Samstag, 24. Februar 2018

Der letzte Tanz - Kapitel 2: Begegnungen

Inzwischen war erneut die Dunkelheit über das Land hereingebrochen. Jenseits einiger Hügel in einer Talsenke konnte ich bereits die Lichter der halb zerstörten Stadt Altem erkennen – mehr als ich gedacht hätte. Wir wollten uns auf einem Hügel unter einem ausladenden Kastanienbaum zum Nachtlager einrichten, als Vivana uns auf eine Lichtquelle in einigen hundert Schritt Entfernung hinwies. Tarkin schnüffelte: »Das ist ein Lagerfeuer, und darüber wird etwas gebrutzelt! Es riecht köstlich!« Urota begann auch zu schnüffeln: »Ein Mensch.«
Vivana wollte mehr erfahren: »Ich schaue mal nach, was eure feinen Näschen da gerochen haben.« Sie schlich sich zusammen mit Freya an die Feuerstelle heran.
Sie erkannten einen Mann, der sich in einen Fellumhang gewickelt hatte und über dem Feuer einen abgezogenen Hasen briet. Seine schlitzförmigen Augen verrieten, dass er Jujin-Vorfahren haben musste. Aus seinem Rückengurt, den er nicht abgelegt hatte, blitzten zwei exotisch verzierte Schwertknäufe hervor. Vivana entschied, sich zu zeigen. Sie ging mit einer Hand am Dolch auf den Fremden zu und verneigte sich: »Seid gegrüßt, sagt was treibt Ihr hier draußen in finsterster Nacht?« Er hob leicht den Kopf und wirkte überrascht, als er den Rest unser Gruppe erblickte. »Wir sind ein seltsamer Haufen, erschreckt Euch nicht, wir haben einen Hügeltroll dabei, aber Ihr habt nichts zu befürchten«, versuchte Vivana ihn zu beruhigen.
»Mein Name ist Lorgrim. Tretet vor und setzt euch zu mir ans Feuer. Ich habe allerdings nur einen Hasen, das wird nicht für euch alle reichen«, stellte sich der Fremde mit leiser Stimme vor.
Der geheimnisvolle Halbjujin Lorgrim.
Wir steuerten ein paar Himbeeren und einen Teil unseres Proviants bei, sodass alle satt wurden.
Der Mann blieb den weiteren Abend über schweigsam und hatte den Blick gesenkt. Eine tiefe Traurigkeit sprach aus seinen Augen. Vivana fragte ihn nach seinen Plänen. Er hob wieder kurz den Kopf und murmelte: »Will nach Süden, mich der ›Bruderschaft der Gekreuzten Schwerter‹ anschließen und gegen die Tekk kämpfen.« Edwen und Tarkin horchten auf und erzählten ihm, dass sie selbst Mitglieder in der Bruderschaft waren und luden ihn ein, uns zur Wegburg zu begleiten.
Lorgrim wirkte interessiert, blieb aber schweigsam und gab nichts weiter von sich preis.

Plötzlich hörten wir von Norden her ein Knacken im Unterholz und schließlich den Hufschlag eines Pferdes. Vivana sprang auf und rief in die Dunkelheit: »He da, wer dort?«
Eine irgendwie vertraut klingende Stimme antwortete: »Endlich hab ich euch gefunden!«
Vivana entgegnete drohend: »Gebt Euch zu erkennen, wir haben Euch umzingelt und unsere Bögen auf Euch gerichtet!«
Die Gestalt sprang vom Pferd, sie war in einen Kapuzenmantel gehüllt. Als sie ans Feuer trat, warf sie die Kapuze nach hinten und ein Streifen roter Haare auf einem sonst kahlen Schädel trat zutage: »Ich habe einen Bärenhunger!«
Es war Saradar, unser barbarischer Freund – und er konnte wieder sprechen. Nachdem er uns einen nach dem anderen umarmt hatte, begann er zu erzählen:
»Meine Freunde, ich habe immer noch Matsch in der Birne und fühle mich elend, aber dieser schwarze Schleier hat sich gelüftet.« Bei diesen Worten kletterte ihm sein Wiesel auf die Schulter: »Mein treuer Radaras hat mir die ganze Zeit über beigestanden. Es war furchtbar. Es fühlte sich an, als ob Schatten durch meinen Geist gekrochen wären oder meine Seele gefroren hätte. Ich konnte meine Füße nicht mehr spüren, auf meiner Zunge lag der Geschmack von Fäulnis und Tod. Ich habe nicht mehr gewusst, wer und wo ich war oder wie lange ich mich in diesem Zustand befunden habe. Meine Stirn hat gebrannt, mein Herz gegen meine Schläfen gepocht. Irgendwann habe ich dann die Augen geöffnet und musste sie gleich wieder zupressen, weil ich die Helligkeit nicht mehr gewöhnt war. Langsam wurde es besser und ich blickte mich um. Um meinen Hals fand ich diese Kette« - er zeigte uns die Reliquienkette, die ihm Utyferus beschafft hatte, um den ›Schwarzen Sud‹ aufzuhalten.
»Und mein Radaras war die ganze Zeit bei mir!« - das Wiesel kuschelte sich an sein Gesicht.
»Ich habe in einem Zelt gelegen. Irgendwann ist dieser Halar, der Anführer der Söldnertruppe, hereingekommen und hat mir erzählt, was passiert ist.
Tarquan hatte mich in Begleitung von Widun und Anneliese zum Nordmarkt gebracht. Als Bruder aus dem Stamm der Khor'Namar wollte er mich dann nach Yarwaques Hand mitnehmen. Ein Keldyr-Druide hat mir soweit geholfen, dass ich wieder sprechen konnte. Er hat mir gesagt, dass ich diese Kette nie ablegen darf, weil sonst der böse Geist zurückkommt. Und dass ich nach Yarwaques Hand zu einem Osirpriester müsste, um völlig geheilt zu werden.«
»Als ich erfahren habe, dass ihr alle nach Süden in Richtung Rösserpass aufgebrochen seid, um gegen die Tekk zu kämpfen, konnte ich natürlich nicht anders als euch zu folgen, auch wenn das Halar gar nicht recht war. Er würdigte aber meine Tapferkeit und hat mir diese Waffe gegeben«, Saradar zeigte uns eine rostige Barbarenaxt, »die ja wohl kein würdiger Ersatz für meine Zweililie ist. Die liegt wohl noch in Medea, wie ich gehört habe!«
Jetzt erst wurde ihm bewusst, dass unsere Gruppe gar nicht vollzählig war: »Sagt, wo stecken Widun und Anneliese?«
Ich zuckte mit den Schultern: »Du musst sie überholt haben, oder sie wurden aufgehalten. Hast du auf deinem Ritt gar keine Pause gemacht?«
Saradar grinste: »Ich bin durch Regen und Matsch geritten, habe auf dem Pferd geschlafen. Nur zum Scheißen bin ich abgestiegen.«
Jetzt erst war ihm wohl durch seine eigenen Worte bewusst geworden, wie erschöpft er eigentlich sein sollte, denn er fiel augenblicklich - von einem wohlfährigen Seufzer begleitet - in einen tiefen Schlaf.
Vivana übernahm zusammen mit Urota und Lorgrim die erste Nachtwache.
Vivana war neugierig, und versuchte mehr vom Halbjujin zu erfahren. Er schien etwas Vertrauen gefasst zu haben, denn er begann zu erzählen: »Ich bin ein Söldner aus Askalon, mein Vater war ein einfacher Dorfbewohner. Ich wurde zum Schwertmeister ausgebildet und habe in meinem Leben verschiedenen Meistern gedient.«
Vivana war fasziniert von diesem geheimnisvollen Mann, der eine unglaubliche Ruhe, aber auch Traurigkeit ausstrahlte. Sie entschied jedoch, dass er nicht ihr Typ war.
Das Feuer brannte herunter. Ich löste die drei zusammen mit Edwen und Freya ab. Wir hörten in einiger Entfernung das Gekreische einiger Windgreifer, aber diesmal ließen sie uns in Ruhe.

Wir brachen auf im Morgengrauen. Saradar führte sein Pferd am Zügel, da es von den Strapazen sehr mitgenommen aussah.
Nach einer halben Tagesreise erreichten wir endlich die Stadt Altem. In meiner Erinnerung war sie ein kleines, trostloses Städtchen. Erst nach der Befreiung von der Rattenplage hatte eine gewisse Aufbruchstimmung geherrscht und die Leute hatten wieder an Tatendrang gewonnen.
Die Torwächter schenkten uns ein Lächeln und nickten freundlich, als wir die Stadt betraten. Die Straßen waren jetzt sauber und regelrecht überlaufen. Überall Menschen, die emsig ihrem Werk nachgingen: Mauern wurden erneuert, Häuserfassaden gestrichen, das Bollwerk verstärkt, Fässer durch die Gassen gerollt, in einer Schmiede hämmerten gleich vier Männer auf glühende Eisen.
Wir fragten eine der Stadtwachen: »Sagt, wo finden wir den Stadtherrn Largo?«
»Wisst ihr denn nicht, dass Largo vor kurzem verstorben ist! Orell führt jetzt die Geschäfte!«, entgegnete uns die Wache.
»Orell? Das war doch dieser fiese Händler, der die Leute in ihrer Not auch noch ausgebeutet hat! Wer hat den denn als Ratsherrn eingesetzt?«, fragte ich mehr zu mir selbst.
Edwen pflichtete mir bei: »Wahrscheinlich er selbst! Von dem können wir sicher keine Hilfe erwarten!«
Wir erkundigten uns nach dem Notor, der uns damals unterstützt hatte. »Den Notor Tayn findet ihr bei den Flüchtlingen. Ihr findet ihn auf dem ›Müden Markt‹.«
Auf dem Marktplatz drängte sich eine lange Schlange aus Menschen. Sie standen an einer Essensausgabe an – ich erkannte den alten Priester Terek, der uns die Novizen in Obhut gegeben hatte. Er verteilte Gemüsesuppe und Brot an die Hilfsbedürftigen. Hinter der Schlange leuchtete das schlohweiße Haar des Notors. Wir drängten uns hindurch und tippten dem alten Mann auf die Schulter, der gerade damit befasst war, einigen Arbeitern Anweisungen zu geben.
Er drehte sich erschrocken um und wich einen Schritt zurück, als er den Troll sah. Schnell trat aber ein Lächeln des Erkennens in sein Gesicht: »Bei den guten Göttern! Willkommen zurück! Wie ihr sehen könnt, ist viel geschehen, seit ihr uns von diesem Rattendämon erlöst habt!«
Notor Fugan Tayn aus Altem.
Er erklärte uns, dass es sich bei den Menschen auf dem Marktplatz um Flüchtlinge aus Taraxhall handelte, die vor den Tekk geflohen seien. »Es sind zu viele, wir kriegen sie gar nicht alle unter! Ich leite die Arbeiten, um die vom Erdbeben verfallenen Häuser wieder herrichten zu lassen.«
Ich fragte ihn nach Orell. Ich merkte ihm an, dass er auch nicht begeistert war von seinem neuen Stadtherrn: »Es ist traurig, dass Largo von uns gegangen ist. Er erlag einem Fieber, vielleicht war es sogar noch die Rattenpest, die ihn dahingerafft hat. Ich weiß es nicht. Ihr wisst ja, dass Orell einen ungemeinen Geschäftssinn hat. Er nutzte seine Chance, scharte viele Unterstützer um sich und wurde so von den Bürgern gewählt. Ich muss ihm aber zu gute halten, dass er sich geändert hat und ihm das Wohl der Bürger mittlerweile sehr am Herzen liegt.«
Tarkin bat ihn um Pferde, damit wir schneller zum Rösserpass gelangen könnten.
Notor Tayn wirkte nachdenklich: »Wisst ihr, eigentlich können wir im Moment gar nichts entbehren. Aber Notor Gulim von der Bruderschaft ist ein alter Freund von mir. Ihr könnt ihm eine Nachricht von mir überbringen und ich werde euch vier Pferde zur Verfügung stellen.«
Inzwischen war Ian Terek bei der Essensausgabe abgelöst worden und kam zu uns rüber. Er ging stark gebeugt, machte kleine, unsichere Schritte und stützte sich auf einen Stock. Er drehte seinen Kopf schräg nach oben, um uns anzusehen: »Sonnige Grüße! Wenn das mal nicht unsere Rattenfänger sind! Sagt, was ist aus meinen Novizen geworden.«
Er machte mehrmals das Zeichen des Sonnenrades, als er von den Vorgängen in Medea, dem Zurakkult und dem Schicksal von Zedrick und Luth erfuhr. Ich konnte tiefe Trauer in den Zügen des alten Mannes erkennen. Fugan Tayn versprach sich um die Pferde zu kümmern. Wir sollten später wiederkommen. Er beriet sich mit dem alten Priester als wir gingen.
Wir suchten die Schenke ›Zum Lachenden Raben‹ auf, die vormals noch der ›Weinende‹ gewesen war. Unser Eintreten sorgte für einiges Hallo. Aus einer Ecke des Schankraums kam ein freudiges »Syr Edwen, altes Haus! Da ist ja auch Tarkin, der mutige Koboldkrieger!« Es war Syr Kym. Er saß mit seiner Tochter zum Mittagessen an einem großen Tisch. »Setzt euch zu uns, was für eine freudige Überraschung, euch wiederzusehen! Ich bin euch so dankbar, dass ihr mir meine Tochter wiedergebracht habt«, er legte seinen Arm um sie. »Kann ich euch irgendetwas Gutes tun? Ich weiß schon etwas: Bringt Bier für meine Freunde!«
Zwei dralle Schankmaiden kamen vollbeladen mit Bierkrügen. Maluna war skeptisch, was den dunklen Gerstensaft anging: »So etwas trinkt ihr Menschen? Das riecht ja abscheulich!«
Urota hatte sein Bier mit einem Zug abgetrunken und wischte sich den Schaum vom Mund – ein lauter Rülpser folgte, der die umstehenden Bierkrüge zum Wackeln brachte.
Syr Kym erzählte uns von den Ereignissen in Askalon: »Die Tekk haben Taraxhall überfallen und gewütet wie Bestien. Viele Menschen starben, anderen droht ein viel schlimmeres Schicksal. Sie werden in Blutwagen in Fleischhallen gebracht, wo sie solange leben, bis sie wie Vieh von den Tekk geschlachtet und gefressen werden.«
Tarkin, bei dem das Bier schon seine Wirkung zeigte, schüttelte sich vor Entsetzen: »Mein Schwert dürstet nach Tekkblut! Für eine gerechte Sache ist es mir eine Freude, mein Leben aufs Spiel zu setzen!«
Der alte Ritter ließ es sich nicht nehmen, uns mit einem Pferd und Proviant zu unterstützen.
Nach einem herzlichen Abschied schlug Saradar vor, der unglücklich über den Verlust seines Doppelspeers war, die neue Schmiede aufzusuchen. Unsere Bewaffnung – vier Kurzschwerter und ein Dolch – ließ zu wünschen übrig, sodass sich der Rest der Gruppe anschloss.
Das rhythmische Klopfen der Schmiedehämmer war beeindruckend und ging mir durch Mark und Bein. In Serienproduktion stellten die vier Schmiede und ihre Lehrlinge in der riesigen ›Neuen Schmiede‹ Schwerter und Rüstungen her. Überall Funken und glühende Eisen. Mir wurde in meinem Fell richtig heiß, der Schweiß rann mir von der Stirn. Die geschäftigen Menschen würdigten mich keines Blickes, doch als Maluna eintrat wanderten neugierige Augen auf ihrem Körper auf und ab.
»He, pass doch auf, wo du hinschlägst«, wurde einer der Lehrlinge von seinem Meister gemaßregelt, als er mehrfach am Amboss vorbei geschlagen hatte.
Saradar schrie durch den Lärm: »Habt ihr Zweililien?«
Einer der Schmiedemeister blickte ihn ungläubig an: »Ihr wisst schon, dass wir uns auf eine Tekkinvasion vorbereiten. Für solche Kinkerlitzchen haben wir keine Zeit! Eine große Axt könnte ich Euch anbieten!« Saradar schüttelte den Kopf und verließ enttäuscht die Schmiede.
Tarkin zeigte ihm sein Kurzschwert: »Könnt Ihr mir das einschmelzen und daraus eine Koboldklinge machen?« Der Schmied unterbrach seine Arbeit und schwang ungeduldig seinen Hammer von einer Hand in die andere: »Dafür müsste ich sechzig Silberlinge von Euch verlangen!« Tarkin schaute in seinen Geldbeutel und ließ den Kopf hängen. Vivana erstand ein kleines Messer für fünf Silberlinge. Urota versuchte es mit einem Tauschhandel, er wollte ihm zwei Eckzähne anbieten. Der Schmied lachte: »Dann hätte ich ein so beeindruckendes Lächeln wie Ihr mit Euren Hauern! Nein – ehrlich – so etwas kann ich nicht gebrauchen!«
Freya fragte ihn bescheiden nach einer Waffe. Er musste mehrmals nachfragen und sich bücken, um sie zu verstehen. Dann griff er in seine Schürze und holte einen kleinen Eisenspieß heraus: »So etwas hier? Das benutze ich immer als Zahnstocher – wenn Ihr es haben wollt?«
Edwen erstand ein teures Langschwert und ich kaufte mir einen Kurzbogen und zwanzig Pfeile, für die ich ihm zwei Silberlinge und mein Huhn zur Verwahrung überließ: »Aber bitte nicht essen, es legt Euch jeden Tag ein Ei!« Der Schmied zwinkerte seinem Lehrling zu: »Natürlich nicht!«
Die Augen gingen dem Schmied und seinem Lehrling über, als Maluna vortrat. Sie hatte ihr feuerrotes Haar geöffnet und es wallte über ihre Schultern. Im flackernden Feuerschein der Schmiede glänzten gülden ihre Wangenvenen. Bei ihrem Anblick lief selbst mir ein Kribbeln durch den Körper und nicht nur meine Fellhaare richteten sich auf: Sie war eine Feuergöttin!
»Ich habe hier ein Kurzschwert, kann ich dafür von euch ein Langschwert kriegen, und ich meine ein richtiges langes Schwert – versteht Ihr?«
Der Schmied und der Lehrling schauten sich ungläubig an. Sie ging auf die beiden zu und flüsterte ihnen etwas ins Ohr, ich konnte bloß »Mitternacht« verstehen. Beide nickten daraufhin eifrig und der Ausdruck von Vorfreude trat in ihre Gesichter.
Für die Nacht hatten wir uns im ›Lachenden Raben‹ einquartiert.

Am nächsten Morgen waren wir guten Mutes. Vivana hatte bemerkt, dass Maluna tatsächlich das Langschwert bekommen hatte. Die Feueralwe grinste bloß und sagte: »Waren ganz süß die zwei.« Nach einem kurzen Frühstück brachen wir auf. Der Notor hatte uns drei Pferde besorgen können, dazu kamen noch das Ross von Syr Kym und Saradars Schlachtross, das er von Halar erhalten hatte. Fugan Tayn und auch der alte Priester Terek ließen es sich nicht nehmen, sich persönlich von uns zu verabschieden. Tayn wünschte uns viel Glück und erinnerte uns: »Denkt daran, ihr seid jederzeit willkommen in Altem! Ohne euch wäre unsere Stadt dem Untergang geweiht gewesen.« Er zuckte resigniert mit den Schultern: »Vielleicht ist sie es noch – wenn die Tekk über den Rösserpass kommen. Grüßt bitte meinen alten Studienkameraden Gulim von mir!«
Terek gab uns mit auf den Weg: »Möge das Licht mit euch sein! Hütet euch vor Zurak, dem Gott des Hasses. Er versucht Zwietracht zu säen unter Freunden, lasst euch nicht entzweien!«
Er winkte uns zum Abschied mit seinem Stock.

Im Süden lag die flache, askalonische Ebene vor uns, offenes Gelände auf dem wir hoch zu Ross rasch vorankamen. Ob wir es noch rechtzeitig zum Rösserpass schaffen würden?
Wir trafen auf eine große Zahl an Flüchtlingen, die mit ihrem wenigen, überstürzt gepackten Hab und Gut aus Taraxhall und den umliegenden Dörfern geflohen waren. Sie berichteten uns, dass viele Menschen von den Ul'Hukk getötet oder verschleppt worden seien und sie nun auf Schutz in Altem hofften. »Sie haben Riesen in ihren Reihen – reihenweise haben sie die askalonischen Soldaten niedergemetzelt! Wir sind alle verloren!«, war zu hören und »überall diese furchtbaren Krähen!«
Der geheimnisvolle Lorgrim hatte sich uns angeschlossen, er war so schweigsam wie zuvor und war immer darauf bedacht, auf Abstand zu bleiben und nicht aufzufallen.

In der Ferne konnte ich einen Wald erkennen, der sich über den gesamten Horizont erstreckte und wie eine Decke über einem großen Hügel lag. Ein ungutes Gefühl beschlich mich, ich hätte den Wald, der laut Edwens Karte ›Silberforst‹ hieß, am liebsten umgangen.
Die Sonne versank hinter den Bäumen im Westen und zauberte nochmal ein wunderschönes Farbenspiel an den Himmel – wie ein letztes Aufblühen einer Blume vor dem Dahinwelken. Der Wald kam mir seltsam vertraut vor. Ein breiter Pfad führte durch den Wald, zu beiden Seiten gesäumt von alten, knorrigen Bäumen und einem Wechsel aus Laub- und Nadelbäumen. Es wurde stockfinster, als es auch die letzten Sonnenstrahlen nicht mehr schafften, durch das dichte Blätterdach zu dringen. Wir suchten eine geeignete Stelle für unser Nachtlager und fanden eine Höhle, die nicht aus Stein bestand, sondern aus einem dicht verwebten Wurzelwerk uralter Roteiben gebildet wurde. Wieder überkam mich ein mulmiges Gefühl, das ich so nicht kannte. Der urwüchsige Wald erinnerte zwar wenig an die lichten Wälder meiner Heimat Oxysm, doch hätte ich mich auch hier der Erdmutter nahe fühlen müssen. Vielleicht lag es an den Tekk, die jenseits des Rösserpasses auf uns lauerten.
Ich hatte schlecht geschlafen, als mich Tarkin zur zweiten Wache weckte. Ich war müde, die Welt erschien mir wie ein Albtraum. Gespenstisch lag Zamas Licht über dem Blätterdach. Maluna hatte scharfe Augen und hielt die Umgebung im Blick. »Was ist das?«, stieß sie mich plötzlich an.
Ein grünes Leuchten näherte sich und schwebte zwischen den Bäumen umher. Ein Waldgeist?
Beim Näherkommen erkannte ich, dass er eine menschliche Gestalt hatte. Er war in einen Kapuzenmantel gekleidet und gab murmelnde Laute von sich. Maluna kannte keine Waldgeister und hatte sich in Verteidigungsstellung gebracht. Das Wesen kam immer näher, schien aber von uns keine Notiz zu nehmen. Plötzlich hielt es kurz inne uns stieß dann direkt auf mich zu. Der von einer tief ins Gesicht gezogenen Kapuze verhüllte Kopf schnellte empor.
Der Anblick drang mir ins Innerste meiner Druidenseele: aus grün leuchtenden Augen über einem gezwirbelten Schnurrbart und einer aufgerissenen Kehle, aus der die Adern wie Würmer heraushingen, traf mich ein zutiefst vorwurfsvoller Blick. Der Geist versuchte zu sprechen. Ein Brodeln drang aus seinem Mund: »Frevler, Frevler, wir sind alle Frevler!« Dann drehte er sich weg und verschwand, bevor Maluna einschreiten musste. »Wer oder – verdammt nochmal – was war das?«
»Das war Jel, der Grüne«, war das einzige, was ich hervorbrachte, bevor ich die Besinnung verlor.

Sonntag, 18. Februar 2018

Der letzte Tanz - Kapitel 1: Eine beschwerliche Reise

Die Altmark breitete sich vor uns aus. Eine offene Auenlandschaft mit nur einzeln stehenden Bäumen und von vielen Bächen durchflossen. Einerseits war es ein Vorteil für uns, da sich dadurch nur wenige Versteckmöglichkeiten für Wegelagerer und Räuber boten, andererseits hatten wir einen riesigen Hügeltroll im Schlepptau, den wir nicht so gerne zur Schau stellen wollten.
Wir durchquerten ein Langdorf und die Leute blieben mit offenen Mündern stehen. Eine so seltsame Gruppe hatten sie wohl noch nie zu Gesicht bekommen. Urota sorgte allein durch seinen Anblick schon für Aufruhr. Eltern zerrten ihre Kinder von der Straße, Fensterläden wurden - bis auf einen schmalen Spalt zum Gaffen - geschlossen. Als sie merkten, dass wir nichts Böses im Schilde führten, kamen die Menschen neugierig wieder heraus und boten uns sogar ihre Waren feil. Wir deckten uns für zwei Silberlinge mit Wasser und Proviant ein. Ein Pferd oder gar ein Gespann mit einem Karren konnte leider niemand entbehren. Und so mussten wir zu Fuß auf den schlecht gepflasterten Straßen weiterziehen – andererseits wäre eine Fahrt im Wagen unter diesen Umständen sicher eine holprige Angelegenheit geworden.
Nachdem wir die dritte Siedlung hinter uns gelassen hatten – die Bauernkinder hatten Ringelreigen um den Troll getanzt - suchten wir uns ein ruhiges Plätzchen zum Lagern.

Mein Magen hatte sich schon mit einem lauten Knurren beschwert, was aber gar nichts im Vergleich zu den Geräuschen war, die ein Troll unter solchen Umständen von sich gibt. Wir hatten schon befürchtet, dass ein Gewitter aufziehen würde, es war jedoch lediglich das Rumpeln im Bauch des Hügeltrolls gewesen.
Er hatte gerade seinen Rucksack geöffnet und war dabei, hineinzugreifen, als ein kleines Wesen mit vor Schreck weit aufgerissenen Augen aus dem Proviantbeutel sprang.
Es war die Wichtelin Freya, die da vor uns auf dem Boden lag. Sie erhob sich und strich Krümel von ihrem Gewand. Urota blickte ungläubig zwischen seinem Proviantbeutel und der Wichtelin hin und her.
»Priesterin Freya, wie seid Ihr denn in den Beutel gelangt?«, fragte ich neugierig.
Freya hatte sich bereits wieder vom ersten Schreck erholt und erzählte: »Ich wollte euch mit dem besessenen Barbaren helfen und kam ins Gasthaus. Doch dann wurde ich abgelenkt: Ich hatte noch nichts gefrühstückt und der Duft des Käses war einfach zu verlockend. Ich wollte nur ein Stückchen davon abbeißen – und später natürlich dafür bezahlen – als jemand plötzlich den Rucksack schloss, und dann muss ich das Bewusstsein verloren haben.«
Urotas Gesichtsausdruck wirkte vorwurfsvoll, als er der Wichtelin seinen Beutel hinhielt: »Leer!«
Sein Bauch knurrte wie ein tollwütiger Hund. Wir beeilten uns, ihm etwas von unserem Proviant abzugeben, ein Troll ist ja bekanntlich nicht er selbst, wenn er hungrig ist.
Freya wollte gerne bei uns bleiben: »Ich bin froh, erst einmal aus dem verfluchten Medea draußen zu sein. Und auf die Fragen dieses Inspektors vom Mon Alunas habe ich so gar keine Lust!«
Nachdem der Trollmagen gebändigt worden war, zogen wir weiter in Richtung Süden. Am Horizont waren inzwischen dunkle Gewitterwolken aufgezogen.
»Wir sollten uns einen Unterschlupf suchen, bevor das Unwetter zuschlägt!«, schlug Edwen vor.
Wir beschleunigten unseren Schritt, Freya hatte es sich auf der Schulter des Trolls bequem gemacht. Er schien ihr wegen des leeren Beutels nicht mehr böse zu sein.
Ein Berg im Südwesten nahm stetig an Größe zu, die Landschaft wurde felsiger. Die dunklen Wolken waren zum Glück Richtung Osten weitergezogen, worauf sich die Sonne noch einmal tief am Horizont zeigte und die schroffe Berglandschaft in ein feuriges Rot tauchte. Bereits müde vom Wandern mussten wir noch einen seichten Bach überqueren. Schließlich stellten wir in Ufernähe unter einigen Bäumen unser Nachtlager auf. Wir entschieden uns gegen ein Feuer und teilten die Nachtwachen ein.

Nach einer ereignislosen Nacht und einem kurzen Frühstück setzten wir die Reise fort.
Der Himmel hatte wieder etwas aufgeklart, aber im Süden zeichneten sich erneut dunkle Wolken ab. Wir ließen den Berg rechts liegen und überquerten gerade ein Geröllfeld, als wir plötzlich hinter einem großen Findling Stimmen hörten. Unsere Kundschafterin Vivana winkte uns erleichtert zu. Es waren nur einfache Bauern, die mit ihren Knechten und Mägden unterwegs waren, um im Norden ihre Felder zu bestellen. Sie waren zunächst erschrocken, als sie den Hügeltroll erblickten, beruhigten sich aber schnell, als wir ihnen freundlich begegneten.
»Turg, ich hab dir doch gleich gesagt, dass es keine gute Idee war, durch das Geröll zu fahren. Jetzt siehst du, was wir davon haben«, lamentierte ein Bauer namens Melakk.
Sie versuchten verzweifelt, einen ihrer Ochsenkarren wieder flott zu machen, der sich zwischen zwei Felsbrocken verkantet hatte. Sie zogen und schoben mit vereinten Kräften, sogar die Mägde und ein paar Kinder waren an der Aktion beteiligt.
»Lassen mich machen!«, bot sich unser Troll an und schob den Karren ohne große Kraftanstrengung wieder auf die Straße.
»Habt Dank, Ihr seid der freundlichste Troll, der mir je begegnet ist«, bedankte sich der dritte Bauer namens Fidu, dem der Karren gehörte. Seine Kinder pflückten am Wegesrand ein paar Blumen und formten einen Kranz daraus, den sie Urota – mit Freyas Hilfe – auf den Kopf setzten.
»Ach wie schön, ein Blumentroll«, lachte Tarkin. Als Dank überließen sie jedem von uns einen Laib Brot.
Wir gingen weiter in Richtung Süden. Am Horizont tauchten seltsame Felsformationen auf. Je näher wir kamen, desto deutlicher wurde mir, dass es sich um eine Gruppe einzeln stehender Felssäulen handeln musste. Ich fragte mich, ob sie auf natürliche Weise entstanden sein könnten, wie sie sich da drohend gegen den Himmel abzeichneten. Das Licht der untergehenden Sonne ließ die Felsnadeln glühend rot aufleuchten und zeichnete nach dem Hindurchtreten durch die Spalten seltsame Muster auf den Boden – fast schien es, als ob sich das Licht an einigen Stellen selbst auslöschen würde.

Die Umgebung war wieder gebirgiger geworden und wir hielten Ausschau nach einem Unterschlupf für die Nacht. An einem plätschernden Gebirgsbach deckten wir uns mit frischem Trinkwasser ein – da waren auch Fische im Wasser. Wir versuchten unser Glück – Tarkin hob eine dicke Quellenforelle in die Luft, die fast größer war als er selbst. Mittlerweile war die Sonne hinter dem Gebirgskamm verschwunden und erste Sterne wurden sichtbar. Das Sternbild des Jägers leuchtete hell vor uns am Firmament. Doch was war das – irgendwas hatte die Sterne verdeckt und es schien sich in Kreisen hin und her zu bewegen. Maluna hatte die besten Augen – sie meinte, es könnten große Vögel sein, aber sie habe solche Wesen noch nie zuvor gesehen.
Wir fanden eine Höhle – Tarkin schnüffelte hinein: »Unbewohnt!«. Sie reichte nicht tief in den Berg hinein, und wir trauten uns hier ein Feuer zu machen, um die Quellenforellen zu braten.
Nachdem wir uns an Fisch und Brot gelabt hatten, teilten wir die Nachtwache ein.
Wegen Urotas in der Höhle widerhallenden Schnarchens hatte außer Tarkin, der sich irgendetwas in die Ohren gestopft hatte, niemand schlafen können. Ich war mit dem Troll zur Wache eingeteilt. Nach meiner Weckerfahrung als Eichhörnchen schickte ich Freya vor, ihn an der Nase zu kitzeln. Die Wichtelin machte das ganz geschickt und sprang rechtzeitig in Sicherheit, bevor Urotas Riechkolben ein lautes »Hatschi« durch die Höhle schallen ließ.
Urota und ich setzten uns an den Höhleneingang und lauschten in die Stille, in der Ferne war nur ganz leise das Plätschern des Baches zu hören. Die anderen konnten jetzt endlich in ihren wohlverdienten Schlaf fallen. Urota fiel es schwer wach zu bleiben, immer wieder schlossen sich seine Augenlider und er klopfte sich auf die Wangen, um wach zu bleiben. Immerhin bemühte er sich. Was war das? Von draußen kamen Geräusche, die klangen, wie die Überlagerung von Krächzen und Windgeheul - dann eindeutig Flügelschlag. Urota ging vor den Höhleneingang und schrie sofort auf. Beim Heraustreten konnte ich zwei im Dämmerlicht grün leuchtende vogelartige Wesen erkennen, die sich auf ihn gestürzt hatten und und ihm in die Arme pickten oder vielmehr bissen. Er schlug um sich, und sie zogen sich kurz zurück. Die anderen wurden von Urotas Schrei geweckt und traten ebenfalls hinaus. Da kamen sie wieder: Vivana stach gezielt mit ihem Giftdolch zu und konnte einen erlegen, Tarkin und Edwen holten gemeinschaftlich das zweite Flugmonster vom Himmel.
Ein Windgreifer vor den Säulen der Altvorderen.
Im Feuerschein der Höhle konnte Edwen erkennen, worum es sich handelte: »Das sind Windgreifer. Erstaunlich, eigentlich leben sie viel weiter im Süden, und selbst im südlichsten Askalon sind sie eher selten!«

Ich rupfte drei der grünen Federn, vielleicht könnte ich die ja nochmal gut gebrauchen – und sei es bloß, um einen Troll kitzelnderweise - und aus sicherem Abstand - aus dem Schlaf zu wecken.

Am nächsten Morgen hielten wir vor einer Weggabelung am Fuße der seltsamen Felsformation.
Es handelte sich um vier gewaltige Säulen, die scheinbar aus dem Berghang herausgeschlagen worden waren. Ich konnte mir nicht vorstellen, wer ein solches Werk hätte vollbringen können: Menschen wohl eher nicht, vielmehr Giganten - oder sogar die Götter selbst? An manchen Stellen konnte ich Zeichen oder Symbole erkennen, es musste sich um die Hinterlassenschaften eines uralten Volkes handeln.

Ich befragte Edwen, der mir jedoch nur schulterzuckend antwortete: »Ich weiß nur, dass sie ›Die Säulen der Altvorderen‹ genannt werden.« Widun hätte als Mnamnpriester vielleicht mehr herausfinden können. Die Säulen waren höher als alle Türme der Menschen, die ich auf unseren Reisen bisher gesehen hatte, fast schienen sie, an den Wolken zu kratzen.
Vivana hatte einen verwitterten Wegweiser entdeckt, der am Boden lag: »Also, diesem Schild zufolge liegen im Norden Medea, wo wir hergekommen sind, im Süden ›Kywens Höhen‹ und die Stadt Altem, im Westen Tremen, im Südosten der Rotwachtwald und im Osten ›Die Wilden Marschen‹ - und da ist ein Totenkopfsymbol dahinter.«

Während die anderen darüber diskutierten, welchen Weg wir einschlagen sollten, entschloss ich mich, als Eichhörnchen eine der Säulen zu erklimmen, von dort oben hätte ich sicher einen schönen Panoramablick. Die anderen blieben mit verblüfftem Gesichtsausdruck unter mir zurück, als ich einen der rauen Felsen hochjagte. Ich spürte, wie die Luft immer dünner wurde. Oben angelangt, traute ich meinen Augen kaum. In große Nester gebettet, die zum Teil aus Knochen bestanden, lagen riesige Eier, aber kein Vogel weit und breit.
Ich sah mich um: der Ausblick war wirklich fantastisch. Im Süden zogen allerdings wieder schwarze Wolken auf, wie ein Omen, dass sich dort ein Unheil zusammenbraute. Vor uns lag ein Verbund aus mehreren mittelhohen Bergen, das mussten ›Kywens Höhen‹ sein, danach folgten ein Wald und eine Stadt, wahrscheinlich Altem. Im Westen konnte ich ebenfalls eine Stadt erblicken, von der wir jedoch viel weiter entfernt waren, wahrscheinlich Tremen. Als ich über mit plötzlich Flügelschlag hörte und wieder das Gekreische der letzten Nacht, floh ich schnell die Felsensäule hinunter – als Eichhörnchen hatte ich gegen einen Windgreifer keine Chance.
Nachdem ich mich zurückverwandelt hatte, fragten mich meine Gefährten, welchen Weg ich einschlagen würde. Nach einigem Hin und Her, dem Abwägen von Vor- und Nachteilen kamen wir zum Entschluss, über ›Kywens Höhen‹ zu steigen, um dann nach Altem zu gelangen – wo sie uns noch Dank für die Befreiung von der Rattenplage schuldeten – und den sie uns gerne in Form von Pferden würden ausdrücken können.
Tarkin und Edwen befürchteten, dass wir den Rösserpass ansonsten nicht rechtzeitig erreichen würden, um der ›Bruderschaft der Gekreuzten Schwerter‹ bei ihrer Suche nach den Rotall-Brüdern beizustehen.
Wir setzten unsere Wanderung fort und gelangten an einen Fluss, der laut Edwen Queros hieß und folgten seinem Lauf. Zunächst ging es langsam bergauf, schließlich wurde es jedoch so steil, dass wir die Hänge hochklettern mussten – nicht einfach, ohne eine geeignete Kletterausrüstung.
Der Gipfel warf bereits seinen Schatten auf uns, als wir uns erschöpft eine Kuhle im Felsen suchten, um die Nacht dort zu verbringen. Tarkin hatte unterwegs ein paar Wurzelknollen gefunden und Vivana packte einen großen Käse aus. Wir hatten ein Feuer gemacht, um die Knollen weich zu kochen. Wie sich herausstellte, war das ein Fehler, denn wir wurden erneut von Windgreifern angegriffen, nachdem sie sich mit ihrem Gekreische lauthals angekündigt hatten.
Diesmal gelang es uns, sie schnell in die Flucht zu schlagen, und sie ließen uns auch in der folgenden Nacht in Ruhe.

Am folgenden Morgen ging es wieder bergab ins Tal. Hier fanden wir Beeren und füllten an einem kleinen Bach unsere Trinkflaschen wieder auf. Beim Klettern am nächsten Berg löste sich Geröll, doch wir hatten Glück und überstanden das ganze unbeschadet.
Auf dem Gipfel des zweiten Berges zeigte sich im Zwielicht der gerade untergegangenen Sonne ein Plateau. Gegen die Dämmerung hob sich ein Gebäude ab. Beim Näherkommen konnte ich erkennen, das es sich um die Ruine eines Klosters handeln musste. »Ein guter Ort zum Übernachten«, entschied Vivana. Maluna legte ihr eine Hand auf die Schulter: »Warte, da liegt etwas im Eingangsbereich!«
Sie hatte wirklich unheimlich scharfe Augen. Jetzt wo sie es sagte, sah ich es auch. Ein großes, vierbeiniges Wesen, das dort am Boden lag und dessen Körper sich rhythmisch hob und senkte. Eine zottige, rote Mähne verdeckte sein Gesicht. »Es schläft!«, meinte ich. Edwen hielt einen Finger vor seinen Mund: »Leise, das ist ein askalonischer Berglöwe, und die haben ein sehr feines Gehör!«
Kaum hatte er mir das zugeflüstert, als sich auch schon der Berglöwe aufrichtete, seine rote Mähne schüttelte und uns dann aus funkelnden, grün leuchtenden Augen anstarrte.
Ein askalonischer Berglöwe vor den Ruinen von Kywens Kloster.
Unversehens trabte er auf Vivana zu, die in eine Art Schockstarre verfallen sein musste. Im letzten Moment duckte sie sich weg, der Löwe streifte sie jedoch mit einem gewaltigen Prankenhieb, sodass sie gegen eine Mauer geschleudert wurde und halb besinnungslos liegen blieb.
Ich durfte keine Zeit verlieren und betete an Ianna. Aus dem Boden unter dem Monster schnellte eine gewaltige Dorne hervor, die ihm eine große Wunde beibrachte. Damit hatte der Löwe nicht gerechnet. Er legte sich hin und leckte seine Wunde, wie es Katzen tun – und Faune natürlich auch. Da wir keine Fernkampfwaffen hatten, warfen die anderen mit Steinen nach ihm. Er wurde dadurch nur noch aggressiver und fauchte uns an. Ich betete erneut an Ianna um einen »Dornenstich« - eine weitere Dorne schoss aus dem Boden und traf den Löwen am Hals. Er röchelte, sackte in sich zusammen, zuckte noch eine Weile rhythmisch mit den Beinen und blieb dann regungslos liegen.

Vivana hatte sich schnell wieder berappelt. Ihre erste Sorge galt allein dem Löwenfell: »Oh nein, da sind ja Löcher drin!« Selbst Urota musste da ungläubig mit dem Kopf schütteln. Wir betraten die Klosterruine und entfachten ein Feuer in der Mitte der großen Eingangshalle. Nachdem Vivana dem Berglöwen das Fell abgezogen hatte, teilten wir sein Fleisch zwischen uns auf und grillten es. Ich bat um die langen Eckzähne, immerhin hatte ich ihn – mit Iannas Hilfe – zur Strecke gebracht. Tarkin fragte mich erstaunt: »Bist du jetzt auch unter die Trophäensammler gegangen, Faundruide?« Ich erklärte ihm: »Wie du weißt, akzeptiert Ianna das Töten von Gegnern in Notwehr oder als Beute. Diese Eckzähne sollen mir nur als Erinnerung an dieses Wesen dienen, um es zu ehren, nicht um damit anzugeben.«
Die zerfallene Deckenkonstruktion gab den Blick auf die Sterne frei. Wohl gesättigt fiel ich in einen tiefen Schlaf.

Edwen weckte uns am nächsten Morgen: »Wohlan, es ist nicht mehr weit bis Altem!«
Tatsächlich kamen wir bergab schnell voran, zumindest bis wir auf eine Schlucht stießen, die etwa einen Steinwurf breit war. Eisiger Wind blies uns aus dem tiefen Felsspalt ins Gesicht.
»Wie kommen wir da rüber?«, fragte ich. Maluna zeigte nach links. Ich folgte ihrem Finger mit den Augen. Da war eine Hängebrücke. Beim Näherkommen konnten wir erkennen, dass diese ziemlich wackelig und heruntergekommen aussah. Sie schaukelte stark im Wind, einige Planken fehlten bereits, andere hingen nur noch lose an den Brückenseilen.
»Die macht keinen sehr vertrauenswürdigen Eindruck«, meinte Edwen.
Mir kam eine Idee. Ich griff in meine Tasche und holte die Zauberbohne hervor. Ich legte sie ans Brückenende und betete. Sie wuchs am Brückengeländer entlang, schaffte es aber nicht, die Schlucht komplett zu überbrücken.
»Vielleicht sollten erst einmal die Leichtgewichtigen voran gehen«, schlug Edwen vor.
»Ich zuerst«, rief Tarkin und ging mutig voraus. Plötzlich krachte es und Tarkin stürzte - doch er hatte Glück im Unglück, da sich sein haariger Fuß in der Bohnenranke verfangen hatte. Vivana ging vorsichtigen Schrittes, immer mit einem Fuß vorfühlend, über die Brücke und gelangte sicher auf die andere Seite. Sie warf Tarkin ein Seil dazu, mit dem er sich sichern sollte – er verfehlte es jedoch. Ich folgte vorsichtig, gelangte auf die andere Seite, konnte Tarkin aber auch nicht hochziehen.
Ich wollte noch »Warte Urota!« rufen, doch es war zu spät. Hilfsbereit wie er war, war auch unser Troll auf die Brücke getreten – und rutschte durch die Planken. Er konnte sich noch gerade so an der Bohnenranke festhalten. Als jetzt auch noch Edwen auf die Brücke trat, war es ihr zuviel – vor Edwen rissen alle vier Seile und die Brücke krachte mitsamt der Bohnenranke, an der wiederum Urota und Tarkin hingen, gegen die gegenüberliegende Felswand. Tarkin hing jetzt kopfüber in der Mitte der Schlucht, nur sein eingehakter Fuß verhinderte den Sturz in die Finsternis. Edwen hatte sich geistesgegenwärtig am diesseitigen Brückenseil festhalten können und zog sich wieder hoch: »Puh, das war knapp.«
Ich betete an Ianna, dass die Ranke Urota hochziehen sollte – er war jedoch zu schwer. Tarkin schafft es endlich, seinen Fuß aus der Schlinge zu ziehen. Flink kletterte er die Ranke und das verbliebene Seil hoch auf das rettende Felsplateau.
Zu dritt und mit Hilfe von Ranke und Seil schafften wir es endlich, auch den Troll in Sicherheit zu bringen.
»Was machen wir jetzt?«, wollte Edwen wissen, der noch mit Maluna und Freya drüben stand.
Freya überbrückte die Wartezeit, indem sie sich ein paar Himbeeren pflückte und jetzt begann, mit ihnen zu jonglieren.
Nach einigem Hin- und Herüberlegen, ließ ich die Ranke sich wieder in die Bohne zurückverwandeln, verwandelte mich selbst in meine Eichhörnchenform und kletterte mit der Bohne im Mund die Schlucht hinab. In der Finsternis am Boden der Schlucht hörte ich Krabbelgeräusche und beeilte mich, über ein kleines Bächlein zu springen, dass ich besser hören als sehen konnte. Auf der anderen Seite kletterte ich wieder hoch. Oben angekommen, tätschelte mir Edwen das Fell: »Was hast du denn vor, mein schlaues Eichhörnchen?«
Ich spuckte die Bohne aus, die wieder zu einer Ranke auswuchs und ungefähr drei Viertel der Schlucht überspannte. Dann kehrte ich in meine Faungestalt zurück und rief Vivana auf der anderen Seite zu: »Versuch aus deinem Seil eine Schlinge zu formen und sie über das Rankenende zu werfen.« Sie schaffte es auf Anhieb, zog die Schlinge fest zu und verknotete das Seil an einer großen Baumwurzel. Freya balancierte leichten Schrittes über Ranke und Seil – und ließ es sich nicht nehmen dabei weiter mit den Himbeeren zu jonglieren. Urota fand, dass das einen Applaus wert war. Maluna hatte ebenfalls einen ausgeprägten Gleichgewichtssinn und kam ohne Probleme auf die andere Seite. Edwen in seiner schweren Rüstung fiel das ganze schwerer. Er stolperte, als er auf der Ranke war, konnte sich aber festhalten und hangelte sich schließlich rüber.
Ich betete an Ianna – die Ranke wurde zur Bohne und sprang mir zurück in die Hand. Vivana holte ihr Seil wieder ein.

Welche Mühen und Nerven es uns gekostet hatte, über diese Schlucht zu gelangen!

Morgen würden wir endlich in Altem sein!

Samstag, 16. September 2017

Abenteuer 5: Der letzte Tanz - Prolog

Eine große Spinnwebe hing am Höhleneingang. Ich wischte sie beiseite. Von der achtbeinigen Bewohnerin keine Spur. Die schockierenden Ereignisse der letzten Zeit hatten ihre Spuren hinterlassen. Da standen wir, nur ernste Gesichter ringsum. Wir hatten unsere Waffen und Pferde in den Händen der Stadtwache zurückgelassen. Gerade den bärtigen Krieger Edwen und seinen Koboldkampfgenossen Tarkin trieb die Sorge um ihren Anführer Syr Rotall zur Eile an. Wir verließen im Dunkel der Nacht die Hexenhöhle und legten hastig die Strecke bis zur Weggabelung südlich von Medea zurück.
Der Söldner Tarquan trat aus dem Schatten direkt auf Vivana zu. Ich hörte, wie er sich von ihr verabschiedete.
»Vivana! Ich will und werde an deiner Seite bleiben, vorher jedoch muss ich Halar mein Kopfgeld aushändigen, das er einst für meine Dienste anzahlte. Dann erst bin ich frei und werde dir überall hin folgen!«
Mit diesen Worten drückte Tarquan Vivana noch einmal an sich. Dann wendete sich sein Blick auf Saradar, unseren »besessenen« Barbaren.
»Ich werde Saradar zu Halar bringen. Er ist ein Bruder vom gleichen Stamm, der wissen wird, wie man ihm helfen kann. Dann werde ich euch nacheilen so schnell ich kann!«
Ich drehte mich weg, da ich dem Geknutsche, das dann folgte, nichts abgewinnen konnte.
Widun und Anneliese entschlossen sich, die beiden zum Nordmarkt zu begleiten. Es folgte ein kurzer, aber herzlicher Abschied.
Tarquan hatte ein Seil um die Hüfte des mächtigen Gjölnars geschlungen, der, als er daran wie an einem Zügel zog, wortlos hinter ihnen her trottete.

Eine beschwerliche Reise wartete auf uns, der Pferde und liebgewonnenen Waffen verlustig gegangen; vor allem Urota trauerte seinem Riesenknochen nach. Uns blieben bloß die Kurzschwerter, die wir von den Räubern erbeutet hatten und der Schlangendolch, den Vivana in der Truhe gefunden hatte.
Nachdem unsere Gefährten in den Schatten verschwunden waren, zogen wir uns an den Wegrand zurück und berieten, welchen Weg wir zum Rösserpass einschlagen sollten.
Edwen kannte die Umgebung am besten und schlug vor, in südlicher Richtung die Altmark in Richtung Tremen zu durchqueren.
Vivana und Maluna waren unsere Augen und Ohren, sie gingen als Kundschafterinnen voraus. Tarkin, Edwen und ich folgten in Sichtweite, Urota bildete die Nachhut.

Ich blickte noch einmal zurück: am Osthang des riesigen Mon Alunas tauchten erste Strahlen der Morgendämmerung seinen Grat in ein leuchtendes Rot und kündeten von einem neuen Tag in Thalien. Sie ließen mich die Nächte voller Schrecken im Bannkreis des Zurakkultes fast vergessen.

Mittwoch, 6. September 2017

Des Henkers Braut - Epilog

Der Zurakkult war besiegt – so schien es uns zumindest. Der Brief der »Bruderschaft der Gekreuzten Schwerter« trieb uns zur Eile an, wollten wir noch rechtzeitig vor der Invasion der Tekk am Rösserpass eintreffen.
Bruder Unar hatte jedoch eine Ausgangssperre verhängen lassen. Er war der höchste Amtsträger der Alunpriesterschaft in Medea und hatte jetzt das Sagen, nachdem Inotius, der zungenlose Verräter, im finstersten Kerker gelandet war und auf das weltliche Urteil wartete, während das jenseitige über den Stadtherrn Rothbart dem Totengott oblag.
Unar hatte Haegus Malefar, dem »Hochwächter des heiligen Lichts«, eine Taube geschickt, um ihn über die Vorkommnisse in Medea zu unterrichten. Er war sich sicher, dass er eine Untersuchungskommission bilden und sie den beschwerlichen Weg vom Gipfel des Mon Alunas hinab entsenden würde – aber das konnte sehr lange dauern.

Unterdessen waren unsere Verletzten auf dem Weg der Besserung. Während die körperlichen Wunden von Tarquan schnell heilten, vor allem dank der aufopfernden Pflege von Vivana, hielt Saradars seltsamer Bewusstseinsverlust unerklärlich lange an.
Am Abend nach der Entlarvung Inotius' als Kopf des Kultes hatten ihn Utyferus, der junge Priester, den wir als Straßenmusikanten kennengelernt hatten, und eine Wichtelpriesterin namens Freya aufgesucht.
Der Priester hatte versucht, Saradars Fluch zu bannen, doch seine Bemühungen waren erfolglos geblieben. Am folgenden Abend hatten sie uns erneut aufgesucht, diesmal schienen sie weitergekommen zu sein. Sie waren überzeugt, dass er von einer dunklen Präsenz befallen sei und versprachen, ihm zu helfen.

Am folgenden Morgen – wir nahmen gerade ein Frühstück aus altem, harten Brot, ein paar Eiern, knusprig gebratenem Speck mit einer Gemüsebrühe ein – gesellte sich der Henker zu uns, sein Beil, die »Henkersbraut«, ruhte an seinem Schemel. Er hatte - wie immer in der Stadt - seine Maske auf, aber wir konnten erkennen, wie uns seine durchdringenden blauen Augen musterten.
Schließlich begann er: »Ihr seid eine seltsame Gruppe von Abenteurern, aber ihr habt hier viel verändert. Der Hochwächter des Lichts hat eine Gruppe aus einem Inspektor, sechs Priestern, einem Paladin und sechs Schwertern des Lichts entsandt, die hier alles auf den Kopf stellen wird. Ihr denkt, ihr habt der Stadt geholfen, doch das Böse weilt immer noch hier – unsichtbar für die Sterblichen, lauernd im Schatten. Der Inspektor wird euch nicht mehr fortlassen. Geht besser, solange ihr noch könnt. Sie werden nach euch suchen, weil ihr die Ausgangssperre missachtet habt, aber ihr werdet leben.«

Wir wussten, dass wir die Stadt über den Geheimgang am alten Wehrturm jederzeit verlassen konnten, doch wollten wir nicht ohne unsere Pferde und unsere Waffen gehen.
Wir versuchten also, von Unar die Erlaubnis zu bekommen, die Stadt verlassen zu dürfen. Er verwies uns jedoch an die nächsthöhere Instanz, an Haegus Malefar, den Vorsteher des Ordens der Wächter des heiligen Lichts. Wir ließen von Bruder Latius eine Nachricht verfassen und per Taube verschicken, doch die Zeit drängte, wir konnten unmöglich einen Halbmond warten, bis eine Antwort eintreffen würde.
Ohne eine Besserung von Saradars Zustand war allerdings nicht an eine Flucht zu denken.
Vivana zweifelte, ob es die richtige Entscheidung gewesen war, den Alunpriestern Saradars Leben anzuvertrauen. Doch wir wurden nicht enttäuscht. Nach unserer Rückkehr in die Schenke trafen wir auf einen griesgrämig dreinblickenden Wirt, der gerade seine Krüge polierte. Ich war mir sicher, dass er uns insgeheim für die Ausgangssperre verantwortlich machte und uns gerne besser heute als morgen los geworden wäre. Mürrisch entgegnete er uns: »Da oben wartet jemand auf euch.«

Utyferus stand in der Tür zu Saradars Krankenlager. Eine Kette mit einem Knochen baumelte an seiner Hand, die deutliche Kratzspuren aufwies. Tarkin fragte besorgt: »Ihr seid verletzt, was ist euch widerfahren, und was ist das für ein Knochen?«
»Das an meiner Hand? Das war bloß Kater Filius, der mag es nicht, wenn man ihn streichelt. Und das hier ist eine Reliquie, um genau zu sein: das Schädelfragment des Hl. Kaleisius. Fragt lieber nicht, was ich auf mich genommen habe, um in seinen Besitz zu gelangen. Legt Saradar die Kette um, der Knochen muss Kontakt mit seiner Haut haben, um wirksam zu sein. Er ist dann nicht geheilt, es wird aber den Wandlungsprozess aufhalten und er wird auch wieder gehen können. Ihr müsst ihn so schnell wie möglich nach Norden bringen, nur ein Priester seines Gottes kann ihn wirklich von der schwarzen Präsenz befreien.«
Der Priester legte dem Gjölnarbarden die Kette um den Hals und sprach ein leises Gebet an den Lichtgott. Der Knochen ruhte dabei auf der Brust des Khor'Namar, des Windsohns.
Utyferus sprang erschrocken zurück, als plötzlich Saradars Wiesel aus dessen Hose herauskroch und Freudensprünge auf dem Bauch des Barbaren vollführte.
Saradar schien es tatsächlich schlagartig besser zu gehen. Er konnte sich aufsetzen, aufstehen und sogar ein paar Schritte laufen, sein Blick war jedoch immer noch leer.

»Wo ist die Wichtelpriesterin?«, wollte Tarkin wissen.

»Wenn ich das wüsste. Schwester Abelia hat sie heute Morgen das letzte Mal gesehen. Ich mache mir schon Sorgen. Ich dachte, sie würde mir helfen beim ›Ausleihen‹ der Reliquie, doch sie war wohl besorgt um ihre Stellung in der Priesterschaft. Vielleicht hat sie ihre Ansicht geändert, und sich aus Scham versteckt, ich weiß es ehrlich gesagt nicht.«

Tarkin verriet ihm den Geheimgang am alten Wehrturm, falls er selbst in Verdacht geraten sollte.
Er verabschiedete sich lächelnd von uns: »Möge das Licht euch immer scheinen. Inspektor Elysius soll ein harter Hund sein, aber es wird schon nicht so schlimm werden. Lebt wohl.«

Wir haderten, ob wir uns durch einen Trick, wie einen inszenierten Brand, unsere Waffen und Pferde von der Stadtwache zurückholen sollten. Wir entschieden dann aber doch, die Stadt klammheimlich durch den Geheimgang zu verlassen. Immerhin blieben uns die Waffen, die wir im Kampf mit den Räubern und Zurakpriestern erbeutet hatten.

Mit geleckten Wunden und aufgefülltem Proviant, freute ich mich auf unser nächstes Abenteuer.

Des Henkers Braut - Kapitel 9: Besessen

Zwei Gestalten in weißen Roben verließen den Tempel des Lichts in Medea. Beide hatten ihre Kapuzen tief ins Gesicht gezogen. Der auffälligste Unterschied zwischen beiden war ihre Körpergröße. Während die eine Gestalt eine durchschnittliche Größe für einen Menschen hatte, war die andere winzig. Sie machte die mangelnde Schrittlänge durch schnelles Trippeln und eingestreute Sprünge wett, sodass sie gleichauf blieben.
Die Straßen Medeas waren mittlerweile leer, es hing ein Schleier kalten Rauchs in der Luft, der das Licht der Laternen trübte.

Endlich hatten sie ihr Ziel erreicht, den Gasthof »Zum Fasanenruf«. Ein paar Kerzen und das heruntergebrannte Kaminfeuer erhellten den Gastraum nur spärlich. Beim Eintreten schlugen die beiden ihre Kapuzen zurück. Sie wurden bereits erwartet.

Vivana begrüßte den Ankömmling: »Bruder Utyferus, gut, dass ihr schon da seid. Unserem Gefährten geht es sehr schlecht. Er liegt oben und windet sich in Krämpfen. Tarkin ist bei ihm. Unser Priester des Mnamn hat schon versucht, ihn zu heilen, aber sein Zustand hat sich eher noch verschlechtert.«

Der junge Priester wandte sich an seine winzige Begleiterin: »Schwester Freya, geht bitte nach oben und schaut nach ihm. Kommt wieder, falls ihr Hilfe braucht.«
Die Wichtelin machte eine kurze Verbeugung und sprang dann flink die Treppenstufen hinauf.

Der junge Alunpriester ging zu einem verschwörerischen Flüstern über: »Glaubt mir, die niederen Götter können in einem solchen Falle wenig ausrichten. Der Schratenherr, naja, man kann nicht jeden Fluch mit Schnaps vertreiben.« Aus einer dunklen Ecke kam ein beschwipstes »Das hab' ich gehört!«.

Am oberen Treppenabsatz tauchte die Wichtelpriesterin wieder auf und rief: »Bruder Utyferus, ihr müsst ihn euch selbst ansehen. Da stimmt etwas nicht!«

Der Gerufene eilte die Treppe hinauf und betrat das Zimmer. Er sah, wie der Faundruide gerade ein Gebet an die Erdmutter sprach, doch vergebens. Es knackte im Gebälk, der Barbar hustete, sonst passierte nicht.
Tarkin, der Kobold, hatte dem Barbaren Wadenwickel angelegt und kühlte gerade seine Stirn mit einem nassen Lappen. Der Gjölnar schien sich beruhigt zu haben. Er lag still da und starrte an die Decke. Er schien sehr weit weg zu sein.

Finn, der Faundruide, sah den Alunpriester verzweifelt an: »Wie kann ich ihm helfen?«

Der Priester antwortete: »Ehrlich gesagt: wenig; Ianna hat hier keine große Macht. Aber ihr könntet einmal lüften, ein übler Gestank liegt im Raum.«

Utyferus beugte sich über Saradar: »Seht, er hat die Augen nach oben verdreht, sodass man nur noch das Weiße sehen kann. Ich will versuchen, den Fluch zu bannen, der auf ihm lastet. Bitte tretet alle zurück.«

Alle folgten seiner Aufforderung. Während die Umstehenden in tiefes Schweigen verfielen, versenkte sich der junge Priester ins Gebet. Nach einer Weile holte er eine Flasche geweihten Wassers und acht kleine weiße Kerzen aus seiner Gürteltasche. Die Kerzen stellte er in regelmäßigen Abständen um Saradar herum auf und entzündete sie. Dann machte er das Sonnenzeichen. Er öffnete den Verschluss der Flasche und begann, Saradar mit geweihtem Wasser zu besprenkeln. Die Tropfen schillerten im Kerzenschein in allen Farben. Währenddessen intonierte er mit tiefer und fester Stimme einen zölestischen Gesang: »Esruch Fugon Nomo Alunas.« Das Kerzenlicht flackerte kurz auf, doch an Saradars Zustand änderte sich nichts.
Der Gesang des Priesters erstarb schließlich. Enttäuscht blickte ihn die kleine Wichtelpriesterin an: »Wenn er verflucht wäre, müsste es ihm doch jetzt besser gehen.«
Der weiße Priester sank erschöpft auf einen Stuhl. »Ich verstehe es auch nicht. Ich befürchte, es handelt sich nicht bloß um einen simplen Fluch. Fast wirkt es, als sei er … Nein, das kann nicht sein.«
Der faunische Druide sah ihn fragend an. »Es scheint fast so, als ob euer Freund von einer fremden Macht befallen sei. Ich schlage vor, dass ihr euch abwechselnd um ihn kümmert. Ich muss mit Schwester Freya in die Tempelbibliothek. Wir kommen morgen wieder. Falls sich sein Zustand in der Zwischenzeit verschlechtern sollte, wisst ihr, wo ihr uns findet.«
Mit diesen Worten verließen die beiden Alunpriester das Gasthaus und kehrten zum Tempel zurück.
Dort schickte Utyferus die kleine Wichtelfrau ins Bett: »Die Bibliothek ist abgesperrt und Bruder Amelfus hat den Schlüssel. Wir treffen uns gleich nach dem Morgengebet in der Bibliothek. Gute Nacht.«

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»So, so; ihr wollt also in den gesperrten Bereich«, stellte der alte, gebeugte Amelfus, der Verwahrer der Bücher, fest.

»Es ist eine Notlage. Einer der Abenteurer, die den Zurakkult vernichtet haben, wurde verflucht, ich muss an die Bücher über Dämonen und schwarze Künste – ansonsten ist er verloren!«, beteuerte der junge Priester.

»Bruder Utyferus, ich will es euch erlauben. Hier ist der Schlüssel. Inotius war mir schon immer ein bisschen zu fromm – das kam mir schon immer verdächtig vor. Er hatte seinen eigenen Schlüssel für den gesperrten Bereich, ich habe ihn oft des Nachts mit einer Kerze dort sitzen sehen. Jetzt weiß ich warum!«

Utyferus legte Freya einen großen Folianten auf den Tisch, blies den Staub vom Deckel und schloss ihn auf: »Der Codex ›Nomo Daemonico‹, vielleicht werdet Ihr darin fündig, Schwester Freya.«

Das Buch war sogar aufgeschlagen noch höher als sie. Sie zog sich an dem großen, geschlitzten Lesezeichen hoch und setzte sich an den unteren Seitenrand. Sie war eine schnelle Leserin. Zum Umblättern ging sie an den rechten Seitenrand, zog an der Ecke und lief mit ihr auf die linke Seite rüber, wo sie sie behutsam ablegte.
Die Strahlen der Mittagssonne fielen gerade durch das bunte Mosaikfenster, das eine Eule darstellte – ein Symbol für Skia, die Göttin der Weisheit – als Freya aufgeregt aufschrie: »Ich hab's, ich hab's gefunden!«
Freya beim Stöbern.
Utyferus trat zu ihr: »Leise! Ihr vergesst Euch! Wir sind doch in einer Bibliothek! Zeigt mir, was Ihr gefunden habt.«
Sie las ihm eine Passage aus Band X des Dämonencodex vor, in dem es um »Verfaulte Leiber« ging:

»Der Schwarze Sud.
Findet sich am Corpo sub axilla, sub lingo oder im Sacco conjunctivo eine Nigra Substancia, so ist vom Sodi Nigri, in der Gemeinen Sprache auch Schwarzer Sud genannt, auszugehen. Die Substancia hat in der Regel einen fauligen Foetorio; der Volksmund bezeichnet den Befallenen daher auch als ›Verfaulten‹. Der Befallene hat die Augen geöffnet, sie regelhaft aber so verdreht, dass nur noch die Sclera Alba sichtbar ist; er reagiert nicht auf Ansprache. Die Nigra Substancia dringt von diesen Loci aus langsam in den Corpo ein und verzehrt die Seele des Befallenen. Dieser Processo läuft langsam ab, doch nach ungewisser Duracio ist er irreversibel. Dann ist aus dem Befallenen ein williger Diener des Gottes des Hasses geworden, dessen Nomo hier nicht weiter expliziert wird.»Sehr gut, Schwester Freya.«, lobte Utyferus die kleine Wichtelin. »Findet sich dort auch etwas über eine mögliche Heilungsprozedur?«

Freya zuckte mit den Schultern: »Darüber findet sich hier nichts, Bruder Utyferus. Vielleicht im Band XX über Heilung von Besessenheit.«

Utyerus holte einen weiteren Wälzer aus dem Regal, blies wieder den Staub vom Buchdeckel und legte ihn offen auf den Tisch. Schnell hatte er die entsprechende Passage gefunden. Er las laut vor:

»Heilung vom Schwarzen Sud.
Ein rapportierter Caso von Bruder Semwellius.
--- Und so gelang es mir – ich will es, ohne mich der Sünde des Stolzes schuldig zu machen, ... mit Hilfe einer Reliquie, dem Proc. Coccygo des Schutzheiligen Podexius … mit Contacto zum Corpo … das Fortschreiten des Sodi Nigri zu verhindern … doch eine vollkommene Restitucio … ist nur einem Priester des Hauptgottes des Befallenen möglich.
Aliud denke ich, dass auch die Gebeine eines anderen Schutzheiligen in Betracht gekommen wären.«Utyferus hatte ein breites Lächeln auf den Lippen: »Wir müssen uns zunächst versichern, ob er tatsächlich vom Schwarzen Sud besessen ist. Kommt, Schwester Freya.«

Die beiden Priester wollten gerade den Tempel verlassen, als sich ihnen ein Jüngling in brauner Kutte in den Weg stellte. Es war Tolar, der einzige der Novizen aus Altem, der das Wüten des Zurakkultes überlebt hatte.
»Bruder Utyferus, Schwester Freya, Bruder Unar will euch sehen.«
Sie folgten dem jungen Mann in den hohen Tempel. Unar kniete vor dem Altar des Lichts und war in ein Gebet vertieft. Als er die beiden Priester bemerkte, machte er das Sonnenzeichen und erhob sich.

»Schön, dass ihr gekommen seid. Ich hätte nie gedacht, dass ich einmal die Amtsgeschäfte eines Hohepriesters und eines Stadtherrn übernehmen müsste. Nun, Alun hat so entschieden. Wie dem auch sei. Ich wollte euch unterrichten, dass eine Taube gekommen ist. Der Hochwächter des Lichts befiehlt, dass wir eine Ausgangssperre über Medea verhängen sollen. Ich habe dies direkt an die Stadtwache weitergeleitet. Sie soll bestehen bleiben, bis ein Inspektor mit seiner Gefolgschaft vom Mon Alunas eingetroffen ist, und die Angelegenheit gründlich untersucht hat. Ich habe gehört, ihr habt den ganzen Tag in der Bibliothek zugebracht und dadurch das Mittagsgebet versäumt.«

Aus den Gesichtern der beiden konnte man zunächst Erschrecken und dann Beschämung herauslesen. Sie ließen die Köpfe hängen.

»Was war so wichtig, dass ihr eure Pflichten vergesst?«, wollte Unar wissen.

Er musste sich wegen seines schlechten Gehörs etwas nach unten bücken, als ihm Freya antwortete: »Wir haben herausgefunden, dass der Barbar wahrscheinlich vom Schwarzen Sud besessen ist!«

Jetzt sah Unar erschrocken aus: »Der Schwarze Sidd? Alun, behüte uns vor den Geistern des Abgrunds!«
Er machte das Sonnenzeichen.

Utyferus ergänzte: »Wenn es so ist – wir müssen das erst noch verifizieren – brauchen wir die Reliquie eines Schutzheiligen.«

Unar schüttelte den Kopf: »Wir können sicherlich keine Reliquien an irgendwelche Barbaren aus den Nordlanden verschwenden. Aber, versucht euer Glück, stellt einen Antrag an die Reliquienbewahrer, vielleicht genehmigen sie euch die Verwendung. Ich weiß nur, dass Bruder Emerius gar nicht begeistert wäre, wenn ihr seine Reliquiensammlung durcheinander bringt. Und nun holt euer Mittagsgebet nach!«

Die beiden Priester knieten nieder und versanken ins Gebet, als von draußen schon die Abenddämmerung durch die Mosaikfenster drang.

Wieder schwebten die zwei weißen Roben wie Geister durch die Gassen Medeas, die bereits ins Zwielicht getaucht wurden.

Im dämmrigen Licht des Schankraums des Fasanenrufs hatte sich die Abenteurergruppe versammelt. Nur der Barbar aus dem Norden fehlte. Der Halbschrat Widun saß an der Theke und war in ein Gespräch mit dem missmutig dreinblickenden Wirt vertieft, der gerade jammerte: »Dumme Sache, diese Ausgangssperre. Jetzt bleibt meine Kundschaft aus. Wenn ihr nicht wärt, würde noch mein Bier schal werden.«
In einer Ecke des Raums waren zwei weißbärtige Männer in ein Würfelspiel vertieft, Bronzemünzen wanderten begleitet von einem Lachen des Gewinners und einem Seufzen des Verlierers hin und her über den Eichentisch. Eine Bank wurde fast vollständig vom riesigen Hügeltroll Urota eingenommen, sie ächzte und knackte bereits unter seinem Gewicht. Ihm gegenüber saß der Faundruide, dessen Huhn gerade – unter dem strengen Blick der übrigen Abenteurer – gackernd über den Tisch stolzierte. Vivana füttere Tarquan, ihren Liebsten – es roch nach Bohnen mit Speck, ein kühles Bier durfte natürlich nicht fehlen.
Eine rothäutige Schönheit aus dem Land des Feuers musste einer kleinen Koboldmagierin von ihrer Heimat berichteten. Ein bärtiger Krieger schaute gedankenverloren ins Kaminfeuer.
Bei jedem Geräusch von draußen hoben sich die Köpfe erwartungsvoll und blickten in Richtung Tür.
Diesmal waren sie es: die beiden ungleichen Alunpriester.

Während die Wichtelpriesterin ohne lange Vorrede die Treppe hinauf sprang, setzte sich Utyferus zu den Abenteurern: »Alun zum Gruße!« Er fuhr in einem Flüsterton fort:
»Wir sind uns ziemlich sicher, was euren Freund befallen hat. Eine dunkle Präsenz hat von ihm Besitz ergriffen, die ihm die Lebenskraft aussaugt. Es ist kein Dämon, den man austreiben könnte. Doch wartet, Freya überzeugt sich gerade, ob auch die anderen Zeichen zutreffen. Wir müssen uns erst ganz sicher sein.«

Die Wichtelin rutschte mit einem breiten Grinsen im Gesicht das Treppengeländer herunter. Sie sprang Utyferus auf die Schulter und flüsterte ihm etwas ins Ohr.

»Es ist so, wie wir vermutet haben. Wir haben auch schon eine Idee, wie wir eurem Freund helfen können, aber es wird nicht einfach. Vertraut uns, wir machen das schon.«

Dabei zwinkerte er der Wichtelpriesterin zu.

Samstag, 5. August 2017

Des Henkers Braut - Kapitel 8: Die Wahrheit kommt ans Licht

Je näher wir dem Marktplatz kamen, desto lauter wurden die Rufe und Schreie einer aufgebrachten Menschenmenge. Als uns die Menschen bemerkten, traten sie zurück, um uns durchzulassen. Aus manchen Gesichtern sprach Angst, andere schauten uns zornig an, manche schienen auch einfach nur verwirrt zu sein.
In der Mitte des Markplatzes angelangt, schlug uns die Hitze eines brennenden Scheiterhaufens entgegen. Hier war jemand verbrannt worden, es waren nur noch verkohlte Überreste zu sehen.
Aus dem grellen Feuerschein kam uns eine Gestalt entgegen. Es war Inotius in seiner blutverschmierten Robe. Der Henker stand ihm zur Seite, sein poliertes Beil blitzte im Flackerlicht.
Als der doppelzüngige Priester uns wahrgenommen hatte, begann er wild gestikulierend die Menge aufzuwiegeln – sein Gesicht wirkte in der Glut des Scheiterhaufens wie eine verzerrte Dämonenfratze.

»Eine Hexe haben wir verbrannt, aber unter dieser Gruppe befindet sich eine weitere Hexe – eine Feuerhexe! Und dieser Troll da ist ein Menschenfresser, der euch von Zurak geschickt wurde! Dieser Faun dort hat eine dämonische Flöte, mit der er den Stadtherrn verhext hat! - Helft mir dabei, diese Diener Zuraks auszumerzen!«

Inotius' Lügen verfehlten ihre Wirkung nicht – die Menschen bewarfen uns mit Steinen. Sie kesselten uns ein und der Kreis wurde immer kleiner. Da trat plötzlich Tolar vor, der letzte der Novizen, und versuchte Inotius zu beschwichtigen.

»Bruder Inotius, hört mir zu! Ich kann für sie bürgen. Sie haben die Stadt Altem von einer Rattenplage befreit und mich und zwei weiteren Novizen des Alun auf der Reise nach Medea beschützt. Sie sind keine Anhänger des Zurak!«

Die Leute schien das ganze wenig zu kümmern, sie warfen weiter mit Steinen und der Kreis schloss sich unaufhaltsam.
Widun: »Wir können beweisen, dass wir keine Diener des Hassgottes sind. Haben nicht alle Diener die Tätowierung einer Spinne auf der Brust? Gefährten, entblößt eure Brust!«
Auf Widuns Geheiß hin zeigten wir – zumindest die männlichen Mitglieder der Gruppe – den Leuten unsere nackte Brust. Mein Huhn sprang erschrocken aus der offenen Lederrüstung, landete auf dem Boden, legte ein Ei und verfiel sofort wieder in seine Schockstarre.
Ich konnte erkennen, dass sich Inotius suchend umblickte. Sein Gesichtsausdruck wirkte panisch. Ihm war wohl bewusst geworden, dass sein falsches Spiel gleich aufflog. Dann ging plötzlich alles ganz schnell. Er versuchte, sich davonzustehlen – doch der Henker packte ihn an der Robe – und diese zerriss bei der Fluchtaktion. Für alle sichtbar prangte das Mal einer Spinne auf seiner Brust.
Inotius' Augen wurden rot – er öffnete die Lippen – wahrscheinlich um einen Fluch auszustoßen – doch der Henker war schneller: mit seiner Linken zog er die lügnerische Zunge hervor, und mit dem Messer in seiner Rechten schnitt er sie ab. Statt verfluchter Worte sprudelte ein Schwall dampfenden Blutes aus Inotius' Mund und der falsche Priester sank zitternd zu Boden.

Der Pulk wurde von zwei Stadtwachen zur Seite gedrängt. Sie machten Platz für die Brüder Unar und Utyferus.
Bruder Unar: »Zum Henker, was ist hier passiert? Wie konntet ihr die Hexe hinrichten, ohne dass der Stadtherr anwesend war! Und warum liegt Inotius bewusstlos am Boden?«
Henker: »Auf Inotius' Befehl hin. Er sagte, dass der Stadtherr tot sei, dieser Gruppe dort zum Opfer gefallen und dass sie die Waldhexe befreien wollen, weil sie auch Anhänger des Zurak seien. Deshalb müsse das Urteil schnell vollstreckt werden. - Aber er hat uns alle getäuscht, nicht diese Ausländer, sondern er selbst war wohl der Anführer des Zurakkultes. Er hat die Leute aufgewiegelt und Zwietracht und Misstrauen gesät. Doch das hat jetzt ein Ende.« - Er zeigte ihnen die abgeschnittene Zunge.
Utyferus: »Wenn das wahr ist! Der Hohepriester des Alun ein Kultist des Zurak!«
Henker: »Seht selbst, er hat die Zurakspinne auf der Brust!«
Unar: »Tatsächlich, welch Frevel! Möge Alun uns vor den Mächten des Abgrunds beschützen!« - Er machte das Zeichen des Sonnenrades.
Utyferus: »Nun, dann schafft diesen Hassprediger ins dunkelste Verlies, das Ihr finden könnt!«
Der Henker nahm sich des Bewusstlosen an und trug ihn davon.
Widun fragte Utyferus: »Wisst ihr, wer die Waldhexe gefangen genommen hat?«
Utyferus: »Ja, Di'Vars Bruder hat sie heute Abend an den Haaren zum Stadttor hereingeschleift und geschrien, dass sie hinter allem stecke und dass sein Bruder unschuldig gewesen sei!«

Nachdem der Henker zurückgekehrt war, unterrichteten wir ihn und die beiden Priester über das Ritual im Keller der Gaststätte. Sie schlossen sich uns an, verstärkt von ein paar Soldaten der Stadtwache.
Im Gewölbe angelangt, beugte sich Utyferus über den am Boden liegenden Zurakkrieger und untersuchte ihn gründlich. Er musste sich noch einmal bewegt haben, denn er lag jetzt bäuchlings an der Tür.
Utyferus: »Er lebt, ist aber bewusstlos. Das muss ein Verfaulter sein. Aber sein Gesicht kommt mir irgendwie bekannt vor.«
Henker: »Ja, verflixt und zugenäht, das ist doch der Michel! Der Holzfäller, der vor ein paar Jahren spurlos verschwunden ist.«
Utyferus wandte sich an uns: »Ihr müsst wissen, Verfaulte sind Wächter des Zurak. In der Regel bleiben sie stumm und sind mit einem Fluch belegt, der aus ihnen willenlose Krieger macht, die die geheimen Versammlungsorte der Zurakanhänger schützen sollen. Er muss lange Zeit in diesem dunklen Gewölbe zugebracht haben.«

Er drehte gerade den Kopf des Verfaulten, dann folgte ein spitzer Schrei: »Oh, bei Alun! Ihr habt ihm doch nicht etwa seinen Mund geöffnet!«
Vivana: »Ja, er drohte zu ersticken, also haben wir uns erbarmt!«
Unar: »Ihr Unglückseligen, damit habt ihr einen dämonischen Geist freigesetzt. O Alun, schütze uns vor den Geistern des Abgrundes!« - Er machte wieder das Sonnenzeichen.
Utyferus wandte sich mit etwas sanfterer Stimme an uns. »Die Verfaulten sind nur noch bloße Gefäße für Geister des Abgrunds. Wir werden den Bewahrer des Lichts, Haegus Malefar vom Mon Alunas bitten, uns einen Inspektor mit Gefolgschaft zu schicken, der sich diesen außergewöhnlichen Frevels annimmt. Ich hätte nie vermutet, das unser Hohepriester hinter einem Zurakzirkel stecken könnte. Bleibt bitte in der Stadt, wir brauchen euch zur Aufklärung der Geschehnisse. Wenn ihr verwundet seid, könnt ihr uns gerne im Tempel aufsuchen.«

Tarkin kam ganz aufgeregt in den Keller gerannt. »Ich kriege Saradar nicht wach. Er hat die Augen geöffnet, starrt aber nur ins Leere. Diese verdammten Zurakpriester müssen ihn mit einem Fluch belegt haben!«
Unar: »Bruder Utyferus, geht in den Tempel. Unsere Wichtelpriesterin Freya soll sich um den Barbaren kümmern!«

Mittwoch, 2. August 2017

Des Henkers Braut - Kapitel 7: Der Herr des Hasses

Ich war gerade im Traum in den Wäldern meiner Heimat angekommen, als ich wachgerüttelt wurde. Maluna hatte ganz aufgeregt alle wieder aufgeweckt:

»Da hat sich eine vermummte Gestalt durch die Hintertür hereingeschlichen – und es war nicht eure Jujin-Freundin!«

Widun rieb sich die Augen: »Das könnte noch wichtig sein!«

Wir schlichen die Treppe zum Gastraum hinunter. »Da muss es zur Hintertür gehen!« - Urota schnippte – so leise wie es einem Troll eben möglich war – die Tür auf. Dahinter blickten wir in einen Korridor mit zwei Türen. Anneliese schlug vor, Tarkin und Vivana zu holen und verließ das Gasthaus durch die Hintertür.

Wir warteten, bis wir wieder vollzählig waren.

Vivana: »Wir haben draußen nichts Verdächtiges beobachtet.«

Vorsichtig öffneten wir die erste Tür und lugten hinein: im Bett lag ein beleibter Mann, der laut schnarchte und seinen Bart dabei mit seinem Sabber tränkte. Behutsam schlossen wir die Tür wieder. Wir lauschten an der zweiten Tür – eine Frauenstimme, ein knarzendes Geräusch, dann wieder Stille. Rasch öffneten wir die Tür. Als Urota hineinblickte, ertönte ein lauter Schrei des Entsetzens.

Widun sprang ins Zimmer und beruhigte die mollige Frau: »Entschuldigt die späte Störung, holdes Fräulein. Habt Ihr vielleicht etwas Verdächtiges gesehen?«

Die mollige Frau schien von Widun sehr angetan zu sein: »Mein Name ist Hulda, mein Süßer. Ich habe leider nichts gesehen. Ich kann so schlecht alleine einschlafen, willst du nicht heute Nacht bei mir bleiben?« - mit diesen Worten strich sie ihm durch seinen buschigen Vollbart.

Saradar unterbrach sie barsch: »Du lügst doch, Dirne! Mit wem hast du da eben noch gesprochen? Raus mit der Sprache!«

Huldas Stimme klang plötzlich eingeschüchtert: »Mit gar keinem! Ich rede manchmal mit mir selbst, um besser einschlafen zu können, weißt du!«

Als Antwort auf unsere Blicke, die ihr wohl klarmachten, dass wir ihr nicht glaubten, versuchte die Beschuldigte wegzulaufen, doch Maluna stellte ihr ein Bein und sie stürzte auf den Boden, wo sie hilflos wie ein Käfer auf dem Rücken liegenblieb.

Wir untersuchten das Zimmer. Unter dem Bett wurden wir fündig: »Eine Klappe!«

Urota rückte das Bett beiseite und öffnete die Klappe. Eine Treppe führte hinab in die Finsternis. Maluna bot an vorauszugehen, da sie über ein scharfes Gehör und eine Art Nachtsicht verfügte, sodass sie auch im Dunkeln die Wärmeausstrahlung von Lebewesen wahrnehmen konnte.

Maluna flüsterte uns zu: »Ich höre seltsame Stimmen, ich kenne die Sprache nicht. Es sind mehrere Personen, aber weniger als wir!«

Am Ende des dunklen Ganges sahen wir einen Lichtschein. Beim Blick in die sich anschließende Kammer, die nur spärlich von flackerndem Kerzenlicht beleuchtet wurde, bot sich uns ein schauriges Bild. Zwischen vier hohen Säulen standen sechs vermummte Gestalten. Sie trugen Masken und Roben, die auf einer Seite braun und auf der anderen scharlachrot gefärbt waren. Sie hatten einen rituellen Gesang intoniert und führten mit ihren Händen beschwörende Gesten aus. Eine der Gestalten sah deutlich fülliger aus und stand mit einem Ritualdolch in der Hand vor einem erleuchteten Altar in der Mitte der Säulenhalle. Und auf diesem Altar lag – der Novize Luth. Seine Augen waren geschlossen, er schien noch am Leben zu sein, doch sein Brustkorb lag offen wie ein aufgeschlagenes Buch vor uns, sein schlagendes Herz war zu sehen und Blut tropfte vom Altar. Wir waren wie erstarrt vor Schrecken.

Ein Kultist nach dem anderen trat vor und ließ etwas von seinem dunklen Blut aus einer Schnittwunde an der Hand auf das Herz des Novizen tropfen. Mit einem Schlurfen schien das Herz das fremde Blut förmlich aufzusaugen. Währenddessen wurde ihr Singen immer ekstatischer und die Bewegungen immer ausladender.

Saradar gewann als erster die Fassung zurück: »Ihr Schweine! Das werdet ihr büßen!« - und rannte schnurstracks auf den Anführer zu. Unter meinem Lederwams ertönte ein angsterfülltes Gackern.

Der Anführer wandte sich Saradar zu. Nach einer abwehrenden Geste und einem kurzen Gesang in einer fremden, grässlichen Sprache, brach der Barbar wie vom Blitz getroffen in sich zusammen und blieb leblos auf dem Steinboden liegen. Der beleibte Kultist ließ ein höhnisches Lachen erschallen und entgegnete uns:

»Wer seid ihr, dass ihr dem Herrn des Hasses selbst entgegenzutreten wagt? Wie konntet ihr unsere Pläne aufdecken? Der vergifteten Quelle widerstehen? Dem tollwütigen Hund entkommen? Aber das ist jetzt alles nebensächlich. Wie ich sehe, seid ihr ohne Waffen gekommen, habt sie brav bei der Stadtwache abgegeben – wie sich das gehört! Ha, ha! Nun denn, meine Brüder des Hasses! Lasst sie uns niedermachen!«

»Unsere Waffen! Was machen wir jetzt?«, sprach Tarkin laut aus, was uns allen gerade durch den Kopf ging. »Am besten, erst einmal wieder hier raus!«, schlug Anneliese vor.

Vivana wendete ein: »Aber wir können Saradar doch nicht zurücklassen!«

Tarquan entgegnete ihr etwas gefühllos: »Warum nicht? Für mich sieht er mausetot aus.«

Von hinten näherten sich uns Stimmen, eine stark nuschelnde Stimme stach heraus: »Jetzt können wir endlich unsere Schmach wettmachen, Hulda sei Dank!« Die Stimme kam mir seltsam vertraut vor: das konnte nur der geflohene Räuberhauptmann sein!

Als wäre die Situation noch nicht aussichtslos genug gewesen, trat eine riesige Gestalt aus einer Nische am Eingang der Kammer. Der Hüne trug eine Kapuze und war bis auf einen Schurz, dessen Zipfel bis auf den Boden reichte, nackt. Seine Haut wirkte im Fackelschein blassgrau und war über und über mit Spinnensymbolen des Zurak übersät. Unter der Kapuze leuchteten zwei rote Augen hervor und sein Mund schien mit einem dicken Faden zugenäht worden zu sein. In seiner rechten Hand blitzte ein langes Bastardschwert auf, mit dem er sich auch schon ein Opfer ausgesucht hatte: Saradar!
Ein Zurakkrieger.
Jetzt ging alles ganz schnell. Da wir uns nicht in die Säulenhalle trauten, warf Vivana ein Seil als Lasso nach Saradar. Sie hatte Glück, das Bein des Barbaren hing fest in der Schlinge. Für Urota war es ein Leichtes, den Gjölnar zu uns heranzuziehen. Er lebte noch, war aber bewusstlos und im Augenblick nicht wach zu kriegen.

Der Hüne hatte seinen Blick jetzt auf uns gerichtet – tiefer Hass sprach aus seinen blutunterlaufenen Augen.

Ich betete an Ianna, um mich ihrer Gunst zu versichern und warf die Wunderbohne auf den Boden. Aus ihr flocht sich wieder ein Bohnenmann. Diesmal hatte ich eine Idee, wie ich ihn im Kampf einsetzen könnte: er brauchte eine Seele! Also beschwor ich einen Waldgeist, der auch tatsächlich – auf mehrfaches Bitten, Betteln und Beten hin - in den Bohnenmann fuhr und ihm Leben einhauchte. Seine pulsierenden grünen Augen suchten die roten Augen des Zurakdieners. Seine Arme schossen als Ranken hervor und legten sich wie Fesseln um den Hünen – zumindest eine Gefahr, die vorerst gebannt war.

Die Räuber waren inzwischen um die Ecke gebogen und musterten uns aus einigem Abstand – sie wussten wohl nicht, dass wir unbewaffnet waren – gut so!

Tarkin hatte wieder einen seiner aberwitzigen Koboldpläne: er kramte einen halben Speer hervor, den er wohl vor der Stadtwache versteckt hatte, und bat Urota, sich zu bücken. Er kletterte ihm auf die Schultern.

Tarkin feuerte ihn an: »Los, mein Trollbruder, wir rennen diese Räuberbande über den Haufen!«

Das ließ sich Urota nicht zweimal sagen. Er rannte los und ließ ein markerschütterndes Gebrüll ertönen, dass sich selbst mir die Fellhaare im Nacken aufstellten. Wie Kegel wurden die Räuber gegen die Wand des dunklen Ganges geschleudert. Tarkin versuchte wie ein Turnierritter, einen der Räuber mit seinem kurzen Speer zu erwischen, der sich jedoch dafür als zu kurz erwies.

Vivana hatte unterdessen die Priester nicht aus den Augen gelassen. Sie waren noch nicht zum Angriff übergegangen – vielleicht durften sie ihr dunkles Ritual nicht unterbrechen.

Mit den Worten »Wohl bekomm's!« schleuderte die Giftprinzessin eine Phiole zwischen sie. Zwei der Zurakanbeter sanken besinnungslos zu Boden.

Ich lief zusammen mit Edwen dem Kobold-Troll-Duo hinterher. Maluna hatte einem der übertölpelten Räuber einen Tritt verpasst, sodass er am Boden liegenblieb. Im Umblicken sah ich noch, dass Widun ins Gebet vertieft war, doch wurde er unsanft unterbrochen, als ihm etwas zwischen den Beinen hindurchschlüpfte. Dann wurde auch noch Tarquan getunnelt. Es war Anneliese, die es auf die Zurakdiener abgesehen hatte. Sie richtete ihre Arme aus und brüllte einen Zauberspruch in die Säulenhalle: »Singi Sidar Dublon!«.

Flammen ließen die Halle für einen Moment in hellem Licht erstrahlen.

Die Priester hielten abwehrend die Arme vor ihre Masken. Sie hatte einen der Priester und den tätowierten Zurakwächter getroffen, auch mein Bohnenmann wurde angefackelt. Der Wächter nutzte die Gelegenheit und durchschlug die Ranken des Bohnenmannes mit seinem langen Schwert. Wütend stürzte er sich auf Tarquan, der sich nur durch einen Seitwärtssprung vor einem tödlichen Hieb retten konnte, die Klinge fuhr ihm jedoch in den Oberschenkel und ließ ihn verwundet zurück. Einer der Priester stieß einen Fluch aus, der aus dem tiefsten Abgrund hätte stammen können. Tarquan stand plötzlich auf, als sei gar nichts gewesen und drehte sich zu uns um – seine Augen leuchteten rot und sein Blick war hasserfüllt.

Der von Annelieses Flammenstrahl getroffene Zurakdiener hatte sich über den Boden gewälzt und dadurch seine brennende Robe wieder gelöscht.

Die Räuber hatten sich inzwischen von der Überrumplungsaktion erholt. Urota musste gerade einen Schwertstreich mit seiner Armschiene parieren. Ich bat Ianna um eine Stachelhaut, um mich vor den Angriffen der Räuber zu schützen. Edwen boxte nach Räuberhauptmann Faulzahn, der gerade noch unter dem Schlag wegtauchen konnte. Der wuselige Tarkin war von Urotas Rücken gesprungen, einem Räuber zwischen die Beine getaucht und ihm im Hindurchgleiten einen kräftigen Schlag in den Schritt verpasst – der ihn als Häufchen männlichen Elends zurückließ. Räuber Rührei ließ sein Schwert fallen und sackte erst einmal kampfunfähig auf die Knie. Maluna nutzte die Gelegenheit, schnappte sich mit einer Rolle die Klinge und stach einem weiteren Räuber nach vollendetem Purzelbaum in die Seite.

Widun hatte es erneut mit einem Gebet an Mnamn versucht – scheinbar ohne Erfolg. Anneliese ließ einen Flammenstrahl auflodern – sie hatte den Kultisten im Visier, der gerade erst seine Robe gelöscht hatte.

Der Zurakwächter hatte es jetzt auf Vivana abgesehen – sein Schlag ging fehl – Vivana rettete sich mit einem gekonnten Salto rückwärts. Anneliese hatte bei ihrer arkanen Aktion jedoch Tarquan ignoriert, der ihr unvermittelt mit seiner Faust auf die Zipfelmütze schlug.

Vom Ende des Ganges ertönte ein zornerfüllter Urschrei unseres grünhäutigen Freundes – der allen durch Mark und Bein ging. Mit einem gewaltigen Fausthieb hatte er den Kopf des vierten Räubers zum Platzen gebracht.

Der Bohnenmann hatte sich von Annelieses freundlichem Feuer wieder erholt, seine Arme nachwachsen lassen und diese sofort wieder eingesetzt, um dem Zurakkrieger von hinten Fesseln anzulegen.

Ich bat Ianna um einen Dornenstich, um Edwen zu unterstützen, der in Bedrängnis geraten war – mein Stoßgebet wurde aber nicht erhört. Faulzahn war erneut einem Schwinger Edwens ausgewichen und wollte ihn im Gegenzug erstechen. Tarkin hatte sich jedoch unterdessen das Schwert von Räuber Platzkopf geschnappt und trennte dem Räuberhauptmann von hinten die Wadensehnen durch – was ihn rückwärts zu Boden stürzen ließ. Maluna war sofort über ihm und gab ihm den Gnadenstoß.

In der Säulenhalle begann der Felsenaltar plötzlich zu vibrieren. Die Kultisten wirkten selbst durch ihre Masken hindurch erschrocken, als der Altar mit einer tiefen, dröhnenden Stimme zu sprechen begann: »Flieht, ihr Narren!« - mein Blick wanderte rüber zu Widun, der soeben die gleichen Worte geflüstert hatte.

Zumindest einer der Priester wurde von Panik erfüllt und verschwand in der Dunkelheit auf der gegenüberliegenden Seite des Altars. Auch die zwei überlebenden Räuber humpelten davon.

Anneliese war Hass-Tarquan zwischen den Beinen durchgekrochen und hatte im Knien einen weiteren Flammenstrahl abgeschossen.

Der Zurakkrieger hatte den Ringkampf mit dem Bohnenmann in der Zwischenzeit für sich entschieden – er warf die ausgerissenen Rankenarme beiseite. Auch diesmal klappte mein Dornenstich-Gebet nicht. O Ianna!

Edwen hielt das Schwert des toten Hauptmanns fest umklammert und stürmte in die Halle – Tarkin hinterher, das erbeutete Schwert, das größer war als er selbst, nach oben gereckt: »Gekreuzte Schwerter! Auf sie mit Gebrüll!«

Vivana hatte eine weitere Phiole auf die Priester geschleudert, die jedoch leider am Altar abprallte und wirkungslos auf dem Boden zerplatzte. Maluna folgte uns in die Säulenhalle, mit ihrem Schlachtruf »Blut und Feuer!« auf den Lippen.

Widun war weiter ins Gebet vertieft, ich konnte im Vorbeirennen nur »Schratenhorde« verstehen.


Anneliese hatte vor Tarquan Reißaus genommen, der ihr mit seinen rotleuchtenden Augen nachschaute – aber nichts weiter unternahm – scheinbar gewann sein Verstand langsam wieder die Oberhand.

Der Oberpriester war offensichtlich erzürnt darüber und ließ Tarquan mit einem weiteren Fluch in die Knie sinken und dann vornüber auf den Boden stürzen. Er kam genau neben unserem bewusstlosen Barden zu liegen.
Ein Zurakkultist beim blutigen Ritual.
Fünf Zurakpriester - mit ihrem Anführer in der Mitte - stellten sich uns jetzt geschlossen entgegen. Alle hatten ihre Ritualdolche gezückt und die freie Hand wie zur Abwehr erhoben. Der stumme Wächter hatte seine Klinge drohend über den Kopf gereckt.

Als auch noch Urota in die Halle gestürmt kam – unbändig vor Zorn – wurde die Sache unübersichtlich. Vivana schleuderte eine Phiole und betäubte einen der Priester – im gleichen Atemzug musste sie dem Stich eines anderen Kultisten mit einem Salto ausweichen. Urota drosch blind auf die Priester ein. Diesmal hatte ich Erfolg mit dem Dornenstich - aus einem Spalt im Boden trat ein riesiger Dorn hervor, der einen der Kultisten von unten aufspießte. Vivana hatte dem betäubten Priester die Maske vom Gesicht gerissen: »Der hier sieht übel aus, habe ihn aber noch nie vorher gesehen!«

Der Bohnenmann hatte es geschafft, den Stummen zu Fall zu bringen und ihn auf dem Rücken liegend so verwurzelt, dass es für den Kapuzenträger kein Entkommen mehr gab.

Widun betete an Mnamn und der Oberkultist begann plötzlich herzhaft zu lachen. Sein Lachen steigerte sich zum Wahnsinn, als Anneliese ihn auch noch in Brand steckte. Er stieg auf den Altar und riss beim Versuch, das Feuer zu löschen, seine Maske herunter. Ein roter Bart und blau leuchtende Augen kamen zum Vorschein – der Stadtherr Rotbart war also der Anführer der Kultisten!

Mit einem ins Unerträgliche gesteigerten Lachen brüllte er uns entgegen: »Am Ende wird der Herr des Hasses zurückkehren und seinen rechtmäßigen Platz in Ion einnehmen! Ha! Ha! Ha!«

Dann sanken plötzlich alle eben noch aufrecht stehenden Kultisten in sich zusammen, wie Spielpuppen, denen die Fäden gekappt wurden.

Eine beunruhigende Stille herrschte plötzlich im Kultistenkeller. Rhovan lag rauchend neben dem toten Novizen auf dem Altar, vier weitere Priester wie leblos am Boden – waren es nicht sechs gewesen?

Hinter dem Altar öffnete sich plötzlich eine Tür. Der vermisste Zurakpriester stolperte heraus und sackte vor uns zu Boden. Vivana und Urota durchsuchten neugierig die angrenzende, winzige Kammer. »Kommt rein, hier steht eine Truhe mit interessanten Sachen drin, da ist bestimmt für jeden etwas dabei!«, rief Vivana entzückt und winkte uns schon mit einem Dolch, der die Form eines Kobrakopfes hatte - die doppelte Klinge sollte wohl die Schlangenzähne darstellen.

Wir folgten ihr hinein – es war viel zu eng für uns alle. Mir fiel eine geschnitzte Holzfigur in die Hände, Edwen ergriff ein Kriegsschild, Tarkin ein leicht rostiges Kurzschwert und Anneliese nahm sich eine Priesterrobe mit. Urota hatte nichts in der Truhe gefunden – er griff sich einen Holzbalken, der an der Wand lehnte. Achselzuckend verließ er die Kammer und schaute sich das Bastardschwert des stummen – verzweifelt in seiner Fesselung zappelnden - Zurakkriegers an. »Verflucht«, brummte er und warf es beiseite.

Plötzlich hörten wir ein Knarren und dann einen lauten Knall – die Eingangstür zur Säulenhalle war wie von alleine zugefallen. Es handelte sich um eine schwere Tür aus Bluteiche, die auch Urota nicht so einfach aufbrechen konnte. Als er gerade mit seinem Holzbalken ausholte, ertönte hinter uns ein lautes, von Irrsinn durchtränktes Lachen.

Rotbart stand drohend über uns auf dem Altar, er hatte seine Kapuze zurückgeschlagen und seine roten Haare flackerten im Fackelschein wie Höllenfeuer des tiefsten Abgrunds, seine Augen hatten die Farbe gewechselt und funkelten uns glühend rot entgegen.

»Brüder des Hasses, erhebt euch!« - Auf diese Worte hin standen vier der vorhin in sich zusammengesunkenen Priester wieder auf. »Durch unser gemeinsames Opfer wollen wir dem Herrn des Hasses den Weg bahnen!« - Alle erhoben ihre Dolche quer zu ihren Hälsen und mit einer raschen Handbewegung schlitzten sie sich die Kehlen auf. Das Blut sprudelte und spritzte hervor, bis sie vor Schwäche in die Knie gingen und schließlich tot zu Boden fielen. Der Stadtherr lag quer auf dem Altar über dem toten Novizen ausgestreckt, von seinem roten Bart tropfte das dunkelrote Blut auf den Boden, es bildete sich rasch eine riesige Lache.

Der Zugenähte begann plötzlich zu zucken, als ob er zu ersticken drohte und wand sich vor Schmerzen. Wir entschieden, ihm die Fäden am Mund durchzuschneiden, vielleicht konnte er uns Rede und Antwort stehen. Vivana durchtrennte ihm mit ihrem Schlangendolch die Fäden am Mund. Er hustete, blutiger Schaum trat aus seinem Mund und seine Zuckungen endeten in einem Krampfanfall, der den gesamten Körper erfasste. Ein kalter Hauch wehte durch die Luft – ich bekam eine Gänsehaut – als ob eine unsichtbare, kalte Präsenz den Leib des Tätowierten soeben verlassen hätte. Er wurde ohnmächtig und entspannte sich wieder – an seinem schwachen Puls erkannte Widun, dass er noch am Leben war.

»Jetzt müssen wir bloß noch sehen, wie wir hier wieder rauskommen!«, meinte Edwen, der sich in der Halle umschaute. Im Eingangsbereich lagen Saradar und Pferd bewusstlos nebeneinander. Tarkin stützte sich am Bein seines Trollbegleiters Urota ab, Anneliese und Maluna waren noch sichtlich schockiert vom Erlebten. Vivana hingegen war schon wieder auf der Suche nach einem Ausweg.

Plötzlich öffnete sich – wie von Geisterhand – die schwere Eichentür und eine Gestalt trat herein. Nein, kein weiterer Kultist – es war diesmal ein Mann in einer weißen Robe, die Kapuze tief ins Gesicht gezogen.

Als er uns passierte hatte, entblößte er seinen nur noch spärlich bedeckten Schädel. Es war Inotius, der Hohepriester des Lichts. Sein Gesicht spiegelte Erschütterung und Entsetzen wieder. Er hatte noch kein Wort gesprochen, als ob er unter Schock stünde. Er ging zum Altar und blickte zuerst auf die Leiche des Stadtherrn, die er, nachdem er den Ritualdolch den steifen Fingern entrissen hatte, verächtlich vom Altar warf.

Dann nahm er den geöffneten Leib des armen Novizen in Augenschein. Aus seinem Blick sprach tiefes Bedauern, als er uns endlich wahrnahm: »Ein Jammer, da liegt er, der Novize, sein Werk noch unvollendet – doch wartet, sein Herz schlägt noch – noch ist nicht alle Hoffnung verloren!«

Mir ging gerade durch den Kopf, wie wir den armen Luth noch retten könnten, als Inotius plötzlich einen Seufzer von sich gab. Beim Hantieren mit dem Dolch musste er sich aus Versehen geschnitten haben. Blut tropfte von seiner Hand. Wieder dieses schlurfende Geräusch – das Herz hatte sein Blut aufgenommen.

Plötzlich begann die Erde zu beben, der Boden riss auf, eine Steinplatte fiel von der Decke in eine Kluft am Boden. Dämpfe stiegen auf, die uns fast den Atem raubten. »Puh, hier riecht's nach faulen Eiern!«, schimpfte Tarkin mit einer Fellhand vor der Nase. Auch die Eingangstür war wieder verriegelt.

Als sich das Zittern wieder beruhigt hatte, sahen wir, wie sich Inotius am Altar hochzog.

Er lachte – ein wahnsinniges Lachen, das immer lauter wurde. Sein Gesichtsausdruck hatte sich verändert, seine Züge hatten eine Bösartigkeit angenommen, die ich im gar nicht zugetraut hätte. Seine Augen hatten so ein gewisses roten Leuchten erhalten, das mich unsicher machte, ob es vom Fackelschein rührte.

Dann wurde sein Gesicht zu einer Fratze verzerrt, seine Augen glühten rot: »Es ist vollendet!«

Luths Leib hatte sich auf dem Altar in eine sitzende Haltung aufgerichtet. Der Kopf hing leblos zur Seite, die Arme und Beine baumelten schlaff herunter. Das Herz hatte sich verändert, es sah jetzt eher aus wie – es öffnete sich. Tatsächlich, das Herz war zu einem riesigen, roten Auge geworden, dass jeden von uns – einen nach dem anderen – durchdringend anblickte. Luths Körper drehte sich dabei auf dem Altar – ein makaberes Schauspiel. Inotius stand lachend daneben.

Als ob das Ganze noch nicht schaurig genug gewesen wäre, platzten die Leiber der toten Zurakpriester auf und riesige Spinnen sprangen aus ihnen hervor. Aus dem Körper des Stadtherrn kamen acht Beine zum Vorschein, die selbst Urota an Größe überragten. Nachdem die Riesenspinne vollständig geschlüpft war, ließ sie Inotius aufsteigen und sprang mit ihm auf dem Rücken auf einen Vorsprung über dem Altar. Zusammen kletterten sie in eine Öffnung, die von der heruntergefallenen Steinplatte freigelegt worden war.
Den Leibern der Kultisten entspringen Zurakspinnen.
Lachend verabschiedete er sich: »Mögen euer Fleisch und eure Seelen dem Herrn des Hasses als Nahrung dienen auf seinem Weg nach Ion!«

Vivana hatte kurzentschlossen die Kluft zum Altar übersprungen und rammte ihren Kobradolch in das riesige Auge: »Falls er ihn jetzt noch findet!«, schrie sie lauthals, als das Auge explodierte und ihr seine glibbrigen Bestandteile um die Ohren flogen. Von der Decke fiel ein riesiges Knäuel herunter - Vivana brachte sich neben dem Altar in Sicherheit: es war die Riesenspinne, die Beine um den toten Leib gelegt. Beim Aufprall auf den Altar zerplatzte ihr Hinterleib und die austretenden schleimigen Sekrete bedeckten den gesamten Boden der Kammer - von Inotius jedoch keine Spur.

Leider waren die anderen - nur unwesentlich kleineren - haarigen Spinnenbiester noch quicklebendig und griffen an. Der Bohnenmann hatte vom ohnmächtigen Krieger abgelassen und bereits einer der Spinnen sämtliche Beine ausgerissen. Ich bat Ianna um einen Dornenstich, der einer Spinne in den Thorax rammte. Edwen und Tarkin schlugen an den flinken Spinnen vorbei - Maluna hatte mehr Erfolg. Widun hatte eine seiner Bierflaschen zerbrochen und wehrte eine der Spinnen damit ab. Anneliese hatte sich zurückgezogen und nahm einen Auratrank zu sich. Urota und Vivana wichen den Spinnenbissen aus. Der Bohnenmann gab seiner gerupften Spinne den Rest. Mit einem weiteren Dornenstich schickte ich eine Spinne zurück zu Zurak. Mit einem schmatzenden Geräusch platzte der Hinterleib der dritten Spinne – nach einem gezielten Stich von Edwen. Die große, verbliebene Spinne wich geschickt Vivanas, Malunas und Widuns Attacken aus.

Anneliese verlor die Fassung: »Mir reicht's jetzt mit dir!« - Ein Flammenstrahl ließ die Spinne brennend mit einem Zischen und Fauchen durch die Kammer springen, bis sie schließlich zu einem kleinen Paket verschmort liegenblieb.

Während Vivana eine Probe vom Spinnengift nahm, ging plötzlich die Eichentür wieder auf. Herein kam ein dicker Mann mit einer Fackel in der Hand – es war der Wirt des Fasanenrufs: »Was ist denn hier los? Ich dachte immer, ich kenne jeden Winkel meines Kartoffelkellers!« Als er die Spinnenkadaver und die aufgeplatzten Leiber sah, fiel ihm die Fackel aus der Hand und er kippte nach hinten. Urota fing ihn auf und wir legten ihm die Beine hoch. Langsam kam er wieder zu sich. Wir verließen die Kammer des Schreckens. Urota zog Saradar hinter sich her, der immer noch bewusstlos war. Vivana hatte Pferd mit einem Küsschen ins Reich der Lebenden zurückgeholt und half ihm auf die Beine. Durch die Klappe kamen wir zurück ins Wirtshaus. Hulda war verschwunden. Der Wirt beteuerte: »Ich hätte nie gedacht, dass sie mit dem Zurakkult unter einer Decke steckt!«

Wir legten Saradar in ein Bett und der Wirt versprach, sich um ihn zu kümmern.

Tarkin traute ihm scheinbar nicht wirklich: »Ich bleibe besser auch bei ihm! Damit er ein bekanntes Gesicht sieht, wenn er aufwacht.«

Als wir das Wirtshaus durch die Hintertür verließen, sahen wir Flammen in die Höhe lodern – sie kamen aus der Richtung des Marktplatzes.

Nichts Gutes ahnend zogen wir los ...