Donnerstag, 31. Mai 2018

Der letzte Tanz - Kapitel 6: Rosenschwert und Sonnenrad

Am Morgen nach der Schlacht versammelten wir uns auf dem Grabhügel abseits der Wegburg, um von den Toten Abschied zu nehmen. Ein kalter Wind blies unablässig über den breiten Rücken des Hügels. Widun, Anneliese und Tarquan hatten die Wegburg im Morgengrauen erreicht und Syr Edwen hatte sie über den Verlauf der Schlacht unterrichtet. Der »Bund aus Blut und Feuer« war wieder vollzählig. Die Freude über das Wiedersehen war jedoch schnell wieder verebbt angesichts des traurigen Anlasses. Der Großteil der Besatzung der Wegburg, zahllose askalonische und imbrische Soldaten, Ritter und deren Knappen sowie hohe Paladine des Lichts hatten sich in einem Halbkreis um den Hügel herum versammelt. Sie hatten die Leiber der zwölf gefallenen Krieger aufgebahrt und zwölf Gräber ausgehoben. Fünf der Gefallenen hatten mit uns an der Wegburg gekämpft, darunter war auch Syr Zork. Notor Gulim hatte ihm ein leichtes Kettenhemd angelegt und ihm den rostigen Morgenstern in die gefalteten Hände gelegt.

Der Halbkreis öffnete sich in der Mitte, um für den Totendiener eine Gasse zu bilden. Er stellte sich zwischen die Leichen und begann die Todesmelodie auf einer Schädelflöte zu spielen. Anschließend stimmte er das >Lied vom letzten Wege< an, in das alle miteinfielen. Tarkins Blick war dabei gebannt auf den Zähneknirscher gerichtet. Ich sah, dass ihm vor Rührung eine dicke Träne die Wange herunterkullerte. Auch ich konnte mir die Tränen nicht verkneifen. Mir tat es auch sehr leid um Zork, der sich in der Schlacht als wahrer Held erwiesen hatte.

Jetzt trat Syr Vardek, der Hochfürst des Rössertals vor. Er war ein hochgewachsener Mann, in dessen Gesicht Stolz, Tapferkeit, aber auch Kummer ihre Spuren hinterlassen hatten. Er musste schon so manche Schlacht geschlagen und so manchen Verlust erlitten haben mit seinen - ich schätzte - über fünfzig Sonnenjahren. Er trug ein silbernes Kettenhemd mit einer prächtig verzierten Halsberge. Sein grauer Waffenrock und sein langer weißer Umhang trugen das Wappen seiner Familie, eine weiße Burg, über der Regen fällt. Er ging vor den Gefallenen bedächtig auf die Knie und erhob sich nach einiger Zeit wieder.

Er ließ einen traurigen Blick über die Versammelten streifen und setzte dann an:

»Der Feind dringt in unsere Länder vor. Mit Eisen und Blut bezahlen wir jeden Schritt bei der Verteidigung unserer Heimat. Diese tapferen Männer haben in den vergangenen Tagen unseren Tribut an Mortarax bezahlt. So lasst sie uns gemeinsam ehren und die Worte für sie sprechen, zu ihrem Andenken und zu ihrem Wohle im Reiche des Todes.«

Ein Alunpriester trat vor und drehte sich zur Menge: »Aluns Licht brennt noch immer in ihren Herzen!«
Vor allem die imbrischen Soldaten fielen in seinen Sprechgesang mit ein: »Möge es niemals verglimmen!«

Viele Augen, vor allem die der Askalonier, richteten sich jetzt erwartungsvoll auf mich und Widun. Einige der Gefallenen waren Anhänger der Erdgöttin, sodass ich auch einen Segen sprach und Ianna darum bat, dass sie die Leiber in ihr Reich aufnehmen und neues Leben daraus erwachsen lassen solle.

Widun hatte Weinfässer aus der Wegburg herrollen lassen und erhob jetzt einen riesigen Weinkelch, nahm einen großen Schluck daraus, und ließ ihn reihum gehen. Er musste mehrfach nachgefüllt werden. So hatten wir auch die Anhänger des Schratenherrn berücksichtigt. Zum Abschluss trat noch einmal der völlig in schwarz gekleidete Totendiener zu den Leichen und sang: »Mortarax hat das Bett für euch bereitet, er sende eure Seelen auf den letzten Pfad!«
Er winkte einige der Männer zu sich, die dabei halfen, die Toten in den Erdlöchern zur Ruhe zu betten. Das Begräbnisritual endete mit dem melancholischen Harfenspiel des Mortaraxpriesters. Die Versammlung löste sich auf und die Soldaten kehrten in ihre gestern noch hastig am Fuße der Wegburg errichteten Lager zurück.

Wir wollten uns gerade zur Wegburg wenden, als ein junger Mann keuchend den Grabhügel hochrannte. Es war Valan, der junge Wächter, der uns die erste Kunde vom Tekkangriff gebracht hatte. Wir ließen ihn erstmal wieder zu Atem kommen, dann setzte er an: »Mehr … zurück!«

»Noch mehr Grauhäute?«, fragte ihn Edwen ungläubig.
»Nein!«, keuchte Valan und ein Lächeln trat auf seine Lippen. »Gruppe mit Überlebenden aus dem grünen Kessel … gekommen!«

Wir kehrten eiligen Schrittes zur Wegburg zurück. Ich sah, dass sie die Leichen der Tekk am Rande der Schlucht gestapelt hatten und gerade dabei waren, den errichteten Scheiterhaufen in Brand zu setzten. Das Holz war nass vom vielen Regen und es wollte den Soldaten nicht so recht gelingen. Anneliese schubste Widun an: »Ich könnte doch … mit einem kleinen Feuerball!«

»Willst du selber auf dem Scheiterhaufen landen? Das da drüben sind Alunpaladine. Wenn die mitbekommen, dass du Feuermagie beherrschst, grillen sie dich gleich mit, aber lebendig!«, flüsterte ihr der besorgte Mönch zu.

Wir traten durch das Burgtor und erblickten im Hof eine Gruppe mit roten Schwertern auf Rüstung und Schild. Sie gaben gerade ihre Pferde bei den Stallburschen ab. Eine Frau war darunter. Das auf den Rücken gegürtete Schwert verriet, dass sie eine Kriegerin war. Sie blickte kurz zu uns herüber. Ihr Gesicht hatte einen grimmigen Ausdruck, der noch von ihrer ungewöhnlichen Frisur unterstützt wurde. Sie hatte eine Seite des Schädels kahl geschoren und die Haare der anderen Seite zu dünnen, aber langen Zöpfen geflochten.

Als ihr Blick auf mich fiel, wechselte ihr Gesichtsausdruck. Jetzt hatte sie ein eher spöttisches Lächeln auf den Lippen. Sie drehte sich weg und verschwand im Eingang zum Haupthaus. Zwei der Rotschwerter bezogen Stellung vor der Tür.
»Seltsam, was geht da vor sich?«, fragte ich mich, als uns Notor Gulim zu sich rief.

»Darf ich euch vorstellen, das ist >mein< Lyr, ein hervorragender Alchimist, der einst mein Zögling war. Jetzt ist er Mitglied im Bund der roten Klingen.«
Der junge Alchimist Lyr.
Gemeint war ein kahlköpfiger, junger Mann mit vor Intelligenz funkelnden Augen, der in die Robe eines skilischen Gelehrten gekleidet war. Auf der Robe waren zahlreiche Symbole, die ich noch nie gesehen hatte, wahrscheinlich alchimistischer Natur. Gulim drückte ihn noch einmal an sich und war selbst um einen Kuss auf die Wange nicht verlegen.
»Er kam damals als Waisenjunge zu mir, und ich habe ihn wie meinen eigenen Sohn aufgezogen«, erklärte Gulim nicht ohne Stolz.

Gulim entschuldigte sich und überließ Lyr unseren Fragen.
Widun betrachtete seine zitternde Hand: »O Tremorio, ich muss dringend einen Trinken gehen!«

»Schön Euch kennenzulernen«, begann Edwen. »Gulim hat oft von Euch erzählt, doch Ihr wart schon weg, bevor ich zur Bruderschaft gestoßen bin.«

Der junge Alchimist nickte: »Ja, ich habe in Skilis Alchimie studiert und dann in Taraxhall gearbeitet. Nach dem Fall der Stadt habe ich mich den >Roten Klingen< angeschlossen. Unsere Anführerin, Galinea, habt Ihr ja schon gesehen. Unser Bund besteht hauptsächlich aus Überlebenden des grünen Kessels und anderer von den Tekk eroberter Gebiete Askalons. Galinea ist hier, weil sie überlegt, sich der Bruderschaft anzuschließen.«

Tarkin fragte unverblümt: »Was sollen die Wachen vor dem Haupthaus?«

Lyr sah uns ungläubig an: »Könnt ihr euch das nicht denken? Sie sind beide schwer verwundet, aber am Leben ...«

Er hatte kaum ausgesprochen, als Edwen und Tarkin mit großen Schritten auf die Tür zugingen. Die Wachen kreuzten die Schwerter vor ihnen, doch Lyr rief ihnen zu, dass es in Ordnung sei, uns durchzulassen.

Wir durchschritten den langen Flur. Aus einer Seitentür drang heißer Dunst. Vier Burschen erhitzten hier Steine im Feuer und Wasser brodelte in großen Kesseln. Wegen der hohen Luftfeuchtigkeit fing ich sofort an zu schwitzen. Einer der Burschen hatte Wein aufs Feuer gestellt und warf jetzt stechend riechende Kräuter hinein. Die Tür zum Nachbarraum ging auf und die dicke Magd Melda trat herein.

»Habt ihr endlich die Tücher ausgekocht?«, fuhr sie zwei der Burschen in harschem Ton an.

Der Raum, aus dem die Magd gekommen war, war abgedunkelt. Als wir Anstalten machen wollten, hineinzugehen, stellte sich uns die resolute Melda in den Weg: »Wo sollsn hingehn?«

Urota blickte auf sie herab und seine Hauer formten ein Trollgrinsen. »Alles klar!«, piepste die Magd und sprang beiseite.

Hier lagen zwei Männer auf Strohmatratzen. Notor Gulim legte gerade einem der beiden einen Verband an und tupfte anschließend auf die glühende Stirn.
»Wundbrand!«, flüsterte er. Der Verwundete schien weit weg zu sein, jedenfalls lag er wie schlafend unter einer dicken Bärendecke. Das traf jedoch nicht auf den anderen zu. Dieser wand sich schweißgebadet hin und her auf seiner Matratze und drohte ständig herunterfallen. Er hatte die Augen halb geöffnet, ich konnte sehen, dass seine Pupillen wild hin und her zuckten. Er murmelte unzusammenhängende Worte. Ein kleiner, älterer Mann mit großem Schnauzbart im Gewand eines Heilers beugte sich gerade über ihn und schmierte eine Salbe auf die von Schnittwunden übersäte Brust des jungen Mannes. Galinea hockte auf der anderen Seite und versuchte, den Versehrten zu bändigen.
»He, ihr da! Steht nicht so da rum! Bringt mir ausgekochte Leinentücher und den heißen Wein!«, fuhr uns der alte Heiler an. »Etwas Hilfe beim Festhalten wäre auch nicht schlecht! So kann ich nicht arbeiten!« Saradar und Urota halfen beim Festhalten, während ich mit Freya und Tarkin die Tücher und den Wein holen ging. Au! Ich musste den heißen Weinkrug fallen lassen. Irgendwie hatten es aber die kleine Wichtelin und Tarkin geschafft, einen Weinkrug unbeschadet zum Heiler zu bringen. »Syr Toran hier geht es sehr schlecht, wenn wir nicht rasch seine Wunden ausspülen, stirbt er!« Selbst der Troll und der Gjölnar hatten Schwierigkeiten, Toran festzuhalten, sein Wundkrampf war kaum zu bändigen. Der Heiler bat Saradar, ihm ein Tuch fest in den Mund zu pressen, damit er sich nicht auf die Zunge beißen würde, und goss dann den heißen Wein in die tiefe Wunde. Torans Körper bäumte sich noch einmal in einem massiven Krampf auf, um dann erschöpft in sich zusammen zu sinken. Seine Bewegungen wurden ruhiger, schließlich schien er eingeschlafen zu sein.

»Ich bin Wael, der oberste Heiler des Hochfürsten. Danke, dass ihr mir geholfen habt und entschuldigt bitte, dass ich so barsch war, aber es ging um Leben und Tod«, stellte sich der kleine Mann jetzt vor. »Ich denke, dass die beiden durchkommen werden, aber sie brauchen jetzt viel Ruhe, sie sind beide extrem geschwächt. Verlasst bitte den Raum, damit sie schlafen können«, bat er uns.
Galinea sprach noch kurz mit dem Heiler und folgte uns dann in den Flur.

Edwen stellte sie zur Rede: »Seid gegrüßt im Namen der guten Götter. Ihr seid Galinea, die Anführerin der >Roten Klingen<?«
Sie blitzte ihn mit ihren stahlblauen Augen an: »Ja, das bin ich. Und was seid ihr für ein bunter Haufen?«
Wir erklärten ihr, dass ein Teil von uns bereits an Torans Seite gegen die Tekk gekämpft hatte und auch jetzt mit den >Gekreuzten Schwertern< der anrückenden Tekkarmee entgegengetreten war.
Sie schien beeindruckt und begann zu erzählen: »Dann seid ihr Torans Freunde! Der Faun und die Wichtelin haben auch mitgekämpft? Das hätte ich euch gar nicht zugetraut. Ihr wollt sicher wissen, was da drüben passen - ich meine jenseits des Rösserpasses - passiert ist. Wir wollten uns mit Toran treffen, um zusammen mit ihm seinen Bruder zu befreien. Doch leider war er vorher in einen Hinterhalt der Tekk geraten und sie hatten ihn in einen ihrer Blutwagen gesteckt. Er hatte sich natürlich gewehrt und wurde schwer verwundet. Zu seinem Glück sind die Tekk jedoch an >Frischfleisch< interessiert und lassen ihre Gefangenen deshalb zunächst einmal am Leben. Wir fanden heraus, wer ihn gefangen hielt und konnten ihn – leider nur mit großen Verlusten – schlussendlich befreien. Auch sein Bruder Benesch befand sich unter den Gefangen. Fünf weitere überlebten die Reise zur Wegburg nicht – wegen der anrückenden Tekkarmee kamen wir nicht vorbei und mussten uns ein Versteck suchen. Dort hatten wir aber keine Möglichkeit, die Verwundeten richtig zu versorgen. Ich muss jetzt gehen - der Kriegsrat wartet. Glück mit euch!«
Sie verabschiedete sich mit einem Nicken und trat ins Freie.

Die Magd Melda kam aus der >Kammer des Schweißes<. Saradar kramte rasch einen Beutel hervor und bot ihr doch tatsächlich die Hexenkräuter aus Medea zum Kauf an.
Sie schaute kurz drauf, schnupperte und zuckte schließlich mit den Schultern: »Kenn ich net, will ich net. Und von einem Barbaren schonmal gar net!«
Sie ließ ihn mit offenem Mund auf dem Flur stehen und eilte hinaus.

»Was machen wir jetzt?«, fragte ich in die Runde. Edwen schlug vor, ein Nachtlager zu suchen. Er meinte, dass wir vielleicht bei den freien Rittern oder den Askaloniern unterkommen könnten. Wir verließen die Wegburg durch das Torhaus. Vor uns lag das imbrische Lager. Die hellen Zelte standen in Reih und Glied, an jedem flatterte das Sonnenbanner. Die Ritter, alle glatt rasiert und in sauberer Kleidung, saßen vor ihren Zelten und unterhielten sich, während die Knappen mit dem Polieren der Rüstungsteile beschäftigt waren. Alles blitzte und blinkte. Zwischen den Zelten waren die Pferde angekoppelt. Sie trugen aufwändige Schabracken mit Sonnensymbolik. Die Stallburschen waren gerade beschäftigt, sie zu tränken und zu füttern.
»Die sind mir zu arrogant«, entschied Tarkin und stapfte weiter.
Wir folgten der Passstraße und hatten das freie Lager zur Rechten. Hier standen die Zelte, alle in den verschiedensten Farben und Zuständen, einige neu, andere schon sehr zerschlissen, wild durcheinander. Die unterschiedlichsten Banner wehten vor den Zelten. Bei einigen fehlte es sogar gänzlich. Die Krieger trugen teils verrostete Rüstungen, manche hatten auch nur Teilplatten und trugen Kettenhemden oder Leder mit Aufschlägen. Ein seltsamer Gestank lag hier in der Luft.
»Die haben doch tatsächlich … einen Ogrens. Die spinnen!«, besprach sich gerade ein freier Ritter mit einem Kameraden. Sie verstummten und drehten sich weg, als wir näher kamen. Dann unterhielten sie sich in einem Flüsterton weiter.
Anneliese hielt sich die Nase zu: »Nein danke, dieser Gestank ist nichts für eine Kobolddame.«

Das askalonische Lager bestand hauptsächlich aus roten Zelten, die nicht ganz so ordentlich wie die ihrer imbrischen Kampfgenossen aufgereiht standen. Die Krieger waren emsig, einige übten sich im Schwertkampf, andere im Bogenschießen auf Strohpuppen. Hier wurden Pfeile geschnitzt und mit Federn bestückt, da ölten sie die Scharniere ihrer Rüstungen und schliffen ihre Schwerter. Die Kriegsvorbereitungen waren in vollem Gange, bei den Imbriern hatte ich dagegen den Eindruck gewonnen, sie wären eher auf einem Ausflug. Ein Fiedler stimmte soeben eine alte askalonische Weise an. Hier gefiel es mir viel besser als bei den Hochnäsigen und Gestriegelten. Das askalonische Lager war hufeisenförmig angeordnet. In der Mitte stand das größte Zelt. Vor ihm waren zwei Ritter mit einem gebeugten Mann in ein Gespräch vertieft.
Einer der Ritter lächelte uns freundlich entgegen: »Bei den guten Göttern, seid gegrüßt, wenn das mal nicht die Helden der Schlacht am Rösserpass sind. Mein Name ist Syr Deodan, und das hier ist Syr Madhur.«
Der andere Ritter hatte einen grimmigen Gesichtsausdruck und musterte uns eher finster und ablehnend. Der gebeugte Mann mit tiefen Gesichtsfalten, ein Notor, wie ich jetzt an seiner Gelehrtenrobe erkannte, war hinter den zweiten Ritter zurückgetreten. Tarkin fragte geradeheraus, warum dieser so grimmig dreinblicke, sie hätten doch schließlich den Sieg davongetragen.
Syr Madhur antwortete zähneknirschend: »Das geht euch gar nichts an, Ihr seid kein Askalonier!«
Edwen trat vor: »Ich schon, sagt, was macht Euch so wütend?«
Madhur schien Edwens Schlangenschwert-Wappen zu kennen: »Syr Edwen, der Kriegsrat – oder vielmehr der Hochfürst und dieser Graufuchs Xardrus – haben beschlossen, dass die Wegburg verstärkt werden soll und ein Teil der Truppen als Verstärkung hier bleiben soll.«
»Aber das sind doch gute Nachrichten«, mischte sich Saradar ein und erhielt dafür einen stechenden Blick vom askalonischen Ritter, der selbst mir fast körperlich weh tat. Deodan dachte wohl, dass er einschreiten müsse und drängte sich zwischen den Barbaren und Syr Madhur. Er schaute Edwen an, als er erklärte: »Der Kriegsrat hat sich dagegen entschieden, den Tekk nachzusetzen und sie aus dem Süden Askalons endlich zu vertreiben. Chiram ist gefallen, Taraxhall ist gefallen, jetzt ist der gesamte >Grüne Kessel < in der Hand der Bestien aus Ultar. Auch ich wäre für eine andere Vorgehensweise – aber wir müssen es mit Vernunft betrachten. Gegen ihre Übermacht haben wir im Augenblick keine Chance!«
Syr Madhur drehte sich weg und grummelte so etwas wie »Scheiß auf eure Vernunft!«, trat gegen einen Stein und verschwand dann hinter einem der Zelte.
Syr Deodan, askalonischer Ritter aus dem Grünen Kessel.
Deodan beschwichtigte: »Ihr müsst ihn verstehen. Seine Stadt ist in der Hand dieser Bestien. Aber was hilft es, wenn wir im Anrennen alle auf der Strecke bleiben!«
Der faltige Notor wollte sich gerade zum Gehen wenden, als ihm Syr Deodan auftrug, ein leeres Zelt für uns zu finden: »Ihr habt doch sicher noch kein Nachtlager!«
Gebeugten Hauptes und schlurfenden Schrittes hatte uns der bucklige Notor zu einem leeren Zelt am Rand des Lagers geführt: »Hier könnt ihr für heute Nacht bleiben!«
Vivana und Pferd verabschiedeten sich vorerst vom Rest der Gruppe – sie wollten sich bestimmt ein ungestörtes Plätzchen suchen.

Ein Rumpeln – Urotas Magen hatte sich gemeldet, pünktlich zur Mittagszeit.
»Wo kriegen wir was zu essen her?«, fragte Saradar in die Runde. »Nicht, dass der Troll noch einen von uns anknabbert!«
»Wir könnten auf die Jagd gehen!«, schlug Anneliese vor. Tarkin lachte: »Ich würde sogar mit dir kommen, aber ...« - er zeigte auf sein angekokeltes Fell - »... ich habe Angst, dass du den ganzen Wald in Brand setzt!« Maluna verstand sich auf Feuerwitze: »Dann wäre wenigstens alles schön kross!«
»Ich sehe mal, wo sich Widun rumtreibt, er hat bestimmt eine Idee, wo wir etwas Gescheites zum Essen und Trinken herkriegen!«
Ich ging zurück zur Wegburg, Maluna begleitete mich und zog alle Blicke auf sich. Wir fanden Widun in der Schenke – wo sonst? Er saß am Tresen und prostete einigen Soldaten zu. Es war nicht schwer ihn wegzukriegen, als wir ihn baten, ein Fässchen Bier mitzubringen. Ich holte mir aus der Küche einen Kessel mit Kartoffelsuppe, mit Malunas Hilfe war es kein Problem, ihn ins Zeltlager zu tragen.

Wir kamen an der Schmiede vorbei, wo ich mitbekam, wie der Schmied zwei seiner Lehrlinge anschrie und beschimpfte: »Ein Blinder hämmert genauer als ihr!« und »Meine Esse ist noch nie erloschen – eher stoße ich einen von euch Nichtsnutzen hinein, bevor sie ausgeht!« und »Das soll Weißglut sein? Ihr erlebt gleich, was richtige Weißglut ist!«
Vor der Schmiede standen vier Knappen mit verbeulten, schweren Rüstungsteilen auf dem Rücken - in einer Warteschlange - in der prallen Mittagssonne. Auch sie bekamen ihr Fett weg: »Wartet, bis ihr dran seid! Der früheste Termin ist der nächste Halbmond! Und jetzt weg hier, ihr stehlt mir die Luft zum Atmen!« Maluna zuckte mit den Achseln: »Da werde ich wohl kein so leichtes Spiel wie beim letzten Mal haben!« Sie grinste nur, als ich auf ihre Aussage mit einem Gesichtsausdruck, der wohl eine Mischung aus Schreck und Ekel zeigte, antwortete.

Als wir zurückkamen – Widun rollte das Bierfässchen mit seinem Fuß die Passstraße hinab - spielte Saradar gerade mit seinem Wiesel. Anneliese wollte es gerne streicheln, doch es schlüpfte flink wieder zurück in sein Versteck - in Saradars Hose.

Nach dem Essen trat Valan ins Zelt: »Syr Benesch ist aufgewacht und möchte euch gerne sehen!«
Wir folgten ihm in die Wegburg, Urota und Freya waren zurückgeblieben, sie wollten sich noch etwas ausruhen – so viel Bier in praller Sonne vertrug nicht jedermann.
Zufälligerweise war Maluna die erste, die eintrat. »Träume ich noch? Seid ihr eine Alwe? Toran hat gar nichts von Euch erzählt!«, begrüßte er sie. »Ähm, ich bin eine Freundin von Tarkin, dem Kobold«, erklärte sie. »Ah, da ist ja auch der Faundruide, der sich in ein Eichhörnchen verwandeln kann – Toran hat sich immer sehr darüber amüsiert« - er hustete.

Edwen kannte ihn am besten von unserer Gruppe und trat zu ihm: »Syr Benesch, wie geht es Euch?«

»Edler Syr Edwen, es könnte besser gehen, aber ich lebe. Es war unvernünftig von meinem Bruder so viel zu riskieren...« - er musste immer einmal wieder eine Pause einlegen, selbst zum Sprechen war er noch zu schwach.

»Wisst ihr, sie hatten mich in einer Felsenhöhle angekettet, diese Bestien. Sie halten uns ja solange am Leben, damit wir ihnen und der Brut ihrer Königin irgendwann einmal als Nahrung dienen können! Wir sind doch kein Schlachtvieh! Dieser törichte Toran musste herausgefunden haben, wo sie mich festhielten. Mit fünf Leuten stürmte er in die Höhle, nur er und ich kamen lebendig wieder raus. Aber seht, was sie mit uns gemacht haben. Mein Bruder war schon immer ein Hitzkopf, diesmal hat er sich aber wie ein Freitodwühler verhalten!«

Toran lag nebenan und ließ ein weit entfernt klingendes Flüstern hören, als er seinen Namen hörte – er schien Albträume zu haben. Wael, der Heiler, trat ins Krankenzimmer und bat uns, wieder zu gehen. Benesch war inzwischen wieder eingetrübt, er murmelte »Lichtbringer« und »Ilon Heck...« als wir den Raum verließen.

Die Sonne stand tief am Horizont, als wir durch das Torhaus traten. Jenseits der Brücke waren die Arbeiten an der Passmauer in vollem Gange. Edwen folgte mir über die Brücke. Unten lagen Teile der Passmauer und des Turms im rauschenden >Schwarzbach<. Handwerker hatten die Trümmer beiseite geräumt und Steinmetze hämmerten fleißig an Ersatzsteinen für die eingestürzte Mauer. Ein Holzgestell zeigte, wo der neue Wehrturm errichtet werden sollte. Hier standen mehrere Bogenschützen und hielten Wache. Ein erfahrener Schütze namens Isgard Falkenauge gab den anderen Hinweise, wie sie ihre Treffsicherheit erhöhen könnten. Wir folgten dem Gebirgspfad noch etwas in Richtung Grüner Kessel. Hier hatten Handwerker spitze Pfähle in den Boden gerammt, um einen erneuten Ansturm der Tekk das nächste Mal schon früher zum Stillstand zu bringen. Auch hier waren Wachen postiert. Sie unterhielten sich angeregt:

»Diese Tekk sterben lieber als in Gefangenschaft zu geraten.«

»Ja, und nachdem der alte Xardrus den Tekkgeneral erschlagen hatte, seien nur Krähen davon geflogen und die umstehenden Ul'Hukk tot umgefallen.«

»Aber hast du das von dem Menschenfresser gehört? Die Soldaten von der Regenburg haben doch tatsächlich eines dieser Viecher gefangen.«

»Ja, angeblich sammelt der Hochfürst solche Monster irgendwo unter seiner Burg in einer Art Bestiarium!«

Die Sonne war schon hinter den Schwarzeisenbergen verschwunden, als wir das Zelt erreichten. Widun hatte bereits dafür gesorgt, dass kein Tropfen des guten Bieres zugekommen war. Tarquan und Vivana kamen ins Zelt. Ich sah, dass Vivana Moos in den Haaren hing, sie hatten wohl der Waldgöttin gehuldigt.

Saradar versuchte mal wieder, sich bei Maluna einzuschmeicheln, doch die Feueralwe schien resistent gegen den wilden Charme des Barbaren aus dem hohen Norden und ließ ihn wiedermal abblitzen. Anneliese grinste und wünschte ihm »feurige Träume«. Der Barbar zuckte mit den Schultern, legte sich hin und flüsterte »Was mache ich bloß falsch?«, während er sich zur Zeltwand drehte. Tarkin sah hoffnungsvoll zu Anneliese rüber, doch auch sie zeigte ihm nur die kalte Schulter. Mit einem tiefen Koboldknurren drehte er sich ebenfalls in Richtung Zeltwand.

Der letzte Tanz - Kapitel 5: Die Schlacht am Rösserpass

Regen prasselte mir auf den Kopf und auf dem Boden vor mir lag eine tote Krähe. Ob wir am Ende des Tages auch so daliegen würden? Ich musste an Esperia denken, unsere faunische Ianna-Paladine der Hoffnung, und schöpfte neuen Mut für die kurz bevorstehende Schlacht.

Das Gebrüll der Tekkarmee ebbte nicht ab. Die Feinde aus dem fernen Ultar ließen ihr Kriegsgeschrei durch die Schlucht des Rösserpasses dröhnen, das von den schroffen Felswänden der Schwarzeisenberge wiederhallte und noch verstärkt wurde. Saradar, der zusammen mit Edwen die meiste Erfahrung im Kampf gegen die Tekk hatte, zuckte nur mit den Schultern: »Lasst sie brüllen, ist nicht viel dahinter. Sie kämpfen schlechter als meine Gjölnar-Großmutter – und das will schon etwas heißen – sie zählt über achtzig Sonnenwenden, ist schwerhörig und auf einem Auge blind!«

Syr Edwen beschwor die Mannschaft der Wegburg: »Männer, wenn wir diszipliniert kämpfen, haben wir eine Chance auch gegen die größte Übermacht. Die Schwäche der Ul'Hukk ist ihre fehlende Kriegslist. Lasst sie Welle um Welle gegen unsere gute alte Wegburg prallen – wir werden von den Zinnen auf sie herunterlachen und sie mit Pfeilen begrüßen!«

Hauptmann Wunnar, der den militärischen Befehl inne hatte, teilte die Männer ein: »Ich brauche vier Männer, die den Turm der Passmauer besetzen, damit wir ihnen einen ordentlichen Empfang bereiten können!«

Syr Zork, von allen nur ›Zähneknirscher Zork‹ genannt, bemannte die niedrige Passmauer, vier junge Bogenschützen stiegen auf den etwas nach vorne versetzten Turm.

Ich ging zusammen mit Vivana und weiteren Bogenschützen auf den Turm der Wegburg.
Vivana hatte in Vorbereitung der Schlacht ihre Pfeilspitzen vergiftet und legte sie nun in einem Halbkreis vor sich auf die Zinnen. Ich hatte mir einen Köcher umgeschnallt und übte das Spannen und Einnocken der Pfeile mit meinem Kurzbogen.

Der Himmel hatte sich weiter verfinstert, der Regen wurde immer stärker und spritzte mir prasselnd von den Zinnen ins Gesicht. Die Spannung war kaum auszuhalten, wirre Gedanken schossen mir durch den Kopf, mein rechtes Horn juckte – das hatte es noch nie! Ich entstammte einem friedfertigen Volk, doch was war aus mir geworden? Da stand ich nun hoch auf einem Turm einer Burg und verteidigte die Reiche der Menschen mit Pfeil und Bogen. Ich schloss die Augen und wollte noch ein letztes Gebet an die Erdmutter richten, als mir plötzlich bewusst wurde, dass es auf einmal ganz still geworden war – das Gebrüll der ultarischen Armee war verstummt. Ich öffnete die Augen. Der Regen verschleierte mir etwas die Sicht, dennoch konnte ich erkennen, dass sich Zork über die Brüstung der Mauer beugte und den Männern auf der Brücke, unter denen auch Urota, Saradar und Syr Edwen waren, etwas zurief. Sie nahmen daraufhin Haltung an. Wo waren eigentlich Maluna, Tarkin und Freya? Ich konnte sie von hier oben gar nicht erkennen. Urota legte sich die große Menschenfresseraxt auf die Schulter, Saradar reckte sein Bastardschwert und Edwen erhob sein Langschwert.

Dann ging alles plötzlich ganz schnell. Zork schrie »Sie kommen!« als auch schon ein Feuerball gegen den Turm der Passmauer prallte und mit einer lauten Detonation zerbarst – Teile eines brennenden Fasses rieselten auf die Soldaten herunter. Weitere dieser Feuerbälle flogen gegen die Passmauer und trafen den Turm. Zork hielt schützend sein Schild über sich. Die Bogenschützen auf dem Turm feuerten nach unten. Die Angreifer blieben für mich unsichtbar, hinter der Passmauer verborgen.

Von oben – ein ohrenbetäubendes Krächzen – der Krähenschwarm war zurück. Ich spannte meinen Bogen und schoss in die dunkle Wolke. Die Krähen versuchten im Sturzflug nach mir zu picken oder mich mit ihren Krallen zu verletzen. Ich duckte mich in den Schutz der Mauer. Die Krähen glitten zornig krächzend über die Burgmauer hinweg und schlängelten sich dann wieder in die Höhe. Vivana feuerte ihnen in schneller Folge ihre Giftpfeile hinterher. Ich schaute nach unten – der Turm brannte. Einer der Bogenschützen fiel brennend vom Turm. Zork gestikulierte, dass die drei anderen den Turm verlassen sollten – doch zu spät – nach einem weiteren Feuerball brach der Turm krachend in sich zusammen – die Trümmer stürzten zusammen den schreienden Soldaten in die Tiefe der Schlucht.

Die Krähen kamen zurück. Ich schoss in den gefiederten Schwarm – vorbei. Wieder brausten sie kreischend über uns hinweg.

Zork warf Steine von der Passmauer. Ein weiteres brennendes Fass flog direkt auf ihn zu und warf ihn von der Mauer. Er lag vor dem Tor. Der Sturz schien ihm wenig ausgemacht zu haben, den er rappelte sich bereits wieder auf. Dann – ein Donnern. Das dicke Eichentor vibrierte und flog fast aus seinen Angeln. Ich hörte, dass Hauptmann Wunnar so etwas wie »Verstärkt das Tor!« brüllte und versuchte, mit einigen Soldaten einen Holzwagen zur Verstärkung in Richtung Tor zu schieben. Ein weiteres Hämmern – gefolgt von einem zornigen, unmenschlichen Brüllen.

Meine Nackenhaare stellten sich auf – die Krähen waren zurück. Eine saß auf meinem Rücken und pickte nach mir. Ich schüttelte mein nasses Fell – dann fiel sie tot zu Boden. Vivana lächelte mir zu – einer ihrer Giftpfeile hatte den schwarzen Vogel durchbohrt.

Von unten – ein Ächzen und Krachen – und wieder dieses unmenschliche Brüllen – diesmal aus mehreren Kehlen. Zork schrie »Weg hier!« und rannte zusammen mit Wunnar und den anderen Soldaten von der Passmauer weg. Einen Augenblick später, und sie wären darunter begraben worden. Mit einem ohrenbetäubenden Poltern und Rumpeln fiel die Mauer. Teile von ihr schlugen krachend gegen die Steilwände der Schlucht und landeten laut platschend im Gebirgsbach.

Da wo eben noch die Passmauer gestanden hatte, lag nur noch ein brennender Schutthaufen. Wie hatten es die Tekk geschafft, diese massive Mauer zum Einsturz zu bringen?

Voll gespannter Erwartung und - wie ich am Schlottern der Speere bei einigen jungen Soldaten sehen konnte – Furcht, standen die Brüder der Wegburg auf auf der schmalen Brücke.

Der Regen löschte die Flammen – durch den Qualm hindurch drang ein kehliges Knurren und ein Kettenrasseln zu uns herüber. Auch jetzt konnte ich von den Angreifern kaum etwas erkennen – nur Schatten hinter einem Rauchschleier. Dann setzte ein lautes Gebell ein, waren das Hunde? Mit ungeheurer Geschwindigkeit sprang ein Dutzend schuppiger Hundebestien über die Mauerreste der ersten Verteidigungslinie. »Gobbons!«, rief ein Soldat neben mir.
Ein Bluthund der Tekk.
Einer der Tekkhunde sprang auf den Zähneknirscher zu. Zork schwang die Kette seines Morgensterns und traf die Seite der Bestie. Der Hund heulte auf und stürzte mit einem Jaulen in die Schlucht. Die Soldaten hielten die Bestien mit ihren Speeren in Schach. Urota hieb mit seiner riesigen Axt nach einem der Hunde und spaltete ihn in der Mitte. Einer der Soldaten wurde überwältigt – Wunnar wollte ihm zu Hilfe kommen, doch ein weiterer Gobbon sprang ihm an den Arm und zerrte ihn weg. Blut spritzte, als der Hund dem Soldaten die Kehle zerfleischte. Blut triefend, mit offenem Maul, stand er da und suchte sich sein nächstes Opfer aus. Dann steckte ihm plötzlich ein Pfeil im Kopf und er sank zu Boden. Tarkin sprang herbei, wechselte Bogen gegen Kurzschwert und versicherte sich, dass der Gobbon niemanden mehr beißen würde.

Von oben – wieder lautes Krächzen. Die nächste Angriffswelle der Krähen wehrten wir mit einem Pfeilregen ab, bevor sie auch nur in unsere Nähe kommen konnte. Schwarze Federn wirbelten durch die Luft. Der Boden war inzwischen übersät von ihren nassen Kadavern – ich musste aufpassen, wo ich hintrat, um nicht auf ihren glitschigen Leibern auszurutschen.

Weitere Bluthunde sprangen auf die Brücke – und die ersten Tekk folgten ihnen. Die grauen Krieger aus Ultar – laut Edwen von einer fernen Macht kontrolliert, einer Art Königin, die ihre Gedanken beherrschte. Furchterregend sahen sie aus. Ich hatte nur verschwommene Erinnerungen – die Gedanken an unsere Flucht vor den Ul'Hukk hatte ich verdrängt. Ketteln rasselten, die Platten auf ihren Rüstungen blitzten auf. Viele trugen Helme, die ihre Gesichter verbargen, bei anderen konnte ich selbst von hier oben die für sie typischen Muster auf den Stirnplatten erkennen.

Zork hatte gerade wieder einen der Hunde von der Brücke gefegt, als ein tekkischer Speerkrieger auf ihn einstach. Der Speer prallte an seinem Schild ab - Zähneknirscher drehte sich geschickt und verpasste dem Tekk einen Kinnhaken mit dem Ellbogen seines Waffenarms. Soldaten und Tekk stachen mit Speeren aufeinander ein - Saradar schüttelte einen Tekkhund von seinem Bein und gab ihm einen Tritt – Tarkin schoss einen Pfeil und traf damit einen Tekk in die Brust – Urota trennte einem Ul'Hukk, der seinen Speer vor den Augen des Trolls hatte bedrohlich kreisen lassen, den Speerarm von der Schulter. Überall Leichen und Leichenteile auf der Brücke – ein grausames Bild.

Was war das? Ein Huschen, an der Felswand, wo der Wasserfall in die Tiefe stürzte. Dann sah ich sie: eine Säbelzahnechse kroch schlängelnd über die Felswand auf meinen Wehrturm zu. Ihre schuppige Haut glitzerte im prasselnden Regen. Ich schloss die Augen und richtete ein Stoßgebet an Ianna. Ein großer Dorn rammte aus der Felswand und traf die Riesenechse in den Unterleib. Sie zischte und richtete ihren Reptilienblick auf mich. Sie klapperte mit ihren Zähnen, die ihr den Namen »Säbelzahn« gegeben haben mussten. Mir wurde Angst und Bange – sie kletterte weiter an der Felswand entlang und setzte gerade zum Sprung an – doch ein weiterer Dornenstich irritierte sie so, dass ihr Sprung fehlging, und sie nur mit ihren Vorderbeinen an den Zinnen hängenblieb. Der Soldat neben mir schlug ihr auf die Halt suchenden Krallen.

Unten wurde die Lage immer unübersichtlicher. An vorderster Front stand der unerschrockene Zork. Blut tropfte von seinem Morgenstern. Die Tekkleichen stapelten sich vor ihm. Der Qualm hatte sich inzwischen verzogen – ich konnte riesige Schatten sehen, die sich von jenseits der Schlucht der Brücke näherten. Was waren das für Monstren? Sie waren über drei Schritt groß, gewaltige, geifernde Hauer ragten aus ihren ausladenden Kiefern. Die Menschenfresser waren gekommen. »Ogrens!«, schrie ein Bogenschütze hinter mir. »Jetzt ist unser Ende nah!«

Mit einem Brüllen sprengte das erste Ungeheuer den Leichenstapel auf der Brücke. Die ganze Brücke geriet in Schwingungen, als er auftrat. Selbst der hünenhafte Zork wurde durchgeschüttelt bei jedem Schritt des Ogrens. Heldenhaft blieb der Zähneknirscher auf der Brücke stehen, während alle anderen angsterfüllt ein paar Schritt zurückgewichen waren. »Haltet Stand, Brüder!«, rief der Ritter der Bruderschaft und reckte sein Schild mit dem Wappen der gekreuzten Schwerter wie ein Banner empor.

Dem Soldaten neben mir war es nicht gelungen, die Säbelzahnechse abzuwehren, sie hatte sich ein paar Schritt an der Burgmauer nach unten bewegt und an einer anderen Stelle versucht, über den Zinnenkranz zu klettern. Sie schnappte gerade nach ihm, als es ihm endlich gelang, sein Schwert durch ihren Kopf zu bohren. Trudelnd fiel sie in die Tiefe.
»Argh!«, ertönte ein Schrei, der mich wieder nach unten blicken ließ. Zorks Morgensternkette hatte sich am Bein des Ogrens verfangen. Der Menschfresser hatte Zork mit seiner Linken an der Brust gepackt und quetschte gerade das Leben aus ihm. Die Bogenschützen schossen mit Pfeilen auf die Brust des Monsters, doch prallten diese wie Stöckchen von den gepanzerten Hautplatten des Riesen ab. Meine Gefährten versuchten noch, den Ogrens abzulenken – doch zu spät. Er ließ den leblosen Körper Zorks fallen und trat noch einmal mit aller Kraft auf dessen Brustpanzer, sodass die dicken Holzplanken darunter fast zu brechen drohten. Tarkin schrie auf vor Zorn und stürzte sich zusammen mit Edwen auf den Ogrens. Dieser hatte eine Keule groß wie ein Baum in seiner Rechten. Geschickt wichen sie seinen Keulenhieben aus. Tekk mit auffälligen Helmen und Rüstungen stürmten auf die Brücke. Sie sahen noch furchteinflößender als die anderen Ul'Hukk aus und schwangen Krummsäbel als Waffen. Saradar wehrte zwei der Elitekrieger mit dem Schwert ab, Urota ließ die riesige Axt kreisen. Hauptmann Wunnar hatte sich einen langen Speer geschnappt und kam Edwen und Tarkin zu Hilfe. »Wir müssen ihn unter den Achseln erwischen, da hat er seine Schwachstelle!«, rief er den beiden zu, während er versuchte, seinen Worten Taten folgen zu lassen. Edwen stach mit seinem Langschwert zu und traf den Ogrens in der linken Achsel. Der Menschfresser ließ sich auf sein linkes Knie herab. Jetzt war sein Kopf so tief, dass Tarkin vorspringen und ihm seine Klinge ins Auge rammen konnte. Das Ungeheuer stöhnte auf hob noch einmal mit letzter Kraft seine riesige Keule. Wunnar nutzte die Gelegenheit und rammte seinen Speer tief in die freigelegte rechte Achsel. Der Ogrens wimmerte und sank zu Boden.

Die Krähen hatten sich an den Felswänden niedergelassen, sie schienen genug von unseren Pfeilen zu haben. Weitere Eiltekrieger der Tekk drängten auf die Brücke, dann – ein Donnern – zwei weitere Ogrens trampelten den Gebirgspass hoch. »Wir müssen uns zurückziehen! Macht das Brückentor auf!«, rief Edwen durch den Lärm. Das Brückentor wurde hochgezogen, eilig schleppten die Soldaten die Verletzten auf die andere Seite. Jetzt konnte ich auch Maluna und Freya erkennen, die sich um die Verwundeten kümmerten. Edwen und Tarkin hatten mit jeweils einer Hand Zorks Körper gepackt, während sie mit der anderen die anrückenden Tekk auf Abstand hielten. Wunnar stieß mit seinem Speer nach den Grauhäuten. »Lasst ihn liegen, sonst schafft ihr es nicht!«, rief plötzlich Gulim vom Brückentor herab. »Nein, niemals!«, rief Edwen, der die Hauptlast des in Platten gerüsteten Bruders tragen musste. Hätten sie doch auf die Worte des Notors gehört! Die Ogrens hatten die Brücke erreicht – alles wackelte, die Leichen der Tekk flogen durch das Getrampel in die Höhe, einige stürzten in die Tiefe. Blut spritzte in die Höhe, vermischte sich mit dem Regen und lief durch das Brückentor den Hang zum Rösserpass hinab.

Die Menschenfresser hatten schon fast das noch offene Brückentor erreicht, als ein erneutes Donnern erklang. Diesmal kam es jedoch von unserer Seite des Passes. Der Himmel tat sich auf, Sonnenstrahlen erhellten das Schlachtfeld – der Regen ließ endlich nach. Die Ogrens mussten sich die Augen zuhalten, so intensiv traf sie das plötzliche Sonnenlicht. Das Donnern wurde immer lauter und rhythmischer: Tatapp – tatapp. Das Rössertal funkelte plötzlich in Silber und Gold. Es blinkte und blitzte. Dann – Musik! Das dröhnende Blasen hunderter Fanfaren, das Spiel von Kriegsschalmeien und Sackpfeifen.
Die Wolkendecke riss immer weiter auf und es schien fast so, als ob die ultarische Armee vor dem Licht flüchten würde. Die Ogrens stöhnten und hatten immer noch ihre Hände vor den Augen, als sie langsam zurückwichen. Gulim jubelte vom Brückentor herab: »Die Verstärkung ist da! Seht! Der Imperator hat uns doch nicht vergessen!«

Jetzt konnte ich Einzelheiten erkennen. Voran ritten die grau-weißen Ritter der imbrischen Armee mit dem Banner der aufgehenden Sonne. Darunter einige in goldener Rüstung mit einem Strahlenkranz am Helm – die Paladine des Sonnengottes. Hinter den Rittern in ihren blank polierten Rüstungen unter wehenden Bannern folgten ihre Knappen in einfachen Lederwämsen. Als nächstes kamen berittene Lanzenträger in Kettenhemden. Hierauf folgte die Kavallerie der askalonischen Armee. Angeführt wurde sie von einem Ritter in schwarz-grauer Rüstung, der neben dem Rosenschwert Askalons eine gebrochene Klinge im Wappen führte. Neben ihm ritt ein Krieger in hellgrauer Rüstung mit dunkelblauem Umhang und gehörntem Helm.

Unter dem Jubel der Besatzung der Wegburg galoppierte die Armee durch das Brückentor und - über die Leichen auf der Passbrücke hinweg - den fliehenden Tekk hinterher. Jetzt erreichten auch die Fußsoldaten der imbrisch-askalonischen Armee die Wegburg. Darunter Schwert- und Axtkrieger, Pikeniere und schließlich auch die Kriegerbarden, die die Tekkarmee durch ihr Spiel zum Rückzug animiert hatten.

Das Klingen und Klirren der Schwerter und Lanzen verlor sich allmählich jenseits des Rösserpasses. »Sieg!« und »Hoch lebe die Bruderschaft!« und »Viktoria Solaris!«, der Siegesruf der Imbrier, erschallte allerorten.

Ich kletterte zusammen mit Vivana vom Turm herunter. Unten bekam ich mit, wie Gulim dem geheimnisvollen Lorgrim zunickte und ihm auf die Schulter klopfte: »Gerade noch rechtzeitig, gerade noch!«

Mittwoch, 11. April 2018

Der letzte Tanz - Kapitel 4: Ein kleiner Umweg

Im Norden, einen Viertelmond früher...
»Widun, was ist los? Du hast geschrien im Schlaf!«, rüttelte Anneliese den Mnamn-Priester wach.
»Anneliese, es geht dir gut! Ich habe geträumt, sie hätten dich auf dem Scheiterhaufen verbrannt!«, seufzte Widun erleichert, als er die kleine Koboldmagierin wohlbehalten vor sich sah.
»Mich doch nicht! Wenn hier jemand jemanden verbrennt, dann bin ich das!«, stellte Anneliese klar.
Saradar starrte die beiden aus leeren Augen an. Etwas Schwarzes tropfte aus seiner Nase. Er saß noch so da, wie sie ihn am Vorabend zur Ruhe gebettet hatten.
»Guten Morgen Saradar, wie geht es dir?«, fragte ihn Anneliese freundlich. Er zeigte keine Reaktion und schien durch sie hindurchzuschauen. Der Reliquienknochen ruhte auf seiner Brust, die sich gleichmäßig hob und senkte, als würde er schlafen.
»Nicht viel los mit dem Barbaren«, stellte Tarquan fest.
»Wir sollten aufbrechen, es ist noch ein weiter Fußweg bis zum Nordmarkt.«
Anneliese fütterte das Wiesel, das ihr gegenüber sehr scheu war und nach einem kurzen Frühstück setzte sich die Gruppe wieder in Bewegung. Die Leute, die ihnen auf dem Weg begegneten – meist zu Pferd oder auf einem Gespann – blickten verwundert auf das seltsame Bild, das sich ihnen bot: eine Koboldin, ein Halbschrat und ein Einäugiger mit einem stummen Barbaren im Schlepptau. Leider bot ihnen niemand ein Pferd oder einen Wagen an, der ihre Reise beschleunigt hätte, alle blieben auf Abstand.
Mit Blasen an den haarigen Koboldfüßen und Krämpfen in den strammen Halbschraten-Waden ließen sie sich erschöpft zum Nachtlager nieder. Nur Saradar schien die Strapaze nichts auszumachen, er saß wieder an einen Baumstamm gelehnt und blickte starr in die Dunkelheit.
Anneliese schreckte aus dem Schlaf hoch, weil sie etwas an der Nase gekitzelt hatte: da war es wieder, das glitzernde Etwas! Nach einem Augenzwinkern war es jedoch in die Nacht verschwunden. »Eine Fee!«, fiel es Anneliese plötzlich wie Schuppen von den Augen. Sie schlief wieder ein und träumte davon, wie es wohl wäre, solch ein Wesen aus purer Magie als Begleitung zu haben.

Am Nachmittag des nächsten Tages erreichten sie den Nordmarkt. Das Wiesel des Barbaren war aus seinem Versteck gekommen und kletterte aufgeregt von einer Schulter zur anderen, wo es jeweils kurz verharrte und sich umschaute. Anneliese warf Radaras – so hatte es der Gjölnar getauft – gierige Blicke zu, wie gerne hätte sie auch so einen putzigen Begleiter, sie brachte es aber nicht über's Herz, Saradar seinen wuseligen Begleiter wegzunehmen.
Sie kamen zum Söldnerlager und erblickten zunächst kein bekanntes Gesicht. Tarquan sprach mit einem Söldner am Eingang und sie wurden schließlich zum Anführer durchgelassen. Als sie die Plane zum Hauptzelt anhoben, blickten sie auf den muskulösen Rücken eines riesigen Barbaren. Im Feuerschein schien es fast so, als ob sich die Tätowierung einer blaugrauen Schlange über seine Schulter bis ins Gesicht hochwinden würde.
Der Söldnerhauptmann Halar Khor'Namar.
Halar Khor'Namar drehte sich um und begrüßte knapp den unerwarteten Besuch. Er rauchte Pfeife und blies den Rauch in Ringen unter das Zeltdach.
Tarquan ergriff das Wort: »Hauptmann Halar, seid gegrüßt! Wir haben einen Stammesbruder von euch mitgebracht, der von einem Zurakpriester verflucht wurde, nur ein Heiler aus dem Stamm der Khor'Namar könne ihm helfen.«
Halar schaute in Saradars ausdruckloses Gesicht: »Pferd, sei gegrüßt! Ich kenne ihn, das ist doch Saradar! Natürlich helfe ich meinem Stammesbruder!«
Er rief zwei seiner Männer, die Saradar in ihre Obhut nahmen. »Bringt ihn zu unserem Keldyr-Druiden, vielleicht kann er ihm ja helfen!«
Tarquan blickte unter sich: »Halar, ich habe euch schon einmal darauf angesprochen. Ich möchte mich freikaufen und mit meinen neuen Freunden gen Süden in den Kampf gegen die Tekk ziehen!«
Halar wirkte zunächst überrascht, dann trat kurz ein zorniger Ausdruck in sein Gesicht, der sich aber schnell wieder abmilderte: »Pferd, natürlich hast du das Recht, dich freizukaufen. Ich bedaure dein Weggehen, wir haben viele erfolgreiche Kämpfe zusammen bestritten. Da steckt doch bestimmt eine Frau dahinter.« Er zwinkerte Tarquan zu, der mit einem Schmunzeln antwortete. Der Hauptmann hielt die Hand auf und Tarquan ließ einen klimpernden Beutel hineinfallen. »Hier sind die zweihundert Silberlinge, mit denen Ihr mir einst geholfen habt.«
Halar legte ihm die andere Hand auf die Schulter: »Möge Osir dich mit Tapferkeit segnen und siegreich möge dein Weg sein!«
Es schien eine Art von Ritual zu sein, denn Halar drehte sich weg und verschränkte die Arme, während Tarquan wortlos das Hauptzelt verließ und zielstrebig auf ein Nebenzelt zuging. Einen Augenblick später kam er mit einer kleinen Truhe zurück: »Wir brauchen Pferde!«

Bei einem Händler kaufte er zwei stattliche Schimmel. Sie ritten einem lauen Wind aus Südosten entgegen, die letzten Zelte des Nordmarktes verschwanden hinter ihnen.
Sie suchten sich einen Lagerplatz für die Nacht, als die Sonne hinter dem Schwarzeisengebirge in weiter Ferne unterging. Als es dunkel wurde, hörten sie das leise Heulen einiger Wildhunde. Pferd bot Widun eine Flasche an: »Magst du etwas von dem Gesöff?« Widun konnte nicht widerstehen und tat sich gütlich an dem dunklen Bockbier. Schnell fielen ihm die Augen zu - Mnamn war zufrieden.

Am nächsten Morgen hatte Widun Blähungen vom Bockbier des Vorabends, was ihm jedoch nicht unangenehm war. Anneliese hielt sich die Nase zu: »Du Stinkbombe! Als nächstes studiere ich Windmagie – damit ich deine Darmwinde von mir fernhalten kann!«
Sie ritten weiter nach Süden und kamen nach zwei Tagen an einen provisorisch errichteten Grenzwall. Pferd spekulierte: »Vermutlich haben sie den wegen der drohenden Tekkinvasion aufgeschüttet!«
Nur mit Mühe konnten sie ihn mit ihren Pferden überqueren. Im Osten zeichnete sich schließlich die Silhouette einer Stadt ab: »Das muss Tremen sein!«, vermutete der Söldner. »Es ist nicht mehr weit bis zur Grenze zwischen Imbrien und Askalon.«
Am Abend erreichten sie ein Bergmassiv, die Pferde hatten Mühe, sicheren Tritt zu finden auf den schmalen, mit groben Steinen bestreuten Pfaden, die sich den Berg hinaufwanden.

Plötzlich zog von Süden her eine schwarze Wolke heran.
»Das ist doch keine ...«, ein lautes Krächzen schnitt Tarquan das Wort ab. Es waren tausende Krähen, die da über ihren Köpfen schwirrten, den Himmel verdunkelten, in Schleifen und Spiralen durcheinander flogen, die einer geheimen, dämonischen Logik zu folgen schienen.
»Wenn hier Krähen sind, sind bestimmt auch die Ul'Hukk nicht weit!«, vermutete der Söldner. Sie versteckten sich schnell hinter einem großen Felsen. Und tatsächlich, eine Kettenschaft aus vielleicht fünfzig Tekksoldaten kletterte über ihnen in der Steilwand. »Ich fürchte, wir müssen uns einen anderen Weg suchen«, stellte Tarquan trocken fest.
»Aber ich könnte doch, mit Feuer ...«, wollte Anneliese einen Vorschlag machen.
»Wir hören besser auf Pferd, zu dritt haben wir gegen diese Horde keine Chance!«, unterbrach sie Widun.
Sie nahmen einen Weg, der sie um die Steilwand herumführte, sodass sie außerhalb des Blickfeldes der Tekk liegen würden. Der Anstieg war beschwerlich, die Felsen glitschig – es musste hier am Vortag heftig geregnet haben, kleine Gebirgsbäche waren zu reißenden Strömen geworden. Das nervenaufreibende Krächzen der pechschwarzen Krähen begleitete sie bis in die Nacht. Sie lagerten an einem abschüssigen Berghang. Sie vermieden es, ein Feuer zu machen. Die Nähe der Tekk ließ sie keine Ruhe finden.
Einer der Schimmel scheute plötzlich. Tarquan sah einen dunklen Schatten vor dem weißen Pferd vorbeihuschen. Er bekam noch mit, wie sich einer der Schimmel los riss, auf dem glatten Fels den Tritt verlor und mit einem erbarmungswürdigen Wiehern in die Schlucht stürzte.

Alle drei waren plötzlich hellwach – sie bildeten eine Formation, indem sie sich Rücken an Rücken stellten. Widun konnte mit den Augen dank seines Schratenerbes die Dunkelheit am besten durchdringen: »Ich erkenne drei Tekk, die sich von der Hangseite her anschleichen.«
Anneliese hob ihre rechte Hand, sprach eine Zauberformel und schickte ihnen als Gruß einen Flammenstrahl entgegen. Einer der Tekk wich brennend zurück, doch die beiden anderen stürmten weiter heran. Widun bat seinen Gott um Unterstützung – einer der beiden Späher geriet ins Wanken und hatte Mühe, sich auf den Beinen zu halten. Dann klirrten die Schwerter. Anneliese brachte sich in Sicherheit, Widun und Pferd kämpften verbissen und schafften es – unterstützt von einem weiteren Flammenstrahl der Koboldmagierin, die Tekk in die Flucht zu schlagen.

»Wir müssen hier weg!«, entschied Tarquan. Sie führten den Schimmel am Zügel in der Dunkelheit über die schmalen Bergpfade. Schließlich konnten sie in der Dämmerung die Umrisse einer Burg an einem Berghang erkennen. Im Morgennebel sahen sie zahlreiche Schemen, die sich vor den Mauern hin und her bewegten.
»Freund oder Feind?«, überlegte Widun laut, als er mit dem Fuß in einen Rinnsal trat. Er erschrak, denn es war kein Wasser, das da den Hang herunterfloss - es war Blut.

Sonntag, 25. Februar 2018

Der letzte Tanz - Kapitel 3: Burg, Bund und Bruderschaft

Die Heimsuchung der letzten Nacht erschien mir wie ein Albtraum. Doch Malunas Frage am nächsten Morgen machte mir deutlich, dass es kein Traum gewesen war: »Faun, sag mal, kanntest du den Grünen? Der sah ja ziemlich mitgenommen aus. Hast du ihm das angetan?«
Ich versuchte es ihr zu erklären, doch sie schüttelte mit dem Kopf: »Ein andermal kleiner Faun, wir müssen los!«
Wir verließen den unheimlichen Wald und vor uns lag ein Teppich aus unendlichen grünen Hügeln. Edwen erklärte, dass die Landschaft ›Rössertal‹ genannt wurde. Es ging zügig die sanften Hügel hinauf und wieder hinunter. In den Tälern flossen schmale Bäche, an den Ufern wieder Auenlandschaften mit einzeln stehenden Bäumen. Am Wasser quakten die Frösche und kreisten die Mücken. Alles wirkte so friedlich. Doch in der Ferne zeigten sich schon bald wieder dunkle Wolken. Die Bäume wurden kahler, die Wiesen matschig. Die Hufe unserer Pferde schmatzten bei jedem Tritt. Krähen saßen auf den kahlen Ästen. Als wir uns näherten, begannen sie mit einem ohrenbetäubenden Krächzkonzert und kündeten von drohendem Unheil. Vor uns wuchsen schwarze Berge aus dem Boden. »Die östlichen Berge Askalons«, erklärte mir Edwen, »wir kommen bald an den Eingang zum ›Inneren Rössertal‹.«
Ich fragte ihn, warum es denn Rössertal hieße. Der freie Ritter aus Askalon kratzte sich am Kopf und meinte dann: »Die Frage ist berechtigt. Eigentlich müssten hier hunderte von Wildpferden galoppieren. Irgendetwas ist faul.«
Die Schatten der von dunklen Gewitterwolken verhangenen Bergspitzen stellten sich uns drohend wie Speere entgegen, die uns fernhalten wollten. Der Himmel verdunkelte sich, in der Ferne konnte ich Wetterleuchten sehen. Ein Fallwind von den Bergen kam auf, und es begann zu nieseln.
»Das ist das richtige Wetter für einen Khor'Namar, Keldyr sei gesegnet!«, freute sich Saradar.
Mein Fell wurde nass – ich bevorzugte Sonnenschein.
Auf den kahlen Bäumen wieder Krähen, ich hatte das Gefühl, dass es immer mehr wurden. Und dann dieses Gekrächze, dieses enervierende Gekrächze. Singvögel waren hingegen gar nicht mehr zu hören. Links und rechts flankierte uns mittlerweile das Gebirge, tosende Bäche ergossen sich ins Rössertal. Der Boden war durchtränkt, zum Teil konnte er die Wassermengen nicht mehr aufnehmen, und es hatten sich kleine Tümpel gebildet. Auf einer Anhöhe konnte ich durch Wolkenschleier hindurch die Umrisse einer Festung erkennen. »Da ist sie, die Wegburg!«, freute sich Edwen. Es wurde schlammig, wir kamen nicht mehr weiter und mussten von den Pferden absitzen. Zu Fuß quälten wir uns durch den weichen Boden. Es wurde steiler und der Anstieg verlangte mir das letzte ab. Die Burg schmiegte sich an die Südseite eines Berghangs. Auf der Mauer machte ich durch den Dunstschleier hindurch einige Schatten aus, die sich hin und her bewegten. Vivana erkannte in ihnen drei – menschliche – Soldaten. Hinter ihnen wurden jetzt zwei Türme sichtbar, ein einziges fahles Licht aus einem der Fenster des größeren Turms war zu sehen, ansonsten war alles düster.
»Da ist das Brückentor – langsam - lasst mich vorausgehen!«, warnte uns Edwen, doch Tarkin war bereits mutig weitermarschiert und begrüßte die drei Bogenschützen auf dem marode wirkenden Schutzwall: »Heho, ›Gekreuzte Schwerter‹, hier stehen Syr Edwen und Tarkin mit ihren Freunden. Lasst uns rein! Notor Gulim hat nach uns schicken lassen!«
»Heho, Fremde. Ihr beiden dürft vortreten. Aber die anderen – ist das ein Troll? Die müssen erst einmal zurückbleiben!«, kam als Antwort.
Die beiden übergaben ihnen den Brief von Notor Gulim. Nach einer Weile öffnete sich das Eingangstor der eigentlichen Wegburg. Es knarrte und knarzte, als der schwere Riegel des dicken Eichentores auf der Innenseite beiseite geschoben wurde. Der Innenhof, der dann folgte, sah wenig einladend aus. In der Mitte fand sich ein kleiner Brunnen, über dem ein Banner mit zwei gekreuzten Schwertern im rauen Wind flatterte. Ein breitschultriger, bärtiger Mann erteilte einem halben Dutzend junger Männer Befehle auf der anderen Seite des Hofes. Sie waren in Lederrüstungen gekleidet und übten sich im Kampf mit Schwertern und Schilden aus Holz. »Heda, geht zur Seite«, drängten sich einige Arbeiter an uns vorbei, die schwere Holzlatten zur Verstärkung des Burgtores trugen. In der Schmied hämmerte ein Mann unmotiviert auf einem glühenden Stück Eisen herum und fluchte mehrmals laut.
Von oben durchschnitt eine heitere Stimme die Trübsal: »Meine Freunde! Willkommen auf der Wegburg, der Heimstätte der ›Bruderschaft der Gekreuzten Schwerter‹!«
Sie gehörte einem graubärtigen Mann, der gerade eiligen Schrittes eine Steintreppe herunterkam.
Er umarmte Syr Edwen und Tarkin: »Brüder, schön, dass ihr da seid! Ihr müsst entschuldigen, wir haben viele neue - und leider auch im Kampf unerfahrene - Leute, die euch alte Haudegen noch nicht kennen!«
Edwen stellte ihm den Rest unserer Gruppe vor: »Notor Gulim, wir kommen gerade aus Altem und sollen euch Grüße von Fugan Tayn ausrichten. Das sind unsere Freunde, die uns im Kampf gegen die Tekk und bei der Suche nach Toran Rotall unterstützen wollen!«
Notor Gulim auf der Wegburg am Rösserpass.
Gulim musterte uns: »Der alte Tayn, ich frage mich, warum er keine Tauben mehr schickt. Ob es an diesen vermaledeiten Krähen liegt? Aber ich sehe, ihr hattet eine beschwerliche Reise. Kommt mit rein in meine Kammer, dort könnt ihr euch am Feuer erst einmal aufwärmen.« An die Wachen gewandt rief er: »Melda soll unseren Freunden einen Braten bereiten, bringt mir auch ein Fässchen Wein in die Kammer!« In der Kammer brannte ein einladendes Kaminfeuer. Sie war hell erleuchtet und mehrere lange Tische und Bänke wiesen sie als Speisesaal aus. An den Wänden hingen die verschiedensten Waffen und das Banner mit den gekreuzten Schwertern. Nachdem wir auf Gulims Aufforderung hin Platz genommen hatten, wandte er sich wieder freundlich an uns: »Ihr seid also die Gruppe, von der mir Syr Rotall so hoffnungsfroh erzählt hat. Ihr habt tapfer mit ihm gegen die Tekk gekämpft und euer Ruf hat sich schon weit verbreitet – die Tauben fliegen schnell und wir Notoren sehen schließlich nicht oft einen so zusammengewürfelten Haufen wie euch, der eine Händlerkarawane beschützt, eine Stadt von einer Rattenplage befreit, gegen Schattentrolle zu Felde zieht und sogar einen Zurakkult vernichtet. Sagt, wie nennt ihr euch?«
Wir sahen uns fragend an und zuckten mit den Schultern.
»Syr Toran nannte euch immer den ›Bund aus Blut und Feuer‹, weil ihr in der Schlacht gegen die Tekk zusammengeschmiedet wurdet, in der viel Blut vergossen und euer Schicksal fast durch das Feuer besiegelt worden wäre.«
Er winkte den Kammerdiener herbei und flüsterte ihm etwas zu, woraufhin dieser eiligst die Kammer wieder verließ und mit einer Rolle zurückkam. »Dies ließ Toran für euch fertigen.«
Mit diesen Worten entrollte Notor Gulim ein Banner, das ein Kreuz aus einem Schwert und einer brennenden Fackel auf einem geteilten, rot-weißen Schild zeigte.
Das neue Wappen des Bundes aus Blut und Feuer.
Wir waren begeistert. Gulim meinte, Edwen solle das Wappen auf sein tyrisches Großschild übertragen lassen.
»Toran hatte immer die Hoffnung, dass Ihr irgendwann zurückkehren und euch der Bruderschaft wieder anschließen würdet, um Askalon und dem Thalischen Reich endlich den Frieden zu bringen!«
Tarkin klopfte Syr Edwen auf die Schulter: »Lieber Gulim, Edwen und ich werden im Herzen immer ›Gekreuzte Schwerter‹ bleiben, auch wenn wir jetzt dem ›Bund aus Blut und Feuer‹ angehören!«
»Das freut mich, mein Krähenfresser«, lachte der alte Gulim mit Tränen in den Augen und tätschelte dem Kobold das Fell. »Ihr wisst genau, dass ich das nicht leiden kann!«, schüttelte sich Tarkin und wir schüttelten uns vor Lachen.
Nachdem wir uns an Meldas Braten und dem Wein gelabt hatten, trat ein ernster Ausdruck in Gulims Gesicht: »Toran ist seit drei Viertelmonden verschollen. Wie ich euch berichtet habe, hat er sich alleine auf die Suche nach seinem Bruder Benesch gemacht – wir haben bislang keine Neuigkeiten von ihm erhalten.«
Edwen ging zum strategischen Teil über: »Wo stehen die Tekk. Was sagen die Späher?«
»Wie Ihr wisst, haben die Ul'Hukk Taraxhall erobert, Chiram und der ganze Süden Askalons sind fest in den Händen der Tekk. Sie haben ihre Festung in Neprox ausgebaut. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis sie über den Rösserpass kommen«, schilderte der Notor die angespannte Lage.
»Warum habt ihr so wenige Männer? Der Rösserpass ist strategisch so wichtig, dass ich hier ein ganzes askalonisches Heer erwartet hätte«, erkundigte sich Edwen.
Gulim rutschte unruhig auf der Bank hin und her: »Ja, ich weiß. Wir haben nach Verstärkung geschickt und die Truppen müssten bald hier eintreffen, aber auch an anderen Stellen müssen die Verteidigungsmauern bemannt werden.«
Saradar, der ja selbst eine Weile an den Mauern gegen die Tekk gekämpft hatte, hämmerte mit seiner Faust auf den Tisch: »Verflucht. Was ist mit diesen feigen Imbriern? Ihnen muss doch klar sein, dass die Tekk auch ihre Städte plündern werden, wenn sie erst einmal Askalon eingenommen haben!«
Der alte Mann schien ebenso aufgebracht zu sein: »Der Imperator weiß es. Er ließ verlauten, dass sich Imbrien erst einmal um seine inneren Angelegenheiten – explizit die Bedrohung durch die Hügel- und Schattentrolle – kümmern müsse. Aber nach dem Fall von Tharaxhall kann er uns einfach nicht länger im Stich lassen. Wenn der Rösserpass fällt, dann steht sein ganzes schönes Thalisches Imperium auf der Kippe.«
»Eine andere Frage. Ist einer eurer Gefährten in der Heilkunst ausgebildet? Unser Stallbursche Roluf hat einen schlimmen Fuß, den sich einmal ein Heiler ansehen müsste«, fragte Gulim in die Runde. Freya versprach sich um ihn zu kümmern, Vivana hatte noch Heilkräuter in der Tasche und begleitete die Wichtelin. Gulim sah, dass Saradar und Urota die Waffen an der Wand in Augenschein nahmen: »Ihr könnt euch gerne bedienen. Für meine Leute sind die meisten der Waffen, die hier hängen, zu wuchtig.« Saradar ließ sich das nicht zweimal sagen, er wollte gerne einen Zweihänder, fand aber nur ein großes Bastardschwert. Urota ergiff eine Ogrens-Langaxt.
»Besucht den Schmied, er kann euch sicher die Klingen wieder scharf machen!«, schlug Gulim vor.
Der Troll hatte gerade die Tür geöffnet, als ein junger Wachmann mit den Worten »Meister Gulim!« hereingestürmt kann, um dann – pumpend vor Atemnot - vor dem riesigen Troll abrupt stehenzubleiben und ihn ängstlich anzustarren.
»Mein guter Valan, kommt erst einmal zu Atem. Sagt, gibt es Neuigkeiten von Syr Toran?«, wurde er gefragt.
»Nein«, erwiderte der atemlose junge Mann, »unsere Späher sind noch nicht zurück, aber die Wachen auf dem Turm haben eine riesige, dunkle Horde ausgemacht, die sich langsam die Anhöhe vom ›Grünen Kessel‹ hinaufschiebt. Es sei schwer auszumachen, um wen es sich handelt, aber ein Krähenschwarm kreist darüber und trotz des Dunstes ließ sich erkennen, dass Riesen dabei sind.«
»Es ist also soweit, die Ul'Hukk kommen!«, verkündete Notor Gulim mit zittriger Stimme.
»Wie lange?«, fragte er den erschöpften Wachmann.
»Ein paar Stunden vielleicht« Er zuckte gequält mit den Schultern.
»Valan, die Wachen sollen auf ihren Posten bleiben. Die restlichen Männer sollen sich bewaffnen und sich im Innenhof versammeln! Wir müssen uns vorbereiten!«, befahl ihm der Notor.
Wir folgten dem Notor auf die Steintreppe. Unten im Hof versammelte sich langsam die Besatzung der Wegburg. Es waren junge und alte Gesichter, einige trugen Bögen, andere leichte Schilde und Schwerter oder Speere. Gulim nickte ihnen zu. Ein breitschultriger Mann mit breitem Kinn und zugekniffenen Augen eilte die Treppe zu Gulim hinauf. Er grinste, als er Edwen und Tarkin bemerkte, dabei zeigte er seine breiten, aber an den Kauflächen abgeschliffenen Zähne. Ein rostiger, aber beeindruckend großer Morgenstern baumelte von seinem Gürtel.
Er wandte sich an Edwen: »Es freut mich, dass wir zusammen sterben werden, edler Syr Edwen. Ich dachte schon, Ihr hättet uns den Rücken gekehrt!« Dann fiel sein Blick auf Tarkin: »Der Krähenfresser ist ja auch wieder da!«
»Freut mich auch, euch zu sehen, ›Zahnknirscher Zork‹«, gab ihm Tarkin auf seinen abfälligen Spruch zurück. Sie nickten sich dann aber zu und Zork postierte sich neben dem Kobold.
Ein etwas untersetzter Mann mit freundlichen, aber etwas traurig wirkenden Augen, kam die Steintreppe herauf. Gulim stellte ihn uns vor: »Das ist Hauptmann Wunnar. Er war früher bei der Stadtwache in Chiram und bildet jetzt unsere Rekruten aus. Seit Torans Weggang hat er auch die militärische Führung übernommen.«
Er nickte uns freundlich zu: »Wir brauchen jede Hilfe! Syr Edwen, wenn Ihr den Befehl übernehmen wollt, ich werde Euch treu dienen!«
Edwen musste ablehnen: »Hauptmann Wunnar, Ihr kennt die Männer und wisst am besten, wie Ihr sie einsetzen könnt! Ich werde Euren Befehlen Folge leisten!«
Ich sah Lorgrim, unseren schweigsamen Begleiter, aus einem der Türme kommen. Er wirkte sehr konzentriert und entschlossen.
Gulim wandte sich noch einmal an die versammelte Mannschaft: »Die Feinde der Menschen sind gekommen! Sie wollen erobern, sie wollen töten! Wir sind nur wenige, doch seht, wir haben Verstärkung bekommen!« Er ließ einen nach dem anderen vortreten.
»Da sind Syr Edwen und Tarkin, unsere eingeschworenen Brüder!«
»Saradar, der große Gjölnar-Krieger, der schon auf askalonischer Seite gegen die Tekk gekämpft hat!«
»Urota, der riesige Hügeltroll, und für uns ein mächtiger Verbündeter!«
»Vivana aus dem Volk der Bogenschützen, der Jujin!«
»Maluna aus dem Land des Feuers!« Die Männer ließen begeisterte Pfiffe hören.
»Und hier«, er wandte sich mir und Freya zu, »wie heißt ihr beiden nochmal?«
Ich flüsterte es ihm zu - »Finn, der Faun, ein Ianna-Druide und Freya, eine Priesterin des Alun, die uns – wenn auch nicht im Kampf, so doch im Gebet auf unserer Seite stehen werden.«
Hatte er denn nicht gesehen, dass ich einen Kurzbogen und einen vollen Köcher mit Pfeilen hatte? Ich würde mitkämpfen und mich nicht hinter Gebeten verstecken.
Doch unsere Chancen standen schlecht, ich zählte gerade einmal dreißig Männer im Hof und acht auf den Mauern. Edwen wollte sich einen Überblick verschaffen, und ich begleitete ihn. Gulim hatte ihm eine Karte gegeben.
Eine Karte der Wegburg.
Eine Seite der Wegburg lag an einem Berghang und war durch ihn geschützt. Hinter dem Brückentor lag eine tiefe Schlucht, in die sich vom Hang her ein Wasserfall ergoss. Aus der Tiefe dröhnte das tosende Rauschen eines angeschwollenen Gebirgsbaches. Eine breite Brücke überspannte den gähnenden Abgrund. Zum ›Grünen Kessel‹ hin hatten sie eine Passmauer errichtet, die sehr marode wirkte. »Könnte man die Brücke nicht einfach zum Einsturz bringen?«, fragte ich Edwen. »Das ist die einzige Verbindung runter in den ›Grünen Kessel‹, die können wir uns nicht abschneiden«, erklärte mir der bärtige Ritter.
Vivana hatte sich fünfzig Pfeile bereit gelegt und einen Teil der Pfeilspitzen mit Gift benetzt. Saradar und Urota hatten sich Wetzsteine beim Schmied geholt und schliffen ihre »neuen« Waffen.
Das Wetter schlug wieder um. Bei unserer Ankunft am Rösserpass hatte es etwas aufgeklart, jetzt verdichteten sich die Wolken wieder und erste Regentropfen fielen mir auf den Kopf. Der Himmel wirkte bedrohlich. Schwarze Wolken zogen von Süden her auf. Nein – es waren keine Wolken. Ein lautes Krächzen drang mir an die Ohren. Es waren dichte Schwärme aus Krähen, die da die Sonne verdunkelten. Wie auf ein Kommando hin stürzten sie sich auf uns nieder.
Die Bogenschützen reagierten sofort und holten zahlreiche Vögel vom Himmel. In einer Spirale schraubte sich der Rest wieder in die Höhe und schien sich zurückzuziehen.
Doch es war nur die Ruhe vor dem Sturm. Von jenseits der Passmauer drang ein Donnergrollen zu uns herüber. Es war das Geschrei aus tausenden monströser Kehlen.
Das war der Beginn der Schlacht am Rösserpass.

Samstag, 24. Februar 2018

Der letzte Tanz - Kapitel 2: Begegnungen

Inzwischen war erneut die Dunkelheit über das Land hereingebrochen. Jenseits einiger Hügel in einer Talsenke konnte ich bereits die Lichter der halb zerstörten Stadt Altem erkennen – mehr als ich gedacht hätte. Wir wollten uns auf einem Hügel unter einem ausladenden Kastanienbaum zum Nachtlager einrichten, als Vivana uns auf eine Lichtquelle in einigen hundert Schritt Entfernung hinwies. Tarkin schnüffelte: »Das ist ein Lagerfeuer, und darüber wird etwas gebrutzelt! Es riecht köstlich!« Urota begann auch zu schnüffeln: »Ein Mensch.«
Vivana wollte mehr erfahren: »Ich schaue mal nach, was eure feinen Näschen da gerochen haben.« Sie schlich sich zusammen mit Freya an die Feuerstelle heran.
Sie erkannten einen Mann, der sich in einen Fellumhang gewickelt hatte und über dem Feuer einen abgezogenen Hasen briet. Seine schlitzförmigen Augen verrieten, dass er Jujin-Vorfahren haben musste. Aus seinem Rückengurt, den er nicht abgelegt hatte, blitzten zwei exotisch verzierte Schwertknäufe hervor. Vivana entschied, sich zu zeigen. Sie ging mit einer Hand am Dolch auf den Fremden zu und verneigte sich: »Seid gegrüßt, sagt was treibt Ihr hier draußen in finsterster Nacht?« Er hob leicht den Kopf und wirkte überrascht, als er den Rest unser Gruppe erblickte. »Wir sind ein seltsamer Haufen, erschreckt Euch nicht, wir haben einen Hügeltroll dabei, aber Ihr habt nichts zu befürchten«, versuchte Vivana ihn zu beruhigen.
»Mein Name ist Lorgrim. Tretet vor und setzt euch zu mir ans Feuer. Ich habe allerdings nur einen Hasen, das wird nicht für euch alle reichen«, stellte sich der Fremde mit leiser Stimme vor.
Der geheimnisvolle Halbjujin Lorgrim.
Wir steuerten ein paar Himbeeren und einen Teil unseres Proviants bei, sodass alle satt wurden.
Der Mann blieb den weiteren Abend über schweigsam und hatte den Blick gesenkt. Eine tiefe Traurigkeit sprach aus seinen Augen. Vivana fragte ihn nach seinen Plänen. Er hob wieder kurz den Kopf und murmelte: »Will nach Süden, mich der ›Bruderschaft der Gekreuzten Schwerter‹ anschließen und gegen die Tekk kämpfen.« Edwen und Tarkin horchten auf und erzählten ihm, dass sie selbst Mitglieder in der Bruderschaft waren und luden ihn ein, uns zur Wegburg zu begleiten.
Lorgrim wirkte interessiert, blieb aber schweigsam und gab nichts weiter von sich preis.

Plötzlich hörten wir von Norden her ein Knacken im Unterholz und schließlich den Hufschlag eines Pferdes. Vivana sprang auf und rief in die Dunkelheit: »He da, wer dort?«
Eine irgendwie vertraut klingende Stimme antwortete: »Endlich hab ich euch gefunden!«
Vivana entgegnete drohend: »Gebt Euch zu erkennen, wir haben Euch umzingelt und unsere Bögen auf Euch gerichtet!«
Die Gestalt sprang vom Pferd, sie war in einen Kapuzenmantel gehüllt. Als sie ans Feuer trat, warf sie die Kapuze nach hinten und ein Streifen roter Haare auf einem sonst kahlen Schädel trat zutage: »Ich habe einen Bärenhunger!«
Es war Saradar, unser barbarischer Freund – und er konnte wieder sprechen. Nachdem er uns einen nach dem anderen umarmt hatte, begann er zu erzählen:
»Meine Freunde, ich habe immer noch Matsch in der Birne und fühle mich elend, aber dieser schwarze Schleier hat sich gelüftet.« Bei diesen Worten kletterte ihm sein Wiesel auf die Schulter: »Mein treuer Radaras hat mir die ganze Zeit über beigestanden. Es war furchtbar. Es fühlte sich an, als ob Schatten durch meinen Geist gekrochen wären oder meine Seele gefroren hätte. Ich konnte meine Füße nicht mehr spüren, auf meiner Zunge lag der Geschmack von Fäulnis und Tod. Ich habe nicht mehr gewusst, wer und wo ich war oder wie lange ich mich in diesem Zustand befunden habe. Meine Stirn hat gebrannt, mein Herz gegen meine Schläfen gepocht. Irgendwann habe ich dann die Augen geöffnet und musste sie gleich wieder zupressen, weil ich die Helligkeit nicht mehr gewöhnt war. Langsam wurde es besser und ich blickte mich um. Um meinen Hals fand ich diese Kette« - er zeigte uns die Reliquienkette, die ihm Utyferus beschafft hatte, um den ›Schwarzen Sud‹ aufzuhalten.
»Und mein Radaras war die ganze Zeit bei mir!« - das Wiesel kuschelte sich an sein Gesicht.
»Ich habe in einem Zelt gelegen. Irgendwann ist dieser Halar, der Anführer der Söldnertruppe, hereingekommen und hat mir erzählt, was passiert ist.
Tarquan hatte mich in Begleitung von Widun und Anneliese zum Nordmarkt gebracht. Als Bruder aus dem Stamm der Khor'Namar wollte er mich dann nach Yarwaques Hand mitnehmen. Ein Keldyr-Druide hat mir soweit geholfen, dass ich wieder sprechen konnte. Er hat mir gesagt, dass ich diese Kette nie ablegen darf, weil sonst der böse Geist zurückkommt. Und dass ich nach Yarwaques Hand zu einem Osirpriester müsste, um völlig geheilt zu werden.«
»Als ich erfahren habe, dass ihr alle nach Süden in Richtung Rösserpass aufgebrochen seid, um gegen die Tekk zu kämpfen, konnte ich natürlich nicht anders als euch zu folgen, auch wenn das Halar gar nicht recht war. Er würdigte aber meine Tapferkeit und hat mir diese Waffe gegeben«, Saradar zeigte uns eine rostige Barbarenaxt, »die ja wohl kein würdiger Ersatz für meine Zweililie ist. Die liegt wohl noch in Medea, wie ich gehört habe!«
Jetzt erst wurde ihm bewusst, dass unsere Gruppe gar nicht vollzählig war: »Sagt, wo stecken Widun und Anneliese?«
Ich zuckte mit den Schultern: »Du musst sie überholt haben, oder sie wurden aufgehalten. Hast du auf deinem Ritt gar keine Pause gemacht?«
Saradar grinste: »Ich bin durch Regen und Matsch geritten, habe auf dem Pferd geschlafen. Nur zum Scheißen bin ich abgestiegen.«
Jetzt erst war ihm wohl durch seine eigenen Worte bewusst geworden, wie erschöpft er eigentlich sein sollte, denn er fiel augenblicklich - von einem wohlfährigen Seufzer begleitet - in einen tiefen Schlaf.
Vivana übernahm zusammen mit Urota und Lorgrim die erste Nachtwache.
Vivana war neugierig, und versuchte mehr vom Halbjujin zu erfahren. Er schien etwas Vertrauen gefasst zu haben, denn er begann zu erzählen: »Ich bin ein Söldner aus Askalon, mein Vater war ein einfacher Dorfbewohner. Ich wurde zum Schwertmeister ausgebildet und habe in meinem Leben verschiedenen Meistern gedient.«
Vivana war fasziniert von diesem geheimnisvollen Mann, der eine unglaubliche Ruhe, aber auch Traurigkeit ausstrahlte. Sie entschied jedoch, dass er nicht ihr Typ war.
Das Feuer brannte herunter. Ich löste die drei zusammen mit Edwen und Freya ab. Wir hörten in einiger Entfernung das Gekreische einiger Windgreifer, aber diesmal ließen sie uns in Ruhe.

Wir brachen auf im Morgengrauen. Saradar führte sein Pferd am Zügel, da es von den Strapazen sehr mitgenommen aussah.
Nach einer halben Tagesreise erreichten wir endlich die Stadt Altem. In meiner Erinnerung war sie ein kleines, trostloses Städtchen. Erst nach der Befreiung von der Rattenplage hatte eine gewisse Aufbruchstimmung geherrscht und die Leute hatten wieder an Tatendrang gewonnen.
Die Torwächter schenkten uns ein Lächeln und nickten freundlich, als wir die Stadt betraten. Die Straßen waren jetzt sauber und regelrecht überlaufen. Überall Menschen, die emsig ihrem Werk nachgingen: Mauern wurden erneuert, Häuserfassaden gestrichen, das Bollwerk verstärkt, Fässer durch die Gassen gerollt, in einer Schmiede hämmerten gleich vier Männer auf glühende Eisen.
Wir fragten eine der Stadtwachen: »Sagt, wo finden wir den Stadtherrn Largo?«
»Wisst ihr denn nicht, dass Largo vor kurzem verstorben ist! Orell führt jetzt die Geschäfte!«, entgegnete uns die Wache.
»Orell? Das war doch dieser fiese Händler, der die Leute in ihrer Not auch noch ausgebeutet hat! Wer hat den denn als Ratsherrn eingesetzt?«, fragte ich mehr zu mir selbst.
Edwen pflichtete mir bei: »Wahrscheinlich er selbst! Von dem können wir sicher keine Hilfe erwarten!«
Wir erkundigten uns nach dem Notor, der uns damals unterstützt hatte. »Den Notor Tayn findet ihr bei den Flüchtlingen. Ihr findet ihn auf dem ›Müden Markt‹.«
Auf dem Marktplatz drängte sich eine lange Schlange aus Menschen. Sie standen an einer Essensausgabe an – ich erkannte den alten Priester Terek, der uns die Novizen in Obhut gegeben hatte. Er verteilte Gemüsesuppe und Brot an die Hilfsbedürftigen. Hinter der Schlange leuchtete das schlohweiße Haar des Notors. Wir drängten uns hindurch und tippten dem alten Mann auf die Schulter, der gerade damit befasst war, einigen Arbeitern Anweisungen zu geben.
Er drehte sich erschrocken um und wich einen Schritt zurück, als er den Troll sah. Schnell trat aber ein Lächeln des Erkennens in sein Gesicht: »Bei den guten Göttern! Willkommen zurück! Wie ihr sehen könnt, ist viel geschehen, seit ihr uns von diesem Rattendämon erlöst habt!«
Notor Fugan Tayn aus Altem.
Er erklärte uns, dass es sich bei den Menschen auf dem Marktplatz um Flüchtlinge aus Taraxhall handelte, die vor den Tekk geflohen seien. »Es sind zu viele, wir kriegen sie gar nicht alle unter! Ich leite die Arbeiten, um die vom Erdbeben verfallenen Häuser wieder herrichten zu lassen.«
Ich fragte ihn nach Orell. Ich merkte ihm an, dass er auch nicht begeistert war von seinem neuen Stadtherrn: »Es ist traurig, dass Largo von uns gegangen ist. Er erlag einem Fieber, vielleicht war es sogar noch die Rattenpest, die ihn dahingerafft hat. Ich weiß es nicht. Ihr wisst ja, dass Orell einen ungemeinen Geschäftssinn hat. Er nutzte seine Chance, scharte viele Unterstützer um sich und wurde so von den Bürgern gewählt. Ich muss ihm aber zu gute halten, dass er sich geändert hat und ihm das Wohl der Bürger mittlerweile sehr am Herzen liegt.«
Tarkin bat ihn um Pferde, damit wir schneller zum Rösserpass gelangen könnten.
Notor Tayn wirkte nachdenklich: »Wisst ihr, eigentlich können wir im Moment gar nichts entbehren. Aber Notor Gulim von der Bruderschaft ist ein alter Freund von mir. Ihr könnt ihm eine Nachricht von mir überbringen und ich werde euch vier Pferde zur Verfügung stellen.«
Inzwischen war Ian Terek bei der Essensausgabe abgelöst worden und kam zu uns rüber. Er ging stark gebeugt, machte kleine, unsichere Schritte und stützte sich auf einen Stock. Er drehte seinen Kopf schräg nach oben, um uns anzusehen: »Sonnige Grüße! Wenn das mal nicht unsere Rattenfänger sind! Sagt, was ist aus meinen Novizen geworden.«
Er machte mehrmals das Zeichen des Sonnenrades, als er von den Vorgängen in Medea, dem Zurakkult und dem Schicksal von Zedrick und Luth erfuhr. Ich konnte tiefe Trauer in den Zügen des alten Mannes erkennen. Fugan Tayn versprach sich um die Pferde zu kümmern. Wir sollten später wiederkommen. Er beriet sich mit dem alten Priester als wir gingen.
Wir suchten die Schenke ›Zum Lachenden Raben‹ auf, die vormals noch der ›Weinende‹ gewesen war. Unser Eintreten sorgte für einiges Hallo. Aus einer Ecke des Schankraums kam ein freudiges »Syr Edwen, altes Haus! Da ist ja auch Tarkin, der mutige Koboldkrieger!« Es war Syr Kym. Er saß mit seiner Tochter zum Mittagessen an einem großen Tisch. »Setzt euch zu uns, was für eine freudige Überraschung, euch wiederzusehen! Ich bin euch so dankbar, dass ihr mir meine Tochter wiedergebracht habt«, er legte seinen Arm um sie. »Kann ich euch irgendetwas Gutes tun? Ich weiß schon etwas: Bringt Bier für meine Freunde!«
Zwei dralle Schankmaiden kamen vollbeladen mit Bierkrügen. Maluna war skeptisch, was den dunklen Gerstensaft anging: »So etwas trinkt ihr Menschen? Das riecht ja abscheulich!«
Urota hatte sein Bier mit einem Zug abgetrunken und wischte sich den Schaum vom Mund – ein lauter Rülpser folgte, der die umstehenden Bierkrüge zum Wackeln brachte.
Syr Kym erzählte uns von den Ereignissen in Askalon: »Die Tekk haben Taraxhall überfallen und gewütet wie Bestien. Viele Menschen starben, anderen droht ein viel schlimmeres Schicksal. Sie werden in Blutwagen in Fleischhallen gebracht, wo sie solange leben, bis sie wie Vieh von den Tekk geschlachtet und gefressen werden.«
Tarkin, bei dem das Bier schon seine Wirkung zeigte, schüttelte sich vor Entsetzen: »Mein Schwert dürstet nach Tekkblut! Für eine gerechte Sache ist es mir eine Freude, mein Leben aufs Spiel zu setzen!«
Der alte Ritter ließ es sich nicht nehmen, uns mit einem Pferd und Proviant zu unterstützen.
Nach einem herzlichen Abschied schlug Saradar vor, der unglücklich über den Verlust seines Doppelspeers war, die neue Schmiede aufzusuchen. Unsere Bewaffnung – vier Kurzschwerter und ein Dolch – ließ zu wünschen übrig, sodass sich der Rest der Gruppe anschloss.
Das rhythmische Klopfen der Schmiedehämmer war beeindruckend und ging mir durch Mark und Bein. In Serienproduktion stellten die vier Schmiede und ihre Lehrlinge in der riesigen ›Neuen Schmiede‹ Schwerter und Rüstungen her. Überall Funken und glühende Eisen. Mir wurde in meinem Fell richtig heiß, der Schweiß rann mir von der Stirn. Die geschäftigen Menschen würdigten mich keines Blickes, doch als Maluna eintrat wanderten neugierige Augen auf ihrem Körper auf und ab.
»He, pass doch auf, wo du hinschlägst«, wurde einer der Lehrlinge von seinem Meister gemaßregelt, als er mehrfach am Amboss vorbei geschlagen hatte.
Saradar schrie durch den Lärm: »Habt ihr Zweililien?«
Einer der Schmiedemeister blickte ihn ungläubig an: »Ihr wisst schon, dass wir uns auf eine Tekkinvasion vorbereiten. Für solche Kinkerlitzchen haben wir keine Zeit! Eine große Axt könnte ich Euch anbieten!« Saradar schüttelte den Kopf und verließ enttäuscht die Schmiede.
Tarkin zeigte ihm sein Kurzschwert: »Könnt Ihr mir das einschmelzen und daraus eine Koboldklinge machen?« Der Schmied unterbrach seine Arbeit und schwang ungeduldig seinen Hammer von einer Hand in die andere: »Dafür müsste ich sechzig Silberlinge von Euch verlangen!« Tarkin schaute in seinen Geldbeutel und ließ den Kopf hängen. Vivana erstand ein kleines Messer für fünf Silberlinge. Urota versuchte es mit einem Tauschhandel, er wollte ihm zwei Eckzähne anbieten. Der Schmied lachte: »Dann hätte ich ein so beeindruckendes Lächeln wie Ihr mit Euren Hauern! Nein – ehrlich – so etwas kann ich nicht gebrauchen!«
Freya fragte ihn bescheiden nach einer Waffe. Er musste mehrmals nachfragen und sich bücken, um sie zu verstehen. Dann griff er in seine Schürze und holte einen kleinen Eisenspieß heraus: »So etwas hier? Das benutze ich immer als Zahnstocher – wenn Ihr es haben wollt?«
Edwen erstand ein teures Langschwert und ich kaufte mir einen Kurzbogen und zwanzig Pfeile, für die ich ihm zwei Silberlinge und mein Huhn zur Verwahrung überließ: »Aber bitte nicht essen, es legt Euch jeden Tag ein Ei!« Der Schmied zwinkerte seinem Lehrling zu: »Natürlich nicht!«
Die Augen gingen dem Schmied und seinem Lehrling über, als Maluna vortrat. Sie hatte ihr feuerrotes Haar geöffnet und es wallte über ihre Schultern. Im flackernden Feuerschein der Schmiede glänzten gülden ihre Wangenvenen. Bei ihrem Anblick lief selbst mir ein Kribbeln durch den Körper und nicht nur meine Fellhaare richteten sich auf: Sie war eine Feuergöttin!
»Ich habe hier ein Kurzschwert, kann ich dafür von euch ein Langschwert kriegen, und ich meine ein richtiges langes Schwert – versteht Ihr?«
Der Schmied und der Lehrling schauten sich ungläubig an. Sie ging auf die beiden zu und flüsterte ihnen etwas ins Ohr, ich konnte bloß »Mitternacht« verstehen. Beide nickten daraufhin eifrig und der Ausdruck von Vorfreude trat in ihre Gesichter.
Für die Nacht hatten wir uns im ›Lachenden Raben‹ einquartiert.

Am nächsten Morgen waren wir guten Mutes. Vivana hatte bemerkt, dass Maluna tatsächlich das Langschwert bekommen hatte. Die Feueralwe grinste bloß und sagte: »Waren ganz süß die zwei.« Nach einem kurzen Frühstück brachen wir auf. Der Notor hatte uns drei Pferde besorgen können, dazu kamen noch das Ross von Syr Kym und Saradars Schlachtross, das er von Halar erhalten hatte. Fugan Tayn und auch der alte Priester Terek ließen es sich nicht nehmen, sich persönlich von uns zu verabschieden. Tayn wünschte uns viel Glück und erinnerte uns: »Denkt daran, ihr seid jederzeit willkommen in Altem! Ohne euch wäre unsere Stadt dem Untergang geweiht gewesen.« Er zuckte resigniert mit den Schultern: »Vielleicht ist sie es noch – wenn die Tekk über den Rösserpass kommen. Grüßt bitte meinen alten Studienkameraden Gulim von mir!«
Terek gab uns mit auf den Weg: »Möge das Licht mit euch sein! Hütet euch vor Zurak, dem Gott des Hasses. Er versucht Zwietracht zu säen unter Freunden, lasst euch nicht entzweien!«
Er winkte uns zum Abschied mit seinem Stock.

Im Süden lag die flache, askalonische Ebene vor uns, offenes Gelände auf dem wir hoch zu Ross rasch vorankamen. Ob wir es noch rechtzeitig zum Rösserpass schaffen würden?
Wir trafen auf eine große Zahl an Flüchtlingen, die mit ihrem wenigen, überstürzt gepackten Hab und Gut aus Taraxhall und den umliegenden Dörfern geflohen waren. Sie berichteten uns, dass viele Menschen von den Ul'Hukk getötet oder verschleppt worden seien und sie nun auf Schutz in Altem hofften. »Sie haben Riesen in ihren Reihen – reihenweise haben sie die askalonischen Soldaten niedergemetzelt! Wir sind alle verloren!«, war zu hören und »überall diese furchtbaren Krähen!«
Der geheimnisvolle Lorgrim hatte sich uns angeschlossen, er war so schweigsam wie zuvor und war immer darauf bedacht, auf Abstand zu bleiben und nicht aufzufallen.

In der Ferne konnte ich einen Wald erkennen, der sich über den gesamten Horizont erstreckte und wie eine Decke über einem großen Hügel lag. Ein ungutes Gefühl beschlich mich, ich hätte den Wald, der laut Edwens Karte ›Silberforst‹ hieß, am liebsten umgangen.
Die Sonne versank hinter den Bäumen im Westen und zauberte nochmal ein wunderschönes Farbenspiel an den Himmel – wie ein letztes Aufblühen einer Blume vor dem Dahinwelken. Der Wald kam mir seltsam vertraut vor. Ein breiter Pfad führte durch den Wald, zu beiden Seiten gesäumt von alten, knorrigen Bäumen und einem Wechsel aus Laub- und Nadelbäumen. Es wurde stockfinster, als es auch die letzten Sonnenstrahlen nicht mehr schafften, durch das dichte Blätterdach zu dringen. Wir suchten eine geeignete Stelle für unser Nachtlager und fanden eine Höhle, die nicht aus Stein bestand, sondern aus einem dicht verwebten Wurzelwerk uralter Roteiben gebildet wurde. Wieder überkam mich ein mulmiges Gefühl, das ich so nicht kannte. Der urwüchsige Wald erinnerte zwar wenig an die lichten Wälder meiner Heimat Oxysm, doch hätte ich mich auch hier der Erdmutter nahe fühlen müssen. Vielleicht lag es an den Tekk, die jenseits des Rösserpasses auf uns lauerten.
Ich hatte schlecht geschlafen, als mich Tarkin zur zweiten Wache weckte. Ich war müde, die Welt erschien mir wie ein Albtraum. Gespenstisch lag Zamas Licht über dem Blätterdach. Maluna hatte scharfe Augen und hielt die Umgebung im Blick. »Was ist das?«, stieß sie mich plötzlich an.
Ein grünes Leuchten näherte sich und schwebte zwischen den Bäumen umher. Ein Waldgeist?
Beim Näherkommen erkannte ich, dass er eine menschliche Gestalt hatte. Er war in einen Kapuzenmantel gekleidet und gab murmelnde Laute von sich. Maluna kannte keine Waldgeister und hatte sich in Verteidigungsstellung gebracht. Das Wesen kam immer näher, schien aber von uns keine Notiz zu nehmen. Plötzlich hielt es kurz inne uns stieß dann direkt auf mich zu. Der von einer tief ins Gesicht gezogenen Kapuze verhüllte Kopf schnellte empor.
Der Anblick drang mir ins Innerste meiner Druidenseele: aus grün leuchtenden Augen über einem gezwirbelten Schnurrbart und einer aufgerissenen Kehle, aus der die Adern wie Würmer heraushingen, traf mich ein zutiefst vorwurfsvoller Blick. Der Geist versuchte zu sprechen. Ein Brodeln drang aus seinem Mund: »Frevler, Frevler, wir sind alle Frevler!« Dann drehte er sich weg und verschwand, bevor Maluna einschreiten musste. »Wer oder – verdammt nochmal – was war das?«
»Das war Jel, der Grüne«, war das einzige, was ich hervorbrachte, bevor ich die Besinnung verlor.

Sonntag, 18. Februar 2018

Der letzte Tanz - Kapitel 1: Eine beschwerliche Reise

Die Altmark breitete sich vor uns aus. Eine offene Auenlandschaft mit nur einzeln stehenden Bäumen und von vielen Bächen durchflossen. Einerseits war es ein Vorteil für uns, da sich dadurch nur wenige Versteckmöglichkeiten für Wegelagerer und Räuber boten, andererseits hatten wir einen riesigen Hügeltroll im Schlepptau, den wir nicht so gerne zur Schau stellen wollten.
Wir durchquerten ein Langdorf und die Leute blieben mit offenen Mündern stehen. Eine so seltsame Gruppe hatten sie wohl noch nie zu Gesicht bekommen. Urota sorgte allein durch seinen Anblick schon für Aufruhr. Eltern zerrten ihre Kinder von der Straße, Fensterläden wurden - bis auf einen schmalen Spalt zum Gaffen - geschlossen. Als sie merkten, dass wir nichts Böses im Schilde führten, kamen die Menschen neugierig wieder heraus und boten uns sogar ihre Waren feil. Wir deckten uns für zwei Silberlinge mit Wasser und Proviant ein. Ein Pferd oder gar ein Gespann mit einem Karren konnte leider niemand entbehren. Und so mussten wir zu Fuß auf den schlecht gepflasterten Straßen weiterziehen – andererseits wäre eine Fahrt im Wagen unter diesen Umständen sicher eine holprige Angelegenheit geworden.
Nachdem wir die dritte Siedlung hinter uns gelassen hatten – die Bauernkinder hatten Ringelreigen um den Troll getanzt - suchten wir uns ein ruhiges Plätzchen zum Lagern.

Mein Magen hatte sich schon mit einem lauten Knurren beschwert, was aber gar nichts im Vergleich zu den Geräuschen war, die ein Troll unter solchen Umständen von sich gibt. Wir hatten schon befürchtet, dass ein Gewitter aufziehen würde, es war jedoch lediglich das Rumpeln im Bauch des Hügeltrolls gewesen.
Er hatte gerade seinen Rucksack geöffnet und war dabei, hineinzugreifen, als ein kleines Wesen mit vor Schreck weit aufgerissenen Augen aus dem Proviantbeutel sprang.
Es war die Wichtelin Freya, die da vor uns auf dem Boden lag. Sie erhob sich und strich Krümel von ihrem Gewand. Urota blickte ungläubig zwischen seinem Proviantbeutel und der Wichtelin hin und her.
»Priesterin Freya, wie seid Ihr denn in den Beutel gelangt?«, fragte ich neugierig.
Freya hatte sich bereits wieder vom ersten Schreck erholt und erzählte: »Ich wollte euch mit dem besessenen Barbaren helfen und kam ins Gasthaus. Doch dann wurde ich abgelenkt: Ich hatte noch nichts gefrühstückt und der Duft des Käses war einfach zu verlockend. Ich wollte nur ein Stückchen davon abbeißen – und später natürlich dafür bezahlen – als jemand plötzlich den Rucksack schloss, und dann muss ich das Bewusstsein verloren haben.«
Urotas Gesichtsausdruck wirkte vorwurfsvoll, als er der Wichtelin seinen Beutel hinhielt: »Leer!«
Sein Bauch knurrte wie ein tollwütiger Hund. Wir beeilten uns, ihm etwas von unserem Proviant abzugeben, ein Troll ist ja bekanntlich nicht er selbst, wenn er hungrig ist.
Freya wollte gerne bei uns bleiben: »Ich bin froh, erst einmal aus dem verfluchten Medea draußen zu sein. Und auf die Fragen dieses Inspektors vom Mon Alunas habe ich so gar keine Lust!«
Nachdem der Trollmagen gebändigt worden war, zogen wir weiter in Richtung Süden. Am Horizont waren inzwischen dunkle Gewitterwolken aufgezogen.
»Wir sollten uns einen Unterschlupf suchen, bevor das Unwetter zuschlägt!«, schlug Edwen vor.
Wir beschleunigten unseren Schritt, Freya hatte es sich auf der Schulter des Trolls bequem gemacht. Er schien ihr wegen des leeren Beutels nicht mehr böse zu sein.
Ein Berg im Südwesten nahm stetig an Größe zu, die Landschaft wurde felsiger. Die dunklen Wolken waren zum Glück Richtung Osten weitergezogen, worauf sich die Sonne noch einmal tief am Horizont zeigte und die schroffe Berglandschaft in ein feuriges Rot tauchte. Bereits müde vom Wandern mussten wir noch einen seichten Bach überqueren. Schließlich stellten wir in Ufernähe unter einigen Bäumen unser Nachtlager auf. Wir entschieden uns gegen ein Feuer und teilten die Nachtwachen ein.

Nach einer ereignislosen Nacht und einem kurzen Frühstück setzten wir die Reise fort.
Der Himmel hatte wieder etwas aufgeklart, aber im Süden zeichneten sich erneut dunkle Wolken ab. Wir ließen den Berg rechts liegen und überquerten gerade ein Geröllfeld, als wir plötzlich hinter einem großen Findling Stimmen hörten. Unsere Kundschafterin Vivana winkte uns erleichtert zu. Es waren nur einfache Bauern, die mit ihren Knechten und Mägden unterwegs waren, um im Norden ihre Felder zu bestellen. Sie waren zunächst erschrocken, als sie den Hügeltroll erblickten, beruhigten sich aber schnell, als wir ihnen freundlich begegneten.
»Turg, ich hab dir doch gleich gesagt, dass es keine gute Idee war, durch das Geröll zu fahren. Jetzt siehst du, was wir davon haben«, lamentierte ein Bauer namens Melakk.
Sie versuchten verzweifelt, einen ihrer Ochsenkarren wieder flott zu machen, der sich zwischen zwei Felsbrocken verkantet hatte. Sie zogen und schoben mit vereinten Kräften, sogar die Mägde und ein paar Kinder waren an der Aktion beteiligt.
»Lassen mich machen!«, bot sich unser Troll an und schob den Karren ohne große Kraftanstrengung wieder auf die Straße.
»Habt Dank, Ihr seid der freundlichste Troll, der mir je begegnet ist«, bedankte sich der dritte Bauer namens Fidu, dem der Karren gehörte. Seine Kinder pflückten am Wegesrand ein paar Blumen und formten einen Kranz daraus, den sie Urota – mit Freyas Hilfe – auf den Kopf setzten.
»Ach wie schön, ein Blumentroll«, lachte Tarkin. Als Dank überließen sie jedem von uns einen Laib Brot.
Wir gingen weiter in Richtung Süden. Am Horizont tauchten seltsame Felsformationen auf. Je näher wir kamen, desto deutlicher wurde mir, dass es sich um eine Gruppe einzeln stehender Felssäulen handeln musste. Ich fragte mich, ob sie auf natürliche Weise entstanden sein könnten, wie sie sich da drohend gegen den Himmel abzeichneten. Das Licht der untergehenden Sonne ließ die Felsnadeln glühend rot aufleuchten und zeichnete nach dem Hindurchtreten durch die Spalten seltsame Muster auf den Boden – fast schien es, als ob sich das Licht an einigen Stellen selbst auslöschen würde.

Die Umgebung war wieder gebirgiger geworden und wir hielten Ausschau nach einem Unterschlupf für die Nacht. An einem plätschernden Gebirgsbach deckten wir uns mit frischem Trinkwasser ein – da waren auch Fische im Wasser. Wir versuchten unser Glück – Tarkin hob eine dicke Quellenforelle in die Luft, die fast größer war als er selbst. Mittlerweile war die Sonne hinter dem Gebirgskamm verschwunden und erste Sterne wurden sichtbar. Das Sternbild des Jägers leuchtete hell vor uns am Firmament. Doch was war das – irgendwas hatte die Sterne verdeckt und es schien sich in Kreisen hin und her zu bewegen. Maluna hatte die besten Augen – sie meinte, es könnten große Vögel sein, aber sie habe solche Wesen noch nie zuvor gesehen.
Wir fanden eine Höhle – Tarkin schnüffelte hinein: »Unbewohnt!«. Sie reichte nicht tief in den Berg hinein, und wir trauten uns hier ein Feuer zu machen, um die Quellenforellen zu braten.
Nachdem wir uns an Fisch und Brot gelabt hatten, teilten wir die Nachtwache ein.
Wegen Urotas in der Höhle widerhallenden Schnarchens hatte außer Tarkin, der sich irgendetwas in die Ohren gestopft hatte, niemand schlafen können. Ich war mit dem Troll zur Wache eingeteilt. Nach meiner Weckerfahrung als Eichhörnchen schickte ich Freya vor, ihn an der Nase zu kitzeln. Die Wichtelin machte das ganz geschickt und sprang rechtzeitig in Sicherheit, bevor Urotas Riechkolben ein lautes »Hatschi« durch die Höhle schallen ließ.
Urota und ich setzten uns an den Höhleneingang und lauschten in die Stille, in der Ferne war nur ganz leise das Plätschern des Baches zu hören. Die anderen konnten jetzt endlich in ihren wohlverdienten Schlaf fallen. Urota fiel es schwer wach zu bleiben, immer wieder schlossen sich seine Augenlider und er klopfte sich auf die Wangen, um wach zu bleiben. Immerhin bemühte er sich. Was war das? Von draußen kamen Geräusche, die klangen, wie die Überlagerung von Krächzen und Windgeheul - dann eindeutig Flügelschlag. Urota ging vor den Höhleneingang und schrie sofort auf. Beim Heraustreten konnte ich zwei im Dämmerlicht grün leuchtende vogelartige Wesen erkennen, die sich auf ihn gestürzt hatten und und ihm in die Arme pickten oder vielmehr bissen. Er schlug um sich, und sie zogen sich kurz zurück. Die anderen wurden von Urotas Schrei geweckt und traten ebenfalls hinaus. Da kamen sie wieder: Vivana stach gezielt mit ihem Giftdolch zu und konnte einen erlegen, Tarkin und Edwen holten gemeinschaftlich das zweite Flugmonster vom Himmel.
Ein Windgreifer vor den Säulen der Altvorderen.
Im Feuerschein der Höhle konnte Edwen erkennen, worum es sich handelte: »Das sind Windgreifer. Erstaunlich, eigentlich leben sie viel weiter im Süden, und selbst im südlichsten Askalon sind sie eher selten!«

Ich rupfte drei der grünen Federn, vielleicht könnte ich die ja nochmal gut gebrauchen – und sei es bloß, um einen Troll kitzelnderweise - und aus sicherem Abstand - aus dem Schlaf zu wecken.

Am nächsten Morgen hielten wir vor einer Weggabelung am Fuße der seltsamen Felsformation.
Es handelte sich um vier gewaltige Säulen, die scheinbar aus dem Berghang herausgeschlagen worden waren. Ich konnte mir nicht vorstellen, wer ein solches Werk hätte vollbringen können: Menschen wohl eher nicht, vielmehr Giganten - oder sogar die Götter selbst? An manchen Stellen konnte ich Zeichen oder Symbole erkennen, es musste sich um die Hinterlassenschaften eines uralten Volkes handeln.

Ich befragte Edwen, der mir jedoch nur schulterzuckend antwortete: »Ich weiß nur, dass sie ›Die Säulen der Altvorderen‹ genannt werden.« Widun hätte als Mnamnpriester vielleicht mehr herausfinden können. Die Säulen waren höher als alle Türme der Menschen, die ich auf unseren Reisen bisher gesehen hatte, fast schienen sie, an den Wolken zu kratzen.
Vivana hatte einen verwitterten Wegweiser entdeckt, der am Boden lag: »Also, diesem Schild zufolge liegen im Norden Medea, wo wir hergekommen sind, im Süden ›Kywens Höhen‹ und die Stadt Altem, im Westen Tremen, im Südosten der Rotwachtwald und im Osten ›Die Wilden Marschen‹ - und da ist ein Totenkopfsymbol dahinter.«

Während die anderen darüber diskutierten, welchen Weg wir einschlagen sollten, entschloss ich mich, als Eichhörnchen eine der Säulen zu erklimmen, von dort oben hätte ich sicher einen schönen Panoramablick. Die anderen blieben mit verblüfftem Gesichtsausdruck unter mir zurück, als ich einen der rauen Felsen hochjagte. Ich spürte, wie die Luft immer dünner wurde. Oben angelangt, traute ich meinen Augen kaum. In große Nester gebettet, die zum Teil aus Knochen bestanden, lagen riesige Eier, aber kein Vogel weit und breit.
Ich sah mich um: der Ausblick war wirklich fantastisch. Im Süden zogen allerdings wieder schwarze Wolken auf, wie ein Omen, dass sich dort ein Unheil zusammenbraute. Vor uns lag ein Verbund aus mehreren mittelhohen Bergen, das mussten ›Kywens Höhen‹ sein, danach folgten ein Wald und eine Stadt, wahrscheinlich Altem. Im Westen konnte ich ebenfalls eine Stadt erblicken, von der wir jedoch viel weiter entfernt waren, wahrscheinlich Tremen. Als ich über mit plötzlich Flügelschlag hörte und wieder das Gekreische der letzten Nacht, floh ich schnell die Felsensäule hinunter – als Eichhörnchen hatte ich gegen einen Windgreifer keine Chance.
Nachdem ich mich zurückverwandelt hatte, fragten mich meine Gefährten, welchen Weg ich einschlagen würde. Nach einigem Hin und Her, dem Abwägen von Vor- und Nachteilen kamen wir zum Entschluss, über ›Kywens Höhen‹ zu steigen, um dann nach Altem zu gelangen – wo sie uns noch Dank für die Befreiung von der Rattenplage schuldeten – und den sie uns gerne in Form von Pferden würden ausdrücken können.
Tarkin und Edwen befürchteten, dass wir den Rösserpass ansonsten nicht rechtzeitig erreichen würden, um der ›Bruderschaft der Gekreuzten Schwerter‹ bei ihrer Suche nach den Rotall-Brüdern beizustehen.
Wir setzten unsere Wanderung fort und gelangten an einen Fluss, der laut Edwen Queros hieß und folgten seinem Lauf. Zunächst ging es langsam bergauf, schließlich wurde es jedoch so steil, dass wir die Hänge hochklettern mussten – nicht einfach, ohne eine geeignete Kletterausrüstung.
Der Gipfel warf bereits seinen Schatten auf uns, als wir uns erschöpft eine Kuhle im Felsen suchten, um die Nacht dort zu verbringen. Tarkin hatte unterwegs ein paar Wurzelknollen gefunden und Vivana packte einen großen Käse aus. Wir hatten ein Feuer gemacht, um die Knollen weich zu kochen. Wie sich herausstellte, war das ein Fehler, denn wir wurden erneut von Windgreifern angegriffen, nachdem sie sich mit ihrem Gekreische lauthals angekündigt hatten.
Diesmal gelang es uns, sie schnell in die Flucht zu schlagen, und sie ließen uns auch in der folgenden Nacht in Ruhe.

Am folgenden Morgen ging es wieder bergab ins Tal. Hier fanden wir Beeren und füllten an einem kleinen Bach unsere Trinkflaschen wieder auf. Beim Klettern am nächsten Berg löste sich Geröll, doch wir hatten Glück und überstanden das ganze unbeschadet.
Auf dem Gipfel des zweiten Berges zeigte sich im Zwielicht der gerade untergegangenen Sonne ein Plateau. Gegen die Dämmerung hob sich ein Gebäude ab. Beim Näherkommen konnte ich erkennen, das es sich um die Ruine eines Klosters handeln musste. »Ein guter Ort zum Übernachten«, entschied Vivana. Maluna legte ihr eine Hand auf die Schulter: »Warte, da liegt etwas im Eingangsbereich!«
Sie hatte wirklich unheimlich scharfe Augen. Jetzt wo sie es sagte, sah ich es auch. Ein großes, vierbeiniges Wesen, das dort am Boden lag und dessen Körper sich rhythmisch hob und senkte. Eine zottige, rote Mähne verdeckte sein Gesicht. »Es schläft!«, meinte ich. Edwen hielt einen Finger vor seinen Mund: »Leise, das ist ein askalonischer Berglöwe, und die haben ein sehr feines Gehör!«
Kaum hatte er mir das zugeflüstert, als sich auch schon der Berglöwe aufrichtete, seine rote Mähne schüttelte und uns dann aus funkelnden, grün leuchtenden Augen anstarrte.
Ein askalonischer Berglöwe vor den Ruinen von Kywens Kloster.
Unversehens trabte er auf Vivana zu, die in eine Art Schockstarre verfallen sein musste. Im letzten Moment duckte sie sich weg, der Löwe streifte sie jedoch mit einem gewaltigen Prankenhieb, sodass sie gegen eine Mauer geschleudert wurde und halb besinnungslos liegen blieb.
Ich durfte keine Zeit verlieren und betete an Ianna. Aus dem Boden unter dem Monster schnellte eine gewaltige Dorne hervor, die ihm eine große Wunde beibrachte. Damit hatte der Löwe nicht gerechnet. Er legte sich hin und leckte seine Wunde, wie es Katzen tun – und Faune natürlich auch. Da wir keine Fernkampfwaffen hatten, warfen die anderen mit Steinen nach ihm. Er wurde dadurch nur noch aggressiver und fauchte uns an. Ich betete erneut an Ianna um einen »Dornenstich« - eine weitere Dorne schoss aus dem Boden und traf den Löwen am Hals. Er röchelte, sackte in sich zusammen, zuckte noch eine Weile rhythmisch mit den Beinen und blieb dann regungslos liegen.

Vivana hatte sich schnell wieder berappelt. Ihre erste Sorge galt allein dem Löwenfell: »Oh nein, da sind ja Löcher drin!« Selbst Urota musste da ungläubig mit dem Kopf schütteln. Wir betraten die Klosterruine und entfachten ein Feuer in der Mitte der großen Eingangshalle. Nachdem Vivana dem Berglöwen das Fell abgezogen hatte, teilten wir sein Fleisch zwischen uns auf und grillten es. Ich bat um die langen Eckzähne, immerhin hatte ich ihn – mit Iannas Hilfe – zur Strecke gebracht. Tarkin fragte mich erstaunt: »Bist du jetzt auch unter die Trophäensammler gegangen, Faundruide?« Ich erklärte ihm: »Wie du weißt, akzeptiert Ianna das Töten von Gegnern in Notwehr oder als Beute. Diese Eckzähne sollen mir nur als Erinnerung an dieses Wesen dienen, um es zu ehren, nicht um damit anzugeben.«
Die zerfallene Deckenkonstruktion gab den Blick auf die Sterne frei. Wohl gesättigt fiel ich in einen tiefen Schlaf.

Edwen weckte uns am nächsten Morgen: »Wohlan, es ist nicht mehr weit bis Altem!«
Tatsächlich kamen wir bergab schnell voran, zumindest bis wir auf eine Schlucht stießen, die etwa einen Steinwurf breit war. Eisiger Wind blies uns aus dem tiefen Felsspalt ins Gesicht.
»Wie kommen wir da rüber?«, fragte ich. Maluna zeigte nach links. Ich folgte ihrem Finger mit den Augen. Da war eine Hängebrücke. Beim Näherkommen konnten wir erkennen, dass diese ziemlich wackelig und heruntergekommen aussah. Sie schaukelte stark im Wind, einige Planken fehlten bereits, andere hingen nur noch lose an den Brückenseilen.
»Die macht keinen sehr vertrauenswürdigen Eindruck«, meinte Edwen.
Mir kam eine Idee. Ich griff in meine Tasche und holte die Zauberbohne hervor. Ich legte sie ans Brückenende und betete. Sie wuchs am Brückengeländer entlang, schaffte es aber nicht, die Schlucht komplett zu überbrücken.
»Vielleicht sollten erst einmal die Leichtgewichtigen voran gehen«, schlug Edwen vor.
»Ich zuerst«, rief Tarkin und ging mutig voraus. Plötzlich krachte es und Tarkin stürzte - doch er hatte Glück im Unglück, da sich sein haariger Fuß in der Bohnenranke verfangen hatte. Vivana ging vorsichtigen Schrittes, immer mit einem Fuß vorfühlend, über die Brücke und gelangte sicher auf die andere Seite. Sie warf Tarkin ein Seil dazu, mit dem er sich sichern sollte – er verfehlte es jedoch. Ich folgte vorsichtig, gelangte auf die andere Seite, konnte Tarkin aber auch nicht hochziehen.
Ich wollte noch »Warte Urota!« rufen, doch es war zu spät. Hilfsbereit wie er war, war auch unser Troll auf die Brücke getreten – und rutschte durch die Planken. Er konnte sich noch gerade so an der Bohnenranke festhalten. Als jetzt auch noch Edwen auf die Brücke trat, war es ihr zuviel – vor Edwen rissen alle vier Seile und die Brücke krachte mitsamt der Bohnenranke, an der wiederum Urota und Tarkin hingen, gegen die gegenüberliegende Felswand. Tarkin hing jetzt kopfüber in der Mitte der Schlucht, nur sein eingehakter Fuß verhinderte den Sturz in die Finsternis. Edwen hatte sich geistesgegenwärtig am diesseitigen Brückenseil festhalten können und zog sich wieder hoch: »Puh, das war knapp.«
Ich betete an Ianna, dass die Ranke Urota hochziehen sollte – er war jedoch zu schwer. Tarkin schafft es endlich, seinen Fuß aus der Schlinge zu ziehen. Flink kletterte er die Ranke und das verbliebene Seil hoch auf das rettende Felsplateau.
Zu dritt und mit Hilfe von Ranke und Seil schafften wir es endlich, auch den Troll in Sicherheit zu bringen.
»Was machen wir jetzt?«, wollte Edwen wissen, der noch mit Maluna und Freya drüben stand.
Freya überbrückte die Wartezeit, indem sie sich ein paar Himbeeren pflückte und jetzt begann, mit ihnen zu jonglieren.
Nach einigem Hin- und Herüberlegen, ließ ich die Ranke sich wieder in die Bohne zurückverwandeln, verwandelte mich selbst in meine Eichhörnchenform und kletterte mit der Bohne im Mund die Schlucht hinab. In der Finsternis am Boden der Schlucht hörte ich Krabbelgeräusche und beeilte mich, über ein kleines Bächlein zu springen, dass ich besser hören als sehen konnte. Auf der anderen Seite kletterte ich wieder hoch. Oben angekommen, tätschelte mir Edwen das Fell: »Was hast du denn vor, mein schlaues Eichhörnchen?«
Ich spuckte die Bohne aus, die wieder zu einer Ranke auswuchs und ungefähr drei Viertel der Schlucht überspannte. Dann kehrte ich in meine Faungestalt zurück und rief Vivana auf der anderen Seite zu: »Versuch aus deinem Seil eine Schlinge zu formen und sie über das Rankenende zu werfen.« Sie schaffte es auf Anhieb, zog die Schlinge fest zu und verknotete das Seil an einer großen Baumwurzel. Freya balancierte leichten Schrittes über Ranke und Seil – und ließ es sich nicht nehmen dabei weiter mit den Himbeeren zu jonglieren. Urota fand, dass das einen Applaus wert war. Maluna hatte ebenfalls einen ausgeprägten Gleichgewichtssinn und kam ohne Probleme auf die andere Seite. Edwen in seiner schweren Rüstung fiel das ganze schwerer. Er stolperte, als er auf der Ranke war, konnte sich aber festhalten und hangelte sich schließlich rüber.
Ich betete an Ianna – die Ranke wurde zur Bohne und sprang mir zurück in die Hand. Vivana holte ihr Seil wieder ein.

Welche Mühen und Nerven es uns gekostet hatte, über diese Schlucht zu gelangen!

Morgen würden wir endlich in Altem sein!