekommen hatte. Er schickte mich in ein Gasthaus, das aber mehr wie ein Gefängnis auf mich wirkte. Ich machte es zwei Männern nach, die ebenfalls wieder aus dem bewachten Gasthaus entschlüpft waren und folgte ihnen bis an einen der Wasserkanäle, wo sie Waren in Langboote verluden. Das waren eben jene beiden, die uns jetzt helfen. Sie hatten keine Zeit bis zur Aufhebung der Ausgangssperre zu warten, da sie für einen Händler Waren aus der Stadt bis zu einem Schiff in der Martoss-Bucht bringen müssen. Ich machte mich auf die Suche nach euch und da kam mir dieser Knappe entgegen, der mir alles erzählte. Er war nicht in die Waffenkammer gegangen, wie ihr ihm aufgetragen hattet, sondern hatte heimlich Syr Aschantus belauscht, wie er seinen Leuten den Befehl gab, den ›Bund aus Blut & Feuer‹ zu verhaften. Ich versuchte mit ihm entlang eines Wasserkanals zur Inneren Burg zu gelangen und …. da kamt ihr mir entgegengeschwommen – die meisten zumindest. Während ich dich rausfischen konnte, schaffte es Maluna gerade noch, Urota aus dem Wasser zu ziehen. Trolle können wohl nicht schwimmen.«
Das andere Boot war direkt neben uns – Urota hatte – wie die anderen auch – Edwen aufmerksam zugehört und grunzte, »Ritter in Eisenrüstung auch nicht!«, während er leicht an unserem Boot wackelte und Saradar zu dem Notruf »Rettet unsere Seelen!« veranlasste.
»Auf jeden Fall haben uns Inisch«, der bärtige Mann drehte sich um und nickte mir freundlich zu, »und Haab, der Halbgjölnar da drüben, mitgenommen. Ihr Kapitän sucht ein paar tüchtige Seeleute.«

Wir trieben eine Weile so dahin und nur ab und zu mussten die Ruder eingesetzt werden, um uns von den Felsen am westlichen Ufer weg zu bringen. Die Ostseite wurde von einem dunklen Wald gesäumt, dessen knorrige Äste und Zweige weit über den Fluss ragten. Nur ab und zu wurde er von einer lichten Stelle unterbrochen, an der ein Bach in den Regenarm mündete. Inisch erhob irgendwann seine Stimme: »Wir kommen bald an eine Stelle, an der wir anlanden müssen, weil der Fluss sich plötzlich zu einem kleinen See verbreitert und das Wasser zu seicht wird für die Boote. Macht euch auf nasse Füße gefasst!«

Der Fluss machte einen Bogen und im Scheine Zamas erkannten wir bereits von weitem die angekündigte Furt. Maluna hob die Hand, sie hatte etwas gehört: »Ich höre Hufschlag!«
Tarquan nickte: »Ja, das sind ein halbes Dutzend Pferde – Dreischlag mit Pause – sie reiten im Galopp!«
Inisch trieb uns an: »Erhöht die Schlagzahl. Wer weiß wer das ist, vielleicht eine Räuberbande! Wir müssen versuchen, vor ihnen an der Furt zu sein und schnell übersetzen!«
Die Ruderer gaben ihr bestes, und tatsächlich schafften wir es, weit vor dem Reitertrupp anzukommen. Die Pferde waren in den Trab zurückgefallen und der vorderste Reiter rief nach uns. Es war eine Frauenstimme, wir konnten nicht verstehen, was sie rief, doch wir erkannten, dass es die Stimme von Galinea war. Wir entschlossen, sie herankommen zu lassen. Die Anführerin stieg von ihrem Pferd und ging auf uns zu. Im Mondlicht konnte ich ihren Gesichtsausdruck erkennen, der freundlich wirkte: »Braucht ihr Hilfe?«
Sie nickte ihren Männern zu, die ebenfalls von ihren Pferden abstiegen und uns beim Tragen der Langboote halfen.
»Ihr seid Torans Freunde, also auch meine Freunde. In Regenfels suchen sie nach euch, aber das wisst ihr ja offensichtlich. Ich schicke ein paar Männer los, damit sie eine falsche Fährte für die imperialen Soldaten legen. Ich soll auf euch aufpassen. Euer Freund Lyr wird auch mitkommen.«
Auch zwei weitere ihrer Männer stiegen in die Boote. Die Seeleute waren zunächst etwas überrascht über die Neuankömmlinge, trauten sich aber nicht, weitere Fragen zu stellen.
Hinter der Furt nahmen die Boote wieder an Fahrt auf. Die Seeleute kannten die gefährlichen Stellen des Flusses. Unter ihrem Kommando konnten wir die Stromschnellen gut umschiffen.

Es wurde langsam hell am Horizont, der Morgen graute. Zu beiden Seiten des Flusses zwitscherten die Vögel. Plötzlich ein Leuchtstreifen am Ufer. Schnell wie eine Libelle war ein glitzerndes Etwas kurz über den Fluss geschossen, um dann wieder im Schilf zu verschwinden. Myk fragte erschrocken: »Was war das?«
Anneliese grinste: »Ich weiß es – verrate es euch aber nicht, da ihr es sowieso nicht glauben würdet!«
Die Luft wurde feucht und salzig. Inisch schnupperte und bemerkte vergnügt: »Ah, Seeluft, wie ich sie liebe! Es ist nicht mehr weit!«
Mit salzigem Geschmack auf den Lippen landeten wir am Ostufer der Mündung des Regenarms. Vor einem hölzernen Kai war ein Schiff vertäut. »Eine Kogge«, wie uns Inisch erklärte, »sehr beliebt bei den Händlern, die die Küste von Oxysm bis hinauf in den hohen Norden befahren«. Am Kai herrschte emsiges Treiben. Seeleute rollten über Holzplanken Fässer an Bord oder warfen Säcke an Deck. Aus einer kleinen Hütte trat ein breitschultriger Mann mit einem Walrossbart, der tief die morgendlich frische Seeluft inhalierte. Er trug einen dicken Seemannsmantel mit Goldknöpfen und seine Stiefel waren auf Hochglanz poliert, sodass sich die ersten Sonnenstrahlen darin spiegelten.
»Willkommen! Ich bin Kapitän Haldart und das ist mein Schiff, die ›Sturmkönigin‹!«
Einige der Männer fingen an zu tuscheln, als Inisch vor den Kapitän trat und auf uns zeigte zeigte: »Ich denke, ich hab' ein paar geeignete Matrosen gefunden!«
Edwen flüsterte, sodass es die Seeleute nicht hören konnten: »Ich fürchte, wir können uns für eine Weile in Askalon und Imbrien nicht blicken lassen. Der Bund aus Blut und Feuer wird wegen Mordes am Hochfürsten gesucht! Vielleicht können wir an Bord dem Ganzen erst einmal aus dem Weg gehen.«
Ich erwiderte ihm leise: »Aber der Mörder Deodan ist doch tot!«
Myk zog plötzlich unsere ganze Aufmerksamkeit auf sich.
»Schaut mal her!«
Er hatte den Beutel, den er von Wunnar erhalten hatte, genauer untersucht und zog ein gefaltetes Stück Papier daraus hervor. Er reichte es Edwen, der das Blatt entrollte -
»Ein Brief!« - und uns vorlas.

Hört zum letzten Mal, Ihr Krieger vom Bund aus Blut und Feuer, die Worte eines Toten. Mögen mir die Götter meine Taten vergeben und möge Mortarax mir den gerechten Weg weisen. Ich bin mir sicher, dass Ihr jetzt auf der Flucht seid. Ich hoffe, dass Ihr alle überlebt habt. Ihr wart meine letzte Karte, die ich ausspielen konnte, um auch an Deodan Rache zu üben.Ihr fragt Euch sicher, warum ich all diese Menschen getötet habe. Nun, ich will es Euch erzählen. Alles begann vor etwa drei Jahren, als sich die Schlinge der Ul'Hukk um Chiram, unsere schöne Stadt Chiram, die ja auch für einen Teil von Euch Heimat war, immer enger zuzog. Ich war damals der Hauptmann der Stadtwache und sollte mit den wenigen Männern, die mir zur Verfügung standen, die Stadt verteidigen. Wir konnten zum Glück viele Freiwillige gewinnen und sie notdürftig ausbilden. Auch sollte uns ein großes Heer aus askalonischen und imbrischen Truppen bald erreichen. Als sie eintrafen, wurde ich zum Kriegsrat berufen. Syr Xardrus hatte den Oberbefehl. Er hatte mit Syr Deodan und Syr Zaran sowie dem einfallsreichen Radex einen Plan ersonnen, wie sie die Tekk vernichtend schlagen wollten. Teil des Plans war es, dass nur ein kleiner Teil der Truppen in der Stadt selbst bleiben sollte, während der Großteil der Armee, insbesondere die Reiterei, den Tekk in den Rücken fallen sollte, sobald der Angriff im Gange war. Ich war der einzige, der Zweifel anmeldete. Chiram hatte keine dicken Verteidungswälle, die den Ul'Hukk lange stand halten konnten, ich befürchtete viele Opfer und forderte eine Verstärkung der Truppen vor Ort. Doch die anderen überstimmten mich. Ich erhielt dreißig Männer zur Verstärkung der Garnison – gerade einmal dreißig Männer! Es kam, wie es kommen musste. Während sich die hohen Paladine und Hochwohlgeborenen zurückzogen und in ihrem Feldlager lange Kriegsrat hielten, war die Zeit für eine Räumung von Chiram abgelaufen, die Tekk hatten die Stadt eingekesselt und dann - fielen sie wie die Bestien über uns her. Sie hatten Ogrens dabei, die in wenigen Augenblicken zwei Breschen in unsere Mauern geschlagen hatten. Die grauhäutigen Bestien aus Ultar strömten wie Ameisen in unsere Stadt. Meine Männer der Stadtwache kämpften tapfer – doch sie fielen wie die Fliegen. Es war hoffnungslos. Ich wollte meine Familie in Sicherheit bringen – doch zu spät – unser Haus stand in Flammen. Ich hatte sie zu ihrer Sicherheit im Keller untergebracht, wo sie sich verbarrikadieren sollten – mein geliebtes Weib Ella, meine drei Söhne und meine einzige Tochter! Jetzt wurde der Keller zu ihrer Todesfalle. Ich hörte ihre Schreie und ich konnte nichts mehr für sie tun. In meiner Verzweiflung wollte ich selbst verbrennen, doch die Hilfeschreie des Bäckers und seiner Familie erinnerten mich an meine Pflicht – den Schutz der Bürger! Uns gelang die Flucht und schließlich kam ich zur Bruderschaft der Gekreuzten Schwerter, in der ich wahre Freundschaft fand. Aber wütend und enttäuscht wuchs in mir das Verlangen, mich an denen zu rächen, die für den Tod meiner Familie verantwortlich waren. Während meiner Zeit auf der Wegburg schmiedete ich den Plan, wie ich die Verantwortlichen zur Rechenschaft ziehen könnte.Das Gift, ja das Gift. Ihr wollt sicher wissen, wie ich daran gekommen bin. Gift ist die Waffe einer Frau heißt es immer, und tatsächlich stammte es von meinem Weib Ella. Sie war eine wunderbare Heilerin, die sich auch mit Giften auskannte. Ich trug die Bitteressenz immer bei mir in meiner Feldflasche, für den Fall, dass ich einmal in tekkische Gefangenschaft geraten sollte und mir so ein Ausweg blieb, um nicht lebendig an einem Fleischhaken zu enden. Es war eine besondere Flasche – indem ich am Mundstück drehte, konnte ich zwischen Gift und Schnaps wählen.Auch ich habe den Tod verdient - ich hätte meiner Familie beistehen müssen und habe sie doch durch meinen Rat in eine Todesfalle gebracht.Um den Heiler und den Notor tut es mir aufrichtig leid. Sie waren kurz davor, mich zu überführen, auch Radex hatte die Bitteressenz gerochen. Meine Rache war noch nicht vollendet. Dieser Lorgrim - er musste mich beim Mord an Fjalgur beobachtet haben – er war bloß ein Dieb – bevor er reden konnte, habe ich ihn mit einer Armbrust ausgeschaltet. Der Notor hatte einen Brief aus Medea erhalten, der mir gerade recht kam, da er euch schwer belastete und auch Deodan schließlich gegen Euch aufgebracht hat. Ihr wart das Werkzeug meiner endgültigen Rache!Wohlan denn, Ihr tapferen Helfer und Helden! Mögen Euch Eure Tage noch viel Segen, Ehre und Reichtum bescheren, auf mich wartet nur noch die bittere Finsternis auf dem Boden meiner Flasche.
Syr Wunnar, Hauptmann der Stadtwache von Chiram.

Donnerstag, 7. März 2019

Der letzte Tanz - Kapitel 12: Das Kabinett der Bestien

Wir hatten den hohen Regenturm bereits einmal umrundet und außer dem Treppenaufgang, der zum Haupteingang führte, keinen weiteren Eingang auf der Bodenebene entdeckt. Bei der zweiten Umrundung achteten wir auf die Steine. Tatsächlich, ein Stein sah locker aus. Saradar zögerte nicht lange und drückte drauf, Widun und Urota duckten sich instinktiv. Doch statt eines schwingenden Hammers öffnete sich eine Geheimtür. Fackeln an den Wänden erhellten die dahinterliegende Kammer. Auf dem Boden befanden sich Platten mit seltsamen Symbolen. Auf der gegenüberliegenden Seite des Raums befand sich eine offene Tür.
»Was sind das für Symbole?«, fragte Freya in die Runde. Urota zuckte mit den Schultern, Widun kratzte sich am Kopf - Saradar trat auf die erste Platte – und die gegenüberliegende Tür fiel zu. Er ging zurück auf die Schwelle – und die Tür öffnete sich wieder. Er probierte eine andere Platte aus – die Tür blieb offen. Beim nächsten Schritt schloss sie sich wieder. Widun verfolgte das Muster aufmerksam: »Ein Runenrätsel! Das Geheimnis muss in den Runen selbst liegen! Saradar, tritt noch einmal auf die Platte, bei der die Tür offen geblieben ist!«
Saradar ließ sich dirigieren.
»Und jetzt auf die nächste vor dir!« - Tatsächlich blieb die Tür offen.
Widun strahlte über beide Backen: »Es sind vier verschiedene Runen, jede steht für eine Richtung, und zwar die Richtung, in die der nächste Schritt erfolgen muss.«
Er leitete Saradar entsprechend an und wir folgten, einer nach dem anderen, in den Fußstapfen des Barbaren.

Hinter der Runentür wand sich eine lange, breite Treppe in die Tiefe. Sie endete in einer großen Halle, die durch ein Loch in der Decke nur spärlich ausgeleuchtet wurde. Überall tropfte es von der Decke. Der Boden glänzte feucht, wir mussten aufpassen, nicht auszurutschen. Irgendwo musste ein Loch im Boden sein, da von unten her immer wieder ein starker, kalter Luftzug durch die Halle pfiff. Alle möglichen, nicht-menschlichen Geräusche drangen plötzlich an meine Ohren. Nach kurzer Gewöhnung an die schlechten Lichtverhältnisse erkannte ich rostige Gitterstäbe.
»Ein Gefängnis!«, vermutete Anneliese. »Das sind Zellen, und in den Zellen ...«
In der ersten saß ein kleiner, pelziger Geselle - »Ein Kobold?« - in der zweiten ein Wesen mit glänzender, schuppiger Haut und in der uns gegenüberliegenden erkannte ich die Umrisse eines Ogrens. Es war Gorrym, gegen den Urota gekämpft – und verloren hatte. Als er uns kommen sah, sprang er fauchend auf und hämmerte gegen die Gitterstäbe. Saradar brachte es auf den Punkt: »Das dunkle Geheimnis des Hochfürsten – das Bestienkabinett.«

Ein lautes Rattern übertönte plötzlich die Kakophonie der Bestien. Auf der gegenüberliegenden Seite des Bestienkabinetts wurde ein Fallgitter hochgezogen. Sechs Soldaten strömten hindurch und bauten sich vor uns in zwei Gefechtsreihen auf.
»Ihr seid gekommen, um die Sache zu beenden. Das hätte ich Euch nicht zugetraut. Glaubt nicht, dass wir es Euch leicht machen! Beim Blute Askalons, Angriff!« - Das war Deodans Stimme, die da aus dem Schatten heraus seine getreuen Soldaten in den Kampf schickte.

Saradar brüllte einen Schlachtruf – dessen vom Echo verstärkte Wirkung die Bestien für einen Augenblick verstummen ließ und trommelte sich mit den Fäusten auf die Barbarenbrust.
Vivana und Tarquan versuchten, sich im Schatten hinter die Angreifer zu schleichen – doch da geschah das Unglück. Ich hörte wie Pferd erschrocken aufschrie und bekam gerade noch mit, wie Vivana ihren Geliebten reflexartig am Arm erwischte, bevor dieser in ein Loch im Abgrund gestürzt wäre. Sie versuchte ihn heraufzuziehen, rutschte dabei aber auf dem glatten Boden aus und schlug mit dem Hinterkopf gegen den Treppenabsatz. Vivanas Hilfe reichte dem Söldner jedoch, um sich am Rand des Lochs hochzuziehen. Er beugte sich sofort über die besinnungslose Jujin-Diebin und kümmerte sich besorgt um sie, was für uns den Verlust zweier Kämpfer auf einen Schlag bedeutete.

Drei der askalonischen Soldaten waren mit Langbögen ausgerüstet und hatten durch die Lücken der ersten Reihe auf uns angelegt. Wir suchten Deckung – so gut das in der Halle möglich war – und die Pfeile zischten an uns vorüber. Freya versuchte die Gegner mit »Okului privo« zu blenden, wurde aber von Alun nicht erhört. Während Widun einen Trinkspruch an den Schratenherrn richtete, warf ich die Wunderbohne zu Boden. Wie erhofft erwuchs aus ihr der »Bohnenmann«. Ich betete um Unterstützung durch einen Waldgeist und wurde von Ianna erhört. Der Waldgeist verschmolz sogleich mit dem Bohnenkörper.
Auch Widuns Gebet wurde schließlich erhört. Aus den Ritzen der Bodenplatten trat ein Nebel, der sich zu einem geisterhaften Gebilde formte, das entfernt an einen Schraten mit geweihartigen Hörnern erinnerte.
»Das ist mein Schraten-Ururururgroßvater Waruin, und er wird für uns kämpfen!«, rief uns Widun zu.
Der »Schratenahn« wurde sogleich von zwei askalonischen Soldaten beharkt und wehrte sich mit einer Schlagwaffe, die man – so wurde mir später erklärt - »Bengel« nennt.
Die Bogenschützen hatten sich Urota als Zielscheibe ausgesucht und schossen auf ihn – vorbei. Maluna hingegen war treffsicherer und erwischte einen der Bogenschützen.
Mein Bohnenmann war zum Leben erwacht, richtete sich zu voller Größe auf und schritt trotzig Deodans Getreuen entgegen. Urota und Saradar nutzten die Deckung, die ihnen Iannas Geschöpf vor den Bogenschützen bot und reihten sich hinter ihm ein. Anneliese fuchtelte wild mit ihren Armen durch die Luft und schoss einen doppelten Flammenstrahl auf einen der Soldaten, der sich jedoch in Deckung werfen konnte und so mit leichten Verbrennungen davonkam.

Der Schratenahn hatte sich unterdessen mit einem Kampfschrei mitten ins Getümmel gestürzt und schlug wie wild um sich. Wenn er mit seinem Bengel zuschlug, schien er fast real zu sein, um dann sofort wieder in einen durchsichtig-leuchtenden Zustand zu wechseln. Die Hiebe der askalonischen Ritter konnten ihm aber wohl doch etwas anhaben - obwohl man ihm das bis auf ein Schwächerwerden seines Leuchtens nicht anmerkte - er war ja immerhin schon eine Weile tot.

Anneliese schoss erneut einen Flammenstrahl ab und auch Maluna traf mit einem Pfeil.
Deodan wägte sich hinter seinen Soldaten in Sicherheit. Ob sie ihm weiter so treu ergeben wären, wenn wir ihnen verraten hätten, wofür ihr Anführer verantwortlich war? Doch für Gespräche war die Zeit abgelaufen. Ich betete an Ianna, ein großer Dorn schoss hinter der Schlachtreihe aus dem Boden und traf den mutmaßlichen Mörder.

Tarkin hatte es auf die Weichteile seines Gegners abgesehen. Er versuchte ihm in den Unterleib zu schlagen – sein Hieb glitt jedoch an der eisernen Schamkapsel ab. Der Koboldritter musste sich unter dem Gegenschlag wegducken.

Tarquan hatte Vivana in Sicherheit gezogen und war gezwungen, selbst in den Kampf einzugreifen. Er versuchte, hinter die Gegner zu kommen. Saradar traf einen der askalonischen Soldaten mit einem Doppelschlag. Der Bohnenmann duckte sich unter dem Schwerthieb eines Angreifers weg, dafür wurde der hinter ihm stehende Urota getroffen. Schwarzes Trollblut quoll ihm aus einer Wunde an der Brust – Widun scheiterte beim Versuch, ihn zu heilen. Auch seine Bitte an Mnamn, die Feinde in einen Lachanfall zu versetzen, schlug fehl.
»Irgendetwas stimmt hier nicht, warum erhören uns die Götter nicht?«, fragte er verzweifelt. Mir fiel auf, dass alle Soldaten seltsame Amulette trugen, ob es damit etwas zu tun hatte? Auch Ianna gewährte mir keinen weiteren Dornenstich, der Schratenahn schlug vorbei und »Puff!« war er weg.
»Bis bald mal wieder, Uropa!«, rief ihm Widun noch hinterher.

Tarquan und der Bohnenmann wurden von den Soldaten schwer verletzt. Saradar hingegen schaffte es, einen der Soldaten zu Boden zu ringen. Der Rest der Soldaten einschließlich Deodan rückte enger zusammen, um die Verteidigung zu stärken. Saradar sprang mitten hinein und köpfte einen der Gegner mit seinem vorpalen Bastardschwert. Der stark lädierte Bohnenmann verwandelte sich wieder zur Bohne zurück und sprang in meine Hand. Der verdutzte Waldgeist verschwand mal wieder ohne Abschiedsgruß.

Syr Deodan hatte es auf Anneliese abgesehen, doch sie streckte ihre Arme aus - als wollte sie sagen»Nicht mit mir!« und schickte ihm einen Flammenstrahl entgegen, der ihn in einen Feuerball verwandelte. Er sprang vor Schmerzen kreischend durch die Halle und sank schließlich als Häufchen äschernen Elends zu Boden.

In der Hitze des Gefechts hatten wir ganz aus den Augen verloren, was um uns herum im Bestienkabinett vor sich ging. Der Hochfürst war durch das Falltor getreten und machte sich an einem Hebel an der Wand zu schaffen. Quietschend öffneten sich alle Zellentüren – die Bestien waren frei!
Er versuchte, zu seiner Tochter zurück zu humpeln - sie war gerade im Torbogen aufgetaucht - rutschte in der Eile aber aus und schlug unsanft mit dem Kopf auf den Boden.
Der freigelassene Ogrens ging mit großen Schritten auf den eingetrübten Hochfürst zu und schleuderte ihn - unter dem entsetzten Blick der Fürstentochter - mehrfach gegen die Steinwände. Er ließ ihn leblos liegen und ging dann auf Firnja los. Zum Glück hatte jemand das Fallgitter heruntergelassen, sodass sie vor ihm in Sicherheit war.

Unterdessen hallten Rufe und laute Schritte von der Turmtreppe herab. Syr Aschantus stürmte einer Gruppe imbrischer Soldaten voran. Sie stellten keine Fragen, als sie den toten Hochfürsten und den freien Ogrens sahen, sondern fingen sofort an auf alles zu schießen, was sich noch im Bestienkabinett befand.

Ich betete an Ianna, als der Ogrens auf mich zugetrabt kam. Und tatsächlich gelang es mir mit Hilfe der Erdgöttin, Kontrolle über ihn zu erhalten. Ich besänftigte ihn soweit, dass er von uns abließ. Einer der Freigelassenen, ein Schattentroll, war sofort auf Urota losgegangen. Dieser empfing ihn mit seiner Langaxt und machte kurzen Prozess.

Aus der Klemme zwischen Askaloniern, Monstern und dem Pfeilregen der imbrischen Soldaten mussten wir einen Ausweg finden. Der befreite Kobold winkte uns: »Hier lang, da unten ist ein Kanal!«
Er sprang in das schwarze Loch und beschwor dabei die Paladine der Ängstlichkeit »Beim Hasenfuß!« - wohl um sich Mut zu machen.
Ein Pfeil zischte knapp an mir vorüber – mit einem mulmigen Gefühl im Magen sprang ich dem Kobold hinterher - »Bei Anxiaaaaaa!«

Ich musste mir beim Fallen in den Wasserkanälen irgendwo den Kopf angestoßen und das Bewusstsein verloren haben. Als ich wieder zu Sinnen kam, saß ich hinter Edwen in einem Langboot.
»Wo kommst du denn her?«, fragte ich ihn verwundert.
»Das muss ich dich fragen, ich habe dich nasses Eichhörnchen gerade aus dem Kanal gezogen!«, lachte er.

Sonntag, 3. März 2019

Der letzte Tanz - Kapitel 11: Die Litanei des Todes

Wir folgten dem Gang in die Richtung, aus der wir den Schrei vernommen zu haben glaubten. Es war das hohe und schrille Kreischen einer Frau gewesen. Drei Steintreppen später standen wir im Obergeschoss des Gebäudes. Am Ende des Ganges war der Übergang zum Vermählungsturm. Zahlreiche Soldaten hatten sich dort versammelt. Der Waffenmeister war darunter – er wurde von einem Soldaten gestützt, hielt sich den Hals und hustete. Beim Näherkommen bemerkte ich, dass er einen ganz roten Kopf hatte. Aus der Turmtür drang ein schluchzendes Weinen und Jammern. Zwei Soldaten mussten die hysterische Firnja festhalten, der es in ihrer weinerlichen Verzweiflung gleich war, ob ihre Blöße bedeckt war. Neben dem großen Himmelbett lag ihr Bräutigam – nackt und rot. »Gift!«, folgerte Vivana sogleich.
»Weg, weg! Geht mir aus den Augen, alle!«, der Hochfürst kam herangestürmt und drängte uns zur Seite. »Schafft mir diese Gaffer – und diesen Wolf – was hat hier ein Wolf zu suchen? Schafft sie weg, sofort!« Damit waren wir gemeint. Ein Soldat trat nach mir – als ich ihn anknurrte, richtete er seine Hellebarde auf mich: »Ihr habt den Hochfürsten gehört, verschwindet!«
Der schockierte Notor rief uns nach, uns in einer Stunde in der Gaststätte zu treffen.

»Die arme Firnja, schluchzend und kaum verständlich brachte sie heraus, dass sich Zaran plötzlich an den Hals gefasst habe und nur noch sagen konnte, dass er keine Luft mehr kriege. Dann sei er hingefallen und nicht mehr aufgestanden. Wie bei Xardrus war seine Haut rot gefärbt und die Zunge hing ihm aus dem Hals. Radex hatte auf einem Stuhl vor dem Schlafgemach Wache gesessen und kam direkt hineingestürmt. Es habe nach Bitterknollen gerochen und er habe Firnja gerade noch von ihrem Bräutigam wegreißen können, bevor auch sie dem Gift zum Opfer gefallen wäre. Er selbst hat aber so viel eingeatmet, dass er mittlerweile in seiner Kammer liegt und immer noch um Luft ringt, ich weiß nicht, ob er die Nacht überleben wird!«, berichtete uns Fjalgur.
»Das alles beweist doch, dass der Alchimist Lyr unschuldig ist, oder? Vielleicht kann er Radex helfen und ein Gegenmittel herstellen!«, stellte Vivana fest.
»Ihr habt recht, ich werde es sofort veranlassen. Wenn er bereit ist, dem Waffenmeister zu helfen, ist er ein freier Mann.«
Eine Wache trat herein: »Ein eiliger Brief für den Hochfürsten, Notor!«
Fjalgur nahm ihn ungeöffnet entgegen und verabschiedete sich: »Entschuldigt, der Hochfürst hat sich mit seiner Tochter in eine geheime Kammer zurückgezogen. Ich muss solange seine Geschäfte führen, bis alles aufgeklärt ist. Sucht bitte nach dem Gift und findet den Mörder! Wendet Euch an Syr Aschantus, wenn Ihr etwas braucht. Die Innere Burg ist aus Sicherheitsgründen erst einmal für alle Fremden gesperrt, auf Anweisung von Syr Vardek.«

Lyr wurde aus seiner Zelle entlassen. »Ich brauche meine beschlagnahmten Sachen, wenn ich dem Waffenmeister helfen soll«, verlangte der junge Alchimist von den Wachen. Und tatsächlich brachten sie ihm seine Ausrüstung in eine Kammer im Bereich der äußeren Regenburg. In der Mitte des Raums stand ein Athanor, ein alchimistischer Ofen, wie uns Lyr erklärte.
»Der Notor hat verfügt, dass Ihr sein alchimistisches Laboratorium benutzen dürft, um ein Gegengift herzustellen. Eine Wache wird vor der Tür verbleiben und Euch im Blick behalten«, erklärte der Ranghöchste der Stadtwachen.
Lyr kramte ein Buch hervor. »Ah, mein Libello Loris Toxikis«, erklärte er, während er es eilig durchblätterte. »Hier steht es: Gegengift für Bitteressenz – Intensiv überschwefeltes Sauersalz. Ich brauche verschiedene Gerätschaften: einen Mörser mit Pistill, Phiolen dreier Größen und ...« - er blickte sich im Laboratorium um - »blaues und rotes Sauersalz. Hier ist der Schlüssel zu meiner Truhe. Sie steht noch in unserem Zelt neben dem Turnierplatz. Ihr erkennt es am Symbol der ›Roten Klingen‹. Beeilt Euch und bringt mir die Sachen hierher – dem Waffenmeister läuft die Zeit davon! Ich werde schon einmal den Athanor anheizen. Ich habe keinen Sulfo Vulkanos, äh, Schwefel ...«
Widun hatte eine Idee: »Vielleicht gibt es hier einen Winzer, die verbrennen doch Schwefel, um ihre Fässer zu reinigen!«
Vivana wollte sich um die Gerätschaften und Reagenzien aus der Truhe kümmern. Widun zog los, einen Winzer zu finden.
Freya sprang auf meinen Wolfsrücken und ich lief zur Kammer des Waffenmeisters, die sich in einem Turm der äußeren Burg befand, wie uns der Notor erklärt hatte. Vielleicht konnten wir ihm mit göttlicher Unterstützung helfen. Radex lag schwitzend auf seinem Bett, er atmete keuchend und murmelte vor sich hin. Eine Magd und ein junger Mann machten ihm feuchte Umschläge.
»Bitter, bitter … ich weiß es, ich weiß es!«, schrie er plötzlich im Delirium.
Der junge Mann blickte uns verwundert an. »Mein Name ist Freya, ich bin eine Priesterin des Alun und das hier ist Finn, ein Faundruide in Wolfsgestalt. Wir möchten für den Waffenmeister beten. Unsere Gefährten und der Alchimist Lyr versuchen ein Gegengift herzustellen.«
»Mein Name ist Myk«, stellte sich der pausbäckige Knabe vor. »Ich bin .. vielmehr war der Knappe von Syr Zaran … bevor, bevor«, eine Träne kullerte ihm die Wange herab.
»Jetzt stehe ich in Diensten des Waffenmeisters.« Er erneuerte gerade die Wadenwickel.
»Er hat Wahnvorstellungen und schreit die ganze Zeit«, erklärte er uns.
Freya legte ihm die Hand auf und betete an den Sonnengott. Ich legte mich ihm in Wolfsgestalt zu Füßen. Radex beruhigte sich daraufhin etwas, aber ohne ein Gegenmittel würde er die Nacht nicht überstehen.
Waffenmeister Radex.
Es kam uns wie eine Ewigkeit vor, obwohl in Wirklichkeit keine Stunde vergangen sein konnte, bis ein großer Hügeltroll die Tür für eine kleine Kobolddame öffnete. Anneliese trug eine Phiole mit violetter Flüssigkeit wie ein rohes Ei in beiden Händen vor sich her. Gespannt beobachteten wir, wie sie dem ohnmächtigen Radex das Gläschen an die Lippen hielt. Mit ein paar Tropfen benetzte sie ihm erst die Lippen und als er daraufhin den Mund etwas weiter öffnete, goss sie ihm mehr davon auf die Zunge. Er schluckte, hustete und schluckte wieder. Die Falten der Anspannung auf seiner Stirn verschwanden und er sank mit einem Schluchzen in den Schlaf.
»Es scheint zu wirken!«, freute sich der Knappe. »Er schläft jetzt. Vielen Dank für Eure Hilfe. Ich werde bei ihm bleiben und mich um ihn kümmern, ihr könnt gerne zu Bett gehen«, bot uns Myk an.

Die Mitternachtsstunde war vorbei. Wir hatten gerade unsere Zimmer in der Gaststätte betreten, als Hornstöße von der Inneren Burg herunterschallten. Wir stürzten hinaus auf die Gasse und rannten in Richtung des Wassergrabens. Die Brücke und die angrenzenden Gassen waren leer in den späten Nachtstunden. Eine dunkle Gestalt hastete die Treppen der Inneren Burg herab, Pfeile zischten an ihr vorbei. Im Mondschein Lors hoben sich die Silhouetten mehrerer Bogenschützen gegen den Nachthimmel ab, die auf den Fliehenden angelegt hatten. Im Licht der schwankenden Brückenlaternen konnte ich dann erkennen, wer da um sein Leben lief. Es war Lorgrim, der da versuchte, über die Brücke zu kommen. Er stolperte, stürzte und blieb auf dem Rücken liegen, sich vor Schmerzen krümmend. Ein Pfeil hatte sein linkes Bein durchbohrt.
Saradar rief: »Halt, hört auf zu schießen! Wir haben ihn!« Tatsächlich verschwanden die Schatten zwischen den Zinnen. Widun und ich knieten uns zu Lorgrim hinab. Mir fiel auf, dass er eine große Leinentasche über der Schulter trug. »Das Buch … ihr müsst es ...«, ächzte er. Sein Blick war angsterfüllt, Schweiß rann ihm von der Stirn.
Dann ging ein Ruck durch seinen Körper. Ein Bolzen ragte aus seiner Brust.
»Wer hat da geschossen?«, wunderte ich mich, während Syr Aschantus und einige Wachsoldaten die Treppe heruntereilten. Lorgrim röchelte, schaumiges Blut quoll aus seinem Mund und er tat seinen letzten Atemzug. Vivana machte sich an der Tasche zu schaffen und zog ein seltsames Buch heraus. Es war in dickes, altes Leder eingebunden, in das seltsame Glyphen eingeprägt waren, das Messingschloss in Form einer Spinne war versiegelt.
»Hier schaut eine Seite raus!«, fiel Anneliese auf. Sie zerrte daran mit aller Kraft, bis sie nach hinten umfiel. »Hier ist sie! Zumindest ein Teil davon ...«, vermeldete sie strahlend und ließ den Papierfetzen schnell in ihrer Tasche verschwinden, bevor der Paladin und seine Gefolgsmänner zu uns traten.
»Notor Fjalgur ist tot. Und das ist sein Mörder!«, er zeigte auf den toten Halbjujin.
»Er muss ihm das Buch gestohlen haben, das Ihr da in Händen haltet, Syr Kobold« - Anneliese hatte Tarkin das Buch gegeben und war in den Schatten getreten – nochmal wollte sie nicht riskieren, als Hexe verhaftet zu werden.
»Was ist passiert?«, fragte Widun bestürzt.
»Ich wollte mit dem Notor besprechen, wie wir weiter vorgehen. Ich fand ihn tot über seinem Pult liegen, auch er ist erdolcht worden! Aus einer dunklen Ecke sprang dann plötzlich dieser Kerl hervor und stürzte die Turmtreppen hinab. Jetzt haben wir ihn endlich, unseren Mörder!«
Aschantus schien sich sicher zu sein.
Ich erinnerte mich an die blutigen Fußspuren neben Waels Leiche und schnupperte an Lorgrims Stiefeln, konnte aber nichts feststellen. Dann schritt ich zu Aschantus, der mich verwundert ansah: »Wo kommt der Wolf her?«
Meine Gefährten erklärten es ihm.
»Wenn Du mal nicht mit den Dämonen des Abgrunds im Bunde stehst, Ziegen-Zauberer!«
Ich schnüffelte an seinen Stiefeln, roch aber auch hier keine Blutspuren. Vivana hatte die Leiche untersucht: »Ich kann die Mordwaffe nicht finden, er hat keinen Dolch bei sich!«
Syr Deodan trat aus einer Seitengasse, er hatte eine Armbrust in der Hand.
»Eine tolle Waffe, ich habe sie da drüben zwischen den Fässern gefunden!«, behauptete er.
»Aber wer hat sie abgefeuert?«, fragte Saradar in die Runde. Als Antwort kam nur ein Schulterzucken. Die Wachen waren mit normalen Langbögen ausgerüstet.
Deodan bekräftigte Aschantus' Ansicht: »Egal, wir haben den Attentäter. Es würde mich nicht wundern, wenn er von Madhur geschickt worden ist und wir irgendwo bei ihm auch Hinweise auf das Gift finden! Ich habe gehört, dass Ihr den Jujin besser kanntet?«
»Ist dem so?«, fragte der Paladin argwöhnisch. »Geht ins Gasthaus zurück. Ich habe vielleicht später noch ein paar Fragen an euch!«
Vier Soldaten trugen Lorgrims Leichnam davon. Deodan verabschiedete sich: »Ich werde den Hochfürsten unterrichten, dass die Gefahr vorerst gebannt ist.«

Wir befolgten die Anweisung des Paladins und machten uns auf den Rückweg zum Gasthaus. Ich verwandelte mich zurück. Tarkin kramte unterwegs das Buch hervor. Freya musterte die Oberfläche im spärlichen Licht der Laternen.
»Diese Zeichen sind mir völlig unbekannt, obwohl ich in der Bibliothek des Lichttempels alte Schriften studiert habe.«
Anneliese war ebenso ratlos: »Es sind auch keine magischen Symbole, damit kenne ich mich aus!«
Saradar und Vivana versuchten das Schloss zu öffnen, er mit Muskelkraft, sie mit Fingerfertigkeit und einem Dietrich - vergebens. Widun wies auf das Spinnensymbol hin: »Ich würde ein Fass Bier darauf verwetten – dieses Buch beinhaltet irgendeine Teufelei dieser Zurak-Kultisten!«
Maluna schlug vor, den Zirkel der Gelehrten zu Rate zu ziehen. Nach einem kurzen Nickerchen im Gasthaus, machten sich Maluna, Anneliese und Freya am frühen Morgen auf den Weg.

Es war bereits Mittagsstunde, als sie zurückkehrten. Die Wichtelpriesterin berichtete: »Nun ja, es lief alles zunächst ganz gut. Nach dem obligatorischen Rätsel ließ uns der alte Naharun hinein. Wir zeigten ihm das Buch und er wusste, dass Fjalgur es hatte und untersuchen wollte. Ein Fremder habe es bei ihm vor ein paar Monden zur sicheren Verwahrung abgegeben. Fjalgur habe Naharun erzählt, dass der fremde Krieger es einem mächtigen Hexenmeister gestohlen habe. Der Notor hatte Besorgnis, dass das seltsame Buch mit dem Siegel des Zurak Unglück über ihn bringen würde und sich bisher nicht getraut, es zu öffnen. Er vermutete, dass es sich nur mit Hexerei öffnen lasse, wer es mit Gewalt oder auf eine andere Weise wage, riskiere es, verflucht zu werden.«
»Dann hatten wir ja Glück letzte Nacht, dass es nicht geklappt hat! Und weiter?«, fragte ich neugierig wie ich war.
»Tja, und dann sind die Bücherregale umgekippt«, erklärte Maluna mit strengem Blick auf Anneliese. Die Koboldin zuckte mit den Schultern: »Kleines Ungeschick... Ich wollte nur mal sehen, ob sie magische Schriftrollen in der Halle der Bücher haben.«
Maluna ergänzte: »Ja, indem du auf das höchste Regal geklettert bist und es zum Kippeln gebracht hast.«
Freya legte nach: »Alle - ich betone - alle Regale sind umgekippt, eins nach dem anderen. Der Notor hat uns beschimpft und sogar nach den Wachen gerufen. Deshalb mussten wir uns aus dem Staub machen. Da können wir uns so bald nicht wieder blicken lassen.«

Ein Junge kam zur Tür des Gasthauses hereingestürmt. Der Schratenwirt donnerte ihn an: »Nicht so hastig mein Kleiner! Du erschreckst mir noch meine Gäste!«
Myk war außer Atem – er trat einen Schritt zurück, als er bemerkte, dass er direkt vor unserem Hügeltroll zum Stillstand gekommen war: »Der Waffenmeister ist zu sich gekommen. Er möchte sich bei Euch bedanken und hat etwas sehr Dringendes mit Euch zu besprechen. Ihm ist eingefallen, bei wem er schon einmal diese Bitteressenz gerochen hat.«

Wir ließen das Mittagessen stehen und folgten dem Knappen rüber zum Turm an der äußeren Mauer, in dem der Waffenmeister sein Quartier hatte. Knarrend öffnete sich die Tür – hier stimmte etwas nicht. Der Waffenmeister lag rücklings in seinem Bett und rührte sich nicht. Er hatte die Augen weit aufgerissen, eine Hand war seltsam verkrampft. Als wir das Laken zurückschlugen sahen wir, was los war. Radex hatte links vom Brustbein ein klaffendes Loch, aus dem Blut die Strohmatratze durchtränkt hatte. Myk schrie auf und wich zurück. Saradar öffnete die verkrampfte Hand. Auf dem Handballen fand sich der blutige Abdruck eines Schwertes vor einem Kessel und einer Burgmauer. Myk erkannte das Symbol sofort: »Das ist das Wappen von Chiram! Der gefallenen Stadt im Grünen Kessel!«
Vivana hatte es auch schon einmal gesehen: »Ein Kessel mit einem Schwert, dieses Wappen führt doch auch Syr Deodan!«
Widun fiel auch etwas dazu ein: »Die ›Roten Klingen‹ kommen doch auch alle aus dem Grünen Kessel!«
Wir hörten Schritte. Anneliese schaltete schnell: »Wir müssen hier weg! Die werden uns verdächtigen!«
Myk zeigte auf die gegenüberliegende Tür: »Da geht’s raus auf den Wehrgang. Von da aus können wir eine Leiter runtersteigen! Ich habe den Schlüssel zu Radex' Kammer, ich werde schnell die Tür von innen verriegeln.«
Nachdem wir unbemerkt die Leiter hinabgestiegen waren, spekulierte Vivana laut: »Und wenn Deodan hinter allem steckt, will er uns vielleicht als Schuldige präsentieren! Sein letzter Sündenbock Lorgrim kommt ja nicht mehr in Frage!«
Myk nickte und erzählte: »Deodan war unheimlich sauer auf den Heiler Wael, weil er meinen Herrn Syr Zaran an seiner Statt behandelt hat. Er konnte nicht gegen den Tekkgeneral antreten und wurde so um seine Rache gebracht. Syr Xardrus strich den Ruhm dafür ein. Ich hörte wie er sich bei seinem Freund Syr Madhur darüber aufregte. Ich bin mir auch sehr sicher, dass er einen Dolch hat, auf dessen Knauf sich so ein Wappen befindet. Ich habe es bei vielen Soldaten aus dem Grünen Kessel gesehen und bewundert. Falls sie uns schnappen, kann ich bezeugen, dass ihr nicht für Radex' Tod verantwortlich seid, ihr habt ihm ja sogar das Leben gerettet. Aber mir als halbem Kind werden sie bestimmt nicht glauben!«

Vivana zeigte auf das geheimnisvolle Buch, das Anneliese unter dem Arm trug: »Was machen wir mit dem Buch? Wenn sie uns schnappen, fällt es vielleicht in falsche Hände!« Anneliese klammerte es an sich: »Ich möchte es behalten, aber, aber … Was, wenn es wirklich verflucht ist und ich auch so ende wie der arme Notor!«
Ein Ausdruck von Panik trat in ihr Gesicht. Wir kamen am Gebäude mit dem Eulenschild vorbei. Anneliese war zurückgeblieben, wir blickten uns um. Sie hatte doch tatsächlich das Buch durch einen Schlitz in der Tür gesteckt.
»Ich hoffe, die alte Eule passt gut darauf auf!«
Vivana schüttelte den Kopf: »Ohne Worte!«
Hinter uns aufgeregte Rufe. Raschen Schrittes - Rennen wäre zu auffällig gewesen - gingen wir zur Brücke über den inneren Wassergraben. Wir waren entschlossen, Deodan zur Rede zu stellen und ihn als Mörder zu entlarven.

Der Hochfürst hatte nach der Entwarnung letzte Nacht den Aufgang zur inneren Burg wieder freigegeben. Den einzigen Wachmann an der Brücke hatte Maluna so in ihren Bann geschlagen, dass er den Rest der Gruppe gar nicht beachtete. Wir konnten ungehindert bis zum Vorhof der inneren Burg gelangen.
Im Schatten des Regenturms sahen wir eine Gestalt am Rande eines Brunnens sitzen. Sie hielt eine Flasche in der Hand und hatte ein Lied angestimmt. Als sich meine Augen an die Dunkelheit gewöhnt hatten, erkannte ich in ihr den alten Kämpen Syr Wunnar. Er trank wieder aus seiner flachen Feldflasche und sang das Lied vom letzten Wege, das ich schon auf dem Grabhügel vor der Wegburg gehört hatte. Als er uns kommen sah, begrüßte er uns und winkte.
»Was für eine Aufregung. Dieser Notor war gestern bei mir und wollte eine Kostprobe von meinem Schnaps, ist ihm wohl nicht gut bekommen, wie ich hörte«, lallte Wunnar, der offensichtlich betrunken war. Er schaute uns mit traurigen Augen an: »Aber dieser Lorgrim hat dafür bezahlt, habe ihm nie getraut, diesem Schlitzauge.«
Saradar wollte wissen, ob der Ritter Deodan gesehen hatte: »Ja, allerdings, er hat mich hier zur Wache eingeteilt. Frage mich, warum. Ist mit seinen getreuen Soldaten zum Hochfürsten gestürmt!«
»Wisst Ihr, wo der Hochfürst seine geheime Kammer hat?«, wollte ich wissen.
»Ich denke, dass ich Euch vertrauen kann. Er versteckt sich mit seiner Tochter irgendwo unter dem Regenturm. Weiß aber nicht, wie Deodan da reingekommen ist. Sie sind irgendwo hinter dem Turm verschwunden. Warum wollt ihr ihm folgen? Meint ihr etwa, dass er der Mörder ist? So ein edler Ritter von hohem chiramschen Geblüte! Hat mir sogar neuen Schnaps spendiert, so einer kann doch kein Mörder sein, oder?«
Der Sieger des Lanzenstechens warf Myk einen Beutel mit klimpernden Münzen zu.
»Da mein Junge. Hab' ich gewonnen, ich kann mit soviel Gold nicht umgehen. Du kannst es eher gebrauchen, erinnerst mich an meinen Sohn. Erst Dein Syr Zaran, der so furchtbar gestorben ist ...«
Myk bedankte sich, unsicher, ob es der Ritter auch ernst meinte.
Wunnar nickte, während er skeptisch an seiner Feldflasche roch und dann einen tiefen Schluck daraus nahm. Plötzlich begann er zu husten, wurde ganz rot im Gesicht und kippte rücklings in den Brunnen, ohne dass wir so schnell eingreifen konnten. Tarkin sprang auf den Brunnenrand und starrte in den Abgrund: »Nichts zu sehen, nur tiefe Finsternis!«
Saradar schüttelte sich vor Wut, er hatte in Hauptmann Wunnar während des Turniers einen Freund gefunden und nicht nur ein Bier mit ihm geleert.
Er brüllte: »Wunnar! Ich werde Dich rächen, das schwöre ich bei Osir und Keldyr, so wahr ich ein Khor'Namar, ein Sohn des Windes bin!«
Er wandte sich an uns, ich konnte eine Träne in seinem Augenwinkel erkennen. Radaras war auf seine Schulter geklettert und leckte ihm die laufende Träne von der Wange.
»Er war betrunken, als er mir nach dem Turnier im ›Braunen Tropfen‹ von seinem Schicksal erzählte. Er hat seine gesamte Familie beim Überfall der Ul'Hukk auf Chiram verloren. Deshalb konnte er sich auch über den Turniersieg und das Gold nicht wirklich freuen. Wenn ich diesen Deodan zu fassen kriege, ich werde ihm eigenhändig den Kopf von den Schultern reißen!«

Wir waren uns einig, dass es für Myk zu gefährlich sein würde und schickten ihn - trotz seines Protests – in die Waffenkammer, in der er sich auskannte und erst einmal in Sicherheit sein würde.

Mittwoch, 13. Februar 2019

Der letzte Tanz - Kapitel 10: Der stinkende Auftrag

»Deodan hatte Recht, durch die Fenster kommen wir hier nicht raus!«, überlegte Tarkin laut.
»Ich fürchte, der einzige Weg hier raus ist der Abtritt!«, prophezeite Widun.
Saradar schlug vor, doch einfach mal nachzusehen, ob es da einen Ausgang gäbe. Das Räumchen war sehr eng, dass wir uns förmlich hineinquetschen mussten. Urota musste draußen bleiben.
»Pass auf, dass keiner reinkommt!«, wies ihn Widun an.
Aus irgendeinem Grund schauten plötzlich alle auf Anneliese. Diese hielt sich die Nase zu: »Also mich kriegen keine zehn Pferde da rein!« Saradar machte kurzen Prozess, schnappte sich Tarkin und hielt ihn über das Loch am Boden: »Mal sehen, ob Du da durchpasst!«. Tarkin zappelte, aber Saradar ließ ihn nicht los – da biss er zu – und Saradar musste ihn fallenlassen. Im letzten Moment spreizte Tarkin seine Beine, sodass er im Spagat über dem Abtritt hing. Doch dann kippte er mit dem Oberkörper nach vorne und landete mit dem Gesicht in der braunen Brühe. Saradars hielt sich die blutende Hand - Widun und Maluna zogen Tarkin schnell wieder heraus.
Der Kobold schüttelte sein Fell, was von einem »Ihh! Pfui!« von Anneliese begleitet wurde und sprang dann – mit zusammengepressten Lippen - aus dem Abtritt in Richtung Waschraum davon.
Unsere Wichtelin in ihrer weißen Priesterrobe blickte unter den Rand des Abtritts. »Da ist ein Kanalrohr, da passe ich bestimmt durch!«
Ich hatte einen Entschluss gefasst. Mit den Worten »Ich komme mit!« verwandelte ich mich in meine Eichhörnchen-Gestalt und ließ Freya auf meinen Rücken steigen. Wenn ich gekonnt hätte, wäre ich auf drei Pfoten gelaufen und hätte mir mit der vierten die Nase zugehalten. Aber so hieß es Luft anhalten und durch. Saradar musste natürlich noch einen Spruch los werden: »Das Eichhörnchen verfärbt sich da noch nicht einmal!« Ha, ha - gar nicht lustig!
Freya und ich mussten uns ganz flach machen, um durch das enge Rohr zu passen. Die Rohrleitung nach unten zu klettern, erforderte mein ganzes Geschick als Eichhörnchen. Als wir in der Dunkelheit des eigentlichen Kanalsystems angekommen waren, betete die winzige Alunpriesterin »Luminur« und erhellte uns so den Weg. Bei der ersten Abzweigung wählte ich den rechten Gang. Vom Ende des Ganges her hörten wir ein Fauchen, rote Augen leuchteten uns entgegen. Da saßen zwei Aasratten, die trotz des Leuchtens auf uns zu kamen, sie schienen hungrig zu sein. Freya fing wieder an zu beten, diesmal betete sie das »Okului privo« und ein helles Blitzlicht blendete die Ratten, sodass sie die Flucht ergriffen. Eine Treppe führte steil nach oben. Ich hüpfte die Stufen empor, nur raus aus der stinkenden Kloake! Am Ende der Treppe hatte ich wieder die Wahl. Ich schnüffelte. Links roch die Luft deutlich besser, sodass ich diesen Weg einschlug. Wieder eine Treppe, dann noch ein langer Hauptgang, dem ich bis zum Ende folgte. Hier war eine Steigeisentreppe. Tatsächlich hatten wir einen Ausgang zur Inneren Burg gefunden. Ich ließ Freya absteigen und stemmte den gusseisernen Deckel nach oben, was mich all meine Kraft kostete. Wir waren scheinbar ins Untergeschoss eines Turmes der Regenburg gelangt. Hier standen ein paar Kisten und Fässer herum. Dank Freyas Leuchten fanden wir aus dem Lagerraum hinaus und ich sprang mit ihr auf dem Rücken die Steintreppe zum Erdgeschoss hoch. Hier war eine kleine Kammer mit einem runden Holztisch und einigen Stühlen, wahrscheinlich wurden hier Besprechungen abgehalten. Plötzlich machte sich jemand am Riegel der Tür zu schaffen. Ich kletterte schnell einen Pfosten hoch und wir versteckten uns auf einem Holzbalken hoch oben unter der Decke.
Unter uns konnte ich drei Männer ausmachen, die in eine Unterhaltung vertieft waren. Es handelte sich um den Heiler, den Notor und Syr Aschantus, Tarkins Busenfreund.
Der Notor berichtete: »Ich denke, hier sind wir sicher vor heimlichen Lauschern. Ihr wisst, was ich glaube: Xardrus wurde vergiftet, alle Anzeichen sprechen dafür. Wir müssen nur noch herausfinden, um welches Gift es sich gehandelt hat. Außerdem müssen wir Syr Madhurs habhaft werden. Viele der Befragten haben seinen Namen genannt, als es darum ging, wer ein Interesse an Xardrus' Tod haben könnte. Nach seinem Auftritt auf der Wegburg müssen wir davon ausgehen, dass er als Auftraggeber für den Mord in Frage kommt.«
Syr Aschantus machte einen Vorschlag: »Wir könnten doch alles durchsuchen lassen, vielleicht finden wir bei irgendjemandem das Gift oder Zutaten für die Giftbereitung.«
Der Heiler nickte: »Das ist eine sehr gute Idee. Sprecht am besten selbst mit dem Hochfürsten, und leitet das in die Wege!« Sie verließen den Raum und schlossen die Tür von außen ab.
Ich musste beim Wort »Gift« unwillkürlich an Vivana denken und wäre fast vom Balken in die Tiefe gestürzt, wenn mir nicht Freya in die Rippen gekniffen hätte.
»Wir müssen zurück zu unseren Kameraden!« - »Nochmal durch die Kloake?« - »Ist der einzige Weg!«

Wir fanden unsere Kameraden im Gästezimmer. Der Höhlenschrat hatte sie aus dem Abtritt verscheucht, nachdem sich mehrere Gäste über den Troll beschwert hatten, der die Tür blockiert gehalten hatte. Ich verwandelte mich zurück und gab das Erlauschte weiter. Anneliese stellte fest: »Wenn sie Vivana durchsuchen, werden sie mit Sicherheit jede Menge Phiolen mit giftigem Inhalt bei ihr finden. Sie werden sie verhaften und als Hauptverdächtige behandeln. Wir müssen sie finden, um sie zu warnen!«
»Aber wo steckt sie bloß?«, fragte ich, schulterzuckend. »Leider kann ich mich heute nicht mehr in ein Eichhörnchen verwandeln.« »Lasst uns morgen nach ihr suchen!«, schlug Anneliese vor.


Das Frühstück am nächsten Morgen bestand aus einem Haferbrei und einem Humpen Bier. Der Schrat entschuldigte sich: »Gibt leider nichts anderes, die lassen mich hier ja nicht raus!«
Dann ging die Tür zur Herberge auf und sechs Soldaten stürmten herein. Sie durchsuchten jeden Einzelnen von Kopf bis Fuß und gingen dann alle Zimmer durch. Am Ende der Durchsuchung gab der Ranghöchste der Soldaten bekannt: »Auf Anweisung des Hochfürsten dürfen alle die Herberge verlassen. Auflage ist, dass alle im Bereich der äußeren Burgmauer bleiben, die innere Burg darf nicht betreten werden und die Stadt darf nicht verlassen werden. Zur Abenddämmerung muss wieder in der Herberge eingekehrt werden. Der Heiler und der Notor behalten sich vor, in der Zwielichtstunde eine erneute Befragung durchzuführen.«
Wir besprachen uns mit Syr Deodan. Er glaubte nicht, dass Syr Madhur so weit gehen würde.
»Ich war sein Anführer in der Schlacht gegen die Tekk. Er hat tapfer gekämpft und ist eine ehrliche Haut. Er kämpft mit offenem Visier, so etwas wie Heimtücke ist ihm völlig fremd. Ich kann mir nicht vorstellen, dass er einen Giftmord in Auftrag geben würde.«

Endlich konnten wir die Gaststätte – durch die dafür vorgesehene Tür – wieder verlassen. Wir hatten vor, Vivana und Tarquan zu finden. Wir kamen zur Brücke über den Wassergraben mit dem Aufgang zur Inneren Burg. Hier standen drei Gruppen von schwer bewaffneten Wachsoldaten. Die erste Gruppe trug das Wappen der Regenburg, die zweite das askalonische Rosenschwert und etwas abseits davon eine dritte Gruppe mit dem imbrischen Strahlenkranz im Schilde. Die Imbrier waren in eine angeregte Unterhaltung vertieft und warfen zwischendurch immer wieder misstrauische Blicke in Richtung der Askalonier: »Kein Wunder, dass es Streit zwischen Xardrus und dem Hochfürsten gab. Wie kann man nur so verantwortungslos sein und einen Ogrens mitten in die Stadt führen, nur um sein Bestienkabinett zu bereichern.« Sie verstummten, als sie bemerkten, dass sie aufmerksame Zuhörer hatten. Maluna ging ihnen mit aufreizendem Hüftschwung entgegen. Die Soldaten rissen ihre Augen auf und schienen wie gebannt zu sein von ihrem Anblick. »Ihr stattlichen Männer, sagt, wisst Ihr vielleicht, wo ich meine Freundin Vivana finden kann?«
Zumindest einer der Soldaten hatte seine Sprache wiedergefunden: »Ich kenne keine Vivana, aber ich kann gerne die lange Treppe zur Inneren Burg hochgehen und den Notor fragen. Für Euch tue ich alles.« Nach einer Weile kam er zurück und berichtete, dass er auf Anweisung des Notors keine Auskünfte zu laufenden Untersuchungen geben dürfe: »So gerne ich bei Euch eine Ausnahme machen würde.«
Wir belauschten eine Unterhaltung der Askalonier über Syr Deodan und Syr Xardus. Es musste eine Auseinandersetzung zwischen beiden während der Schlacht im Grünen Kessel gegeben haben. Einer der Soldaten war mit dem Rücken zu uns gekehrt und plauderte gerade: »Der Schlag gegen den General der Tekkarmee hätte Deodan zugestanden, aber dieser Wael hat sich lieber um jemanden anderen gekümmert. Dafür hat dann dieser imbrische Paladin den ganzen Ruhm eingestrichen!«
»Na ja, davon hat er jetzt auch nichts mehr!«, lachte ihm ein anderer Wachsoldat entgegen. Als sie uns bemerkten, blickten sie uns finster an und verstummten sofort. »Von denen wird uns auch niemand weiterhelfen«, bemerkte Widun und wir folgten dem Rundweg um den Wassergraben.
Auf einer der Brücken über einen der kleineren Wasserkanäle, die den gesamten äußeren Burgenring durchzogen, beobachteten wir zwei askalonische Soldaten, die sich gelangweilt auf ihre Speere stützten und gerade über »einen Einäugigen und eine Jujin« sprachen, die heute Morgen »festgenommen wurden«.
Wir fragten einen einfachen Bürger, wo sie die Gefangenen hinbringen. »Ins Gefängnis natürlich! Das ist gleich da drüben!«
Der Gefängniswärter war tatsächlich einverstanden – nachdem ihn Maluna etwas weichgekocht hatte – dass einer von uns kurz mit den Gefangenen sprechen durfte. Tarkin wollte das machen. Als er zurückkam, berichtete er: »Ja, sie haben Vivana und Pferd in Gewahrsam genommen. Sie haben zwei Phiolen mit Gift bei Vivana gefunden und ihr mit dem Galgen gedroht. Vivana meinte, wir sollen ein Buch über Mixturen und Tinkturen suchen, um das Gift herauszufinden, das verwendet wurde. Wir sollen ›Rotfärbung der Haut‹ und ›Heraushängen der Zunge‹ als Giftfolgen nachschlagen. Nur so könne sie vielleicht dem Notor beweisen, dass sie ein solches Gift nicht bei sich hat oder hergestellt haben kann.«
»Na, dann suchen wir mal nach einer Bibliothek«, schlug Anneliese vor. »Oder wir befreien sie, indem ich den Wächter mit einem exotischen Tanz ablenke!«, war Malunas Gegenvorschlag.
Widun schüttelte den Kopf: »Dann haben wir morgen alle den Kopf in der Schlinge! Hier kommen wir nicht unbemerkt wieder raus, auch an den äußeren Stadttoren stehen jede Menge Wachen!«
Tatsächlich fanden wie ein hohes Steingebäude, über dessen Eingang ein Holzschild mit dem Bild einer – nicht sehr kunstvoll gemalten – Eule im Wind schaukelte. An der wurmstichigen Eingangstür hing ein Pergament mit der Aufschrift »Kommet, findet und kostet vom Wissen der Welt! Skia lädt Euch ein!« Die Tür knarrte in ihren Angeln, als wir sie öffneten. Dahinter erwartete uns eine alte Frau mit langen, zu Zöpfen geflochtenen grauen Haaren in einer ebenso grauen Robe. Ein Anhänger mit goldener Eule verlieh ihr etwas Farbe und wies sie als Skia-Anhängerin aus. »Tretet ein, wenn Ihr nach Wissen sucht, hier werdet Ihr fündig! Ich bin Sapienzia Furalis, eine bescheidene Dienerin der Göttin der Weisheit. Wenn Ihr meine Hilfe benötigen oder gar des Lesens gar nicht mächtig sein solltet, könnt Ihr Euch gerne an mich wenden. Meine Augen sind zwar nicht mehr die besten, aber ich beherrsche viele alte Sprachen.«
Ich blickte mich um. Viel hatte diese »Bibliothek« ja nicht zu bieten. Nur einige wenige Bücher in ansonsten leeren, verstaubten Regalen. Anneliese hielt natürlich Ausschau nach magischen Schriftrollen. »Die haben ja hier gar nichts!«, gab sie schließlich enttäuscht auf. Beim Durchstöbern fanden wir einen alten Folianten »Über die Wirkung einiger Kräuter und anderer wohltuender Ding'«. Er enthielt zumindest den Hinweis auf ein ausführlicheres Werk über die Wirkungen und die Herstellung schädlicher Tränke und Substanzia namens »Lexikalische Auflistung der Mixturen, Essenzen und gräulicher Gifttinkturen von Alatrius Mox«. Wir fragten die alte Skia-Priesterin nach dem Werk. »Es könnte sein, dass der Zirkel der Gelehrten eine Abschrift in seinem Präsenzbestand hat. Ihr findet die Halle im nordöstlichen Teil der Festung. Ich muss Euch aber warnen, Fremde werden dort nicht ohne weiteres hineingelassen.«
Nachdem wir uns für die Hilfe bedankt hatten, trat ein merkwürdiger Ausdruck in ihr Gesicht, sie fasste an ihr Amulett und ihre Augäpfel verschwanden fast hinter den Oberlidern: »Einige von Euch tragen unmenschliches Blut in sich! Habt Obacht und wandelt mit offenen Augen, denn Euer Blut weckt Begehrlichkeiten bei den Mächtigen!«
Dann hatte sie plötzlich wieder den gleichen müden Ausdruck im Gesicht wie zuvor. Als wir nachfragten, was ihre Worte zu bedeuten hätten, tat sie so, als ob sie gar nicht wüsste, wovon wir sprachen. »Unheimlich. Schnell raus hier!«, dachte ich bei mir.

Auf dem Weg zur Halle der Gelehrten meinte ich Lorgrim gesehen zu haben, wie er zwischen den Häusern verschwand. Er hatte ein Talent dafür, unbemerkt zu bleiben.

Im nordöstlichen Teil der Stadt befand sich ein großer Platz, an dessen Ende ein hohes Fachwerkhaus aus zwei großen, verbundenen Gebäudeteilen stand. Davor wehten sieben Banner in verschiedenen Farben im Wind. Der Eingang wurde von einer riesigen Tür aus Ebenholz verschlossen, in die in Form einer Pyramide die verschiedenen Ebenen der Erkenntnis eingeschnitzt waren: Auf der untersten Stufe »Schreib-, Lese- und Rechenkunst«, auf der zweiten »Sprachen, Redekunst, Handel- und Rechtskunde«, auf der dritten »Kriegskunst und Historie«, auf der vierten »Alchimie und die Lehre vom Übernatürlichen«, auf der fünften »Heil-, Gift- und Kräuterkunde«, auf der sechsten »Baukunst und Taktik« und auf der obersten die »Götterlehre«.
Ich klopfte mehrmals an die massive Tür, aber es tat sich nichts. Dann trat ich zurück und ließ Urota sein Glück probieren. Die Tür brach fast aus ihrer Verankerung, als der Troll dagegen hämmerte.
Endlich wurde ein Riegel weggezogen und ein alter Mann schaute heraus. Er hatte sehr viele Falten unter den Augen und schneeweiße, buschige Augenbrauen. »Was ist Euer Begehr?«, krächzte er und wartete knotternd auf eine Antwort. »Wir suchen nach einem speziellen Buch!«, erwiderte Widun. Der Alte schien schwerhörig zu sein, da er seine Hand zu einem Trichter formte und sie an das uns zugewandte Ohr hielt. »So einen Schweinkram führen wir hier nicht!«, war die überraschende Antwort des Alten und er schlug die Tür wieder zu.
Urota klopfte erneut, diesmal öffnete sich nur ein kleines Fenster in der Tür, durch das der Alte seinen Kopf hinausstreckte und fragte: »Ich habe zahlreiche Augen und mehrere Gesichter, doch weder Arm noch Bein, sagt mir, was kann ich nur sein?«
»Ein Würfel!«, schrie ich ihm ins Ohr. Der Alte zog seinen Kopf zurück und - schloss uns die Tür auf. »Kommt rein, ich sehe ihr gebt nicht so schnell auf und seid würdig, die Halle der Gelehrten zu betreten. Ich bin Notor Naharun, man nennt mich den ›Erfahrenen‹. Ihr sucht ein Buch, na dann folgt mir einmal in unsere Halle der Bücher.« Er zündete eine Laterne an und trippelte uns voraus.
Wir kamen durch einige Räume, die mit zahlreichen absonderlichen Gerätschaften, Glaskolben mit verschiedenfarbigen Flüssigkeiten und reichlich verzierten Büchern gefüllt waren. An einigen Tischen standen Männer und Frauen, die im Lichte seltsam leuchtender Elixiere merkwürdigen Tätigkeiten nachgingen.
»Was sagtet Ihr? Welches Buch sucht Ihr?« - »Ein Werk von Alatrius Mox über Mixturen und Tinkturen.« Der Notor kratzte sich am Ohr, überlegte einen Moment und ging dann zu einem der riesigen Bücherregale. »Wir haben eine Ausgabe davon hier. Ich weiß jedoch nicht, ob unsere Abschrift vollständig ist. Mal sehen ...« Er zog einen großen Folianten aus dem mittleren Regal. »Das müsste es sein: ›Lexikalische Auflistung der Mixturen, Essenzen und gräulichen Gifttinkturen von Alatrius Mox‹, leider steht hier ›unvollständige Abschrift‹.«
Wir setzten uns an einen der Tische und Freya begann das Lexikon Seite für Seite durchzublättern. Wir fanden einen Index, der nach Giftfolgen unterteilt war. »Hier ist es: Unter Rotfärbung der gesamten Haut. Giftname: Bitteressenz, Gewinnung aus dem angesäuerten Destillat eines wässrigen Auszugs aus Bitterknollen. Sehr flüchtig, tötet bei Einnahme, Einatmen oder Berührung durch Atemstillstand, Tod durch Ersticken, typische Zeichen sind eine Rotfärbung der Haut und eine heraushängende Zunge. Das Kapitel über Gegengifte fehlt in dieser unvollständigen Abschrift leider.«

Wir bedankten uns bei Naharun und verließen die Halle der Gelehrten, um schnurstracks zum nächsten Notor zu eilen. Die Wachen ließen uns diesmal sofort durch und Fjalgur begrüßte uns freundlich. »Ihr habt unsere Gefährten Vivana und Tarquan verhaftet. Wir können beweisen, dass sie nichts mit dem Mord zu tun haben. Wir waren in der Halle der Gelehrten und haben herausgefunden, dass ›Bitteressenz‹ die gleichen Vergiftungszeichen verursacht, wie sie Syr Xardrus aufwies: die Rotfärbung der Haut und das Heraushängen der Zunge!«, berichtete Tarkin.
Der Heiler trat in den Raum. »Ihr habt recht, auch Wael ist zum gleichen Schluss gekommen. Bei Bitteressenz handelt es sich um ein sehr flüchtiges Gift, das aber einen typischen Geruch hat. Wir haben den Wein von Syr Xardrus untersucht, konnten aber keine Giftspuren mehr entdecken. Möglicherweise war nur ein Hauch davon am Rande seines Kelches.« Der Heiler nickte bestätigend.
Tarkin forderte: »Dann lasst Vivana und Tarquan frei, sie haben nichts mit dem Mord zu tun.«
Der Notor winkte einen Wachsoldaten herbei: »Holt die beiden aus dem Gefängnis und bringt sie hierher.«
Der Heiler setzte an: »Wir haben tatsächlich keine Bitteressenz bei eurer Gefährtin entdeckt. Die Herstellung des Giftes ist sehr schwierig und viele haben beim Versuch seiner Herstellung schon Mortarax begrüßt. Wir haben jedoch einen neuen Verdächtigen festgenommen. Einen Alchimisten, der mit einer Gruppe, die sich als ›Rote Klingen‹ bezeichnet, hierher gekommen ist. Er hat noch am ehesten die Fertigkeit, ein solches Gift herzustellen.«
Der Notor legte Wael sanft eine Hand auf die Schulter: »Wir haben versucht auch der anderen Mitglieder habhaft zu werden, insbesondere der Anführerin Galinea, die ja den Buhurt gewonnen hat, konnten sie aber nicht aufspüren. Sie muss sich irgendwo im Bereich der äußeren Burg versteckt halten!«
Der Wachsoldat führte Vivana und Pferd herein. Wir drückten unsere Gefährtin, die sehr erleichtert wirkte: »Ich habe schon vom Galgen geträumt und wie Krähen auf mir landen, um mir die Augen auszupicken.« Sie schaute ihren Geliebten an – dem ein Auge fehlte: »Entschuldige.«
Pferd zuckte nur mit den Schultern und fragte in die Runde: »Wer ist den nun der Mörder?«
Fjalgur machte einen Vorschlag: »Syr Deodan hält sehr viel von Euch und schwärmt von Eurer Tapferkeit in der Schlacht gegen die Ul'Hukk. Wenn ihr gewillt seid, uns bei der Suche nach dem Mörder zu helfen, dürft ihr Euch hier frei bewegen. Vielleicht habt ihr ja mehr Erfolg und könnt diese Galinea aufspüren.«
Wir waren einverstanden und verließen das Gebäude im Bereich der Inneren Burg.

»Wir sollten den Alchimisten befragen, vielleicht können wir von ihm mehr erfahren«, schlug ich vor. Ich durfte ihn in seiner Zelle aufsuchen. Der junge Gelehrte saß vornübergebeugt auf der Pritsche und blickte erst auf, als die Gittertür geöffnet wurde.
Notor Gulim hatte uns den jungen Mann auf der Wegburg kurz vorgestellt.
»Hallo Lyr«, begrüßte ich ihn, »wir glauben nicht, dass Ihr etwas mit dem Tod des Paladins zu tun habt. Wir sollen dem Notor und dem Heiler dabei helfen, den wahren Täter zu finden.«
Dem jungen Mann huschte ein Lächeln übers Gesicht: »Ich danke Euch, Faun. Ich hätte nicht gedacht, dass mich meine Ausbildung einmal in eine Kerkerzelle führt. Ich schwöre bei meinem Ziehvater Gulim, dass ich unschuldig bin.«
»Könnt Ihr uns verraten, wo sich Galinea aufhält? Vielleicht kann sie uns dabei helfen, Eure Unschuld zu beweisen«, fragte ich ihn.
»Als sie kamen, um uns zu ergreifen, teilten wir uns auf. Sie sagte mir nur, dass sie sich im Handwerkerviertel verstecken würde. Sie ist eine Verwandlungskünstlerin, müsst Ihr wissen.«
Ich versprach ihm, dass wir ihn unterstützen würden und verließ das Gefängnis. Maluna unterhielt sich immer noch mit dem Gefängniswärter, den sie sichtlich in ihren Bann gezogen hatte.

Die Sonne war schon unter dem Bollwerk der äußeren Ringmauer verschwunden, als wir uns auf den Weg ins Handwerkerviertel machten. Wo sollten wir nach ihr suchen? Sie konnte überall sein. Die engen, verwinkelten Gassen boten viele Zufluchtsorte. Plötzlich schlug Urota an: »Ich rieche Frau – ungewaschen!«
Und tatsächlich hinter einer Kiste in der Ecke einer dunklen Gasse saß zusammengekauert eine Bettlerin. Sie hatte die Kapuze ihres dreckigen Umhangs tief ins Gesicht gezogen. »Galinea?«, trat ich näher. Die Bettlerin rührte sich nicht.
»Ihr braucht Euch vor uns nicht zu verstecken, wir versuchen nur Eurem Alchimisten zu helfen.«
Die Bettlerin sprang auf und zog einen Dolch unter ihrem Umhang hervor. Sie fauchte wie eine Katze und beschimpfte uns in der Gossensprache: »Verschwindet, ihr Pisser! Lasst mich in Ruhe!«
Plötzlich wurde ihr die Kapuze nach hinten gerissen und ihr rotes Haar leuchtete im Schein der Abendsonne. Vivana hatte sich geschickt hinter sie geschlichen. Bevor sie sich umdrehen und mit ihrem Dolch etwas Unüberlegtes tun konnte, hatte sie Saradar am Handgelenk gepackt.
»Hab Dich schön aufs Kreuz gelegt, Barbar!«, raunte sie Saradar an.
Widun bemühte sich, die Situation zu beruhigen: »Galinea, wir haben wirklich vor, Lyr zu helfen. Er ist der Ziehsohn unseres Freundes Gulim, des Notors der Wegburg. Auch Vivana und Tarquan hier hatten sie fälschlicherweise verhaftet und ihnen mit dem Galgen gedroht. Helft Ihr uns dabei, Lyrs Unschuld zu beweisen, indem wir den wahren Mörder finden?«
Galinea hatte sich abgeregt: »Ja, natürlich, entschuldigt. Ihr seid Torans Freunde, warum sollte ich Euch nicht vertrauen! Auch wenn Toran manchmal über Leichen geht … zumindest das Leben von Unschuldigen aufs Spiel setzt, um seine waghalsigen Unterfangen durchzuziehen. Ich kann Euch aber versichern, dass die Roten Klingen sicherlich kein Interesse am Tod eines imbrischen Paladins haben. Lyr hat kein Gift hergestellt, und wir haben mit dem Tod des Graufuchses nichts zu tun!«

Wir hörten schnelle Schritte durch die Handwerkergasse hallen und drehten uns instinktiv um. Zwei Stadtwachen hatten uns bemerkt und kamen auf uns zu geeilt. Einer von ihnen berichtete uns, ohne Atem zu holen: »Der Heiler wurde ermordet! Ihr sollt sofort zum Notor kommen! Er wartet in der Gaststätte ›Zum braunen Tropfen‹ auf Euch!«
Ich blickte mich um – Galinea, die Verwandlungskünstlerin, war verschwunden.

Wir folgten den Stadtwachen schnellen Schrittes. In einer der Gassen sah ich Lorgrim hinter einer Ecke verschwinden.
»Was diesen Jujin wohl umtreibt? Ein seltsamer Charakter. Ob er etwas mit den Morden zu tun hat?«, ging es mir durch den Kopf.

Als wir in die Gaststätte eintraten, sahen wir Fjalgur unruhig und aufgelöst im Schankraum auf und ab gehen. Mit tränenfeuchten Augen wandte er sich uns zu:
»Wael, mein lieber Wael! Der unschuldige und stets freundliche Heiler unserer Burg wurde ermordet!«
»Wieder mit dem Gift?«, fragte Tarquan.
»Nein«, stieß der Notor hervor, »kaltblütig mit einem Dolchstoß in den Rücken! Ich vertraue Euch, drei von Euch begleiten mich zum Ort des Verbrechens. Vielleicht seht ihr mehr als ich, ich bin zu mitgenommen.«
Er schluchzte und drehte sein Gesicht weg.

Vivana, Freya und ich folgten ihm nach kurzer Beratung. Im Fackelschein stiegen wir die Stufen zur Inneren Burg empor. Die Kammer des Heilers lag in einem der schönsten Gebäude der Regenburg. Die Wände und die Decke waren mit edlem Holz vertäfelt. An den Wänden hingen seltsame Werkzeuge, die dem Heiler wohl als Instrumentarium für seine Operationen dienten. Auf einem Tisch in der Ecke standen zahlreiche Phiolen mit verschmierten Etiketten. In der Mitte des Raums stand ein hoher Holztisch, auf dem wahrscheinlich die Kranken zu liegen kamen. Unter dem Tisch – eine riesige Blutlache. Diese stammte jedoch nicht vom letzten Kranken, der dem Heiler unter das Messer geraten war, sondern von diesem selbst. Er lag bäuchlings neben seinem Operationstisch, das Blut war aus einer klaffenden Wunde an seinem Rücken ausgetreten. Sein blutbesudeltes Nachthemd war an der Tischkante hängen geblieben, sodass sein Körper halb entblößt auf dem nackten Stein lag. Deutlich konnte ich die Stichwunde sehen.
»Der Täter hat wahrscheinlich einen Dolch benutzt, der Stichkanal ist außen breiter als innen – und er hatte Ahnung, wie man das Herz von hinten erwischt«, stellte Vivana scharfsinnig fest. Freya hatte ihre Augen geschlossen und die Hände seitlich erhoben.
»Ich kann weder eine dämonische Präsenz noch einen Fluch spüren«, stellte die Wichtelpriesterin fest. Der Notor war mit starrem Blick im Türrahmen stehen geblieben. Seine Beziehung zu Wael musste wohl sehr innig gewesen sein. Waren sie vielleicht gar ein Paar gewesen?
Vivana hatte sich unterdessen über den Kopf des Heilers gebeugt und sich etwas Luft zugefächelt.
»Kein Bitterknollengeruch, Gift hat hier wohl keine Rolle gespielt.«
Auf einem der Pulte lag ein Buch. Freya zog sich an dessen langem Buchzeichen nach oben.
»Die gräulichen Gifttinkturen von diesem Alatrius Mix.« Sie blätterte durch die Seiten: »Und dieses Exemplar scheint vollständig zu sein … bis auf eine Seite, die hat jemand herausgerissen!« Sie schaute im Index nach und fand heraus, dass es die Seite mit dem Gegengift gegen Bitteressenz war, die fehlte.
»Da, am Rand der Blutlache, ein Stiefelabdruck!«, rief ich aus. Fjalgur war wegen meines Aufschreis zusammengezuckt und aus seiner Lethargie erwacht. Er trat zur Spur und musterte sie.
»Sieht aus, als ob sie von einem Soldatenstiefel stammt.«
Ich warnte den Notor vor, bevor ich meine Wolfgestalt annahm. Er schien durch den Tod seines Freundes so mitgenommen zu sein, dass er von meiner Verwandlung kaum Notiz nahm.
Ich schnüffelte an der Leiche und dann am Stiefelabdruck. Ich versuchte die Witterung aufzunehmen, doch der durchdringende Blutgeruch im Raum überdeckte alles.

»Ihr seid frei Euch in den Räumen und Gebäuden der Inneren Burg umzusehen, vielleicht könnt ihr weitere Spuren entdecken«, erklärte uns Fjalgur, während er sich eine Träne von der Wange strich. Wir traten auf den Flur hinaus und berieten gerade, wie wir uns aufteilen sollten, als ein Schrei und dann lautes Fußgetrappel von den Steinwänden wiederhallten.

Sonntag, 10. Februar 2019

Der letzte Tanz - Kapitel 9: Die weinende Braut

Widun hatte noch am Abend ein Geschenk besorgt. Er sei – leicht angetrunken - in einen nahe gelegenen Wald gegangen und habe Mnamn um eine Gabe gebeten. Dann sei ihm ein Wildschwein über den Weg gelaufen, das er mit dem gezielten Wurf seines Bierkruges erlegt habe. Das war zumindest die Geschichte, die er uns auftischte, nachdem er mit der großen Wildsau über den Schultern in die Gaststätte gekommen war und sie auf den Tisch geworfen hatte.

Wir hatten den Rat des Waffenmeisters befolgt und waren am nächsten Morgen nackt in den Fluss gesprungen, um den Dreck vom Turnier und den Stallgeruch loszuwerden. Ich hatte die Druidenrobe ausgewaschen und die Löcher gestopft. Sie sah schon wieder ganz manierlich aus. Auch meine Mitstreiter hatten sich herausgeputzt.
Wo waren eigentlich Vivana und Tarquan? Wie sich herausstellte, hatte Tarquan die Nacht in einem Lazarettzelt zugebracht, wegen der Prellungen hatten sie ihm ein starkes Schmerzmittel geben müssen. Mittlerweile konnte er aber schon wieder richtig durchatmen. Vivana und er wuschen sich rasch in der Pferdetränke und legten frische Gewänder an. Zum Bedauern Tarquans ließ sich Vivana nicht dazu überreden, ein richtiges Kleid anzulegen: »Nicht mein Stil«, war ihr Kommentar.
Die Mittagsstunde nahte und wir machten uns auf den Weg zur Regenburg.
Wir mussten dazu den Fluss Regenarm überqueren. Die Wachen hatten die Zugbrücke heruntergelassen und kontrollierten, wer da durch die äußere Burgmauer hinein wollte. Wir wurden direkt durchgewunken – trotz oder gerade wegen des Hügeltrolls mit geschultertem Wildschwein.

Nach dem Durchschreiten des Burgtores bot sich uns ein prächtiger Anblick. Die Innere Burg thronte auf einem hohen, schroffen Felsen, an dessen Flanken sich das Wasser aus dem Reservoir auf dem Turm in Form hunderter filigraner Wasserfälle in die Tiefe ergoss. Alles funkelte und blitzte im Licht der Vormittagssonne. Die Wassertropfen erzeugten herrliche Regenbögen, es sah alles zu schön aus, um wahr zu sein. Um den Felsen herum war ein ringförmiger Wassergraben, der nur an einer Stelle überquert werden konnte. Vom kleinen Brückentor am Fuße des Felsens aus schlängelte sich eine breite, in den Fels geschlagene Straße bis zum Felsplateau nach oben. Nach Durchschreiten des Tores bot sich uns ein weiterer, unglaublicher Anblick. Im Innenhof der Inneren Burg war ein Teich, der das Sonnenlicht spiegelte und auf dem zahlreiche Schwäne trieben. Um ihn herum standen mehrere, uralt wirkende Bäume, die mit ihren Blättern den Rand des Teichs beschatteten und deren Wurzeln an den inneren Burgmauern hochgewachsen waren. Zwischen den Bäumen standen Schreine, die den Guten Göttern gewidmet waren. Inmitten dieser Idylle befand sich ein reich verzierter, steinerner Altar, vor dem sich die hohen Gäste bereits eingefunden hatten. Ich erkannte die Paladine Syr Xardrus und Syr Aschantus. Ein dicker Alunpriester und eine Ianna-Druidin in herrlicher grünbrauner Robe blickten zusammen mit dem Bräutigam Syr Zaran erwartungsfroh zum innersten Turm, dem Regenturm, empor, der im Zentrum der ganzen Anlage thronte. Urota wurde freundlich aber bestimmt angewiesen, die Wildsau bei den übrigen Geschenken abzulegen.
Der Alunpriester Lysandus.
Ein Höfling wies uns unsere Plätze zu, von wo aus wir bedächtig der Vermählungszeremonie folgten. Ein Lächeln huschte über Zarans Mund, als er seine Braut erblickte, die von ihrem Vater, dem Hochfürsten, vorsichtig die Stufen vom Regenturm hinuntergeführt wurde. Der Priester und die Druidin begannen mit Wünschen an die Götter für das Brautpaar. Dann mussten Zaran und Firnja vor den Augen der Völker und der Götter ihre Liebe zueinander beteuern. Zur Huldigung Aluns mussten sie für einen Moment dem blendenden Glanz der Sonne standhalten und dann gemeinsam einen Sprössling zu Ehren der Erdmutter pflanzen. Besiegelt wurde die Vermählung durch einen langen – leidenschaftlichen Kuss. Danach brandete lautes Handgeklapper auf und das Paar konnte sich vor Beglückwünschungen kaum retten. Es wurden Gläser verteilt und Wein ausgeschenkt, sodass alle auf das Wohl des Paares zu Ehren Mnamns anstoßen konnten, dessen Segen sie sich für die folgenden Feierlichkeiten wünschten.
»So folget mir nun alle in die hohe Halle zum Schmausen und fröhlichen Tanze!«, lud uns der Hochfürst ein.

Auch hier wurde uns ein Platz zugewiesen, der eher etwas entfernt vom Geschehen lag. Zur Vorspeise gab es eine duftende Suppe, gefolgt von einer würzigen Pfefferpastete mit Speckscheiben. Dann folgten gebratener Schwan in Rahmsoße und Rinderbraten mit Grünem. Als Nachtisch wurden Sahnekuchen und blauer Pudding gereicht.

Jetzt war die Zeit für den Vermählungstanz gekommen. Das Brautpaar ging mutig voran. Mit all den guten Sachen im Bauch konnte ich mich kaum bewegen, geschweige denn war ans Tanzen zu denken. Das Brautpaar schien sich zurückgehalten zu haben. Sie schwebten verliebt über die Tanzfläche und nach und nach fiel die askalonische und imbrische Verwandtschaft mit ein.

Sogar Graufuchs Xardrus schwang das Tanzbein mit einer Brautjungfer im Arm.
Die geistreichen Getränke hatten die Zungen und gelockert und Völkerunterschiede verschwinden lassen. Selbst Aschantus und Tarkin hatten miteinander angestoßen und auf Bruderschaft getrunken.

Vor dem abschließenden Mahl wagten Zaran und Firnja einen letzten Tanz. Eng umschlungen, müde von den vielen geistreichen Getränken, tanzten bis zur Mitternachtsstunde. Syr Xardrus durfte als Ehrengast den letzten Trinkspruch vorbringen. Er erhob sich von seinem Ehrenplatz zur linken des Hochfürsten und bat mit einem Handzeig um Ruhe. Er musste sich mit seiner linken am Tisch abstützen, der viele gute askalonische Wein musste ihm doch zugesetzt haben. Als er seine Stimme erhob, war davon allerdings nicht zu bemerken: »Es gibt nichts Schöneres auf dieser vom heiligen Licht unseres hohen Herrn erhellten Welt als die Liebe, die sich zwei Menschen schenken können, in Frieden. Um so schöner ist es, wenn diese Liebe Völker vereint und wir uns stärker erheben können gegen alle Feinde, die die Finsternis in unsere Lande und unsere Herzen bringen wollen. Ich erhebe meinen Kelch auf Euch, wunderschöne, ehrbare Fürstin Firnja und Euch, edelmütiger und tapferer Syr Zaran, auf dass Euch Alun allzeit sein Licht sende! Auf Euch!«
Syr Xardrus, der hohe imbrische Paladin des Lichtgottes.
Er nahm einen tiefen Schluck aus seinem Kelch – jeder in der Halle, der ein Glas oder einen Kelch hatte, folgte seinem Beispiel. Vorsichtig nahm der hohe Paladin wieder Platz, fast hätte er sich neben seinen Stuhl gesetzt. Der letzte Schluck schien einer zu viel gewesen zu sein. Unvermittelt kippte Xardrus nach vorne und schlug mit seinem Kopf hart auf den Tisch. Firnja sprang erschrocken auf – ihr Schrei ließ alle bestürzt nach vorne blicken. Der Hochfürst winkte Wael herbei, der den Puls des Paladins zu tasten versuchte. »Er ist tot!«, rief er bestürzt, packte ihn an den Beinen und hievte ihn auf den Tisch. Der alte Paladin war natürlich in seiner verzierten Garderüstung erschienen. Nachdem sie ihm mühsam die Brustplatte abgenommen hatten, versuchte Wael vergeblich, ihn durch rhythmisches Drücken wiederzubeleben. Auch ein Gebet der Ianna-Druidin kam zu spät. Schließlich trat ein Mann im Gewand eines Notors an den Tisch. Er betrachtete den Toten und flüsterte dem Hochfürsten etwas ins Ohr. Dieser wies daraufhin die Wachen an, die Türen der hohen Halle zu verschließen.

Ich blickte mich um: wohin ich auch sah, erschrockene Gesichter, Tränen in den Augen der Frauen und Schweiß auf der Stirn der Männer, Schluchzen und Gejammer. Welch traurige Wendung hatte diese fröhliche Feier genommen. Zaran geleitete seine Gemahlin mit gezücktem Schwert aus dem Festsaal. Auch ihr kullerten Tränen über die Wangen. Ich blickte mich um. Syr Wunnar hatte sich neben mich gesetzt und nippte nervös aus seiner flachen Schnapsflasche, die er immer um den Hals trug. Am anderen Ende unseres Tisches sah ich Lorgrim, den stillen Wanderer, der ebenfalls einen beunruhigten Eindruck machte. Aber wer tat das nicht im Moment? Am Ende der Tafel des Hochfürsten saß Syr Deodan, der vom Lanzenstechen einige Blessuren mitgenommen hatte. Auch die übrigen Ritter des Turniers saßen an den Tischen in der Nähe des Hochfürsten.

Ich konnte Vivana und Tarquan nicht sehen, sie mussten sich scheinbar schon vor dem Nachtmahl davongestohlen haben. Ich wollte mehr erfahren und ging mit Widun nach vorne. Da lag er, der alte Paladin. Seine Haut war seltsam rot verfärbt und seine Zunge hing ihm aus dem Mund. Der Heiler Wael und der Notor – Fjalgur, wie ich aus den Gesprächen erfuhr – untersuchten gerade den Leichnam. Sie versuchten Arme und Beine des Toten zu bewegen, doch waren diese scheinbar zu steif dafür. »Leichenstarre, so schnell, das ist höchst seltsam!«, hörte ich den Notor flüstern.

Die Wachen führten auf Anweisung des Waffenmeisters Radex die Gäste in Gruppen aus der hohen Halle hinaus. Die Ehrengäste wurden in der Inneren Burg untergebracht, während wir zu einem Schlafsaal in einem Gasthaus der unteren Regenburg geleitet wurden. Vier askalonische Wachen blieben vor der Herberge postiert. Dank des vielen Weins schliefen wir rasch ein. Der Blasendruck - oder waren es Albträume - ließen mich in der Nacht jedoch mehrmals wach werden und den Abtritt aufsuchen. Irgendwann fiel ich dann aber doch in einen flachen Schlaf.

Die rot-goldenen Strahlen der Morgensonne hatten mir wohl an der Nase gekitzelt, denn ich wurde wach durch einen Niesenanfall. Urota lag noch im Bett, drehte sich auf die andere Seite und gab grunzende Schnarchlaute von sich, seine Beine hingen weit über die Bettkante hinaus. Mittlerweile hatte ich mich daran gewöhnt, in einem trollischen Sägewerk zu übernachten. Ich sprang aus dem Bett und streckte mich. Auf dem Weg zum Abtritt kamen mir Anneliese, Freya und Maluna entgegen, die sich bereits im Frauen-Waschraum frisch gemacht hatten und ins Zimmer nebenan gingen. Vom Treppenabsatz aus hörte ich Widuns markante Stimme, der mit dem Wirt über eine Bierweihe verhandelte, damit dieser das Gebräu noch teurer würde verkaufen können. Zurück im Zimmer machte Saradar Liegestütze. »Von nichts kommt nichts!«, war sein Kommentar als ich wohl einen Moment zu lange seinen muskulösen Rücken bewundert hatte. Auch Tarkin war nicht faul und machte Klimmzüge an einem Querbalken. »Als Ritter ist körperliche Ertüchtigung unheimlich wichtig!«, erklärte er mir schnaufend.
Ich sah auf mein Bäuchlein – nun ja, nach dem festlichen Mahl gestern musste ich es jetzt wohl eher »Wamst« nennen - hinab und entschloss, auch ein paar Übungen zu machen – wenn nicht Widun gerade von unten zum Frühstück gerufen hätte.

Wir waren im »Braunen Tropfen« untergekommen, einem rustikalen Gasthaus mit einem dutzend Gasträumen. Der Schankraum war voll. Widun stellte uns dem Höhlenschrat vor, der hinter der niedrigen Theke stand: »Darf ich Euch vorstellen, das ist Farenn, genannt ›Donnerhorn‹. Ich habe heute Morgen bereits sein Bier gesegnet und er hat mir einige Geschichten über die Schluchtenstadt der Höhlenschrate erzählt. Ich muss da unbedingt einmal wieder hin. Nicht dass sie dort noch Mnamn abtrünnig werden!« Der Wirt lachte bei diesen Worten: »Glaube ich kaum, mein lieber Widun. Solange es Bier auf der Welt gibt, muss sich Mnamn keine Sorgen machen!«
»Sagt, Ihr Kerle und Weiber aus dem Bund aus – Rotz und Wasser?«, sah der Wirt fragend in die Runde. »Blut und Feuer!«, korrigierte ihn Tarkin scharf. »Schlimm, was da gestern vorgefallen ist, aber von uns hat sicher keiner geheult!« Widun versuchte den Kobold zu beruhigen: »Farenn hat eine etwas derbe Art von Humor, nimm es ihm nicht übel.«
Der Höhlenschrat mit seinen asymmetrischen Hörnern war neugierig: »Was ist da gestern eigentlich vorgefallen? Die Soldaten wollen nicht so recht damit rausrücken.«
Widun beugte sich über die Theke und flüsterte: »Also ich glaube ja, der alte Paladin hat ein falsches Bier getrunken, war bestimmt nicht gesegnet! Ist einfach so vornüber gekippt, konnten nichts mehr machen. Wenn Du mehr erfährst ...« Farenn nickte: »Ja, ja, wenn ich was Neues höre, lasse ich es Dich wissen. Wie sieht es aus, Blut-Bund? Etwas Blutwurst zum Frühstück?«
Tarkin schüttelte den Kopf: »Nein, aber ich hätte gerne ein Dünnbier.« Für einen Silberling wanderte Besagtes über die Theke.

Ich schaute mich im Schankraum um. Am runden Holztisch vor mir spielten ein paar imbrische Gäste »Spinnen und Zyklopen«, ein Würfelspiel, um sich die Zeit zu vertreiben. In einer Ecke erkannte ich Syr Deodan, der mit zwei seiner Soldaten am Tisch saß. Als er uns sah, winkte er uns zu sich.
»Das war Mord! Syr Xardrus war ein frommer Anhänger Aluns und einer der höchsten Paladine des Reiches, nie hätte ihn der Lichtgott vor seiner Zeit abgerufen!«, ereiferte sich der Ritter.
Tarkin sah ihn fragend an: »Aber wie? Mit Gift?«
»Das weiß ich nicht!«, zuckte Deodan mit den Schultern. »Selbst wir stehen jetzt unter Stubenarrest, nur zu gerne würde ich herausfinden, was genau passiert ist und wer dahintersteckt!«
»Habt Ihr denn irgendeinen Verdacht?«, wollte ich wissen.
»Ich denke jeder käme in Frage, der ein Interesse daran hat, das Verhältnis zwischen Imbrien und Askalon zu stören. Ein Mord an einem hohen imbrischen Paladin während der Vermählungsfeier auf der Burg eines der wichtigsten askalonischen Hochfürsten! Mir fällt gerade ein, dass der Hochfürst und der Graufuchs noch auf der Wegburg einen heftigen Streit hatten, ich kann mich leider nicht mehr an den genauen Grund erinnern. Aber vor dem Turnier schienen sie sich ja wieder versöhnt zu haben.«

Syr Deodan ereiferte sich wieder: »Und ich muss hier untätig rumsitzen! Stehe ich etwa auch unter Mordverdacht?«, rief er in Richtung des Wachsoldaten, der gerade für seine Kameraden ein Frühstück beim Wirt holte. Saradar stellte sich ihm in den Weg: »Sagt, wisst Ihr, wo unsere Freundin Vivana untergebracht wurde?« Der Soldat sah eingeschüchtert aus, zumal er sich mit den vier Bierkrügen und zwei langen Broten unter den Armen nicht hätte wehren können.
»Ich weiß nichts von einer Jujin, und wenn, dürfte ich Euch nichts sagen!« Der Soldat versuchte, den Barbaren links anzutäuschen, um dann rechts an ihm vorbeizukommen. Keiner hatte ihm gesagt, dass Vivana eine Jujin-Vergessene war, er wusste sehr wohl etwas!
Urota war zur Stelle, packte den Soldaten von hinten am Schlafittchen und hob ihn mitsamt Bier und Broten in die Höhe, sodass seine Füße Luftschritte machten. Die drei anderen Soldaten vor der Tür hatten wohl mitbekommen, dass es drinnen Ärger gab und kamen mit Hellebarden im Anschlag ins Gasthaus.
Der Höhlenschrat war plötzlich sehr aufgeregt und rief: »Heh, Troll, lasst den Wachsoldaten runter, die befolgen doch auch nur ihre Befehle!«
Saradar nickte Urota zu und dieser ließ den Soldaten wieder runter – nicht ohne ihm ein Brot und ein Bier abzunehmen. Nach zwei Bissen war das Brot im Mund des Trolls verschwunden und nach zwei Zügen aus dem Bierkrug hinuntergespült. Die Wachsoldaten wagten nicht zu protestieren und verließen eiligst wieder die Herberge. Wir hörten, wie die Tür von außen verriegelt wurde.
»Vielen Dank, jetzt sind wir hier völlig eingeschlossen!«, schimpfte Donnerhorn. Jetzt wurde mir klar, warum er diesen Spitznamen hatte.
Syr Deodan winkte uns wieder zu sich und tuschelte verschwörerisch: »Ich habe eine Idee, wie wir an Hinweise gelangen können. Wir bräuchten nur jemanden, der klein genug ist, um hier unbemerkt rauszuschlüpfen.« Sein Blick wanderte dabei zwischen Tarkin, Anneliese und Freya hin und her. »Die Wachen haben die Fenster sicher im Blick. Es muss noch einen anderen Weg aus der Gaststätte hinaus geben!«

Draußen wurden die Riegel wieder beiseite geschoben. Der dicke Heiler Wael und der Notor Fjalgur in seiner dunkelblauen Robe betraten das Gasthaus in Begleitung der vier Wachsoldaten.
Alle Gäste wurden angewiesen, auf ihre Zimmer zu gehen. Sie wollten die einzelnen Gruppen nacheinander in einem Nebensaal des Schankraums zum Todesfall befragen. Als wir an der Reihe waren, fragte uns Fjalgur zunächst, wer wir seien und warum wir hier wären. »Wir sind der ›Bund aus Blut und Feuer‹ und auf Einladung des Hochfürsten wir, da wir in der Schlacht an der Wegburg an seiner Seite gegen die Tekk-Invasoren gekämpft haben.« Fjalgur fuhr mit seiner Vernehmung fort: »Habt Ihr etwas Verdächtiges bemerkt? Habt Ihr eine Idee, wer ein Interesse daran haben könnte, Xardrus zu ermorden?« - »Also war es doch Mord?«, warf Tarkin ein. Der Notor ignorierte ihn einfach. »Vielleicht jemand, der einen Keil zwischen Askalonier und Imbrier treiben will? So einer wie dieser Syr Madhur«, merkte ich an.
»Die Befragungen werden vielleicht noch ein paar Tage dauern, solange müsst Ihr mit dieser Gaststätte vorlieb nehmen. Falls sich weitere Fragen auftun, weiß ich ja, wo ich Euch finden kann!« - »Tage?«, fragte Saradar erbost. »Ich bleibe doch nicht in dieser Gaststätte hocken, während die Ul'Hukk schon wieder ihren nächsten Angriff aushecken!« Wael versuchte ihn zu beruhigen: »Sobald wir alle befragt haben, könnt ihr die Gaststätte verlassen und Euch in der Stadt frei bewegen.« »Wisst Ihr vielleicht etwas über den Verbleib unserer Jujin-Freundin Vivana?«, fragte ich. Die beiden Ermittler sahen sich schweigend an, ließen meine Frage unbeantwortet, erhoben sich dann von ihren Plätzen und ließen uns von den Wachen wieder auf unsere Zimmer bringen. Deodan wurde die Treppe runtergeführt. Ich konnte ihm ansehen, dass er nur darauf wartete, jemandem mal so richtig die Meinung sagen zu können. Tatsächlich hörten wir einen Teil der Befragung durch die dicke Holzdecke hindurch. Ein Wort blieb mir besonders in Erinnerung: »Madhur.«