Sonntag, 16. Februar 2014

Die Plage - Kapitel 2: Die Wolfsjagd

Jel ging uns voraus und las die Fährte. Die Wolfsspuren führten in einen dunklen Wald, den Jel als Nordwald kannte. Hier standen knorrige Bäume, die um die Vorherrschaft im dichten Blätterdach rangen. Jeder Baum sah anders aus, ich erkannte Weiden, Eschen und Tannen. Der Boden war schlammig und wir mussten immer wieder kleine Tümpel umgehen. Auch das dichte Unterholz behinderte unser Vorankommen. Urota fluchte, er stolperte ständig über irgendwelche Wurzeln oder verhakte sich mit seinem Knochenknüppel. Jel gemahnte ihn zur Ruhe. Für unsere beiden Kobolde stellte das kein Problem dar, geschickt sprangen sie von Wurzel zu Wurzel. Widun, Vivana und ich bildeten die Nachhut - die Augen ins umgebende Dickicht gerichtet. Jel führte uns immer tiefer in den Nordwald hinein. Auf dem feuchten Boden ließen sich die Spuren des Silberwolfes leicht verfolgen.

Plötzlich setzte ein heftiger Regenschauer ein, vor dem uns auch das Blätterwerk wenig Schutz bot. Wir sahen eine Roteibe, unter deren gewaltigem Wurzelwerk wir Unterschlupf fanden. Ich konnte es noch nie leiden, wenn sich mein Fell so voll Wasser saugte!

Der Wildhüter hob plötzlich die Hand: Wir sollten stehenbleiben. Es setzte eine bedrückende Stille ein. Wir sahen, wie sich der Grüne vorsichtig einem Dornbusch näherte. Jetzt erkannte ich, was er gesehen hatte: durch den Busch hindurch sah ich etwas Silbriges glänzen. In der Stille hörte ich deutlich ein Schlabbern, als ob ein Hund aus einer Pfütze tränke. Jel zog ganz leise einen Pfeil aus seinem Köcher und legte mit seinem Kurzbogen an.
Gespannt beobachteten wir ihn. Dann hörten wir das Zischen des Pfeils. Statt des erwarteten Jaulens hörten wir nur ein Platschen - der Pfeil war daneben gegangen! Jel tastete nach einem weiteren Pfeil in seinem Köcher, doch da kam bereits etwas Gewaltiges über den Dornbusch gesprungen - es war ein Silberwolf! Er packte Jel am Hals - dann folgte ein furchtbares Geräusch, als er ihm die Kehle herausriss. Nachdem er mit dem Jäger fertig war, blickte er uns mit seinen wie Topas funkelnden Augen an.
Ein angriffslustiger Silberwolf.

Da stand er, Blut und Geifer tropften aus seinem Maul. Er fletschte die Zähne. Sie blitzten auf, als die ersten Strahlen der Morgensonne durch die Blätter drangen.

Anneliese löste sich als Erste aus der Schockstarre und versengte dem Wolf mit ihrem Feuerstrahl das Fell. Vivana schrie: „Nein! Was machst du! Das Fell ist fünfzig Silberlinge wert!“
Der Silberwolf heulte auf und verschwand im Dickicht - und zog dabei eine Rauchfahne hinter sich her.
Wir schauten uns Jel an: er bot einen furchtbaren Anblick, da war nichts mehr zu machen - er war tot. Jetzt tat er mir doch leid. Urota griff sich den Kurzbogen und den Köcher des Wildhüters. Auch Vivana beugte sich flüchtig über ihn - ich hörte ein leises Klimpern.

Wir entschlossen uns, den Wolf weiter zu verfolgen. Die Blutspuren und der Gestank von verbranntem Fell erleichterten uns die Jagd. Wir trafen auf eine Lichtung - auf der anderen Seite erwartete uns bereits der nicht mehr ganz so silberne Wolf. Wir näherten uns vorsichtig - dann wurde uns klar: wir waren in eine Falle geraten. Von den Flanken und von hinten näherten sich drei weitere Wölfe. Sie waren kleiner als der angekokelte Wolf, aber ebenso furchteinflößend. Sie verloren keine Zeit und griffen uns sofort an.

Einer der Wölfe rannte direkt auf unseren Koboldkrieger zu. Wir hörten ein „Ich will noch nicht sterben!“ von Tarkin, als er erfolgreich einem Biss auswich. Ich sah, wie sich Vivana auf den Angriff der Wölfe vorbereitete: sie band sich einen Teil ihres Kapuzenumhangs um den Arm - gerade noch rechtzeitig - konnte sie doch so einen Krallenhieb abwehren. Einer der Wölfe setzte zum Sprung an - hechtete aber an unserem großen Troll vorbei. Ich hatte weniger Glück und wurde von einem Wolf voll erwischt - er riss mich zu Boden. Anneliese zeigte, dass sie auch mit anderen Elementen als Feuer umgehen konnte: mit den Worten "ICAL ULIP" und den entsprechenden Gesten formte sie einen Eisspeer und schleuderte ihn auf den Wolf, der mich gerade zu seinem Frühstück auserkoren hatte. Mit einem Jaulen machte er einen Satz nach hinten.

Statt sich in den Kampf zu stürzen, vertiefte sich Widun ins Gebet, natürlich erst, nachdem er sich ein Schnäpschen gegönnt hatte. Mnamn schien ihm gewogen zu sein: die Wölfe begannen zu taumeln, also ob sie betrunken wären - er schien sie in eine Art Rauschzustand versetzt zu haben. Vivana nutzte die Hilflosigkeit der Wölfe aus und versetzte dem verbrannten Wolf mit ihrem Kurzschwert den Todesstoß. Ich hatte genug von den Sprungattacken der Wölfe und bat die Erdmutter um ihre Unterstützung. Vor meinen Augen wuchs eine Hecke aus dem Boden und schirmte mich erst einmal vor den Wölfen ab.

Tarkin attackierte einen der Wölfe mit seinem Koboldschwert, hieb aber leider daneben. Zwei Wölfe hatten es auf Urota abgesehen - er konnte sie mit seiner Allzweckwaffe erfolgreich auf Distanz halten. Anneliese hatte kunstvoll einen weiteren Eisspeer geformt und spickte damit einen der Wölfe, die an Urota hungen. Widun drisch mit seinem Knüppel auf sie ein. Ich richtete ein Stoßgebet an Ianna - aus dem Boden wuchs etwas Klettenkraut hervor. Ich bückte mich und warf es auf die Bestien - leider taugte es wenig als Wurfgeschoss und wurde schlicht vom Winde verweht.

Urota hatte mittlerweile einen der Wölfe mit seiner Knochenkeule niedergestreckt. Die beiden letzten Wölfe waren augenscheinlich wie in einen Blutrausch versetzt und sprangen wild um sich beißend herum. Ich richtete ein weiteres Stoßgebet an Ianna - aus dem Boden sprossen stachlige Ranken hervor, die sich auf meinem Körper verteilten und eine Art zweiter Haut bildeten - sollten sie nur kommen!

Urota sah plötzlich verunsichert aus - er blickte sich fragend um: "Wo er denn hin?“ kam es zwischen seinen Hauern hervor - dann blickte er an sich herab - einer der Wölfe hatte sich in seiner Rüstung verbissen.
„Ach da!“, rief er aus und zermalmte den Wolf mit seinem Riesenknochen.

Anneliese setzte gerade mit "SINGI" an und erste Flammen züngelten auf ihrer Hand als sie von Vivana angeschrien wurde: "Hör mit deinem Gefunzel auf! Es reicht, dass du schon ein Fell ruiniert hast!"
Anneliese schien beleidigt zu sein und löschte die Flamme - Vivana trennte mit einem raschen Hieb dem letzten der Wölfe den Kopf ab.

Da lagen sie: vier tote Silberwölfe. Anneliese beanspruchte einen Wolfszahn für sich - Vivana häutete die Wölfe und warf Anneliese das verbrannte Fell zu - "Da, für dich, Funkenmariechen!"

Das blutige Handwerk wurde durch ein fernes Wimmern unterbrochen. Wir nahmen die Felle sowie das Fleisch der Wölfe und folgten den Klagelauten. Anneliese hatte etwas entdeckt: "Da drüben glitzert etwas im Laub!" Wir waren betroffen, als wir erkannten, worum es sich handelte: von Blättern halb verdeckt lag dort ein blutüberströmtes Wolfswelpen. Ich schaute es mir genauer an: da waren Bissspuren zu erkennen und wenn mich nicht alles täuschte ... stammten sie von Ratten! Wir fanden weitere tote Welpen, auch sie wiesen Bissspuren auf. Das Wimmern war in ein Heulen übergegangen - auf einem Hügel in der Ferne sahen wir die Wolfsmutter, die um ihre Welpen trauerte...

Meine Gedanken überschlugen sich - waren es wirklich die Silberwölfe gewesen, die das Mädchen im Lager angegriffen hatten? O Ianna, was hatten wir getan!

Montag, 10. Februar 2014

Die Plage - Kapitel 1: Die Händlerkarawane

Endlich ging es wieder los. Ich war vor zwei Monden aus meiner Heimat Oxysm aufgebrochen, um Abenteuer zu erleben, nicht um Soldaten beim Saufen und Würfeln zuzuschauen, vor allem nicht um mich ihren derben Späßen auszusetzen. Dabei haben manche von ihnen mehr Haare an den Beinen als ich.

Wir ritten hinab in die Täler Nieder-Askalons. Dabei wurden wir von Sturm und Regen geplagt. Ich musste ständig mein Fell ausschütteln. Als Söldner bekam ich leider keinen trockenen Platz in einem der Planwagen. Einer der Wagen war steckengeblieben und die Händler hatten sich vergeblich bemüht, ihn aus dem tiefen Schlamm zu befreien. Für unseren Trollgefährten Urota war es hingegen eine Kleinigkeit, den Wagen wieder auf die schlecht gepflasterte Straße zu heben. Es hatte durchaus Vorteile, einen Hügeltroll dabei zu haben, auch wenn bei den Händlern immer noch Furcht und Skepsis vorherrschten.

Die Nacht brach herein. Zwei der Händler boten sich an, uns die erste Nachtwache zu abzunehmen. Wir nahmen das Angebot dankend an, und vereinbarten die restlichen Wachen zu übernehmen. Nachdem wir die Wachabfolge ausgemacht hatten, legten wir uns schlafen. Leider kroch auch die nasse Kälte unter mein Laken und drang mir bis in die Knochen. Ich war zusammen mit Urota für die zweite Wache eingeteilt worden.

Ich träumte gerade von meiner Waldlichtung, süßem Honigduft und sanftem Flötenspiel, als ich unsanft geweckt wurde. Tarkin stand vor mir, von oben bis unten mit Matsch besudelt. Ich rieb mir die Augen: »Was hast du denn gemacht?« Der Koboldkrieger machte eine abwehrende Handbewegung: »Das ist jetzt egal … Vivana und ich haben etwas entdeckt, wir brauchen euch.« Er hatte auch Urota aufgeweckt, der noch ganz benommen nach allen Seiten blickte und mit den Augen blinzelte. Wir gingen zu Vivana, die sich am Eingang zur Wagenburg aufhielt. Sie berichtete, außerhalb unseres Lagers Spuren im Matsch entdeckt zu haben. Sie meinte, dass es sich dabei um Wolfsspuren handeln müsse. Wahrscheinlich stammten sie von einem Rudel von vier bis fünf Wölfen. Ganz in der Nähe war der Waldrand. Ich verwandelte mich in meine Eichhörnchen-Gestalt und begleitete Tarkin, der sich aus dem Rest eines Tekk-Speers eine Fackel gebaut hatte, in Richtung Wald. Vivana gesellte sich zu uns. Urota blieb zurück und sicherte den Eingang - noch im Halbschlaf und sich auf seinen Knochen abstützend. In der Dunkelheit verloren wir jedoch rasch die Fährte und kehrten um. Ich nahm wieder meine normale Faun-Gestalt an.

Wieder in der Wagenburg angekommen merkte ich, wie sich mir die Fellhaare aufstellten - ein kalter Luftzug strich an uns vorüber. Dann ein Scheppern aus einem der Planwagen. Tarkin schreckte hoch: »Ich sehe Schatten, die durch das Lager streifen!« Wieder ein Scheppern, jetzt lauter. Zwei Händler rannten aus ihren Zelten - dann ein Schrei. Wir stürzten auf das Zelt zu, aus dem der Schrei gekommen war. Drinnen fanden wir einen kahlköpfigen Mann mit einem blutenden Mädchen in den Armen. Er versuchte sie zu beruhigen. Sie stand unter Schock und konnte uns nicht sagen, was passiert war. Sie war am Arm verletzt worden und blutete. Ich versuchte sie zu heilen, doch leider konnte ich wenig ausrichten. Wir vermuteten, dass das einer der Wölfe gewesen sein musste. Tarkin und Vivana traten wieder hinaus, um Schlimmeres zu verhindern.

Nach kurzer Zeit kamen sie zurück. Vivana berichtete: »Hinter dem Zelt liegt eine tot gebissene Ratte - das war bestimmt auch ein Wolf. Wir haben alles abgesucht - innerhalb der Wagenburg sind keine Wölfe mehr. Ich habe allerdings neue Spuren entdeckt, die in Richtung Wald führen«.

Die Felle am Zelteingang flogen plötzlich beiseite und zwei Männer traten ein. Einer der beiden hatte kaum noch Haare auf dem Kopf, dafür aber einen prächtig-dichten Schnurrbart und trug einen wohl gefüllten Wamst vor sich her. Der andere wirkte sehr stämmig und trug einen grünen Mantel. Dessen Kapuze hatte er sich tief ins Gesicht gezogen, nur ein gezwirbeltes Bärtchen ragte deutlich daraus hervor. Der Glatzkopf baute sich vor uns auf.

»Ich bin Tarso Payn, der Karawanenführer. Was ist hier los?«, wollte der Dicke wissen. Vivana erklärte, was vorgefallen war. »Ihr solltet doch Wache halten! Ich kann keinen Ärger gebrauchen - das spricht sich doch rum! Die denken, dass man mit Tarso nicht mehr sicher reisen kann!«, schimpfte der Schnurrbartträger.

Der Mann mit der Kapuze drängte uns dazu, die Wölfe zu jagen: »Wenn sie einmal Blut geleckt haben, werden sie bestimmt wiederkommen und das Lager heimsuchen! Wir müssen ihnen zuvorkommen und sie zur Strecke bringen, bevor sie noch einen der Reisenden umbringen!«

Vivana schien ganz angetan von diesem Kerl, mir dagegen war er sofort unsympathisch. Er stellte sich ihr als Jel der Grüne vor. Er war Wildhüter, was nichts anderes bedeutete, als dass er Tiere jagte und tötete, um aus ihren Überresten Profit zu schlagen. Ein Groll gegen die Erdmutter! Sie erlaubt das Töten nur aus Notwehr oder zur Nahrung - nie aber um Geld zu verdienen. Ich dachte daran, dass ich beinahe selbst Opfer eines Fallenstellers geworden wäre … Der hatte sich in Gedanken schon eine Mütze aus meinem zarten Eichhörnchenfell genäht.

Jel forderte uns auf, ihm die Spuren zu zeigen. Als wir aus dem Zelt kamen, sahen wir auch Widun und Anneliese, die durch den Lärm aufgeschreckt worden waren. Wir verließen die Wagenburg und gingen an einem schnarchenden Hügeltroll vorbei, der auf seinen Knochen gestützt doch tatsächlich wieder eingeschlafen war.
Vivana führte ihn zu den Abdrücken im Schlamm. Jel tat beeindruckt: »Ja, tatsächlich, das sind Spuren von vier Wölfen - Silberwölfen, um genau zu sein, wie man ganz leicht an der Anordnung und Größe der Klauenabdrücke erkennen kann. Pro Fell kriegen wir dafür in Altem 50 Silberlinge! Also los!« - Ein Felljäger!

Abenteuer 2: Die Plage - Prolog

Nach unserer Flucht vor den blutrünstigen Ul’Hukk erholten wir uns im askalonischen Zeltlager von den Strapazen. Die Soldaten hatten uns als Verbündete freundlich in ihrem aufgenommen und mit Nahrung und Wasser versorgt. Toran und Edwen verabschiedeten sich nach kurzer Verschnaufpause. Sie mussten wohl oder übel ihrem Auftraggeber die schlechte Nachricht überbringen, dass sie seine Tochter nicht retten konnten.
Es war ein herzlicher Abschied. Ob wir sie irgendwann einmal wiedersehen würden?

Toran musste seinen verletzten Knappen zurücklassen. Der Heiler im Lazarett meinte, dass die Genesung noch einen Mond dauern würde. Die junge Frau namens Cetrill sah ich nicht wieder, hörte aber wie sich Soldaten über ihre Vorzüge unterhielten.

Wir verbrachten die Zeit damit, unsere Fertigkeiten zu verbessern. Tarkin übte mit den askalonischen Soldaten, die überrascht waren, wie flink so ein kleiner Kobold sein konnte. Vivana übte sich in ihren Waffen- und anderen zwielichtigen Künsten. Anneliese studierte heimlich ihr Magiebuch und Widun die hiesige Auswahl an geistreichen Getränken. Einzig der Hügeltroll Urota wurde von den Soldaten ausgegrenzt. Er saß meist abseits, säuberte seinen Riesenknochen und ritzte Zeichen hinein.

Wir warteten auf eine Gelegenheit, das Zeltlager verlassen zu können. Da kam uns eine skilische Händlerkarawane gerade recht. Sie boten uns sechs Silberlinge pro Tag, wenn wir sie zu ihrem Schutz begleiten würden. Natürlich nahmen wir das Angebot an. Nur Saradar hatte Gefallen am Soldatenleben gefunden. Er wollte bleiben und gegen die Tekk-Invasion zu Osirs Ehren kämpfen.

Montag, 13. Januar 2014

Das Königreich der Würmer - Kapitel 5: Der Wall in Sicht

Wir waren den ganzen Tag ohne Unterlass gelaufen. Endlich tauchte am Horizont das fahle Bild einer Mauer auf. Erleichtert wollten wir kurz verschnaufen, als über uns ein schrilles Gekreische zu hören war. Da waren wieder Krähen - diesmal Massen davon. Wir drehten uns um - hinter uns rückte eine ganze Horde an Tekk heran: muskulöse Speerkrieger und in Ketten gerüstete Tekk-Schwertkämpfer. Einer der Tekk saß auf einem furchterregenden Reittier. Edwen meinte, dass das eine Säbelzahnechse sein müsste. Die ganze Horde wurde von Krähen umschwärmt. Diese ließen sich hin und wieder auf den Schultern und dem Stab einer hageren, in schwarz gehüllten Gestalt nieder. Das schien ein Krähenschamane zu sein. Er hatte bestimmt seine Krähen eingesetzt, um uns aufzuspüren.

Toran schrie plötzlich: "Der Schnellste muss zum Wall laufen und die askalonischen Soldaten informieren!"

Wir entschlossen uns dazu, die Gruppe aufzuteilen. Ich verwandelte mich rasch in meine Eichhörnchen-Gestalt und überließ meinen Gefährten meine wenigen Habseligkeiten. Vivana schloss sich mir an und wir rannten auf den Verteidigungswall zu.
Als ich mich im Rennen kurz umblickte, sah ich, dass die Tekk aufgeschlossen hatten. Die Säbelzahnechse griff gerade Saradar an. Ich hatte das Gefühl, also ob die Mauer gar nicht näher kommen wollte.
Völlig außer Atem erreichte ich schließlich den Wall. Da waren Wachposten. Ich rannte die Mauer hoch und verwandelte mich zurück. Die Wachen waren verdutzt, auf mein Flehen hin reagierte zunächst einmal keiner - wer hört schon auf ein kleines Männlein ohne Beinkleider...
Als Vivana schließlich am Wall ankam und schrie, passierte endlich etwas.
Knatternd öffnete sich ein schmales Tor im Wall - heraus kamen Reiter in glänzenden Rüstungen. In der Ferne hörten wir Krächzen und Todesschreie...

Nach einer ganzen Weile kam eine Gruppe geschundener Gestalten am Wall an: meine Gefährten hatten alle das Gemetzel überlebt, nur Torans Knappe, der sich wegen seiner Hand nicht verteidigen konnte, wurde schwer verwundet.
Toran erzählte, dass die askalonischen Reiter in ihren Messingrüstungen die Tekkhorde eingekreist und mit Pfeilen gespickt hätten. Dann seien sie mit Speeren vorgerückt. Ein Tekk nach dem anderen sei zu Boden gegangen, auch die Säbelzahnechse hatte nach mehreren Speerstichen ihr Leben ausgehaucht. Was mit dem Schamanen passierte, hatte wohl niemand mitbekommen. Vielleicht hatte er sich in eine Krähe verwandelt und war davongeflattert...

Die askalonischen Soldaten wollten Urota zunächst nicht durch den Wall lassen. Wir mussten ihnen versichern, dass er keinen Ärger machen würde. Sie geleiteten uns zu einem Lager etwas weiter nördlich. Dort wurden wir überwiegend freundlich aufgenommen - bis auf den Hügeltroll, auf den argwöhnische Blicke fielen.
Wir betraten eine große Zeltkaserne, wo wir uns ausruhen durften.

Wir leckten unsere Wunden - zumindest mache ich das immer so - und erholten uns für das nächste Abenteuer.

Das Königreich der Würmer - Kapitel 4: Mortarax streckt seine kalten Finger aus

Am nächsten Morgen hustete Miron das letzte Mal. Schon in der Nacht hatte er nur noch geröchelt und immer mehr Blut ausgespuckt. Jetzt hatte er seine Augen für immer geschlossen.
Wir begruben ihn notdürftig unter Steinen. Toran sprach einige letzte Worte: "Möge Mortarax ein gerechtes Urteil sprechen und dich in die Hallen des Lichts entlassen."
Alle waren zugegen, nur Cetrill fehlte. Plötzlich ertönte ein lautes Krächzen. Eine große Schar schwarzer Krähen kreiste über der Ruine.
Edwen war misstrauisch und ging zurück zur Ruine. Er schauet durch eine Öffnung in der Steinmauer und zuckte zusammen. Er berichtete uns, dass eine Tekk-Armee auf dem Weg zwischen den Ruinen hindurchmarschiere. Er meinte aber, dass sie uns nicht bemerkt hätten. Dann passierte es - Cetrill trat aus einem der Gebäude und lief den Tekk geradewegs in die Arme. Als sie erkannte, was los war, schrie sie und rannte um ihr Leben - geradewegs auf uns zu.
"Macht euch zum Kampf bereit!", schrie Edwen, nickte Toran zu und zog seine Axt aus dem Gürtel. "Wir müssen sie überraschen, nur so haben wir eine Chance!"
Cetrill und Torans Knappe versteckten sich hinter der Mauer.
Durch einen Spalt in der Mauer konnte ich unsere Feinde sehen: zehn Tekk-Krieger und einen, der sie alle überragte. Das musste der Hauptmann sein. Er trug eine Schuppenrüstung, die zusätzlich durch Ketten verstärkt war und zog gerade ein dunkles Großschwert hinter seinem Rücken hervor. Er brüllte seinen Untergebenen Befehle zu, ich konnte nur "Menschen!" verstehen. Dann ging alles ganz schnell.
Vivana verschmolz mit dem Schatten der Mauer. Ich überlegte mir, wie wir einem Kampf vielleicht doch noch aus dem Weg gehen könnten - ich glaubte kaum, dass wir dieser Tekk-Übermacht widerstehen konnten. In der Hoffnung, dass mir Ianna wieder ihre Gunst schenken würde, betete ich dafür, dass sie mir einen Waldgeist schicken möge, um die Tekk abzuschrecken. Tatsächlich erschien ein "Niederer Waldgeist" genau in der Öffnung der Steinmauer. Die Tekk schienen von ihm wenig beeindruckt zu sein, denn sie stürmten auf ihn los.

Ein Waldgeist, vor dem noch nicht einmal ein Hutzel Angst hätte.

Widun hatte mit seinen Gebeten an Mnamn mehr Erfolg: zwei der angreifenden Tekk fielen mit Lachkrämpfen zu Boden und blieben kampfunfähig liegen. Unsere Krieger Edwen, Toran und Tarkin stürzten sich mutig auf die Feinde. Auch Saradar focht um sein Leben. Urota schwang seinen Riesenknochen und zertrümmerte einem Tekk-Krieger den Schädel. Plötzlich rief Anneliese, dass wir aus ihrer Schusslinie treten sollten. Sie zeichnete perfekt ihre magischen Symbole in die Luft und rief in der Sprache der Alten: "Singi Sidar Tiron". Ein Feuerstrahl schoss aus ihrer Hand und traf zwei Tekk-Krieger, die furchtbare Verbrennungen erlitten. Ich sah, dass Vivana wieder aufgetaucht war. Sie hatte sich im Schatten der Mauer angeschlichen und erstach einen der Feinde von hinten. Tarkin nahm Anlauf, sprang hoch und verpasste einem der Tekk einen "Verhängnisvollen Kopfstoß" - das Kopfnussopfer wankte, stürzte und blieb bewusstlos liegen - unglaublich dieser Kobold!
Edwen und Toran hatten es mittlerweile mit dem Hauptmann aufgenommen. Er war ein fähiger Kämpfer und die beiden hatten es wirklich schwer. Als er aber sah, dass seine Krieger keine Chance hatten, wollte er die Flucht ergreifen. Doch er hatte die Rechnung ohne unsere Kobold-Magierin gemacht. Mit einem weiteren Flammenstrahl streckte sie ihn nieder. Widun und ich kümmerten uns um die Verletzten. Nach dem Kampf sammelten wir die Speere der gefallenen Tekk-Krieger auf. Toran drängte uns zur Eile, wir mussten sofort weiter, um den Wall zu erreichen, bevor noch mehr Tekk nachrücken würden.
Der nutzlose Waldgeist hatte sich bereits wieder verflüchtigt...

Das Königreich der Würmer - Kapitel 3: Krähen im Nacken

Wir setzten die Reise fort. Miron hustete immer stärker und torkelte beim Laufen. Wir mussten ihn stützen, um weiterzukommen. Die ängstliche Frau erzählte, dass er von den Tekk vergiftetes Wasser bekommen habe. Ich legte ihm im Namen Iannas die Hand auf, doch schien ich nicht in ihrer Gunst zu stehen, da keine Lebenskraft in ihn floss.

Wir kamen nur langsam voran. Als die Abenddämmerung hereinbrach, sahen wir in der Ferne eine rot erleuchtete Ruine, auf die wir zuhielten. Aus der Nähe mussten wir erkennen, dass wir uns geirrt hatten: es handelte sich bei der vermeintlichen Ruine um das Skelett eines Riesen, der bei einer der zahllosen Schlachten hier gefallen sein musste. Die verblichenen Rippenknochen ragten wie die Giebel eines Gebäudes gegen den Himmel. Auf den Knochen wuchsen Pilze. Wir konnten sie als essbar identifizieren und verstauten sie erst einmal. Urota nahm sich einen der Riesenknochen als Waffe mit.
Wir vermieden es wieder, ein Feuer zu entfachen. Vivana hielt Wache, der Rest unserer Gruppe sank erschöpft zu Boden. Der Junge stöhnte in der Nacht vor Schmerzen, doch auch mit vereintem Beten konnten wir leider nichts für ihn tun.

Unsere Jujin-Gefährtin berichtete am nächsten Morgen, dass sie in der Ferne Kadavermaden gesehen habe, die uns aber glücklicherweise unbehelligt ließen.

Der Junge hustete Blut. Cetrill verlangte, dass wir ihn zurücklassen, da er uns nur aufhalte. Toran überließ der Gruppe die Entscheidung. Wir entschlossen, ihn zu tragen. Der Stärkste von uns - der Hügeltroll Urota - schulterte ihn.

Unser Weg führte weiter nach Norden durch eine ausladende Graslandschaft - die dann leider in eine Sumpflandschaft überging. Durch den Schlamm und zahlreiche Teiche, die wir umgehen mussten, sank unser Reisetempo deutlich. Über uns hörten wir plötzlich ein Krächzen. Zwei Krähen zogen kurz ihre Kreise und verschwanden dann wieder im Süden. Wir scheuchten immer wieder Mückenschwärme auf, die uns furchtbar zusetzten und sehr schmerzhafte Stiche hinterließen. Da halfen weder Fell noch Rüstung.
Wir waren erleichtert, als wir das Sumpfgebiet endlich hinter uns hatten. Toran versuchte uns Hoffnung zu machen: "Nun ist es nicht mehr so weit. Morgen sollten wir in Sichtweite des Walls von Askalon sein."

Wir erstiegen eine Anhöhe, auf der sich zerfallene Gebäude befanden. Das schien einmal ein Dorf gewesen zu sein, jetzt waren hier nur noch ein paar Steinmauern und modrige Holzbalken. Auf einer Turmruine saß eine grau gefiederte Krähe. Sie krächzte, als wir an ihr vorübergehen wollten. Ich wusste, dass Krähen sehr intelligente Vögel sind und häufig als Späher eingesetzt werden. Ich teilte den anderen mit, dass ich sie schnappen würde, damit sie uns nicht verraten konnte. Ich verwandelte mich in meine Eichhörnchen-Gestalt, erkletterte einen Baum in der Nähe und stürzte mich auf sie. Tarkin eilte herbei und machte ihr den Gar aus. Kobolde scheinen Krähen zu mögen: er verspeiste sie roh.

Tarkin, der "Krähenfresser".

Wir schlugen in einer der Ruinen unser Lager auf. Vivana und ich erklommen einen dürren Baum und hielten Nachtwache.

Donnerstag, 9. Januar 2014

Das Königreich der Würmer - Kapitel 2: Das Feld der Tausend Tode

Wir überquerten flache Grashügel und kamen zügig voran. Mir steckte noch der Schock in den Gliedern. Ab und zu überkam mich ein Zittern, wenn ich an die grausamen Ereignisse denken musste. Die Gegend, die wir durchquerten, schien einmal ein Schlachtfeld gewesen zu sein. Hier und da lagen zerschlissene Standarten, kaum noch zu erkennende, verrostete Rüstungen, zerbrochene Waffen und Knochen - viele Knochen.
Zur Mittagszeit sahen wir Krähen in einiger Entfernung ihre Kreise ziehen, sie machten sich wohl über die Kadaver des Gefangenenzuges her - schrecklich, dass wir sie nicht Mutter Erde zurückgeben konnten.

Am späten Nachmittag sahen wir ein großes Gerippe auf einem Hügel. Beim Näherkommen erkannten wir, dass es sich um ein verrottetes Katapult handelte. Am Boden lagen Leichenreste, Skelette und die Überbleibsel von Waffen und Rüstungen. Krähen pickten letzte Fleischreste von den Knochen, hier musste vor nicht allzu langer Zeit ein Kampf getobt haben. Wir schauten uns das Katapult genauer an: es war von Moos überwuchert und nicht mehr einsatzfähig.
Wir durchsuchten den herumliegenden Krempel, in der Hoffnung etwas zur Verteidigung zu finden. Am Gürtel eines Gefallenen glitzerte etwas: es war eine Flasche mit Met, der jedoch verdorben roch. Trotzdem überließen wir sie Widun, unserem Mnamn-Priester.
Saradar fragte Widun: "Bist du denn schon wieder nüchtern?"
Widun antwortete reumütig: "Ja, und das gefällt meinem Gott gar nicht!"
Ich fand einen rostigen Bauerndolch: angesichts der drohenden Gefahren immer noch besser als mit leeren Händen dazustehen. Auch der Troll beugte sich über die Ausrüstungsgegenstände und fand tatsächlich einen noch halbwegs erhaltenen Topfhelm. Er setzte ihn auf - und riss ihn sich, einen lauten Fluch ausstoßend, gleich wieder vom Kopf. Der große Troll machte mir Angst, aber vielleicht konnte ich sein Vertrauen gewinnen. Ich bat ihn, sich vorzubeugen, damit ich seinen Kopf untersuchen konnte. Er hatte ein blutendes Loch im Schädel. Ich bat Ianna um Beistand und versuchte ihn zu heilen. Edwen wusste Rat: er vermutete, dass eine Made in den Kopf eingetreten war. Mit Essig könnte man sie austreiben. Widun setzte den zu Essig gewordenen alten Met ein und tatsächlich, eine Made kroch heraus und fiel auf den Boden. Sie war gelb und schleimig, an ihrem Kopfende trat Blut - oder Hirnmasse? - aus. Mir wurde ganz schlecht bei dem Anblick. Edwen warnte uns, sie nicht anzufassen, weil sie giftig sei.

So langsam brach die Nacht herein und wir suchten uns eine Anhöhe, an der wir unser Lager aufschlugen. Die geschwächten Menschen lagerten sich zusammen, um sich gegenseitig warm zu halten. Ein Feuer konnten wir uns nicht erlauben, aus Angst, von den Tekk entdeckt zu werden. Der junge Miron hustete andauernd, keiner wollte neben ihm liegen. Ich ging zu ihm und legte ihm die Hand auf. Mit Iannas Hilfe fühlte er sich etwas besser, er sah aber immer noch krank aus. Unser Anführer Toran Rotall übernahm die erste Wache und ließ uns schlafen.

Ohne Feuer war es doch recht kalt. Trotz Fell schlotterte ich am ganzen Leib. Auch der alte Palan lag zitternd neben mir. Bei ihm sah es jedoch irgendwie unnatürlich aus. Dann sah ich es. Ein großes, wabbliges Etwas hatte sein Maul über seinem Kopf geschlossen - dann ein Knacken. Der kopflose Leib stürzte mir vor die Füße. Ein Schrei des Knappen mit der verkrüppelten Hand weckte den Rest der Gruppe - wir waren umzingelt von diesen Viechern. Edwen klärte uns auf, dass es sich um Riesenvarianten der Made handelte, die Urota in seinem Helm hatte. Ihre wabbligen Körper schimmerten bläulich im Mondlicht. Ihre Körper waren von Drüsen übersät, aus denen stinkender Schleim trat. Ihre Rücken waren von Platten und Stacheln bedeckt. Mit Lauten, die an eine Mischung aus Grunzen, Gurgeln und Schreien kleiner Kinder erinnern, schoben sie sich auf uns zu. Ich zählte fünf Maden. Edwen rief uns noch eine Warnung zu: wir sollten uns vor ihren giftigen Sporen in Acht nehmen. Er stellte sich furchtlos der größten Kadavermade entgegen.

Angriff der Kadavermaden auf dem Feld der Tausend Tode.

Edwen und Toran schlugen auf die Maden ein. Saradar, Tarkin, Urota und Vivana beteiligten sich nach Kräften. Auch Widun und ich kämpften mit. Mit meinem Bauerndolch konnte ich eine Made verletzen, es traten eklige Sekrete aus. Die Maden schossen auch Sporen auf uns ab, zum Glück blieben wir verschont, Vivana wich den Geschossen geschickt aus. Dann trat Anneliese in Aktion: sie zeichnete Symbole in die Luft und murmelte Worte in einer fremden Sprache. Aus ihrer Hand schoss ein Feuerstrahl, der eine Kadavermade grillte - was nicht gerade unappetitlich roch. Sie hatte soeben offenbart, dass sie eine Magierin war, wer hätte das von einer kleinen Koboldin erwartet. Sie hatte nur Glück, dass kein Alunpriester oder gar Paladin zu unserer Gruppe gehörte, die machten nämlich Jagd auf Magier.

Nach einem beschwerlichen Kampf lagen die wabbligen Körper leblos am Boden. Edwen erklärte, dass das Fleisch der Kadavermaden ungenießbar sei, da die Sekrete hochgiftig seien. Wir ließen unsere Finger davon.
Durch den unerwarteten Angriff war an Schlaf nicht mehr zu denken.

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Der Morgen dämmerte und tauchte die Umgebung in ein düsteres Zwielicht. Überall lagen Knochen und Gerippe, die lange Schatten warfen. Edwen erklärte uns, dass hier viele Schlachten stattgefunden hatten und man es "Das Feld der Tausend Tode" nannte. Niemand hatte sich die Mühe gemacht, die Toten zu begraben.

Nach einer Weile hörten wir ein Heulen in der Ferne.
Mein Magen knurrte. Toran verteilte sein letztes Wasser, es reichte kaum, um unseren Durst zu stillen. Zu essen hatten wir gar nichts mehr. Edwen erinnerte uns an das Heulen, das wir in der Ferne gehört hatten. Das seien Wildhunde gewesen - er hätte auch schon einmal Wildhund gegessen und meinte, dass sie nicht schlecht schmecken würden.
Wir gingen in die Richtung, aus der wir das Heulen gehört hatten. Es waren vier Hunde, die scheinbar auch Hunger hatten, da sie uns sofort angriffen.

Die Wildhunde auf dem Feld der Tausend Tode.

Wir schafften es, drei von ihnen zu erlegen, der letzte floh. Rasch entschlossen machten wir ein Feuer und grillten die Hunde - essen oder gefressen werden…